Länderberichte

Bordeaux | Urbaner Grand Cru

Lutz Jäkel
Geschrieben von Lutz Jäkel

Bordeaux, die Stadt an der Garonne, hatte vor einigen Jahren noch mit Problemen zu kämpfen. Doch nun präsentiert sie sich, auch städtebaulich, in Höchstform und passt bestens zu den edlen Weinen des Bordelais

Mittwochabend. Das Restaurant „Le Petit Commerce“ in der Altstadt, es gehört zu den bekanntesten von Bordeaux, ist brechend voll. Gut, dass ich reserviert hatte. „Ich verstehe selbst nicht so ganz genau, wes­halb das so gut läuft hier“, wundert sich Wirt Fabien und schenkt noch ein bisschen Wein nach. Als Gruß aus der Küche bekomme ich ein Pilzsüppchen im Glas. Wunderbar. Das Thunfischtartar ist ein wenig zu säuerlich, dafür ist die gegrillte Dorade saftig und aromatisch gewürzt, die leichte Sauce Béarnaise rundet elegant ab.

Klassizismus + Modern Art = Bordeaux

Mein Hotel, das kleine, luxuriöse „Cardinal“, liegt vis-à-vis an der Place Pey-Berland mit Cafés und Restaurants, der Cathédrale Saint-André mit ihrem freistehenden Glockenturm und dem Palais Rohan, dem Rathaus. Bordeaux zählt zu den bedeutendsten europäischen Stadtensembles des 18. Jahrhunderts, die halbe Innenstadt ist seit 2007 Unesco-Weltkultur­erbe. Die schönste Stadt im französischen Königreich zu gestalten, das hatten die besten Architekten des Landes ihrem König einst versprochen. Sie haben Wort gehalten. Kilometerlang zeigt sich stolz die „Grande Façade“ des Klassizismus vor allem entlang der Garonne. Victor Hugo empfand Bordeaux als „Mischung aus Versailles und Antwerpen“.

Erst jüngst gesellte sich eine hippe Kunst- und Kulturszene dazu, eingerahmt von einem kulinarischen Sternenhimmel, von dem nicht wenige Franzosen sagen, er laufe schon längst Paris den Rang ab. Seit der Schnellzug TGV nur noch zwei Stunden bis in die Hauptstadt braucht, pendeln ohnehin immer mehr: Arbeiten in Paris, leben in Bordeaux.

Bordeaux: Gaumenfreuden im Restaurant "Le Petit Commerce"

Gaumenfreuden im Restaurant „Le Petit Commerce“

Fahrradfreundliches Bordeaux

Die Metropole der Region Nouvelle-Aquitaine setzt auf Slow Tourism und zählt zu einer der fahrradfreundlichsten Städten der Welt: Auf rund 1.200 Kilometern kann man in die Pedale treten. Oder man schnappt sich einen Elektro-Scoo­ter. Per App sucht man einen freien Roller, entriegelt ihn – und los geht‘s. Entlang der Garonne, die sich wie eine Mondsichel durch das Zentrum zieht und Bordeaux zum Beinamen „Port de la Lune“ (Mondhafen) verholfen hat, rolle ich vorbei an den klassizistischen Palastbauten des Börsenplatzes. Dort wartet das populärste Fotomotiv der Stadt: der Miroir d’Eau, eine glatte Granitfläche, die mit Wasser besprüht wird, sodass sich die Prachtfassaden darin spiegeln.

Nahe der Uferpromenade geht es durch die Gassen zwischen der Place du Parlament, der Place Saint-Pierre und der Place Camille Jullian, wo die frühere Kirche Saint-Siméon de Bordeaux in das Arthouse-Kino „Utopia“ umgewandelt wurde. Vor allem am Abend ist vor lauter Menschen auf den Terrassen vor den zahlreichen Bistros und Restaurants kaum ein Durchkommen.

Bordeaux: Frische Austern im Marché des Capucins

Frische Austern im Marché des Capucins

Schlemmen im Marché des Capucins

Saint-Michel ist ein kosmopolitisches Stadtviertel, das bei jungen Franzosen wegen der vielen Bars und Cafés beliebt ist, aber auch wegen seines Schlemmermarktes Marché des Capucins in einem eher nüchternen Betonbau. Die Bordelaiser schlür­fen dort schon zur Mittagszeit ihren Wein zu Austern und Seafood.

Zeit für das Lunch – pardon, déjeuner – im „Atelier des Faures“, einem Bistro unweit der Kirche Saint-Michel. Chefkoch Winnick Ronan bringt die Speisen persönlich an den Tisch. Er habe sich auf die traditionelle Zubereitung konzentriert, erzählt der 36-Jährige. „Ich mag den Begriff Fusion nicht besonders, das ist mir oft zu gewollt. Aber nicht unbedingt gekonnt.“

Doch genau das macht er: Verschiedene Geschmä­cker der Welt kombinieren, als Basis dient die klassische französische Küche, sie wird bereichert um berberische und polnische Einflüsse. Warum diese etwas ungewöhnliche Kombination? „Mein Vater kommt aus Polen, meine Mutter aus Marokko. Schon durch diese Einflüsse bin ich inspiriert“, lacht Ronan.

Bordeaux: Die Kathedrale Saint André

Gotisches Schmuckstück in Bordeaux: Kathedrale Saint André

Raus aus Bordeaux, zur Austern-Hochburg Arcachon

Austern gibt es bei Winnick auch. Aber die isst man eigentlich in Arcachon, eine knappe Autostun­de von Bordeaux entfernt. Bistros und Restaurants reihen sich hier aneinander, Berge von Austernschalen liegen in Kisten. Ob die Austern aus Arcachon, Europas größtem Zuchtpark, wirklich so besonders schmecken, vermag ich nicht zu sagen. Ich gehöre zur Fraktion der Austernverweigerer. Das lebende Tier zerbeißen – denn so muss man das machen, möchte man das volle Aroma genießen – und dann das Austernwasser schlürfen? Mais, non! Das ist nichts für mich.

Umso mehr freue ich mich zurück in Bordeaux über das Drei-Gänge-Menü für 39 Euro im „Le Bouchon Bordelais“. Für kulinarische Hochgenüsse braucht es in Bordeaux keinen Michelin-Stern. Die gibt es natürlich auch, in den Restaurants von Pierre Gagnaire, Philippe Etchebest oder Gordon Ramsay. Aber in dieser Stadt pflücken die Köche ihre ganz eigenen Sterne vom kulinarischen Himmel.

Selten habe ich so gut mit einem so überragenden Preis-Leistungs-Verhält­nis genießen dürfen wie in Bordeaux, auch im „Le Bouchon Borde­lais“. Zunächst kommt eine ausgezeichnete Kürbissuppe auf den Tisch, deren Grundlage ein Fond ist. Als Hauptspeise gibt es gegrillten Seehecht auf gedünstetem Gemüse aus Zucchini, gelben und grünen Tomaten, Nüssen und Kräutern, gereicht mit einer Fenchelhonigsoße. Zum Niederknien!

Die Weine des Caveau Château Grand Corbin-Despagne altern hervorragend

Giftalarm im Château

Was wäre Bordeaux ohne die berühmten gleichnamigen Weine? Die Weinbauregion Bordelais ist das weltweit größte und älteste Anbaugebiet feiner Wei­ne, fünf Weinrouten durchziehen die Region. Graves und Sauternes, Saint-Emilion und Pomerol, Médoc, Sauternes und natürlich Margaux sind nur ein paar der weltbekannten Namen.

Die rund 3.000 Châteaus produzieren auf etwa 110.000 Hektar Anbaufläche rund 700 Millionen Flaschen. Viele von Ihnen, auch die mit großen Namen, sind wegen hoher Agrargiftrückstände in die Schlagzeilen geraten. Im Schnitt landen jedes Jahr acht Kilo Herbizide und Fungizide sowie fünf Kilo Pestizide auf jedem Hektar Weinberg, berichtet das „Süddeutsche Magazin“ vom 10. Mai 2019. Toxische Rückstände seien beispielsweise im Wasser der Garonne, in den Böden und in den Austerbänken vor der Küste zu finden. Dagegen formiert sich zunehmender Widerstand, etwa in Gestalt des Blogs Alertes aux Toxiques der Winzertochter Valérie Murat. Laut Tests des Verbraucherschutzmagazins „Que Choisir“ sind in Bordeaux-Weinen unter allen Anbaugebieten Frankreichs die mit Abstand höchsten Rückstände zu finden. „A vôtre santé!“ wirkt da mehr als zynisch!

Bordeaux: Der Neubau der Justizpalastes

Spektakulärer Anbau am Justizpalast von Bordeaux

Was bleibt? Der Griff zur Flasche von Biowinzern im Bordelais, die bis dato lediglich sieben Prozent der Rebflächen bewirtschaften. Darunter sind nur wenige renommierte, prestigeträchtige Güter wie das weltberühmte Château Palmer (Margaux), wo man 2009 mit der Umstellung auf Bio-Weinbau begann, die erst 2014 abgeschlossen war.

Weitere renommierte Güter mit Bio-Weinanbau sind etwa Château Maison Blanches Louis Rapin (Saint-Emilion), Château La Rose Figeac (Pomerol), Château La Grave Figeac (Saint-Emilion), Château Grand Corbin-Despagne (Saint-Emilion), Château Fonroque (Saint-Emilion) und Château Le Puy (Saint-Emilion) und Château Pontet-Canet (Pauillac Médoc).

Bordeaux: Mit dem Bau von Saint-André wurde Ende des 12. Jahrhunderts begonnen

Mit dem Bau von Saint-André wurde Ende des 12. Jahrhunderts begonnen

Raus aus der Stadt, zu Jacques und Florence

Die Welt des Bordeaux erkundet man im gut gemachten Museum Cité du Vin, dessen Form an Wein erinnern soll, der in einem Glas geschwenkt wird. Hier geht es nur um eines: Um die jahrtausendalte Geschichte und Kultur des Weinanbaus und -genusses, vermittelt auf modernste Art mit einem interaktiven Multimedia-Parcours.

Noch mehr erfährt man zum Thema Wein vor den Toren der Stadt. Ich fahre zum Château de Chelivette. Die Grundmauern gehen, so Besitzer Jacques, bis ins 14. Jahrhundert zurück. Das Anwesen auf etwa 30 Hektar ist zweigeteilt. Es gibt das Château de Chelivette und das Château Mathe­reau. „Das Anwesen gehörte zuletzt zwei Brüdern“, so Jacques. „Sie waren zerstritten, also bauten sie ein zweites Château.“ Für Jacques und seine Frau Florence sind die beiden Châteaux Teile eines Ganzen. Während das eine das eigene Wohnhaus und das eigentliche Weingut ist, wird im anderen ein elegantes Fünf-Sterne-Hotel mit Pool und eigener Küche betrieben.

Bordeaux: Das Château Palmer ist eines der berühmtesten Weingüter von Bordeaux

Château Palmer, eines der berühmtesten Weingüter von Bordeaux

Jacques, der sieben Jahre lang in London an der Börse gearbeitet und offenbar ein gutes Händchen hatte, kümmert sich um den Weinbau, Florence managt das Hotel. „Öno-Tourismus“ nennen sie diese Verbindung: entspannen, genießen und dabei Wein und Natur entdecken. Und alles auf Bio-Basis, auch beim Weinanbau: „Die Umstellung bedeutete und bedeutet noch immer viel Arbeit“, er­zählt der Franzose, während wir durch die Wein­ber­ge spazieren.

Jacques verfolgt ehrgeizige Ziele: Von derzeit gut vier Hektar mit einem Ertrag von rund 25.000 Flaschen soll die Fläche auf zwölf Hektar anwachsen. Und das in den nächsten drei Jahren. „Dazu noch Schafe und Kühe, weitere Obstbäume. So stelle ich mir das vor. Ob es klappt? Wir werden sehen“, lächelt Jacques.

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Info Bordeaux

Anreise

Direkt in bis zu zweieinhalb Stun­den mit Air France oder Lufthansa, Ticket ab 270 Euro. Mit TGV, ICE oder Thalys via Paris, beispielsweise ab Frankfurt in sieben Stunden, Ticket ab 155 Euro, mit Bus in 20 Stunden ab 60 Euro. airfrance.de | lh.com | de.oui.sncf

Hoteltipp

Hilton Garden Inn
Neues und modernes, südlich vom Bahnhof gelegenes Hotel mit großen, eleganten Zimmern und mit Blick auf die Garonne. Das Restaurant „Babette Concept“ ist sehr zu empfehlen. DZ ab 120 Euro. naoshotelbordeauxcentre.com/en

Web

Weitere Tipps bei der französischen Tourismuszentrale und Bordeaux Tourismus de.france.fr/de | bordeaux-tourismus.de


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Über diesen Autor

Lutz Jäkel

Lutz Jäkel

Jahrgang 1970, Fotojournalist und Autor, Islamwissenschaftler und Historiker, hat in Hamburg, Sanaa (Jemen) und Damaskus (Syrien) studiert. Einige Jahre leitete er Studienreisen in Syrien, Jordanien und Libanon. Lutz Jäkel lebte als Kind mit seinen Eltern in Istanbul/Türkei und ging dort auf die Deutsche Botschaftsschule. Reisen in viele Länder u.a. nach Syrien, Libanon, Jordanien, Israel/Palästina, Iran, Vereinigte Arabische Emirae, Oman, Jemen, Ägypten, Libyen, Tunesien, Marokko, Pakistan, Indien, Indonesien, Australien, Neuseeland, Französisch Polynesien, Chile, Argentinien, Brasilien, grönländische und kanadische Arktis, Antarktis.
Neben seiner Tätigkeit als Fotograf und Autor referiert er über arabische Länder für Unternehmen und auf Kreuzfahrtschiffen und Kreuzflügen von Hapag-Lloyd Cruises