Wenn Bürgermeister einem in die Hose helfen, man Plexiglasscheiben anheult und bei minus 40 Grad fischen geht – dann ist man in Minnesota. Eine Winterreise entlang der kanadischen Grenze.
Die Reifen knirschen, als der Van auf den See fährt. „Keine Angst, das Eis ist einen Meter dick“, grinst der bärtige Mann am Steuer. Matthew Schmitt verdankt seinen Nachnamen deutschen Vorfahren. Matthew ist Jäger, Angler und Fremdenführer – und anscheinend gegen jede Art von Kälte immun. Auch bei 38 Grad unter null trägt er keine Handschuhe. Wir befinden uns auf dem Lake Vermillion im Norden Minnesotas, fünf Kilometer von der kanadischen Grenze entfernt. Vor einigen Tagen hat dort ein Blizzard getobt und in seinem Gefolge einen Luftkeil vom Nordpol mit sich gerissen.
Die Eisdecke des Sees ist übersät von den kleinen Holzhütten der Eisfischer. Die dünne, klirrende Luft und der sich im Abendlicht rosa färbende Himmel sind von überirdischer Schönheit. Und haben die Feindlichkeit eines fremden Planeten. Mittlerweile kann man hinter den Atemwolken kaum noch die Gesichter der anderen erkennen. Matthew öffnet seine Hütte. Vier Löcher sind ins Eis gebohrt, vor jedem steht ein Campingstuhl. Matthew schaltet das Elektroheizgerät in der Ecke an. Von der Decke hängen zwei Angelschnüre. Er spießt Köder an die Haken und lässt sie ins eisige Wasser gleiten.
„Wenn was anbeißt, einfach mit der Hand die Schnur blockieren und den Fisch rausziehen. Ich bin bald zurück.“ Der Heizer tut seine Arbeit. Schon kann man keine Atemwolken mehr erkennen. Ob es überhaupt noch unter null Grad ist? Und wohin spazieren eigentlich gerade meine Gedanken? ...
„Ist das ein Holzbein, Sir?“, fragt der Bürgermeister von Ely. In der Lobby der „Grand Ely Lodge“ kauert er auf dem Boden und hilft mir in die wattierten Hosen. Ely hat 3.000 Einwohner, was im Norden von Minnesota einer Großstadt schon ziemlich nahekommt. Mein Bein ist verkrampft, weil ich gleich zum ersten Mal auf ein Schneemobil steigen soll. Draußen sind es fast minus 40 Grad Celsius. Aber der Tag ist strahlend schön und wir reisen bald weiter. Der Bürgermeister ist auch Schneemobilvermieter – und ein Mann der Tat. Mit einem brachialen Ruck reißt er die Hose bis auf Gürtelhöhe. „Na ja! Besser, als wenn das mittlere Bein kaputt ist!“ Er lacht dreckig und eilt davon. Draußen wartet Nancy.
Nancy ist klein, drall und Mitte 50. Sie nennt sich „Snow Angel“. Als sie uns heranstapfen sieht, lacht sie schallend. „Ihr seid ja noch wahnsinniger als ich! Hättet ihr nicht angerufen, wäre ich zu Hause geblieben!“ Schneemobil- fahren ist Nancys Hobby. Wenn jemand nett fragt, führt sie Gäste über die schönsten Trails rund um Ely. Auch bei dieser Kälte. „Also los, allzu lange halten wir es nicht aus!“ Wir schwingen uns auf die Mobile, und Nancy nimmt Kurs auf den nahen Wald.
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