
Autor:
Rainer Würth
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Brownstone-Häuser statt Wolkenkratzer. Pioniergeist statt Promis. Überschaubar statt wuchernd. Alter Bürgeradel statt neureicher Neurotiker. Neuenglands Hauptstadt Boston ist zwischen Harvard und Little Italy ziemlich relaxt. Und sehr britisch.
Es ist Mittag. Die Sonne scheint. Aus den Büros und Geschäften in Downtown strömen die Angestellten mit prall gefüllten Lunchtüten und riesigen Kaffeebechern zu den Piers am Hafen. Zu den akkurat geschnittenen Rasenflächen, schmiedeeisernen Bänken und zum Wasser. Bostons Hafen, der einst den Ruf hatte, der schmutzigste der Vereinigten Staaten zu sein, kann sich längst wieder sehen lassen. Dank eines ehrgeizigen Verkehrsprojekts hat sich die gesamte Waterfront zur Flaniermeile gemausert.
Die Bostoner haben dem Projekt den Spitznamen "The Big Dig" - das große "Buddeln" - gegeben. Mit Tieferlegung und Ausbau der Stadtautobahn sowie dem Bau eines dritten Hafentunnels zum Logan Airport wurde 1991 begonnen. 1998 sollte alles fertig sein, doch das größte städtebauliche Projekt der USA zog sich bis Ende vergangenen Jahres hin und verschlang 15 Milliarden Dollar.
"It's now or never", schmettert der Barkeeper hinter der Theke der Freilichtbar "The Landing" auf der Long Wharf. Der Mann macht das richtig gut, mit viel Schmalz. Und während er singt, nimmt der Doppelgänger von Roy Orbinson Bestellungen auf, mixt Drinks und hantiert an der Kasse. Das gute Dutzend Leute an der Bar ist begeistert. Nach "Pretty Woman" zieht er sich die Perücke vom Kopf und singt "What a wonderful world". Mit einer Reibeisenstimme, als stünde Louis Armstrong persönlich hinter der Bar.
Die Sonne knallt auf die hölzernen Planken der Long Wharf. Es gibt nirgendwo Schatten. Der Akkordeonspieler gegenüber von "Legal Sea Foods" hat Schweißperlen auf der Stirn. Seine Finger gleiten virtuos über die Tasten. Er lächelt entrückt. Ich kenne die Melodie, die er spielt, komme aber nicht darauf, was es ist. Auf Bostons Straßen oder in den Stationen der U-Bahn (übrigens der ältesten der USA) hat einst so mancher Superstar angefangen.
Eine der bekanntesten ist sicherlich die Folksängerin Tracy Chapman. Aber auch Bands wie Pixies, Lemonheads, The Cars, Aerosmith oder New Kids on the Block hatten ihre ersten Auftritte in einem der zahlreichen Live-Clubs der Stadt.
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