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Christof Wackernagel
Gadhafi lässt bitten
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Eine Einladung, die einer Aufforderung gleichkommt, flattert der Vorsitzenden des deutschen Libyen-Solidaritätskomitees auf den Tisch. Binnen 24 Stunden möge sie sich zu den Revolutionsfeierlichkeiten in Tripolis einfinden, vorher allerdings noch flink eine Abordnung Deutscher zusammenstellen, die sie dabei begleiten solle. Überstürzte Vorbereitungen, hastige Telefonate. Zuletzt besteigt eine Handvoll "Delegierter" das Flugzeug. Ankunft Flughafen Tripolis, rätselhafte Einreiseprozeduren, einige bange Momente ... Transfer zum ersten Haus am Platze. Von da an folgt die Reise einer undurchschaubaren, dennoch ausgeklügelten, straffen Dramaturgie.
Wie sich die streitbare Libyen-Veteranin, der allemannische Alternative, der aufrechte Häuserkämpfer, der bärtige Bilderbuch-Anarchist und der distanzierte Erzähler-Beobachter mit der zugleich restriktiven wie pompösen Agenda des Obersten Revolutionsrats arrangieren, ergäbe allein schon Stoff für ein parodistisches Kabinettstück.
Nächster Schauplatz: Sirt. Dort nämlich, munkelte man, werde ER persönlich zu den Revolutionsfeierlichkeiten im neu erbauten High-Tech-Kongresszentrum einfliegen. Warten auf IHN inmitten zahlloser einheimischer Würdenträger, aus aller Welt angereister Repräsentanten revolutionärer Befreiungsbewegungen, Künstler und Revolutionstouristen. Gadhafi lässt bitten und inszeniert seinen Einzug just in dem Moment, als die erwartungsvolle Stimmung im Saal zu kippen droht.
Die Schilderung der anschließenden megalomanischen Veranstaltung - der Verleihung des Großen Ordens der libyschen Revolution - während derer Gadhafi einmal ganz als selbstherrlicher Despot, einmal als verkindschter Trotzkopf erscheint, findet ihren Höhepunkt, als unvermutet ein Mitglied der kleinen deutschen Abordnung aufgerufen wird ...
Abseits der Bizarrerie staatlicher Repräsentation bleibt dem Erzähler immer wieder Gelegenheit, die Verhältnisse des ehemaligen "Schurkenstaates Nr. 1" miniaturhaft zu erhellen: der unübersehbare Wohl stand der Bevölkerung; die fast sprichwörtliche arabische Gastfreundschaft; Dissens und Machtkämpfe innerhalb der Nomenklatura; die von offizieller Seite vorangetriebene Säkularisierung der Gesellschaft; die egalitären Bemühungen - und dies mit einem kritischen Seitenhieb auf andere arabische Staaten -; aber auch die religiösen und kulturellen Traditionen, die ihre Nischen im Privaten gefunden haben.
Ironisch, manchmal schreiend komisch, jedoch stets mit ungetrübtem Blick, der neben allem Parodistischen, das den Jubelfeierlichkeiten anhängt, die gesellschaftlichen Gegebenheiten abseits gängiger Politklischees ins Visier nimmt.
Der Autor
Christof Wackernagel, geboren 1951, war von 1967 - 1977 Schauspieler. 1977 - 1987 wurde er wegen bewaffneter Politik und Mitgliedschaft in der RAF inhaftiert; seitdem ist er wieder als Schauspieler und Autor tätig. Wackernagel wirkt in zahlreichen Kino- und Fernsehproduktionen mit.
Pressestimmen
"Kurios und klasse. Der Alt-68er Wackernagel, der 10 Jahre wegen RAF-Mitgliedschaft in der Haft war, skizziert treffend das paradoxe Polit-Gegockel des Revolutionsführers Muammar al-Gaddafi, der wie ein Besessener an die internationale Revolution, seine eigene Größe und intellektuelle Strahlkraft glaubt und damit Autonome und Möchtegern-Despoten aus allen Kontinenten bei Massentreffen beglückt. Besser als jeder furztrockene Soziologen-Artikel seziert der Autor die Lächerlichkeit revolutionärer Großmannsucht und eitler Selbstbeweihräucherung. Und die dämliche Blase, in der Mitteleuropas Gutmenschen mitunter agieren."
(abenteuer und reisen)
Hardcover
zu Klampen Verlag, 2002, 143 S.
14,00 Euro
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