Länderberichte

British Columbia | Bei den Unsichtbären

Tierisch viel Leben im Regenwald Kanadas bei der Reise Bärenbeobachtung
Christian Haas
Geschrieben von Christian Haas

British Columbia ist Kanadas Hotspot für Bärenbeobachtung. Wobei unser Autor eher das Gefühl hatte, von Grizzlys beobachtet zu werden. Beim Camp tief im gemäßigten Regenwald fanden sich zwar etliche Bärenspuren, aber keine Pelztiere. Dafür Weißkopfseeadler, Riesenlebensbäume, und viel Abenteuerfeeling …

Die Bärenbeobachtungs-Tour, die unsere neunköpfige Männertruppe vorhat, kann man nicht buchen. Sie hat auch nichts mit Komfort zu tun. Wir wollen ins ungesicherte Bärenland, jenseits von Lodges und Plattformen, überhaupt jeglicher Besiedlung und Infrastruktur. Unser Ziel ist das einsame Toba Valley an der Westküste British Columbias.

Dort, wo sich die Bären im Herbst ihren Winterspeck anfuttern. Wo die Regenwaldbäume alt und groß sind. Und wo es keinerlei Handyempfang, Strom oder Betten gibt. Stattdessen Zwei-Mann-Zelte, Eigenversorgung über dem Feuer, Wildnis-Setting.

Basis für Bärenbeobachtung mitten im Regenwald

Das Revier für die Bärenbeobachtung aus der Luft: Wo Little und Big Toba River zusammenfließen, schlagen wir unsere Zelte auf

Da will man gut ausgerüstet sein mit Steaks, Eiern, Bier sowie anderen Lebensmitteln und Outdoor-Equipment. Kai Andersch, Tobias Hürten und  und der Kanadier David MacDonald, allesamt bei der Stiftung Wilderness International aktiv und eher lebensbejahende Pragmatiker als verbissene Ökos, kennen sich da aus.

Schließlich sind die Drei zum wiederholten Male hier, um mithilfe von „Wildnispaten“ – Firmen, Schülern, Privatpersonen, Urlaubern, die bei Veranstaltern wie Diamir Erlebnisreisen oder SK Touristik einen Reisekompensations-Obolus abtreten – rechtssicher Land für ihre deutsch-kanadische Wilderness International zu kaufen und dieses so für die Zukunft zu schützen. Manchmal kommen sie auch, um einfach nach dem Rechten zu sehen oder um jungen Stipendiaten aus Deutschland und Kanada den Regenwald näherzubringen.

Immergrün, immerfeucht, immer beeindruckend: Der Regenwald Kanadas

Größenverhältnis: Im Vergleich zu den bis über 70 Meter hohen Bäumen im Regenwald West-Kanadas erscheinen Menschen wie Zwerge

Rule Number one: Don’t die!

Zur Vorbereitung gehört auch ein Stopp in einem Angelladen, um Angellizenzen und Bärenverteidigungsmittel zu kaufen. In unseren wasserdichten Säcken landen Hupen, Pfeffersprays und, ja, ein Gewehr für den Extremfall. Wobei unsere Guides nicht müde werden, auf gewaltlose Maßnahmen hinzuweisen, allen voran umsichtiges Verhalten, sodass es gar nicht erst zu brenzligen Begegnungen kommen möge. Dennoch gilt „safety first“ … oder wie es David ausdrückt: „Rule number one: Don’t die!“

Bootstour Richtung Wildniscamp für die Bärenbeobachtung in British Columbia

Aufbruch ins Wildnis-Abenteuer: Mit dem Boot den Toba River hinauf, wo die Bärenbeobachtung stattfinden wird

Tags darauf heißt die Regel: „Be on time at the harbour!“ Unser Wassertaxi legt nämlich pünktlich um neun ab. Fahrer Richard entpuppt sich als gut gelaunter und gesprächiger Zeitgenosse. „Diesen Sommer hat es zwar wenig geregnet, aber so viele Buckelwale und Orcas haben wir selten gesehen“, sagt er und steuert das Schiff behutsam durch die Inselwelt der Strait of Georgia.

Sein heutiger Auftrag ist speziell: uns im Toba Inlet an einem bestimmten Felsen rauszulassen und in vier Tagen an eben jener Stelle wieder abzuholen. Nebenbei spielt Richard den Reiseführer: „Auf dieser Insel hier hat Michelle Pfeiffer zwei Häuser, die grad für knapp 30 Mille zum Verkauf stehen.“ Kurz darauf: „Jene Insel ist bei Hippies sehr beliebt.“ Und dann platzt es aus ihm heraus: „Was zur Hölle macht ihr im Toba Valley? Da ist doch nichts!“

Blick in die Krone eines fantastischen Doppelahorns

Das Toba Valley gilt als eines der letzten komplett wilden Täler British Columbias

Geheimnisse im Unterholz

Wie wahr. Nach zweieinhalb Stunden Fahrt halten wir „in the middle of nowhere“ am Ende des sehr schönen, von Bergen eingerahmten Fjordes an besagtem Felsen. Ein wackliges Manöver, das durch rutschige Kelpreste und Algen auf den Steinen erschwert wird. Richard hupt zum Abschied, zurück bleiben neun Männer mit einem Haufen Gepäck. Die Sonne scheint so warm, dass man sich wundert, wie manche Berggipfel noch schneebedeckt sein können. Oder schon?

Aus dem Meeresfjord taucht ein Seehund auf, David verschwindet im nahen Unterholz. „Daumen drücken, dass unser Motorboot noch da ist und funktioniert“, ruft er. Für Unwissende nicht einsehbar haben die drei hier ein Metallboot versteckt. Mit vereinten Kräften lassen wir es erst über Baumstämme ab und dann zu Wasser. Der Motor springt an, hurra!

Bärenspuren im Flusssand, wow, British Columbia

Da lässt man sein Gepäck mal kurz unbeaufsichtigt und schon schaut ein Bär vorbei! Die frischen Spuren beweisen es …

Aufwendiges Shuttle-Pingpong

Da höchstens vier Mann ins Boot passen, dauert es, bis alle an der ersten Sandbank ein paar Kilometer flussaufwärts ankommen. In der Auftaktfuhre wird ohnehin erst mal das Equipment verschifft. Was uns den Bärenpremierenkontakt beschert. Denn als 20 Minuten später Erik und Joschi nachkommen, entdecken sie Kratzspuren an einer Cider-Flasche und Tatzenabdrücke rund um Töpfe, Zelte, Wassertonnen. „Das waren eindeutig Schwarzbären, auch wenn die primär auf Vancouver Island und hier am Festland von British Columbia eher Grizzlys vorkommen“, analysiert der 41-jährige Kai, seines Zeichens Forstwissenschaftler und absoluter Experte in Sachen kanadischer Flora und Fauna.

Bärenbeobachtung als Geduldsprobe

Selbst wenn wir sie nicht direkt sehen: Sie sind also da. Ebenso wie Wölfe, Kojoten, Wapitihirsche, Pumas. Wer sich blicken lässt, sind Kanadareiher, Biber und Weißkopfseeadler, die majestätisch über den bis zu 15 Meter breiten Toba River segeln. Bei der Fahrt auf dem Fluss kommen ständig Entdeckergefühle auf. Erst recht, als wir einige Flusswindungen später die Zelte aufstellen, Feuerholz sammeln, Cowboykaffee und Kartoffeln mit Speck kochen und von Tobi mehr über den Regenwald erfahren. In den dringen wir tags darauf weiter vor.

Wo Little und Big Toba River zusammenfließen, schlagen wir auf einer Sandbank das Hauptlager auf – im Herzen eines der letzten komplett wilden Täler von British Columbia. Was auch an Wilderness International liegt, denen hier rund 400 Hektar Land gehören, das unberührt bleibt.

Lachs-Fang am Toba River gehört zu jeder Bärenbeobachtung in British Columbia

Hier freut sich jemand über seinen Fang. Der Toba River ist einer der letzten wirklich wilden Flusstäler in British Columbia

Fette Beute am Haken

Es keimt neue Hoffnung in puncto Bärenbeobachtung auf. Fabian sichtet Lachse im Wasser (wo Lachse, da Bären!) und Tobi Bärenkuhlen im Unterholz. Bei einem mehrstündigen Rundgang finden wir sogar Lachsleichen im Wald, eindeutig das mörderische Werk von Grizzlys. Die sind ja bekanntlich auf den Rogen besonders scharf.

Wie viel das pro Fisch ausmacht, sehen wir, als Carsten nach kurzer Zeit ein prächtiges Sockeye-Weibchen herauszieht. Gut 70 Zentimeter lang, fünf Kilo schwer und eben voller roter Eier. Es folgen Fänge wie am Fließband, darunter ein prächtiger Saibling, den wir wie die anderen jedoch wieder freilassen. So einen Bärenhunger haben wir dann doch nicht!

Lachs im Toba River

Eine mächtige Bull Trout, eine Saiblingart, schwimmt in einem ruhigen Seitenarm des Toba

Rogenfalle für Schleckermäuler

Später am herrlich knackenden Feuer klärt uns Kai nochmal auf. „Ab jetzt gelten zusätzliche Regeln: weniger Lärm, mehr Konzentration und keiner verlässt allein das Camp.“ Schließlich kam es in Kanadas Geschichte immer wieder zu Unfällen, gar Todesfällen mit Bären. Wobei die eigentlich nicht aggressiv sind. Daher lautet eine weitere Regel: immer genug Abstand, keine Provokation. Ach! „Und lieber ins Wasser als in den Wald pinkeln. Bären riechen das.“ Da müssten die unseren Fang doch erst recht erschnuppern, oder? Wir stellen also eine (Foto-)Falle auf. Doch das Rogen-Leckerli bleibt unberührt …

Bärenbeobachtung für Fortgeschrittene

Dennoch: Am nächsten Tag folgen weitere Existenzhinweise. Kratzspuren am Baum, Tatzenspuren am Fluss, lautes Knacken in unmittelbarer Nähe. Kurze Anspannung in der Gruppe. Als sich die Lage beruhigt, bleibt Zeit, sich den Wald genauer anzusehen. Er entpuppt sich als noch zauberhafter und abwechslungsreicher als Avatar Grove, British Columbias Vorzeigeschutzwald auf Vancouver Island, rund 150 Luftlinie von hier entfernt. Einer der Bäume, bis in die Kronen mit Moosen und lamettaartigen Blatt- und Bartflechten bewachsen, hat von der Jugendgruppe, die hier im Sommer campierte, gar einen Namen bekommen: „Traumzauberbaum“. Das passt.

XXL-Bäume im temperierten Regenwald von British Columbia

Der „Traumzauberbaum“ ist ein besonders schönes Doppelahorn-Exemplar

Gute Aussichten für Grizzlys

Am vorletzten Tag regnet es fast durchgehend. Doch auch ohne Sonnenschein und Bärenbeobachtung sind alle guter Stimmung. Angeln, über dem Feuer Fleisch und Fisch braten, Storys erzählen – echte Männerwellness hat was. Die Stimmung steigt weiter, als David berichtet: „Seit 2018 sind die Abschusslizenzen, durch die rund 100 Grizzly-Bären pro Jahr starben, ausgesetzt. Zu diesem Umdenken hat sicher auch der Bear-Watching-Tourismus beigetragen.“

Flussdurchquerung bei acht Grad in British Columbia zur Bärenbeobachtung

British Columbia ist nichts für Weicheier: Mensch und Material müssen durch den eiskalten Fluss – mehrmals!

Yukonfeeling im Morgennebel

Letzter Tag in British Columbia. Um vier Uhr klingelt der Wecker. Es schüttet noch immer. Im Stockdunkeln bauen wir die Zelte ab und schleppen alles Gepäck wieder durch den Fluss zum Boot am anderen Ufer. Das eiskalte Wasser schwappt bis zum Bauchnabel, aber egal. Eh schon alles nass. Dann beginnt das letzte Abenteuerkapitel. Flussabwärts geht es in Zweier-Schlauchbooten Richtung Fjord. Absolutes Yukon-Feeling, bei dem der nebelverhangene Wald und die aufragenden Tafelberge im Hintergrund für mystische Stimmung sorgen.

British Columbia, Bärenbeobachtung, Bären, Grizzlys

Objekt der Beobachtungsbegierde: Grizzlybären am Toba River. Beim letzten Trip ließen sich die Tiere unweit des Camps blicken, diesmal leider nicht …

Nach drei Stunden sind wir komplett durchgefroren und platt, weil wir wegen der mäßigen Strömung stets paddeln müssen. Plötzlich ruft Fabian: „Da im Gebüsch hab’ ich einen Bär gesehen!“, ist er sich sicher. Mag ja sein. Wir freuen uns in diesem Fall eher darüber, gleich Richard zu sehen. Und tatsächlich: Hupend und mit laufender Heizung wartet er an „unserem“ Felsen. Wenigstens darauf ist Verlass!

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INFO BÄRENBEOBACHTUNG IN BRITISH COLUMBIA

Veranstalter Diamir Erlebnisreisen bietet drei Übernachtungen in der komfortablen und nur per Boot erreichbaren „Homfray Lodge“ und zwei Tagestouren im Toba Inlet und Toba Valley ab 1.650 Euro an (sechs bis zwölf Teilnehmer).

Im selben Areal Bärenbeobachtung mit dem Kanada-Spezialisten SK Touristik ab 320 Euro pro Person/Tag (bis zu zwölf Teilnehmer). Beide Veranstalter engagieren sich auch stark für nachaltiges Reisen (Diamir zum Beispiel mit der Diamir goes Green-Nachhaltigkeitsinitiative) und bei Wilderness International


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Über diesen Autor

Christian Haas

Christian Haas

Christian Haas – Jahrgang 1974, Wirkungsstätte München – liebt seit jeher die Kombination Reisen und Schreiben. Naheliegende Konsequenz: Studium der Geographie und Kommunikationswissenschaften in Eichstätt und München. Diplomarbeit in Venezuela, Nationalparkpraktikum in Puerto Rico, Redakteursanstellung in München. Seit 2002 als Reisejournalist und Autor selbstständig, Schwerpunkt Outdoor, Familie, Kurioses. Seit 2013 gehört Christian Haas zum Redaktionsteam von abenteuer und reisen.