Länderberichte

Cornwall | Küsten-Zauber in England

Cornwall: Küstenwanderung auf dem South West Coast Path
Martin Müller
Geschrieben von Martin Müller

Fürs Frühjahr ist Cornwall ein guter Tipp. Das ist im Sommer hoffnungslos überlaufen, off season aber ein Traum von einzigartiger Schönheit. Vor allem dann, wenn man den South West Coast Path unter die Sohlen nimmt

Der Appeal von Cornwall kann schier bekloppt machen. Wanderer seien deshalb gewarnt. Der wilde Südwesten in England ankert in einem Taumel aus Wetter, Gezeiten und einer Prise Golfstrom. Im Frühjahr überfällt Geblühe den Küstensaum wie eine Springflut. Vier, fünf Wandertage reichen schon aus, diesen Zauber zu genießen.

England: In Cornwall liegt die Steilküste von Land's End

Cornwall ganz dramatisch: Beeindruckende Klippen bei Land’s End

Vor Marazion teilt der  Gezeitenrhythmus das Meer und legt einen Laufsteg zum Schloss und Ex-Kloster St. Michael’s Mount frei, malerisch positioniert an den gut 1.000 Kilometern des South West Coast Path. In den musealen Gemächern nahmen schon Königinnen ihren Tee.

Die Familie St. Aubyn, die 1659 die Insel-Immobilie kaufte, hat zwar den Besitz an die Landschafts- und Denkmalschützer des National Trust abgetreten, erhielt aber noch 999 Jahre Mietrecht und nutzt dies, abseits der Besucher­blicke. Manchmal schaut Prinz Charles vorbei, der Duke of Cornwall.

Bier – gepumpt, nicht gezapft

Auf dem South West Coast Path geht’s anschließend weiter, und wir folgen Weg­weisern mit einer Eichel als Symbol. Vom Örtchen Mousehole (Mowzel im fast vergessenen Dialekt Cornish) stiefeln wir ein paar Kilometer in die nächste bewohnte Bucht. Auf und ab geht’s, schweißtreibend und wohlig anstrengend.

Vom Kaff Lamorna biegen wir ins schattige Innere und spazieren ein Sträßchen entlang, das sich durch knotigen Wald tastet. In einem Flecken namens Paul erliegen wir erstmals der Anziehungskraft einer alten Landkneipe in Cornwall. Im „Kings Arms“ wird Bier gepumpt, nicht gezapft – wir dürfen die blumig mundenden Ale-Sorten verkosten, bevor sie in unsere Pintgläser schwappen.

Cornwall, England: Köstliche Wegzehrung in der "Mackerei Sky Seafood Bar" in Newlyn

Köstlich: „Mackerei Sky Seafood Bar“ in Newlyn

Frisches aus dem Meer

Auch unser Appetit wird aufs Angenehmste gestillt. Etwa im Flecken Newlyn, wo Kutterflotte, Markt­halle und Fischladen für taufrische Menüs sorgen. Im Bistro „Mackerel Sky Seafood“ wird Meeresge­tier fein, aber frei von Schäumchen und anderem Schnickschnack, serviert.

Überhaupt entdecken wir in idealen Abständen lauter Denkmäler zivilisierten Lebens in Cornwall. Unser Boutiquehotel in Marazion etwa schmückt sich mit dem soge­nann­ten Muddy Stiletto Award. Der zeichnet Perlen des Savoir vivre im Schlick aus.

Cornwall, England: Blick auf den Porthchapel Beach

Ein Hauch von Karibik in Cornwall: Blick auf den Porthchapel Beach nahe Porthcurno

Badespaß in Cornwall bei 15 Grad

Im fast schon städtischen Penzance finden wir im Nu eine spannende Kunstgalerie, eine nur von außen schauerliche Spelunke namens „Admiral Benbow“ und das Restaurant „The Cornish Barn“ mit gelungener Mischung aus cool, ret­ro und Filetstücken aus schottischem Galloway-Rind.

Wechsel auf die Wetterseite im Norden. Hier ist die Küste von Cornwall einsamer, die oft kleinen Sandbuchten sind spröder, versteckter und steiler. Wo sich bei Ebbe eine große Sandbucht auftut, verlustiert man sich in fast jeder Spielart des Strandlebens – ausgenommen Sonnengrill und Strandkorb.

Cornwall, England: Ausblick auf Mount's Bay und Schloss St. Michael's Mount bei Ebbe

Ausblick auf Mount’s Bay und Schloss St. Michael’s Mount bei Ebbe

Jadegrünes Meer

Zwischen Land’s End und Porthcurno winden sich acht Kilometer bezauberndsten Küstenpfads. Wir schweben hoch überm Ozean, die Thermik bläht unsere kurzen Hosen, wenn wir von Klippenabstürzen auf winzige Sandbuchten herabblicken.

Highlights dieses Teils des South West Coast Path sind die Tiefpunkte nach steilen Bucht-Abstiegen. Besonders Nanjizal Beach, eine abgele­gene Kulisse aus einer Handvoll Sand, Ebbepool mit See-Anemonen und geschlitztem Felsentor, „Song of the Sea Cave“ genannt. Eine Einhei­mische lotet neugierig Tiefe und Sog des Wassers im Felspalt aus und findet drinnen Serpentinit-Gestein, das fürs jadegrüne Leuchten des Wassers verantwortlich sein mag. Freudestrahlend und mit triefender Jeans taucht sie wieder auf: Das hätte jetzt einfach sein müssen!

Cornwall, England: In Penzance wartet der Pub The Kings Arms

Immer gute Stimmung im „Pub The Kings Arms“ in Penzance

Römische Erzfreunde

„Schon die Römer bauten hier Erze ab“, verrät Wanderguide Helen. Vor gut drei Jahrhunderten begann der cornische Bergbau, besonders intensiv im Küstengebiet um St. Just. Mit Helen klappern wir die museal aufbe­reiteten Minenstandorte Botallack, Geevor und Levant auf neun Kilometern Fußmarsch ab.

Im 19. Jahrhundert lagerten in Cornwall die Hälfte der globalen Kupfer- und Zinnvorkommen. Oben hui, unten pfui – der Abbau unter der idyllischen Oberfläche war pure Malocherhölle – sogar Arsen mussten Frauen und Kinder kaum geschützt rösten. Männer und Knaben fuhren ein, Frauen und Mütter hofften auf tägliche Wiederkehr oder beweinten die Verunglückten. In der Botallack Mine krauchten die Mineure sogar unter den Meeresboden, während über ihnen die See dumpf hörbar das Geröll gegen die Küste warf.

Cornwall, England: Falmouth, Trebah Garden Trust, botanischer Garten

Üppige Pflanzenpracht im Trebah Garden in Falmouth

Wohnzimmer-Pub

Im Hinterland des Küstendramas versteckt sich ganz und gar lieblich der Weiler Zennor. Natürlich wieder mit Kirche, Pub, Defribillator und legendärer Jamsession, diesmal im urigen „The Tinners Arms“. Das Ale kann für uns fließen, denn wir kommen nebenan komfortabel im ehemaligen Gebetshaus der wesleyanischen Methodisten unter. Der Kirchenlehrer John Wesley erschien vor 250 Jahren in Cornwall als Missionar zu Pferd und schwor zehntausende Minenarbeiter von der Staatskirche ab – auch wenn seine Ablehnung der Kinderarbeit zunächst bei den Bergarbeitern nicht so toll ankam. Der Pub „The Tinners Arms“ hat diese und andere Zeiten überdauert und wirkt wie ein beschwichtigendes Wohnzimmer.

Cornwall, England: Historische Fördertuerme im Minengebiet Botallack

Relikte aus Cornwalls Bergbau am South West Coast Path: Historische Fördertürme im Minengebiet Botallack

Schauen, schlemmen, schwimmen

Auf den Hügeln darüber wohnte bis zu seinem Tod 1999 der letzte der großen Kreativen aus der nahen Künstlerenklave St. Ives. Patrick Heron hat just zu unserem Besuch eine famose Retrospektive in der Tate St. Ives, dem Ableger der berühmten Londoner Galerie Tate Britain. Im Beton-Universum der Tate ziehen seine flächig-linearen Farbtableaus eine fantastische Planetenbahn.

Cornwalls Kreativität kann’s aber auch natura­listisch. Am lustvollsten geht’s in den großen botanischen Gärten zu, wo der Nutzwert hinter der Kunst zurücktritt. Etwa im Trebah Garden beim Städtchen Falmouth am South West Coast Path.

Cornwall, England: Die Hafenstadt St Ives ist eine der schönsten in Cornwall

Die Hafenstadt St Ives ist eine der schönsten in Cornwall

Magnolien und Kamelien

Schwer duftende Magnolien und betörende Kamelien, zart-porzellanblaue Hortensien, urweltliche australische Farnbäume, mexikanische Trauerpinien und chilenische Myrten – in 175 Jahren verdichtete sich hier eine Vegetation, die britische Geheimagenten seinerzeit auf der Suche nach Samen für Cool Britannia in allen Winkeln seines Weltreichs erbeuteten.

In Trebah wächst uns sogar die profanste Flora mächtig über den Kopf: Das Mammutblatt (Gun­nera), ein südamerikanischer Riesen­rhabar­ber, macht Besucher im Sommer zu Zwergen im Gemüsebeet. Selbst im Winter blüht’s hier, wie der Chefgärtner verrät, wenn die Stauden des Südglobus eine pazifische Aura entfalten.

Zur letzten Einkehr mit Klippengang auf dem South West Coast Path haben wir „The Gurnard’s Head“ auserkoren, unweit von Zennor und St. Ives. Das Gasthaus liegt einsam und fast spukig an der Landstraße. Drinnen entpuppt es sich als Gourmettreff. Wir lassen uns Makrelen-Cerviche mit Rhabarber, Galloway-Rumpsteak und Spargeltörtchen an wildem Knoblauch munden. Schöner kann eine Wandertour kaum enden!

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Info Cornwall/England

Übernachten

Mount Haven Hotel

Quadratisch, rechteckig, gut ist der Look des kleinen Boutiquehotels, also Moderne von der Terrassenbar bis in die Zimmer mit Espressomaschine. Wobei der wuselige Cornwall-Charme nicht geopfert wird. Die Bahnstationen St. Earth und Penzance sind nur etwa15 Taximinuten entfernt. DZ/F ab 170 Euro. mounthaven.co.uk

Bosavern House

Die Lage des zum gemütlichen B&B mit acht respektablen Zimmern umgebauten Farmhauses ist unspektakulär, dafür sind die spannenden, an steiler Westküste gelegenen Zinn-Minen schön fußläufig aufgereiht. Zugreisende fahren bis ins gut zwölf Kilometer entfernte Penzance, wo nach 526 Kilometer die Bahnreise von London Paddington Station endet. DZ/F ab 90 Euro. bosavern.com

Auskunft zum South West Coast Path

Informationen zu sieben Weitwanderwegen in England greatenglishtrails.com; detaillierte Infos zum South West Coast Path southwestcoastpath.org.uk; Weltkulturerbe Cornish Mining mounthaven.co.uk; Tourismusbüros visitcornwall.com und visitcornwall.com

 


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Über diesen Autor

Martin Müller

Martin Müller

Da, wo ich weg komme, nämlich aus‘m Ruhrgebiet, muss ich manchmal sagen, dass ich nichts Besseres gelernt habe. Ich kann eben nur Autor, Reporter, Schreiberling. Im Ruhrgebiet, wo ich zufällig hineingeboren wurde, leben immer noch so schön viele von diesen Anpackern, die eine abgespeckten Sprache pflegen. Es versetzt also schon in Erstaunen, dass ich in ganzen Sätzen reden und schreiben kann. Vielleicht hat das aber mit jenem Witz - manche sagen Aberwitz - zu tun, den wir hier mit der Muttermilch einsaugen, ein Humor von der Sorte, wie ihn nur eine Gemeinschaft von vermeintlichen Underdogs drauf hat, wie etwa die Briten. Aus so einer verschworenen Gemeinschaft auszubrechen und die Welt zu bereisen, erscheint kühn. Ich darf mich mal bei einem anderen schreibenden Bochumer bedienen, um diesen Mut zu durchleuchten. Frank Goosen hat ja knapp und treffend gesagt: „Woanders is auch scheiße.“ Gut, das kann man als Anleitung zum Dableiben verstehen. Oder man sagt einfach: „Dableiben is auch ...“ Also bin ich einfach los.