Outdoor

Abu Dhabi | Hart am Wind

Christian Haas
Geschrieben von Christian Haas

Das Volvo Ocean Race gilt als eine der härtesten Regatten
der Segelwelt. Eines der Teilnehmerboote steht jedoch auch
unerfahrenen Seglern (samt Crew) zur Verfügung – in Abu
Dhabi. Dort umweht die Jachtgäste nicht nur emiratischer
Küstenwind, sondern auch der Spirit einer Legende

Ruhig liegt der schwarze Zweimaster am Steg neben der momentan verwaisten Restaurantterrasse. Im beinahe wellenlosen Wasser und im Schatten der fünf teils über 300 Meter aufragenden Etihad Towers, dem architektonischen Wahrzeichen von Abu Dhabi. Das reichste der Emirate verbinden die meisten ja eher mit Formel 1 (jüngst wurde Nico Rosberg hier Weltmeister!), Kunst (der spektakuläre Louvre Abu Dhabi soll tatsächlich bald öffnen!) und natürlich mit jeder Menge Öl, nicht aber unbedingt mit Segeln. Passionierte Wassersportler, aktive wie passive, hingegen schon. Schließlich befindet sich hier ein ansehnliches Motorboot- und Segelrevier mit rund 120 (überwiegend natürlichen!) Inseln und passablen Winden, die zahlreiche Regatten ermöglichen.

Segel setzen, wenden, das Steuer übernehmen: Bei der „Volvo Ocean Race Experience“ ist aktive Mitarbeit gefragt

Die neben America’s Cup und Vendée Globe berühmteste Regatta machte hier bereits Station: das Volvo Ocean Race. Beim letzten Mal, 2014/15, wurden auf der inzwischen alle drei Jahre stattfindenden Weltumseglung zwar andere Häfen angesteuert, das „Abu Dhabi Ocean Racing Team“ schaffte jedoch einen respekta­blen fünften Platz. Den belegte die 60 Fuß lange „Etihad Towers“ bei ihrem großen Auftritt bei der Regat­ta 2001/02 ebenfalls. Pflügte sich wie das damalige deutsche Sieger­boot „Illbruck“ auf ihrem Weg von Southhampton über Kapstadt, Sydney und Rio bis nach Kiel durch alle sieben Weltmeere und meis­ter­te dabei 30 Meter hohe Wellen und Windgeschwindigkeiten von bis zu 110 Stundenkilometern.

Bis zu zehn Teilnehmer können an Bord – plus vier bis sechs Crewmitglieder

Die Crew machte auch was mit: Arbeit an Deck bei Wind und Wetter, Navigieren unter ständigem Zeitdruck und jede Menge Entbehrungen. Und das über acht Monate! Kein Salon, keine Kombüse, nicht ein­mal eine ordentliche Toilette befand sich an Bord. Von einer Dusche oder gar einer Kajüte mit Bett ganz zu schweigen. Geschlafen wurde ohnehin nur stakkatoartig – in Hängematten unter Deck. Bei schnellen Manövern musste ja rasch tonnenweise Segel- und Seilmaterial auf die andere Bootseite gewuchtet werden. Diese wilden Zeiten sind für die Race-Jacht zwar vor­bei, doch ausgemustert ist sie noch lange nicht. Auf ihr (und einem Schwesterschiff) erleben nun „Normalsegler“ ganz besondere Abenteuer, die es woanders nicht gibt: Törns auf einem Volvo-Ocean-Race-Boot.

Leinen los, Ärmel hoch!

Stefan Fuchs, gerade noch in seiner Funktion als General Manager des Fünf-Sterne-Hotels „Jumeirah at Etihad Towers“ im Anzug, jetzt in luftiger Sportkleidung, grinst über das ganze Gesicht. „Endlich geht es wieder aufs Boot. Mein erstes Mal in dieser Saison!“ Die beginnt in der Regel Mitte September und dauert bis Juni. Im Sommer ist es für derlei Aktivitäten nicht nur zu heiß, sondern auch zu wenig windig. Und wie bei jeder Entbehrung ist das erste Mal immer wieder etwas Besonderes. Noch dazu, da die „Volvo Ocean Race Experience“ Fuchs’ „Baby“ ist. Vor zwei Jahren hat der vielgereiste Deutsche das Angebot „erfunden“.

Abu Dhabi vom Meer aus

Bis dahin dümpelte das 18-Meter-Boot mehr oder weniger als schwimmende Werbefläche vor sich hin. „Aber warum nicht den Gästen des Hotels ein besonderes Erlebnis bieten?“, dachte Fuchs sich und heuerte Segelprofis an, die verschiedene Törns organisieren. Seit Sommer sind Stuart Jackson und Tom Way von Pindar Sailing am Ruder. Als Letzterer, ein Brite um die 30, mir und sechs anderen Gästen die Hand schüttelt, macht er schnell klar, dass wir auch an Bord un­sere Hände brauchen werden. Zum Anpacken!

Wer nicht gerade beschäftigt ist, sollte einen Blick auf das imposante Palast-Areal der Regierung werfen

Die erste Viertelstunde laufen wir noch unter Motor. Das Meer ist hier noch flach wie ein Fladen, Zeit also zum munteren Reden. „Zweimal die Woche bieten wir eine dreistündige Sunset-Tour vor der Corniche an, so wie jetzt. Wir haben aber auch Nachtfahrten nach Dubai oder Mehrtagestörns bis in den Oman im Ange­bot“, erzählt Way, der selbst schon eine Weltumseglungsregatta meisterte und mit allen Wassern gewaschen ist. Auch wenn er als Skipper alles im Blick und seine vier Crewmitglieder im Griff hat, geht es bei diesen Törns ums Mitmachen. Nichts da mit Rumlümmeln auf dem Miezengrill (gibt es ohnehin nicht) oder Füße hochlegen (eh schwierig, weil überall Leinen rumliegen)!

Die einen arbeiten, die andern relaxen – dann wird getauscht!

Vielmehr heißt es bald: Action! Vor allem: Kurbeln. Immer zu zweit werden Dreharbeiten durchgeführt. Erst zu hektisch, dann zu langsam. Doch schließlich sind die rund 270 Quadratmeter Segelfläche hochgezogen und flattern im Wind. Jetzt noch sämtliche Leinen gespannt und der Kurs aufs offene Meer gefestigt, dann schaltet Way den Motor aus. Ein erhebendes Gefühl. Die Stille! Die untergehende Sonne! Die angehenden Lichter der Stadt! Und es dämmert nicht nur vor der Corniche, sondern auch den Teilnehmern: Dies ist ein ganz besonderer Moment. Fuchs nennt es „Once in a lifetime experience“.

Erst die Arbeit, dann der Champagner

„Es hängt alles vom Wind ab“, sagt Holly, die neben Mahmoud und Niels zur Crew gehört. Und heute haben wir passable Werte. Fünf Beaufort sind zwar alles andere als extrem, aber für eine neue Frisur reicht es. Und für den „Groove“, bei dem das Boot in leichte Schräglage gerät. Wobei es beim Volvo Ocean Race und anderen Regatten eher darum geht, möglichst flach im Wasser zu liegen, so Way. Überhaupt ist es anregend, ihm zu lauschen. Etwa wenn er von umher­irrenden Eisbergen erzählt, von heftigen Stürmen und heftiger Flaute. Da liegen wir mit dem heutigen Seegang in der absoluten Komfortzone. Und lernen auch noch etwas. Übers Wenden, Navigieren und Steuern.
Nach zwei Stunden ist es endgültig dunkel. Das Riesenrad neben der Desert Mall sorgt für leuchtenden Wirbel, der Scheichpalast für Staunen. Fuchs ist selig und sein Grinsen noch breiter als beim Ablegen. Denn plötzlich zaubert er eine Flasche Champagner aus dem Unterdeck – samt bruchfester Kelche. Ein Luxus, den es beim Volvo Ocean Race sicher nicht an Bord gab.

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Infos

Fliegen: Die meisten Verbindungen von Deutschland (Düsseldorf, Frankfurt und München) nach Abu Dhabi unterhält der nationale Carrier Etihad Airways, Preis ab 430 Euro
Segeln: Zweimal pro Woche startet die dreistündige Sunset-Tour um 16.30 Uhr am „Jumeirah at Etihad Towers“, Info und Buchung im Hotel, Kosten: circa 95 Euro pro Person
Schlafen: Jumeirah at Etihad Towers Hotel Abu Dhabi, 382 elegante Zimmer, drei Pools und sieben Restaurants, unter anderem das exquisite „Li Beirut“, DZ ab 195 Euro
Informieren: Abu Dhabi Tourism & Culture

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Über diesen Autor

Christian Haas

Christian Haas

Christian Haas – Jahrgang 1974, Wirkungsstätte München – liebt seit jeher die Kombination Reisen und Schreiben. Naheliegende Konsequenz: Studium der Geographie und Kommunikationswissenschaften in Eichstätt und München. Diplomarbeit in Venezuela, Nationalparkpraktikum in Puerto Rico, Redakteursanstellung in München. Seit 2002 als Reisejournalist und Autor selbstständig, Schwerpunkt Outdoor, Familie, Kurioses. Seit 2013 gehört Christian Haas zum Redaktionsteam von abenteuer und reisen.

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