Länderberichte

Florida | So relaxt ist Saint Augustine

Florian Kinast
Geschrieben von Florian Kinast

Größer könnte der Kontrast zur Party-Hochburg Miami nicht ausfallen: Saint Augustine mit seinem relaxten Hippie-Charme bietet Entspannung pur

Rob hatte schon den ganzen Tag gute Laune. Rob, ein Mann mit sonnigem Gemüt und fröhlichem Dauerlächeln. Rob steht an der Kasse der Tour durch das „Colonial Quarter“ an der St. George Street, ein kleines Freilichtmuseum mit Einblicken in die lange Historie des Orts.

Rob ist 57, die ersten 56 Jahre seines Lebens verbrachte er in seiner Geburtsstadt Miami, vor einem Jahr zog er dann hierher, nach Saint Augustine. Was ihn nun aber wirklich mächtig erheitert, ist die Frage, ob es denn Gemeinsamkeiten gebe zwischen der hippen Metropole im Süden und dem kleinen Städtchen gut 300 Meilen weiter nördlich. Rob schüttelt sich vor Lachen, dann spricht er von „day and night“. Von einem Unterschied wie Tag und Nacht.

In der Ruhe liegt die Kraft

Zwei Tage in Saint Augustine reichen, um zu erkennen: Rob hat Recht. Auf der Reise durch Florida ist Saint Augustine die ruhigste Stadt, die entspannteste. Das Schlendern durch die kleinen Gassen, nirgendwo ist es so wohltuend entschleunigt wie hier. Man denkt noch zurück an das partyaffine Miami und seinen Beach, an den pulsierenden Ocean Drive und den dröhnenden Hip-Hop-Sound aus den Musikbars – und bummelt entlang am „Mi Casa Café“, in dessen Garten wie jeden Nachmittag die lokale Country-Größe Bo Griner melancholisch seine Gitarre zupft und von der verlorenen Liebe singt. Man geht vorbei und bleibt stehen bei den Straßenkünstlern mit ihren Ziehharmonikas, Gitarren und Didgeridoos.

St. Augustine wurde bereits im 16. Jahrhundert von den Spaniern gegründet

St. Augustine wurde bereits im 16. Jahrhundert von den Spaniern gegründet

Saint Augustine – das Saint Tropez von Florida

Saint Augustine, gefühlt die langsamste Stadt Amerikas. Aber in jedem Fall die älteste. 1565 setzten die Spanier hier an Land, im Lauf der ersten Jahrhunderte hatte der als „San Augustin“ gegründete Ort jedoch einiges durchzustehen. Belagert, geplündert, abgefackelt, ob von Briten, Piraten oder Indianern, die Heuschrecken im alten Ägypten waren nichts dagegen. Allerdings zeigten die Bewohner von Saint Augustine dabei enorme Nehmerqualitäten, als kollektive Stehaufmännchen bauten sie die Stadt immer wieder von vorne auf. Nach der Übergabe Floridas an die USA 1821 wurde es friedlicher, mit dem Bau der Florida East Coast Railway Ende des 19. Jahrhunderts stieg Saint Augustine zum mondänen Urlaubsparadies des Jet-Set aus den Nordstaaten auf. Die Gegend wurde zur Côte d’Azur von Florida.

Hippie-Charme statt Beton-Ambiente

Den Reiz hat sich Saint Augustine bis heute erhalten. Keine grässlichen Betonbettenburgen, wie sie sich eine gute Stunde weiter südlich in Daytona Beach perlenschnurartig aneinanderreihen, dafür liebenswerte alte Familienhotels und Frühstückspensionen. Dutzende Geschäfte von Handwerkern, Künstlern, Juwelieren, die sich zwischen der Uferstraße Avenida Menendez und der Cordova Street angesiedelt haben, ein bisschen Woodstock-Flair, Hippie-Charme in Florida.

Einer der vielen Läden für Souvenirs

Lass den Sonnenschein! Hippie-Charme verzaubert St. Augustine

Starbucks muss sich verstecken

Auch Scott Moulton hat es hierher verschlagen, ein eloquenter Engländer aus Leeds, den man viel fragen kann, nur besser nicht zum Thema Fußball, der stetige Abstieg von Leeds United, seinem Heimatverein, da winkt er nur ab, ein Trauerspiel. Lieber spricht er auf seiner dreistündigen „Tasting Tour“, einem kalorienreichen Verköstigungsmarathon durch entzückende Lokale, über die Eigenheiten von Saint Augustine.

Dazu gehört, dass man sich erfolgreich gegen den Einzug der großen Kommerzfirmen wehrt. Denn das standardisiert genormte Einheitsbild einer amerikanischen Main Street mit Handelsketten und Konzernen sucht man hier vergebens. Nur im „Ponce de León“-Hotel, einem 1888 errichteten Prachtbau im Stil der Spanischen Renaissance, gibt es verschämt versteckt einen Starbucks. Allerdings ohne Hinweis, ohne Schild, ohne Schriftzug. Hier gibt’s den Frappuccino inkognito.

Gib Mainstream keine Chance

Auch gefräßige Immobilienhaie beißen sich mitunter die Zähne aus, wie Scott erzählt, kürzlich wollte ein Hotelgigant einen Neubau hinstellen, durfte er aber nicht. Das Gebäude war nämlich drei Meter zu hoch. Höher als 35 Fuß, knapp elf Meter, darf nicht gebaut werden. Sie halten hier lieber alles ein wenig flach, in dieser so eigenen Welt, die sich mit ihren unbeugsamen Bewohnern ihren Charakter bewahrt, um dem übermächtigen Mainstream Widerstand zu leisten. Das gallische Dorf Floridas. Oh, Du liebes Augustine.


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Info

Hotel-Tipp

Bayfront Marin House

Charmant familiär geführtes Hotel in klassischer Südstaaten-Architektur, direkt im historischen Ortskern. Große Terrasse mit Hollywood-Schaukel. Großzügige Zimmer mit Himmelbetten, Kaminen und Jacuzzi. Jeden Tag zwischen 17 und 19 Uhr Happy Hour mit gratis Drinks, Wein und Bier, dazu kleine Snacks. DZ/F ab 180 Euro

Lesen

Alles Wichtige zum Sunny State in Kürze bietet der 155 Seite starke Band „Florida“ von Marco Polo (2016, 13 Euro) mit 14 Seiten Reiseatlas und Faltkarte zum Herausnehmen.

500 Seiten zählt „Florida mit Atlanta, Charleston, New Orleans“ aus dem Reise Know-How Verlag, ebenfalls mit separater Karte zum Herausnehmen.


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Über diesen Autor

Florian Kinast

Florian Kinast

Gebürtiger Münchner mit festen Wurzeln in der Heimat und zeitgleich permanenten Ausbruchsgelüsten in die weite Welt. Schrieb in seinem Buch „111 Gründe, Bayern zu lieben“ eine Eloge an seine Heimat, veröffentlichte aber in der Münchner „Abendzeitung“ auch zahlreiche Reiseberichte aus Amerika, Asien und Afrika. War zwischen 2002 und 2014 als Korrespondent bei allen sieben Olympischen Spielen vor Ort, interessierte sich in seinen Reportagen aber weniger für den Sport als mehr für das Land, die Leute, das Leben. Begeisterter Skifahrer, Bergsteiger und Mountainbiker, erlebte sein größtes Fiasko am 26. Mai 1999, als er beim Anstieg auf einen Fünftausender im Himalaja 50 Meter unterhalb vom Gipfel mit Höhenkoller umkehren musste. Am gleichen Abend verlor der FC Bayern das Champions-League-Finale gegen Manchester United in der Nachspielzeit. Kinast und die Bayern haben sich von dem traumatischen Tag aber bis heute gut erholt.