
Autor:
Stefan Maier
Fun & Action auf dem Lake Powell
Powell-Power
Der gestaute Colorado River bildet den Lake Powell. Und der wiederum ein Dorado für Wassersportler und Kletterer. Schwimmendes Zuhause und Basislager: ein flottes Hausboot.
Das Gelobte Land meiner Pfadfinderträume entdeckte ich während eines Roadtrips durch den Südwesten der USA. Auf dem Weg vom Monument Valley Richtung Grand Canyon streiften wir eher zufällig den Südzipfel des Lake Powell, von den Amerikanern America's Natural Playground genannt.
Ganz "natural" ist er allerdings nicht, der Lake Powell. 1964 wurde bei Page in Arizona der Glen-Canyon-Damm fertig gestellt, der das Wasser des Colorado River in einem riesigen Canyongebiet staute. Es dauerte drei Jahre, bis sich das zweitgrößte Trinkwasser-Reservoir Nordamerikas mit einer Länge von 290 Kilometern und über 3.000 Kilometer Uferlinie gebildet hatte. Eine Vielzahl weiterer Flüsse wie Rio Escalante oder der San Juan River speisen den Lake Powell, sodass ein Labyrinth aus gewundenen, verästelten, wassergefüllten Canyons entstanden ist, mit schroffen Klippen aus rotem Fels, einsamen Sandstränden und einem Umfeld aus ziemlich zerklüfteten Hochplateaus.
Die gebräuchlichsten Vehikel auf dem See sind Hausboote. Mit diesen schwimmenden Campern, die je nach Größe und Ausstattung Platz für sechs bis zehn Personen bieten, kann man den Spielplatz optimal ausnutzen, denn man hat immer sein gesamtes Equipment dabei.
Wasserski vorm Frühstück
Unser Abenteuer beginnt in der Wahweap Marina nahe Page, wo wir unser Hausboot sowie ein Motorboot für diverse Wasserspiele übernehmen.
Unsere erste Tagesetappe führt am Glen Dam vorbei in den Navajo Canyon, dessen Mäander sich bis zu 200 Meter tief senkrecht in die Hochebene der Cummings Mesa eingeschnitten haben. So schippern wir mit unserem Boot durch eine Flusslandschaft mit hohen, senkrechten Felswänden, die im warmen Abendlicht karmin- bis orangerot leuchten. Das ist ein fantastischer Kontrast zum dunklen Blau des Wassers!
Die Sonne geht nun langsam unter, wir wollen vor Einbruch der Dunkelheit eine Sandbank als sicheren Ankerplatz suchen. Die finden wir am Ostufer, nebst einigen anderen Hausbooten. Also mit voller Kraft voraus auf den Strand, bis das Schiff mit seinen Kufen festsitzt. Zwei Anker zum Stabilisieren im Sand verbuddeln - fertig ist das Anlegemanöver.
Im Licht des nächsten Morgens stellen wir fest, dass der Canyon bei unserem Ankerplatz ideale Ausmaße für Wasserski hat. Die Wasseroberfläche? "Glass!", wie die Amis sagen - spiegelglatt. Optimale Bedingungen für ein paar Runden vor dem Frühstück! Mit dem Monoski hinterm Boot durch glattes Wasser zu gleiten vermittelt ein Gefühl grenzenloser Freiheit. Aber in dieser bizarren Landschaft zwischen zimtroten Felstürmen einen Zickzack-Kurs mit gläsernen Fontänen aufs Wasser zu legen - das ist wirklich der ultimative Kick. Zurück am Hausboot empfangen uns unsere Nachbarn mit ihrer Wertung für die Wasserski-Show: Jeder auf dem benachbarten Hausboot hält einen Pappteller mit seiner Note hoch - Wertungen von 8 bis 10. Oder nein, warte mal. Meinen die etwa unsere schöne Anne, die mir gerade mit ihrem Morgen-Workout auf dem Oberdeck die Show stiehlt?
Kite-Flight
Unser nächstes Etappenziel, die Padre Bay, ist ein riesiges Becken, das markante Felstürme rahmen, wie man sie aus dem Monument Valley kennt. Von Nordwesten bläst frischer herbstlicher Wind, der allem Anschein nach an Stärke zulegen wird. Wir ankern an einem lang gezogenen Küstenstreifen.
Der Wind bläst parallel zum Ufer: beste Startbedingungen für Oliver, unseren Kitesurfer. Oliver ist mit seinem 16 Quadratmeter großen Tubekite startbereit und gut vier Beaufort Windstärke - frische Brise - versprechen eine perfekte Surfsession.
Oliver lenkt seinen Drachen, der in rund 30 Meter über ihm schwebt, in die Powerzone. Nur Augenblicke später wird er vom Wind aus dem Wasser gezogen und staubt auf dem Board durch einen Weißwasserteppich hinaus in die Padre Bay. Ganz offensichtlich ist Oliver in seinem Element, denn jede Wende wird mit einem Jodler und einem eleganten Air gekrönt, das ist ein bis zu drei Meter hoher Sprung aus dem Wasser.
Unsere Ladys haben es sich in den Hängematten auf dem Oberdeck bequem gemacht. Sie genießen die Aussicht. Vor der Kulisse des Tower Butte, eines einsamen Felszylinders auf der Wild Horse Mesa, tanzt der Kite wie ein überdimensionaler Schmetterling über der blauen Wasserfläche. Nach etwas mehr als einer Stunde flaut der Wind ab. Wir haben einen weiten Weg vor uns, denn morgen wollen wir die Rainbow Bridge besichtigen, gute 30 Meilen Luftlinie entfernt, aber unsere Fahrstrecke wird wegen des erforderlichen Schlangenlinienkurses gut und gern das Doppelte betragen.
Lohnenswerter Abstecher
Die Dangling Rope Marina ist eine von insgesamt fünf Marinas an diesem riesigen Seensystem. Man kann dort Proviant und Trinkwasservorräte auffüllen, Eis für die Tiefkühltruhe besorgen, telefonieren und selbstverständlich Hausboot, Jetski und Motorboot auftanken.
Weil wir uns etwas verfahren hatten, werden wir das geplante Tagesziel mit den maximal fünf Knoten Geschwindigkeit, die aus den beiden Dieselmotoren herauszuholen ist, nicht erreichen. Wir vertäuen unseren Kahn also an einem schönen, einladenden Strand im Becken des Mountain Sheep Canyon.
Am kommenden Morgen werde ich von Yogalehrerin Sonia geweckt, die in der Hängematte auf dem Oberdeck zu übernachten pflegt und meistens vor Sonnenaufgang aufsteht. Es ist schon hell, aber die Sonne verbirgt sich noch hinter einer rostroten Felskathedrale auf der Hochebene. Sonia und ich klettern auf das Felsplateau, um dort mit Yoga die Sonne zu begrüßen. Unglaublich glattes Wasser lädt nach Yoga und Frühstück wieder zu einer Wasserski-Session für alle ein. Heute ist Sonias Premiere - mit dem Trickski hinterm Boot. Keine leichte Sache, denn das Ding hat keine Finne. Sobald man vergisst, die Kante zu belasten, schlittert man auf dem Wasser dahin wie auf Schmierseife.
Für etwas weniger anstrengende, dafür umso lustigere Wasserspiele gibt es auf den meisten Hausbooten eine zünftige Rutsche: Vom Oberdeck aus kann man sich genussvoll wie ein großes Kind in den See slippen lassen. Ein kolossales Monument ist die Rainbow Bridge! Sie ist ein absolutes Muss auf dieser Reise. Das geschwungene Gebilde aus Navajo-Sandstein steht wie ein überdimensionales Portal im Forbidding Canyon - mit einer Spannweite von 90 Metern und einer Höhe von bis zu 100 Metern. Für die in Utah und Arizona lebenden Indianer ist sie ein Heiligtum.
Der ultimative Kick
Als Ankerplatz für die letzte Nacht wählen wir das Südufer der Padre Bay, am Rand der Wild Horse Mesa. Der Nachmittag bringt kräftigen Wind fürs Kitesurfen.
Nach zwei Stunden in Standby-Position im Motorboot langweilt es mich, nur zuzuschauen. Also kreuze ich ein bisschen am südöstlichen Ufer entlang und entdecke die Mündung zu einem Canyon, gut getarnt hinter einer kleinen Landzunge. Der Eingang wird malerisch von Felsen eingerahmt, von denen jeder wie ein umgestülpter Guglhupf aussieht. Schon nach wenigen Metern muss ich runter vom Gas, denn die Wasserstraße verjüngt sich zu einem schmalen Kanal! Nach unzähligen Mäandern mündet der Kanal in einem riesigen Bassin mit flachen, glatt polierten Felsflanken. Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass ich den Labyrinth Canyon entdeckt habe. Er macht seinem Namen wirklich alle Ehre.
Er ist es, der Canyon der Canyons. Der ultimative Spielplatz. Am kommenden Morgen packe ich das Wasserski-Zubehör ins Boot. Für das Spiel mit dem Labyrinth eignet sich das Wakeboard am besten. Wir haben zwar keines dabei, aber Ollis Kiteboard ist genauso gut. Also hinein in die Fußschlaufen, Olli am Gashebel, go!!
In der nächsten Stunde erlebe ich unvergessliche Canyon-Rides. Eine Achterbahn aus Fels, Wasser und Wind. Als Rechtsausleger hinterm Boot zu hängen, wenn die Fahrspur plötzlich eng wird, sodass man schleunigst auf die andere sollte, um nicht gegen einen Felsen zu knallen, ist Nervenkitzel pur. In den Engpässen auf der angeschwollenen Heckwelle des Motorboots zu reiten: kaum zu überbieten. Von einer Felswand zur anderen zu pendeln, das sind die Kicks des Canyon-Wakeboarding.
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