Länderberichte

China | Peking – Hangzhou mit 300 km/h

Robert Haidinger
Geschrieben von Robert Haidinger

China im Highspeed-Zug, das ist ein hypermodernes Abenteuer. Reporter Robert Haidinger fuhr im Schnellzug
von Peking nach Shanghai und weiter nach Hangzhou.

Streikende Eisenbahner gelten hierzulande eher als Phänomen der Kulturrevolution. Vor allem aber ist China auf der Überholspur in punkto Hochgeschwindigkeitszug. Die entscheidenden Weichen dafür werden seit Jahren gestellt. Über 11.000 Kilometer misst das gegenwärtige Streckennetz, weitere 12.000 Schienenkilometer werden gerade zusammenschweißt.

Vor zwei Jahren machte China mit dem teuren Prestigeprojekt der längsten Hoch­geschwindigkeitstrecke der Welt von sich reden. Diese verbindet Peking mit Guangzhou (Kanton), der Zug schafft die 2.298 Kilometer in acht Stunden, bei einer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von 300 Stundenkilometern. Ich möchte zunächst mit dem Bullet Train von Peking nach Shanghai und weiter bis Hangzhou fahren. Peking – Hangzhou mit Highspeed kann beginnen.

Ticket kommt per Post

Das braune Päckchen an der Hotelrezeption kommt von Mr. Mo, dem Manager von china-train-ticket.com. Es wurde mit wenigen Mausklicks via Internet geordert und nun pünktlich geliefert und enthält ein paar Zugtickets und eine Visitenkarte mit besten Grüßen.

Das Paket weckt alte Erinnerungen: Das letzte Mal, als ich in China Bahn fuhr, das war Mitte der 1980er-Jahre. Mit mir im Ausländerabteil: ein genervter Däne in kurzen Hosen, aber mit blond behaarten Beinen, von denen chinesische Mitreisende ab und zu Härchen abrupften, vermutlich als Souvenir. Prägende Erfahrungen machte ich auch selbst. Die beim Erstürmen chinesischer Waggons erlernte Ellbogentechnik bewährte sich später auf der ganzen Welt.

Blitzblank und superpünktlich

Beijing South Railway Station, ziemlich zeitig in der Früh. Von rußigen Loks und einem metallischen Frontman Mao keine Spur. Gepäckträger, fliegende Händler mit gesalzenen Pflaumen und süßen Schweineohren? Denkste! Vielmehr meint man, auf einem neuen Provinz-Airport von der Stange zu stehen. Ist das hier ein gelungenes Remake aus jener Ära, in der Stewardess noch ein Traumberuf und blitzblaue Piloten-Uniformen unsäglich cool waren?

Bullet Train als Goldesel

Statt Gedränge auf Bahnsteigen reiht sich in der geräumigen Bahnhofshalle Gate neben Gate. Auf Security-Checks folgen Zugangskontrollen:  die blank polierten Bahnsteige betritt man nur mit Ticket. Doch dann kann man die überarbeitete CRH 380CL-Schnauze in aller Ruhe tätscheln und sieht wenig später die Provinzen Hebei, Shandong, Anhui, Jiangsu vorüberfliegen.

Ein Viertel der chinesischen Bevölkerung wohnt entlang der Strecke von Beijing nach Shanghai, für die China mehr Geld in die Hand nahm als für jedes Bauprojekt bisher. 25 Milliarden Euro ließ man sich die Investition kosten. Was Chinas Rechnungshof knapp nach der Eröffnung der Strecke ebenfalls bekannt gab, war die offizielle Summe der geflossenen Schmiergelder: 187 Millionen Yüan, also knapp 27 Millionen Euro.

 

Bullet Train" nennen ihn die Chinesen, oder G Train. Offiziell ist es der CRH 380 CL

„Bullet Train“ nennen ihn die Chinesen, oder G Train. Offiziell ist es der CRH 380 CL

Next Stop: Shanghai

Schöne Natur bekommt man entlang der vor vier Jahren eröffneten Strecke weiß Gott nicht zu sehen. Aber Wälder aus Stahlmasten. Das Schlingwerk von Überlandleitungen und Fly-over-Highways. Verwischte Bilder von Gewächshäusern, Fabriken, schnurgeraden Pappelalleen. Dafür liegen die beiden längsten Brücken der Welt auf der Strecke – jeweils mehr als 100 Kilometer lange Betontrassen. Bei Nanjing überquert der Zug auf der sechsgleisigen Dashengguan-Brücke den Jangtse, die Eisenbahnbrücke mit der höchsten Nutzlast weltweit.

China am Zug: Speed thrills

Im CRH 380CL fühlt sich Geschwindigkeit wie ein supercleanes Büro mit fleißigen Sekretärinnen in violettfarbenen Blusen an, die unterwegs putzen und Chinas verwöhnte Einzelkinder bei Laune halten. An der Endstation dreht das Reinigungspersonal die drehbaren Stühle in die neue Fahrtrichtung um.

Mehr als 20 Minuten dauert die Retusche am Superzug nicht. Schon ist der CRH 380CL wieder abfahrbereit. Bald rast er, immer seiner überarbeiteten Schnauze nach, Richtung Beijing zurück. Viele jener Bahnhöfe, die entlang der neuen Hochgeschwindigkeitstrassen errichtet wurden, liegen außerhalb der urbanen Zentren.

30 Bahnsteige, das ist Rekord

Die vor vier Jahren eröffnete Shanghai Hongqiao Railway Station etwa befindet sich als Teil des Hongqiao Hub gleich neben dem Hongqiao International Airport. Da es sich um die Stadt der Superlative handelt, können auch hier die üblichen Rekorde vermeldet werden. Für knapp zwei Milliarden Euro erhielt Shanghai den flächengrößten Bahnhof in Asien: 30 Bahnsteige, außerdem ein Dach mit 20.000 Solarmodulen. Perfekt für die gleichzeitig eröffnete Huning High-Speed Railway.

Eine kurze Wanderung führt vom „Amanfayun“ zu einigen schönen Tempeln wie etwa dem Taoguangguanhai

Eine kurze Wanderung führt vom Amanfayun zu einigen schönen Tempeln wie etwa dem Taoguangguanhai

Nächster Halt: Hangzhou

Für die chinesischen Schnellzüge sind die 188 Kilometer von Shanghai nach Hangzhou nur ein kurzer Sprint, aber die Luft bleibt einem  trotzdem weg. Am West Lake der viel besungenen Song-Dynasty-City sieht Chinas Smog besonders hübsch aus. Blaugrau irgendwie und am Abend schinkenrosa. Aber auch superzart verästelt. So ähnlich stelle ich mir das Innenleben einer Raucherlunge vor. Wenngleich viele Großbrände der berühmten historischen Handelsstadt zugesetzt haben – ein Garant für klassische China-Bilder ist sie geblieben.

Weiden säumen den künstlich angelegten West-See. Am frühen Morgen legen sie ihre hängenden Schattenrisse wie Perücken über umliegende Steinbrückchen und Pagoden. reichtum, Tradition und Schönheit Hangzhou ist das, was Venedig, Florenz oder St. Petersburg für uns Europäer ist: ein Kultur-Hotspot.

Um Tee dreht sich vieles in Hangzhou. Es gibt tolle Teehäuser, etwa am Bai-Damm und im Dorf Longjing

Um Tee dreht sich vieles in Hangzhou. Es gibt tolle Teehäuser, etwa am Bai-Damm und im Dorf Longjing

West Lake und Buddhistische Tempel

Wer mag, kann sich über das Wasser des West Lake schippern lassen, zu kleinen Inselchen und berühm­ten Gärten. Kutschen laden zur Umrundung des Sees ein, und die auf alte Ming-Handelshäuser getrimmte Qinghefang-Straße zum Besuch alter Apotheken. Oder man sammelt buddhistische Tempel.

Hangzhou bietet sie in atemberaubender Dichte, am schönsten rund um den Lingyin-Tempel, den berühmtesten der Stadt. Eine 20 Meter hohe Buddha-Statue aus vier Kampferholzblöcken meditiert hier. Am frühen Morgen huschen Mönche über Steinwege und Treppen, die zu Grotten und den versteckten Buddha-Reliefs des Feilai-Berges führen. Bächlein gurgeln neben dichten Bambusstauden, die in dichte Teeterrassen übergehen.

Zikaden, Yams und Super-Tee

Das exklusive „Amanfayun“-Resort hat lehmgelbe Unterkünfte, Restaurants, ein Teehaus in das naturbelassene Gelände eingewoben, das aufgrund der sechs historischen Tempel unter Weltkulturerbe-Schutz gestellt ist. Wer hier absteigt, ruht zwischen Zikaden und Kalligrafiemeistern und schlürft zum Frühstück warme Sojamilch mit lila Yamswurzel. Ganz Unheilige nehmen lieber die Seilbahn und tricksen die steil gesetzten Stufen aus, um vom Gipfel des Bei Gaofeng aus vor allem die dichte Dunstglocke zu sehen. Doch an meditativen Orten wie Hangzhou geht es auch ums Schmecken.

Auf handverlesenen Plantagen westlich des Sees, rund um das Dorf Longjing, wird Chinas berühmtester Grüntee angebaut: der zu Rekordpreisen gehandelte Drachenbrunnentee. Klar und leicht ist er, mit einem Hauch von Maronen. An der Quelle der Laufenden Tiger gibt es das perfekte Wasser gratis dazu: leicht süßlich und mit so hoher Oberflächenspannung, dass die längst wertlosen Aluminiummünzen darauf wie Blüten treiben


Info

Hotel-Tipps

Courtyard 7 Hotel

7 Qiangulouyuan Hutong Dongcheng, Beijing
Die historische Anlage befindet sich in der Nähe des Drum Tower und dient seit 2008 als authentisches Hutong-Hotel. Lauschige Innenhöfe, rote Laternen, viel At­mosphäre. Frühzeitig reservieren! DZ ab 220 Euro. Bei Booking.com ab 140 Euro.­

Hangzhou International Youth Hostel

(Mingtown Youth Hostel) 101 Nanshan Road
Shangcheng District, Hangzhou
In einer stillen Ecke der Altstadt von Hangzhou (nur zwei Minuten von der historischen Qinghe­fang-Straße entfernt) verbirgt sich das sympathische Hotel für Traveller aus aller Welt. Man fühlt sich hier wohl – und das zu sehr günstigem Preis. DZ ab 30 Euro.

An- und Einreise

Sehr gute Verbindungen nach China ab 499 Euro etwa via Istanbul mit Turkish Airlines oder via Helsinki mit Finnair.

Frühestens 50 Tage vor Einreise Touristenvisum beim Chinese Visa Application Service Center beantragen. In Österreich bei der Botschaft und in der Schweiz beim Konsulat.

Für „Transitreisende“ visumfreier Aufenthalt bis zu 72 Stunden möglich in Xi’an, Peking, Shanghai, Chengdu, Guangzhou, Chongqing, Guilin, Dalian, Shengyang, Guilin, Kunming, Hangzhou, Xiamen, Wuhan und Harbin.

 



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Über diesen Autor

Robert Haidinger

Robert Haidinger

Seit drei Jahrzehnten Foto-Nomade mit Ankerplatz Wien mit extremer Reiseerfahrung. Er arbeitete in bislang über 80 Staaten und auf fünf Kontinenten. Der Schwerpunkt dieser Reisetätigkeit liegt neben Afrika und Zentralamerika vor allem im kulturell so komplexen Asien. Langzeitaufenthalte in Japan, China, Sri Lanka und Indien machen ihn zum Spezialisten dieser Region. Seine Arbeiten werden von der Kölner Agentur Laif vertreten. „Meine fotografische Arbeit wird von unterschiedlichen Welten geprägt, die im Idealfall miteinander kommunizieren. Zum einen wäre da die Sensibilisierung auf moderne Lifestyle-Codes, geschärft durch langjährige Arbeit in den Bereichen Design und Architektur. Das Eintauchen und Verstehen fremder Kulturen setzt wiederum eine ganz andere Form von Erfahrung voraus – erworben durch Jahrzehnte lange intensive Kontakte auf allen gesellschaftlichen Ebenen Asiens. Heute fühle ich mich dort wie ein Fisch im Wasser. Zugleich führen mich immer wieder Reportage-Reisen an die „Last Frontier“: Besondere und oft raue Orte am Rande der globalisierten Welt, die eine besondere Form der Annäherung bedürfen. In unverbrauchten Weltregionen wie Mosambiks Norden oder Australiens Arnhem Land relativieren sich unsere Vorstellungen von Normalität.

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