Länderberichte

Eritrea | Asmara, che bella!

Asmara Eritrea Rosina Cafe
Robert Haidinger
Geschrieben von Robert Haidinger

Dream now, travel later! Ideen für die Zeit nach Corona.
Asmara, die Hauptstadt von Eritrea, hält für Architektur- und Designfreunde eine Unmenge modernistischer Überraschungen parat. Überzuckert ist alles mit reichlich 1940er-Italia-Flair

Eigentlich hält man im Kinosaal die Augen ja offen. Außer man ist der Gänsehaut-Typ und fröstelt bei schaurigen Stellen. Sensibel wirkt der Mann in der ersten Reihe schon. Schmal und lang gewachsen, wie es sich für die Menschen in Asmara, im Hochland Abessiniens, gehört.

Asmara Eritrea Harnet Ave

Italien? Afrika? Die Hauptstraße von Asmara, die Liberation Avenue

Leicht melancholisch wirkt auch Signore Yussef. Dass er im Kinosessel der ersten Reihe fußfrei träumt und die Lider wie Theatervorhänge fallen lässt, hat mit anderen Dingen zu tun. „Ich war gerade noch mal der kleine Junge aus Asmara, der vor 60 Jahren das erste Mal ins Kino durfte“, erzählt er. „Es war wenige Monate, bevor Äthiopien uns besetzte, die Italiener waren längst weg. Es lief ,Lawrence von Arabien‘ mit Omar Sharif und Peter O’Toole.“

Einige Jahre später stand Yussef selbst im kleinen Technikraum, als Herr über das schwarze Monster, das nun im Foyer des Cinema Impero bestaunt werden kann. Als später die nächste Generation den Job als Filmvorführer übernahm, da knipste Herr Yussef die Lichter in eigener Sache an.

Asmara, Eritrea: Cinema Impero

Signore Yussuf, ehemaliger Filmvorführer im Cinema Impero

 

Der Mann mit dem weichen Sakko und dem schicken Schal wartet auf Besucher aus dem Ausland, die allmählich häufiger werden. Ihnen zeigt er die Logenplätze im oberen Stockwerk und die Stuck-Antilopen an den Wänden des eleganten Kinos, das der italienische Architekt Mario Messina eigentlich noch viel gewaltiger angedacht hatte: für 1.800 Menschen und mit drei Geschossen. Aber Eindruck schindet das Cinema Impero auch so.

Asmara, Eritrea: Cinema Impero

Typisch für die Hauptstadt von Eritrea: Das modernistische Cinema Impero

Architektur-Ikone: Cinema Impero

In den oberen Rängen des dämmrigen Kinosaals höre ich Tauben gurren und reibe mir wenig später, als ich wieder ins Freie trete, die Augen. Das hat mit Eritreas grellem Licht und dem knallblauen Himmel zu tun, mit der Höhe von 2.325 Metern, aber vor allem mit der Hauptstadt Asmara selbst.

Angerostete Ladenschilder in schnörkeliger Kursivschrift verweisen auf die nächste Latteria und ein Neonröhren-Stanitzel wirbt für eine Gelateria. Dahinter ragt ein ziegelroter Campanile auf. Unter modernistischen Fassaden aus der Ära des italienischen Futurismo bestellen Ostafrikaner Macchiato und scannen die Vitrinen mit Pasticcerie.

Asmara Eritrea Cinema Impero

Filmerinnerungen an der Kasse des Cinema Impero

Das Cinema Impero ist nur eine von mehreren Architektur-Ikonen dieser besonderen Stadt. Der modernistische Bau ist ganz typisch für Eritreas Hauptstadt – die schon seit Langem zu einem Freilichtmuseum für Architektur-Fans avanciert ist.

Nur wenige Orte weltweit können mit einem ähnlich geschlossenen Ensemble an futuristischen Bauten aufwarten, binnen weniger Jahre wurden sie in den 1930er-Jahren aus dem Hochlandboden gestampft wurden. Dabei verband sich mit der radikalen Vision einer faschistischen Stadtplanung vor allem Kalkül. Dem Bau von Kinos fiel dabei eine besondere Rolle zu. Synchron mit Hollywood war das Medium Film vor dem Zweiten Weltkrieg das Propagandamittel schlechthin.

Asmara, Eritrea: Könnte genauso in Italien stehen: Die Kathedrale

Könnte genauso in Italien stehen: Die Kathedrale

Asmara als Mussolinis Showcase

Asmara wurde zur echten Stadt erst ab 1889, als die italienischen Kolonialherren dort einen Militärstützpunkt errichteten und Asmara 1900 zur Hauptstadt Eritreas machten. Dann kam Mussolini. Für Asmara lautete sein Plan: Afrika-Showcase im kolonialen Wettbewerb. Weder Briten, noch Franzosen und noch Osmanen sollten in Sachen Architektur mit Asmara, der späteren Startrampe für den berüchtigten Abessinien-Feldzug, mithalten können. Dafür sorgte eine Unzahl an italienischen Architetti und Ingenieri, die dem Militärposten 1935 bis 1941 futuristische Fabrikgebäude, mondäne Kinos und Bars bescherten, rationalistische Villen, Boulevards, Tankstellen und monumentale Verwaltungsgebäude, die Architektur-Fans in die Knie gehen lassen.

Asmara, Eritrea: Bar Zilli

Entspannte Tresen-Atmosphäre in der „Bar Zilli“

So beherbergt Asmara eines der größten erhaltenen Ensembles moderner europäischer Architektur, vergleichbar mit der Art-déco-Perle Miami South Beach, der Bauhaus-Beauty Tel Aviv, Tanger, Le Havre oder Napier in Neuseeland. 2017 wurde die ganze Innenstadt zum Unesco-Welt­kulturerbe erklärt.

Asmara, Eritrea: Bar Zilli

Wie ein Ozeandampfer mit Bullaugen: Das Gebäude, in dem die „Bar Zilli“ untergebracht ist

Berühmt: Tankstelle Fiat Tagliero

Halbkreisförmige Vorbauten sind typisch für das modernistische Asmara, sie erinnern an Schiffhecks. Zackige Vordächer verströmen Dynamik, auch wenn längst Vogelnester an ihnen hängen. Mal sorgen Keramik-Collagen an Fassaden für rissige Krakelee-Optik und besondere Gebäudeproportionen für verborgene Botschaften. Wer etwas genauer auf das Ministerium für Bildung blickt, einstmals die Zentrale der Faschistischen Partei, entdeckt ein großes liegendes „Fachisten-F“.

Asmaras berühmtestes Wahrzeichen aber ist eine Tankstelle. Seit Jahrzehnten aufgelassen, abgesperrt durch einen hässlichen Bauzaun, von Unkraut umwuchert, noch dazu außerhalb des kleinen Stadtzentrums gelegen – die „Fiat Tagliero“ aus dem Jahr 1938. Spektakulär spreizt sie die lange und schmale Betonflügel von 30 Meter Spannbreite zu beiden Seiten. Ihre Botschaft lautete: Jetzt tanken hier Autos. Aber die Zukunft gehörte der Luftfahrt.

Asmara: Eritrea Tankstelle Fiat Tagliero

Architektur-Ikone: Die berühmte „geflügelte“ Tankstelle Fiat Tagliero

Italienità in den Bars und Cafés von Asmara

Einen Block weiter parkt ein Ozeandampfer mit Bullaugen direkt am Asphalt, dessen Heck eine berühmte Bar birgt: die „Zilli Bar“. Schiebt man sich durch ihre Drehtür, so katapultiert man sich ein knappes Jahrhundert zurück. Kellnerinnen in altmodischen Kostümen sind hier im Einsatz. Die Auswahl auf der Getränkekarte ist so unkompliziert, wie man es vom Bar-Sortiment des vorkonsumistischen Zeitalters erwarten darf.

Asmara, Eritrea: American Bar

Zu Gast in der „American Bar“, an der Hauptstraße von Asmara gelegen

Das „Zilli“ macht Lust auf weitere Bar-Oasen. Im grandiosen „Bistro Alba“ in der Asmara Street glänzen kugelförmige Zuckerdosen und zylindrische Eiswaffel-Behälter. Sie liegt gleich neben der „Bar Posta“ mit den Herz-Karo-Pik-Treff-Schnitzwerk am Tresen und nicht allzu weit von der „American Bar“. Hier sind wir bereits auf Asmaras Hauptstraße gelandet, der Harnet Avenue, die früher mal Viale Mussolini hieß und eigentlich nur eine zum Boulevard aufgeblähte Dorfstraße ist.

Das schönste Postgebäude Afrikas

Was man auch entdeckt: Dass die Italiener in den wenigen Jahrzehnten ihrer Herrschaft weit mehr ins Land brachten als Modernismus-Marathon und herrliche Patisserie-Rezepte. Sie brachten, jenseits der kolonialen Miseria, auch italienisches Lebensgefühl mit. Dolce far niente kam auch im Hochland von Abessinien gut an, beschert Asmara die verfeinerte Lebensart des eleganten Flanierens und Schauens, produzierte sogar den Archetypen des italienischen Gecken.

Asmara, Eritrea: Cafe Bistro Alba

Kugelförmige Zuckerdosen und zylindrische Eiswaffel-Behälter im „Bistro Alba“

Neben dem Trödelmarkt Medebar verraten die prominent gelegene Moschee Al Kulafah Al Rashidin sowie erhöhtes Vollverschleierungs-Aufkommen, dass ungefähr die Hälfte der Bewohner sunnitische Muslime sind und Chaos-Destinationen wie Somalia nicht besonders weit. Immerhin entdecke ich einen astreinen Flagship Store für „Eritrea Honey“. Und außerdem Herrn Kidane, der 68 Jahre alt ist und sein ganzes Leben hinter der genuesischen Gemüsewaage seines Lebensmittelladens verbracht hat.

 

Asmara, Eritrea: Cafe Bistro Alba

Schlicht, einfach, nostalgisch – Interieur im „Bistro Alba“

Ob ich im Marktstädtchen Keren war, möchte er wissen. Oder wenigstens in Massawa, der osmanischen Perle am Roten Meer? Nein? Eine Schande. Dafür sticht den restlichen Tag das Herz As Asmara: Die Post, eher nur zufällig entdeckt, outet sich als die schönste östlich des Rift Valley, komplett mit glänzenden Schließfächern und einem zentralen Schreibpult, für den sich die italienischen Architekten ringförmige Stützen ausgedacht haben. Rosa Marmor ziert die Wände. Den Eingang flankieren Buntglasscheiben, die das Hochlandlicht in weiche Lichtkringel von unterschiedlichsten Farben zerstäuben.

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Info Asmara

Anreise

Keine Direktflüge von D, A, CH nach Asmara. Gute Verbindungen in zehn bis zwölf Stunden mit einmaligem Um­steigen bieten etwa Lufthansa/Egyptair, Ethiopian Airlines oder Turkish Airlines. Ticket ab circa 600 Euro. lh.com | egyptair.com | ethiopianairlines.com | turkishairlines.com

Übernachten

Africa Pension Hotel Stilvolle Villa mit Garten in abso­lu­ter Ruhe­lage im Villenviertel ober­halb des Teatro Asmara. Große Bet­ten, blitzsauber. Drei Gehminuten zur Harnet Avenue. DZ ab 35 Euro. Keskesse Street, Tel. +291/1/ 12 14 36

Albergo Italia Das älteste Hotel von Asmara wurde 1899 eröffnet und 2004 generalsaniert. Sechs Zimmerkategorien mit antiker Ausstattung, ruhige, aber zentrale Lage hinter der alten Post. Das feinste Bou­tiquehotel Eritreas! DZ ab 90 Euro. Nakfa Avenue 13, albergoitaliaasmara.com

Genießen

Bistro Alba Das neben der Post gelegene Traditionslokal „Alba“ serviert im Obergeschoss gute italienische und internationale Gerichte. Eine Etage tiefer beeindruckt die original italienische Ausstattung von Bar und Eisdiele. Mittleres Preisniveau. Adi Hawesha Street 59, Tel. +291/ 71/ 120 24 21

Zilli Bar And Fast Food Die berühmte Modernismo-Bar nahe der Fiat-Tagliero-Tankstelle serviert auch kleinere Ge­rich­te. Besonders gut munden der saftige Burger und das gegrillte Hähnchen. Niedriges Preisniveau. Ecke Sematat Ave/Beirut Street, Tel +291/1/ 217 32

Web

Gute Infos liefert die private informative Seite eines niederländischen Eritrea-Fans   asmera.nl


 

Bildquellen

  • Harnet Ave: © Robert Haidinger
  • Cinema Impero Guide: © Robert Haidinger
  • Cinema Impero: © Robert Haidinger
  • Cinema Impero Kassa: © Robert Haidinger
  • Blick auf Campanile: © Robert Haidinger
  • In der „Bar Zilli“: © Robert Haidinger
  • Bar Zilli aussen: © Robert Haidinger
  • Tankstelle Fiat Tagliero: © Robert Haidinger
  • Gast in American Bar: © Robert Haidinger
  • Cafe Bistro Alba: © Robert Haidinger
  • Cafe Bistro Alba Theke: © Robert Haidinger
  • Rosina Cafe: © Robert Haidinger

Über diesen Autor

Robert Haidinger

Robert Haidinger

Seit drei Jahrzehnten Foto-Nomade mit Ankerplatz Wien mit extremer Reiseerfahrung. Er arbeitete in bislang über 80 Staaten und auf fünf Kontinenten. Der Schwerpunkt dieser Reisetätigkeit liegt neben Afrika und Zentralamerika vor allem im kulturell so komplexen Asien. Langzeitaufenthalte in Japan, China, Sri Lanka und Indien machen ihn zum Spezialisten dieser Region. Seine Arbeiten werden von der Kölner Agentur Laif vertreten. „Meine fotografische Arbeit wird von unterschiedlichen Welten geprägt, die im Idealfall miteinander kommunizieren. Zum einen wäre da die Sensibilisierung auf moderne Lifestyle-Codes, geschärft durch langjährige Arbeit in den Bereichen Design und Architektur. Das Eintauchen und Verstehen fremder Kulturen setzt wiederum eine ganz andere Form von Erfahrung voraus – erworben durch Jahrzehnte lange intensive Kontakte auf allen gesellschaftlichen Ebenen Asiens. Heute fühle ich mich dort wie ein Fisch im Wasser. Zugleich führen mich immer wieder Reportage-Reisen an die „Last Frontier“: Besondere und oft raue Orte am Rande der globalisierten Welt, die eine besondere Form der Annäherung bedürfen. In unverbrauchten Weltregionen wie Mosambiks Norden oder Australiens Arnhem Land relativieren sich unsere Vorstellungen von Normalität.