Länderberichte

Andalusien | Costa de la Luz

Sandstrand von El Palmar mit Wellenreiter
Anja Keul
Geschrieben von Anja Keul

Die Costa de la Luz lockte schon Surfer an, als das Wort Lifestyle noch nicht erfunden war. Fotograf Frank Heuer gehörte damals zu den Pionieren. Unsere Autorin begleitete ihn auf einem Retro-Trip zu Wellen, weißen Dörfern, endlosen Stränden und spektakulären Sonnenuntergängen

Mitten in Jerez de la Frontera – die Hitze steht wie eine Wand aus Watte – verkündet Frank plötzlich: „Ich glaube, Levante baut sich auf.“ Dazu grinst er so komisch, als wäre das von entscheidender Bedeutung. Ich habe vom Wind zwar keine Ahnung, aber den Eindruck, als rege sich gerade absolut kein Lüftchen.

Costa de la Luz

Der Levante ist der Wind, der die Costa de la Luz zwischen Conil de la Frontera und Tarifa zum Surferparadies macht. Als Frank noch kein Fotograf war, sondern ein junger Typ in einem VW Bulli mit Boards und Segeln auf dem Dach, kam er zum Surfen nach Tarifa  in Andalusien. Das ist 30 Jahre her.

Andalusien, Costa de la Luz: Playa del Roche

Andalusien lockt mit Traumstränden an die Costa de la Luz, wie diese Bucht unterhalb der Steilküste von Roche

Es wird, darin sind sich Fotograf und Autorin einig, also unweigerlich ein Trip in die Vergangenheit. Fangen wir in Conil an, Paradebeispiel eines ehemaligen Fischerdorfs am endlos langen und breiten Sandstrand. Und von Juli bis September mittlerweile knüppelvoll.

In der Bar „Los Hermanos“, wo es schon immer die besten frittierten Fisch-Tapas gab und die Kellner die Rechnung noch mit Kreide auf den Tresen kritzeln, brüllen sie jetzt die Bestellungen per Lautsprecher nach draußen in die wartende Menge. In der schmalen Fußgängergasse Calle Cádiz schiebt sich ein endloser Strom von Menschen an Bars und Boutiquen entlang.

Die Einheimischen sind längst in die Lokale der Neustadt gezogen, wo wir schließlich auch landen: Die Resto-Bar „La Almazara“ hat ein paar Tische auf einem kleinen Platz und serviert Tapas der gehobenen Art, von Langostinos mit Seegras über die sämige kalte Suppe Salmorejo bis zum Mini-Entrecôte.

Die Flamenco-Bar "El Pasaje" in Jerez de la Frontera

Die Flamenco-Bar „El Pasaje“ in Jerez de la Frontera

Hey, Costa de la Luz, wo ist die Welle?

Die Strandbar „La Ola“ gibt es sogar noch, nur nennt sie sich jetzt „La Ola Lounge Bar“ und hat einen festen Holzboden, aber ein paar Tische und Stühle stehen vorne immer noch so wackelig im Sand wie früher. Der Wind bläst heftig, der Atlantik schäumt heran und allmählich erscheint, mit den Füßen im Sand und dem Blick aufs Meer, alles so leicht, so luftig – einfach Luz. „Aber so richtig kacheln tut es hier nicht“, sagt Frank in wiedergewonnenem Surfer-Speak. Deshalb ist Conil auch kein Hotspot für Kitesurf-Cracks wie Tarifa, sondern der richtige Ort, um das Wellenreiten zu lernen.

Andalusien, Costa de la Luz: Am Strand von Conil de la Frontera

Andalusien, Costa de la Luz: Strand von Conil de la Frontera

Nahe der Mündung des Flüsschens Salado tummeln sich die Anfänger, je nach Gruppe mit roten, gelben oder grünen T-Shirts über dem Wetsuit, damit die Lehrer ihre Schäfchen auch auseinanderhalten können. Meiner heißt Joshua, hat mal Psychologie studiert und sich irgendwann fürs Surfen statt fürs Businessleben entschieden. Nach einer Stunde mit Trockenübungen im Sand, Paddeln im kabbeligen Meer und vielen, sehr vielen gischtverwirbelten Platschern stehe ich tatsächlich für drei Sekunden auf dem Board und surfe bis fast auf den Strand – ein Gefühl, von dem man unbedingt mehr will.

Andalusien, Costa de la Luz: Los Caños de Meca

Costa de la Luz: Am Cabo de Trafalgar bei Los Caños de Meca

Ausritt zu Bike und Pferd

Der Sand ist allgegenwärtig, auch oben auf den Klippen im Pinienwald. Hier sind wir mit Michael unterwegs, der für den Sportreiseveranstalter Frosch Reisen Mountainbiketouren organisiert. Auf schmalem Pfad radeln wir hoch über dem Meer entlang, hinunter zum Fischerhafen und dann weiter oberhalb der Steilküste. Tief unten liegen die in den Fels geschmiegten Sandbuchten von Roche.

Auf dem Rückweg kämpfen wir uns durch knöcheltiefen Sand, stapfen, schieben, fluchen und schaffen es dann doch, die Bikes zu manövrieren. Für Ausritte zu Pferd, wie sie für morgen einige andere Gäste geplant haben, scheint mir das Gelände geeigneter. Aber abends unter der Dusche, als der Schweiß und der Sand des Tages in den Abfluss rinnen, fühle ich mich großartig.

Cartujanoszucht

Nur wenige Kilometer abseits der Costa de la Luz werden Cartujanos (Kartäuserpferde) gezüchtet

Spektakulärer Sunset

Und schon ist es wieder da, das Coste de la Luz-Gefühl. Deshalb muss ich in Conil am Strand Playa de La Fontanilla sein, wenn die Sonne ihre Strahlen einzieht und die Wolken erst golden, dann rosa und schließlich in tiefem Violett aufleuchten lässt. Am nächsten Abend erleben wir ein noch dramatischeres Farbenspiel in der winzigen Streusiedlung Zahora, wo das Bar-Restaurant des Hotels „Sajorami“ die absolute Pole-Position über dem Meer innehat. Am übernächsten Abend erleben wir den Sunset in El Palmar.

Vor 20 Jahren gab es hier nur zwei Campingplatze in den Feldern und ein paar illegal erbaute Privathäuser, heute ist El Palmar der Hotspot für Wellenreiter. Das Restaurant „La Torre“ mit seiner großen Terrasse über dem Meer bildet quasi das Zentrum. Surfer mit sonnengebleichtem Haar werfen sich auf die Plastikstühle und bestellen schnell ein Bier, bevor die Wellen wieder maximalen Surfspaß versprechen, spanische Hipster sitzen bei einem späten Mittagessen mit Seafood und Salat.

Andalusien, Costa de la Luz: Zahora Sonnenuntergang im Hotel Sajorami

Pole-Position an der Costa de la Luz – den schönsten Ausblick hat man in der Zahora Sunset Bar des Hotels Sajorami

Große Kunst im Hinterland der Costa de la Luz

Wir müssen jetzt mal weg von dieser Küste, schließlich locken im Hinterland von Andalusien bezaubernde „Weiße Dörfer“. In Arcos de la Frontera bleiben wir gleich in der engen Hauptgasse hängen, weil in der Bar „Jóvenes Flamencos“ das Leben tobt. Ab und zu schiebt sich ein Auto hoch zur Plaza, für das man dann die Stühle auf der Straße kurz beiseite rückt. In Vejer de la Frontera lockt das Navi uns selbst mitten ins Gassengewirr.

„In Vejer waren wir damals auch, wenn Flaute herrschte“, erzählt Frank und wundert sich über die so perfekt weiß gekalkten Häuser mit leuchtenden Bougainvilleen – er hat finstere Ecken und abblätternden Putz in Erinnerung. An der verkehrsberuhigten Ringstraße Corredera haben mittlerweile viele Open-Air-Cafés mit toller Aussicht eröffnet. Doch wir fliehen vor der Mittagshitze in die frühere Markthalle und gönnen uns zart marinierte Fischchen.

Straßencafé in Pueblo Blanco

Im Hinterland der Costa de la Luz: Straßencafés in einem der Weißen Dörfer

Cádiz – ein Bild von einer Stadt

Vom Land in die Stadt … und in was für eine! Cádiz ist die älteste Stadt Westeuropas, besiedelt schon vor 3.000 Jahren. Da fallen Franks 30 Jahre Abwesenheit nicht groß ins Gewicht. Mit Pausen und Ausblicken bummeln wir in rund zwei Stunden auf der Promenade um die an drei Seiten von Meer umschlossene Altstadt.

Vielleicht gab es früher in den Fußgängergassen weniger internationale Marken – die Catedral Nueva mit ihrer dottergelben Kuppel bröckelte allerdings damals schon und das Castillo de San Sebastián thronte auf seiner Felsinsel im Süden des entzückenden Stadtstrands Playa de Caleta. Obwohl: Als Double für Havanna im James-Bond-Film „Stirb an einem anderen Tag“ kennt man das Castillo erst seit 2002, für die Öffentlichkeit gratis zugänglich ist es seit wenigen Jahren.

Andalusien, Costa de la Luz: Aussichtsturm Torre Tavira in Cadiz

Aussichtsturm Torre Tavira: Hier liegt einem Cadiz zu Füßen – mit 360° Panorama

Riesendüne und Römersiedlung

Je weiter wir auf der Küstenstraße N-340 Richtung Tarifa kommen, desto lebhafter wird Frank. Vorbei an Zahara de los Atunes mit seinen kilometerlangen Surferstränden nach Los Caños de Meca, wo wir helfen, ein im Sand festgefahrenes Wohnmobil-Oldie freizuschaufeln. Wir nähern uns dem Zentrum der europäischen Kitesurf-Elite mit den hippsten Beach-Bars weit und breit.

Andalusien, Costa de la Luz: Zahara de los Atunes

Zahara de los Atunes: Kein Strand ohne Surfschule

Flashback im Osten der Costa de la Luz

Franks Home-Base mit dem VW Bulli war damals der Campingplatz Torre de la Peña, und da will er unbedingt hin. „Hier, das war unsere Ecke“, sagt er und deutet auf einen Platz unter alten Kiefern, „da drüben stand Manni, und da der ,Giftonkel‘, von dem man munkelte, dass er in großem Stil Haschisch aus Marokko importierte.“

Andalusien, Costa de la Luz: Hotel El Beaterio in Tarifa

Das Hotel El Beaterio gehört Endo und Carmen. Endo stammt aus einer fränkischen Provinz und kam in den 80ern als Surfer hierher

Auch in der Altstadt von Tarifa hat sich nicht viel verändert – außer dass das Surfer-Publikum nicht mehr durchgängig Anfang Zwanzig ist. Tagsüber ist wenig los in den engen, wenig herausgeputzten Gassen, aber am Abend trifft sich alles auf kleinen Plätzen wie der schnuckeligen Plaza San Martín – je nach Geschmack bei Tapas und Cerveza oder Superfood mit Smoothie. Wir checken bei Endo und Carmen in den „Apartamentos El Beaterio“ ein. Endo kam, noch ein paar Jahre vor Frank, aus der fränkischen Provinz zum Surfen nach Tarifa in Andalusien und kaufte das alte Kloster mitten im Ort in den 80ern. Nach und nach entdecken die beiden gemeinsame Bekannte, reden über einen Kumpel von damals, der jetzt in Brasilien surft, schwelgen in alten Zeiten – die Nacht wird lang.

Andalusien, Costa de la Luz: Tarifa ist Kitesurf-Hotspot

Tarifa ist Hotspot für Kitesurf-Cracks

Die Flaute schlägt zu

Am nächsten Morgen hat Frank wieder so einen seltsamen Gesichtsausdruck. Wir fahren raus zu den Surfstränden Playa de los Lances und Playa de Valdevaqueros, über denen Hunderte von Kites wie bunte Smarties in der Luft tanzen, in den Strandbars wummert Elektro-Sound. Surfer mit starrem Segel sieht man kaum mehr. Am frühen Abend sind wir mit Kai verabredet, einem deutschen Ingenieur Mitte Dreißig, der keine Lust mehr auf Karriere und Konsum hat und jetzt als Surflehrer bei Tarifa lebt.

Vor ein paar Tagen haben wir uns in El Palmar kennengelernt und abgemacht, dass er Frank das Kiten beibringt. Aber keine Chance: Der Levante schläft ein, die Smarties liegen am Strand. Frank wirkt fast ein bisschen erleichtert: „Hey, ich habe ja nur eine Badehose dabei, keine Surfershorts, wie sähe das denn aus?“ Er wird noch einmal wiederkommen müssen.

Andalusien, Costa de la Luz: Whale-Watching in der Straße von Gibraltar

Delfine sieht man fast immer bei den Whale-Watching-Touren in der Straße von Gibraltar

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Info Costa de la Luz

Anreise an die Costa de la Luz

Nach Jerez de la Frontera nonstop in drei Stunden mit Tuifly oder Condor  ab 250 Euro;
Alternativ-Airports mit weiterer Anfahrt zur Costa de la Luz sind Sevilla und Málaga

Schlafen

Hotel Posada de las Cuevas in Arcos de la Frontera
Ein sympathisches, kleines Hotel mit gepflegten Zimmern, die teilweise alte Mauerbögen integrieren, außerdem gute Betten und tolle Aussicht. Große Dachterrasse.
DZ/F ab 50 Euro, „Superior“ mit Balkon ab 70 Euro

Casa Andaluza
Apartments und Ferienhäuser in Conil, Roche, El Palmar, Zahora, Los Caños de Meca. Guter Service, faire Preise.
Ferienhaus für vier Personen in Zahora ab 378 Euro/Woche

Apartamentos El Beaterio in Tarifa
Zimmer und Apartments in einem verwinkelten alten Kloster. Legere Dachterrasse mit Sitzecken und Afrika-Blick.
DZ ab 60 Euro, kein Frühstück, aber viele Bars ums Eck

Aktivitäten

Whale-Watching in Tarifa
Bei den zwei- bis dreistündigen Trips (30 Euro) mit der Schweizer Organisation „Firmm“ kann man sicher sein, dass die Wale und Delfine nicht bedrängt werden

Lesen

Ausführlicher Guide zur Küste und den Orten im Hinterland mit vielen praktischen Tipps zu Stränden, Sightseeing und Tapas-Bars: „Costa de la Luz“ von Thomas Schröder (2017, 288 Seiten, 16,90 Euro, Michael Müller Verlag)


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Über diesen Autor

Anja Keul

Anja Keul

Volontariat kurz nach dem Abitur, danach Redakteurin, dann freie Journalistin, um parallel Philosophie zu studieren – uff. Kurz vor ihrem 30. Geburtstag zog Anja aber die Bremse, um erst einmal ein halbes Jahr um die Welt zu reisen und in Mexiko hängen zu bleiben. Als Kulturressortleiterin bei „Cosmopolitan“ und Journalismus-Dozentin ging es danach zwar weiter, aber irgendwie schlichen sich immer mehr Reisegeschichten in ihre Arbeit. Deshalb machte sie sich als freie Reise-Autorin und Entwicklerin von (Reise)-Magazinen selbstständig. Besonders gern fährt sie in spanischsprachige Länder, weil sie die Sprache und ihre Variationen mag – von der iberischen Halbinsel über Kuba bis Argentinien.