Länderberichte

Portugal | Ab durch die Mitte!

Martin Müller
Geschrieben von Martin Müller

Portugal ist schön. Wo es in der Mitte des Landes, zwischen Nazaré und Coimbra, am schönsten ist, verrät unser Reporter

O prazer de viver bem – Das Vergnügen, gut zu leben! So steht‘s grob eingekerbt auf ein paar Brettern überm Strand von Ribeira d‘Ilhas in Ericeira. Zu dem etwas hedonistisch klingenden Motto gesellt sich ein mehr offiziöses Schild, auf dem sieben lokale Strände als World Surfing Reserve Ericeira deklariert sind, Eu­ropas einziger. Die NGO „Save the Waves Coalition“ verleiht das Prädikat nicht leichtfertig, es muss was zusammenkommen: Wellen, Surf-Historie, schützenswerte Umgebung, Enthusiasmus der Anwohner. Die Surfgemeinde hat also nicht bloß den Tunnelblick.

Portugal hat sich zum Surf-Dorado Europas entwickelt

Wir schon. Gerade weil wir keine Surfboards im Gepäck haben. „Männer, die auf Wellen starren“ – so müssten wir diese Portugal-Etappe überschreiben. Zwischen Ericeira und Nazaré machen wir tatsächlich nicht viel anderes, als schmachtend aufs Meer zu blicken, wie Surfer bei der Ausschau nach den an dieser Küste verorteten höchsten Wellen von Europa (man müsste schon bis November gucken können, denn dann trudeln sie ein, die 30-Meter-Brecher). In der schönen Hafensichel von Ericeira lümmeln wir an der Aussichtsmauer, schlendern ein wenig auf und ab, kehren im Boutique-Surfshop „Magic Quiver“ ein, trinken deren fair gehandelten Kaffee aus Guatemala. Auf den Uferfelsen am Ribeira-Strand kleben wir wie Möwen, bis uns die Flut hinter die Düne spült, wo die Surfer von morgen auf einer gepflasterten Nach­bil­dung der Dünung schon die Balance üben.

Wellen, Wogen, Weltrekorde

In Peniche, wo der blond gelockte Hawaiianer John John Florence 2016 Surfweltmeister wurde, wo ein cooles Hostel „Highway to Swell“ heißt und die deutsche Studentin Julia acht Wochen im Jahr na-was-wohl macht, starren wir kauend vom Deck der „Bar do Bruno“, in der ein Schild gemahnt, nicht in Wetsuits am Tisch zu sitzen. Unweit finden wir ein Einfahrt-Ver­boten-Schild, dessen weißen Querbalken jemand zeichnerisch einem Surfer unter den Arm geklemmt hat. Mehr Surfen ohne Brett geht nicht, meinen wir.

Doch, in Nazaré. Bis in die 1980er gab‘s hier Netzfischerei, bis die EU den Fischern Geld für den Bootverkauf gab. Statt zu fischen, sitzt man heute in Büros und überlässt den Surfern das Meer. Weil die Wogen in einem hier auslaufenden marinen Graben hin- und herschaukeln, brechen bis zu 35 Meter hohe Monsterwellen direkt am Strand zu Füßen einer Steilklippe. Hier surfte Garrett McNamara 2013 Weltrekord – auf 30 Meter taxierte man die Welle.

Wir sind zu früh im Jahr, der Wellengott ist noch nicht da, dafür geraten wir im benachbarten Klippendorf Sitio unvermittelt in den Sog der feierlichen Pilgerprozession aus Anlass des Marienfestes Nossa Sen­hora da Nazaré. Das Örtchen hoch überm Ozean ist ein Blü­tenmeer, Mädchen sind madonnenhaft herausgeputzt, in der Stierkampfarena gibt‘s Programm. Vor dem Ort ist vom Trubel aber nichts zu spüren. Dort treffen wir auf Solange, eine Britin französisch-indischen Ursprungs, mit ihrem violetten Van, der auf den Namen Ziggy hört. Sie hat ihren Besitz verkauft und ist zur persönlichen Pilgerfahrt aufgebrochen. Wir trinken Tee, rauchen und starren in die Wellen. Das Vergnügen, gut zu leben …

Vasco da Gamas Geist im Hinterland

Das Ozeanische reicht sogar bis ins Hinterland. Eine halbe Stunde östlich liegt das überwältigende Kloster Batalha. Wir fahren hin, weil wir vom Seil­motiv des manuelinischen Baustils gehört haben, benannt nach der Zeit von König Manuel I um 1500. Beeinflusst vom Zeitgeist der Seefahrer-Epoche Vasco da Gamas windet sich bis heute steinernes Tauwerk um Säulen und Bögen des zum Weltkulturerbe zählenden Klosters. Kirche, Kreuzgänge und Kapellen haben durchaus etwas von der Takelage eines mächtigen Seglers – als hätten die Großmachtzeiten Portugals nie Schiffbruch erlitten.

Gute Musik und gutes Essen ist in Portugal eine oft anzutreffende Kombination

Stippvisite in Coimbra

Pedro Costa teilt die Welt in Biertypen ein. Als wir Hugo treffen, einen jungen Fado-Sänger und Studenten im typischen Umhang, der schwarzen Capa, murmelt Pedro: „Er ist Weißbiertrinker.“ Damit sind die drei Eckpfeiler Coimbras schon genannt. Als da sind: das studentische Leben einer seit acht Jahrhundert existierenden Universität, der Fado do Coimbra, die klassische Variante des melancholischen Musikstils, und Bier. Die Klassiker Universität und Fado allge­mein wurden kürzlich Weltkulturerbe, das Bier in Coimbra wird von Pedro nach dem klassischen Reinheitsgebot gebraut. Seit 2006 betreibt Pedro südlich des Flusses Mondego seine topmoderne Mikrobrauerei mit Restaurant und Biermuseum. „Praxis“, der Name des kleinen Bier-Imperiums, steht wiederum für das studentische Brauchtum – so schließt sich der coimbrische Kreis.

Dass wir eigentlich nur Pedros Bier trinken wollten – Frank Weißbier, ich Pils –, lässt der Coimbra-Intimus nicht zu. Am frühen Morgen holt er uns für eine Spritztour nördlich des Flusses ab. Wie es sich für den Trip durch die steilen Straßen einer mittelalterlichen Stadt gehört, kommt er im Landrover. Ohne Servolenkung wühlen wir uns durch kaum mehr als achsbreite Gassen, alte Stadttore, vorbei an mit Graffiti bemalten studentischen Elite-Wohngemeinschaften, den Republicas. Bewohner wehen uns in schwarzen Umhängen so mystisch entgegen, als sei gerade ein Vampir-Kongress im Gange.

Braut in Coimbra was zusammen: Mikro-Brauerei-Chef Pedro Costa

Im Bohemien-Café „Santa Cruz“ mit den baulichen Attributen einer Kirche süffeln wir Galão, den portugiesischen Milch-Espresso. Von hier aus ist es nicht weit zum Fado ao Centro, allabendlich Spielbühne klassischer Fado-Konzerte bei einem Gläs­chen Port. Im Hinterhaus dürfen wir dem Instrumentenbauer Eduardo Loio und einigen Schülern über die Schulter schauen, wie sie portugiesische zwölfsaitige Gitarren, Lauten und Violas aus Rosen- und Ebenholz für den Fado bauen.

Im Restaurant „Santa Cruz“ in Coimbra finden regelmäßig Fado-Auftritte statt

„Saudade“, sagt der Meister zu uns beim Herausgehen. „Saudade“, echot der Sänger João Nuno, der gerade probt. Was es bedeutet, will ich wissen. Ped­ro zuckt mit den Schultern: „Unübersetzbar.“ Vielleicht lässt es sich annähernd mit dem englischen „Blues“ übersetzen. Saudade meint portugiesische Schwer­mut, angeblich entstanden während einsamer Jahre auf See zu Zeiten eines Vasco da Gama. Zum Biertrinken passt es jedenfalls nicht.


Info

Anreise: Beispielsweise nach Porto mit TAP Portugal, Eurowings, Tuifly und anderen, Ticket ab 100 Euro.

Hotel-Tipps:
Hotel Miramar Sul Nazaré Ruhige Rand- und Panoramalage überm Strand. Am besten Zimmer mit Balkon oder Terrasse anfragen. Leider eintöniges Frühstück. Der Weg hinunter in den Ort und zur Berg­bahn Ascensor da Nazaré zum Ortsteil Sitio ist ein Muss! Sitio liegt wie ein Balkon auf einer 110 Meter hohen Klippe über dem Atlantik; hier kommen im Winter die höchs­ten surfbaren Wellen Europas an. Achtung: Mindestaufenthalt zwei Nächte. DZ/F ab 70 Euro

Hotel Quinta das Lágrimas
In dem Herrenhaus – zehn Fuß­minuten vom historischen Zentrum Coimbras entfernt – logierten schon gekrönte Häupter. Der Stuck, die Antiquitäten und die Säulen harmonieren präch­tig mit einem modernen Neubau. Tipp: das nur wenige Fußminuten ent­fern­te Restaurant der Mikrobrauerei „Praxis“ (siehe Nummer 28). Die sehenswerte Altstadt liegt gegenüber am anderen Flussufer. DZ/F ab 165 Euro

Auskunft: Tourismo de Portugal; TCP Centro de Portugal


Ihr wollt lieber die kompletten Reportagen zu unseren Zielen lesen und von vielen reportergetesteten Tipps und Adressen in den Info-Guides profitieren? Dann empfiehlt sich unser flexibles Zeitlos-Abo oder eines unserer attraktiven Prämienabos

Um unser Magazin als E-Paper zu lesen, einfach die kostenlose App holen und Wunschausgabe (4,99 Euro) laden. Hier geht’s – natürlich nur mit mobilen Endgeräten – direkt zu den Stores von Apple, Google und Amazon


Über diesen Autor

Martin Müller

Martin Müller

Da, wo ich weg komme, nämlich aus‘m Ruhrgebiet, muss ich manchmal sagen, dass ich nichts Besseres gelernt habe. Ich kann eben nur Autor, Reporter, Schreiberling. Im Ruhrgebiet, wo ich zufällig hineingeboren wurde, leben immer noch so schön viele von diesen Anpackern, die eine abgespeckten Sprache pflegen. Es versetzt also schon in Erstaunen, dass ich in ganzen Sätzen reden und schreiben kann. Vielleicht hat das aber mit jenem Witz - manche sagen Aberwitz - zu tun, den wir hier mit der Muttermilch einsaugen, ein Humor von der Sorte, wie ihn nur eine Gemeinschaft von vermeintlichen Underdogs drauf hat, wie etwa die Briten. Aus so einer verschworenen Gemeinschaft auszubrechen und die Welt zu bereisen, erscheint kühn. Ich darf mich mal bei einem anderen schreibenden Bochumer bedienen, um diesen Mut zu durchleuchten. Frank Goosen hat ja knapp und treffend gesagt: „Woanders is auch scheiße.“ Gut, das kann man als Anleitung zum Dableiben verstehen. Oder man sagt einfach: „Dableiben is auch ...“ Also bin ich einfach los.

Katalog-Service

Nice 'n' easy

Holen Sie sich für Ihre Reiseplanung die Kataloge renommierter Spezialveranstalter gratis ins Haus