Indian Summer in Neuengland. Das ist Natur im Rauschzustand. Unser herbstlicher Reisebericht aus Vermont, New Hampshire, Rhode Island und Massachusetts Westen verrät, wo er am schönsten ist.
Die Nacht war kühl. Feine Tautropfen bedecken die Scheiben des Wagens, auf der Motorhaube liegt ein rotes Ahornblatt. Wir wuchten die Koffer ins Heck und sind froh um unsere Wollpullover. Noch schwebt ein zarter Hauch von Morgennebel über den Wiesen. Die Wälder dampfen. Unsere klammen Hände wärmen sich an Kaffeebechern aus dem Drive-in, ein Donut lässt den Blutzucker steigen und aus dem Autoradio erklingt eine muntere Stimme: "20 Grad wird's heute! Ein herrlicher Tag, Leute! Perfekter Foliage-Tag."
Gut so! Dann wird es also zur Vollendung kommen, das Schauspiel, dessen Auftakt wir in den Berkshire Hills als zarte Ouvertüre erlebt haben: Die bunten Sprenkel auf dem bewaldeten Hügelzug, die ersten Bäume, mächtig und einsam neben Gehöften stehend und aufgrund ihrer exponierten Lage schon leicht errötet "alles nur ein Vorspiel, Andeutung. Die Berkshires liegen in Massachusetts, und das gehört neben Rhode Island und Connecticut zu den südlichen Neuengland-Staaten.
Und dort wirft sich der Herbst erst richtig in Schale, nachdem er sich im Norden schon verausgabt hat. Frostnächte und warme Tage sind die Voraussetzung für perfekte Foliage. Kalte Polarluft, von warmen Luftmassen am Weiterkommen gehindert, heizt sich langsam auf, die Wolken verschwinden, mit jedem Tag steigen die Temperaturen. Und nun bekommen die Bäume Frühlingsgefühle und nehmen die fast schon eingestellte Zuckerproduktion wieder auf.
Erster Stopp in Bennington, wo es ein zweites substantielles Frühstück gibt. Als wir aussteigen, um das zauberhafte Old Bennington mit Friedhof, Kirche, einer alten Schule und dem Grandma Moses Museum zu besichtigen, können wir die Wollpullover bereits im Auto lassen.
Old Bennington bildet nur den Auftakt in der Reihe der Dörfer Vermonts, von denen eines malerischer als das andere ist: ein kleiner Rasenplatz im Zentrum, "Green" genannt. Kirchen, makellos weiß, deren Türme nicht in den Himmel wachsen, sondern sich dem fließenden, gedrungenen Ebenmaß der Hügellandschaft anpassen. Gepflegte Häuschen hinter weißen Holzzäunen, mal ein gemütlicher Kram- und Delikatessenladen, wie der General Store in Warren, in dem man alle Köstlichkeiten aus der Gegend bekommt, mal eine überdachte Holzbrücke wie in Woodstock.
Ob man der Route 4 nach Westen folgt oder hinauf bis ins Northeast Kingdom fährt, wo Stowe und Craftsbury Common liegen " Vermont ist überall traumhaft schön. Es ist ein Bilderbuchstaat, in dem Denkmal- und Landschaftsschutz schon seit Jahrzehnten praktiziert werden, keine schreienden Werbetafeln das Auge stören, liberale Politiker klug agieren. Kurz: Es ist so, wie Amerika sein könnte und sein möchte, gerade in heutigen Zeiten.
Die Traumstraße, die nach Norden führt, heißt Route 100. Sie begleitet in einem weiten Tal den Gebirgszug der Green Mountains und dort haben wir schließlich unser erstes perfektes Foliage-Erlebnis " eines von vielen, die noch folgen werden. Ein Farbteppich, der sich im tiefblauen Wasser eines kleinen Sees spiegelt, die Fläche, wie bei einem pointilistischen Gemälde in unzählige Punkte aufgelöst:
fluoreszierendes Gelb, zitronenfarben, goldorange leuchtend. Von Karminrot bis ins bläuliche Purpur changierende Tupfer, flammendes Scharlachrot " als hätte ein Riese Fackeln in die Berge gesteckt. Das Grün der Nadelwälder, auf wenige Flächen zurückgedrängt, wirkt beruhigend, stabilisierend, als binde es die Wahnsinnspracht an den Boden und verhindere, dass die Flammen auf das ganze Tal übergreifen.
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