Länderberichte

Griechenland | Schöner Peloponnes I

Thomas Linkel
Geschrieben von Thomas Linkel

Halbe Insel – ganze Sache: Der Peloponnes bietet traumhafte Strände, authentische Lebensart, gutes Essen, charmante Städtchen und wildschöne Landschaften. Ein guter Start: Nauplia.

Nick, der Imker, lächelt unterm Schutzhut hervor: „In meinen Adern fließen Blut und Honig.“ Er hebt eine Bienenwabe in die Luft und schabt mit dem Stockmeißel vorsichtig überschüssiges Propolis von der Oberfläche, am hölzernen Wabenrand tropft frischer Honig herunter. Jetzt im Mai stehen seine Bienenkästen auf einer Wiese umgeben von Zitronen- und Orangenbäumen in der Nähe von Nauplia, der Provinzstadt am Argolischen Golf.

Als die Sonne im Zenit steht, ist es Zeit, sich mit einem griechischen Mokka in den Schatten eines Cafés in der Altstadt von Nauplia zurückzuziehen und das Treiben zu beobachten.

Nauplia spielte aufgrund seiner geografischen Lage Jahrhunderte im Spiel der europäischen Mächte eine wichtige Rolle und wurde von Byzantinern, Venezianern und Türken regelmäßig erobert und wieder verloren. Als der Wittelsbacher Otto I. König von Griechenland wurde, diente ihm Nauplia kurz als Residenzstadt. Heute befinden sich in den klassizistischen Gebäuden rund um den Hauptplatz Platía Sintagmátos unzählige Boutiquen, Cafés und Restaurants.

Alt trifft Jung: Hoch über Nauplia thront die Palamides-Festung – hier geben sich verliebte Paare ein Stelldichein

Alt trifft Jung: Hoch über Nauplia thront die Palamidi-Festung – hier geben sich verliebte Paare gern ein Stelldichein

 

Wilder Thymian und Mohn

Abseits der Hauptgassen blättert der Putz von Hauswänden, sind Dächer eingestürzt und wuchern wilder Thymian und Mohn in aufgegebenen Gärten. 999 Stufen über der Stadt thront die venezianische Palamidi-Festung, unter deren Mauern sich junge Liebende treffen, um die Dämmerung auszunutzen.

„Du bist hier in Griechenland!“, ruft Sandalenmacher Gregory empört, als ich ihm Geld für einen Kaffee geben will. Selbstverständlich sei ich eingeladen. Von morgens bis abends sitzt er in seiner Werkstatt an der zur Gasse hin offenen Tür und fertigt Ledersandalen.

40 Paar muss er täglich verkaufen, um sich und seine sechs Angestellten über die Runden zu bringen, aber das Geschäft läuft gut – Handgemachtes aus Griechenland ist wieder gefragt. Während seine Hände unablässig Riemen schneiden und Sohlen verkleben, hält er mit Passanten und Freunden einen Plausch.

Sandalenmacher

Hält die griechische Gastfreundschaft hoch: Sandalenmacher Gregory – hier bei seiner Arbeit

 

So schmeckt der Peloponnes

Bessie Mavroukaki ist auf einen Kaffee vorbeigekommen, ihr Laden mit griechischen Spezialitäten liegt um die Ecke. „Hier herrscht der Wahnsinn“, erzählt sie, „die Regierung weiß nicht, was sie will, die Opposition kreist um sich selbst und wir sind die, die es ausbaden müssen. Steuern hoch, Steuern runter, Solidaritätszuschlag ja, dann wieder nein, wie sollen wir da richtig kalkulieren?“, fragt sie. Aber am Ende könnten sie nicht mehr tun, als sich selbst aus dem Sumpf herauszuziehen. Sie ließen sich von der Regierung jedenfalls nicht unterkriegen, stellt sie fest.

Bessi präsentiert in ihrem Geschäft „taste3“ feinste griechische Produkte. In einer Glasvitrine liegen unzählige Nusssorten, getrocknete Früchte und Kräuter. Tees, Olivenöle und Weine stehen auf Metallregalen vor Backsteinwänden. „Wir haben so wunderbare Lebensmittel“, sagt sie, „aber die wenigsten wissen davon, weil die Bauern meist nur für den Eigenbedarf wirtschaften.“ Deshalb fährt sie durch die Dörfer, probiert, kauft ein, sorgt dann für moderne Verpackung und Design und verkauft alles in ihrem Laden und im Internet.

Altstadt Nauplia

Flanieren-Freuden in der Altstadt von Nauplia: Hier residierte 1833 Otto von Bayern als König von Griechenland

Wildschweine aus dem Taygetos-Gebirge

Das Lokal „Kastro Karima“ liegt versteckt in einer Gasse unterhalb der Festung. An einem der Tische sitzt Alexandros und raucht eine selbstgedrehte Zigarette. In der Taverne seiner Familie werden hervorragende, traditionelle Gerichte gekocht. „Die in Athen machen uns noch verrückt“, sagt er und blickt auf die schmiedeeisernen Balkongitter der umliegenden Häuser. Zwischen den Politikern tobe Krieg, aber sie ließen sich davon nicht verrückt machen. Er blickt dem Rauch seiner Zigarette nach: „Bin gespannt, wann sie uns das auch noch nehmen wollen.“

Seine Familie setze nur auf einheimische Produkte und auf gute Beziehungen zu ihren Lieferanten. Die besten Wildschweine und Pilze bekämen sie zum Beispiel aus dem Taygetos-Gebirge in der Nähe von Georgitsi, erzählt Alexandros, und ob das nicht auch für mich ein lohnendes Ziel wäre?

Lecker Oktopus:

Köstlicher Oktopus, ein typischer und beliebter Leckerbissen in den Restaurants an der Küste

Einer der letzten seiner Art

Wolken haben die Berge verschluckt. Regenschwaden ziehen über das Land. Kein Mensch ist in den wenigen Straßen von Georgitsi zu sehen. Der Ladeneingang ist unscheinbar, drinnen herrscht Dämmerlicht. In der Mitte des Raums steht ein Holzofen, an den Wänden hängt ein Bild von John F. Kennedy neben Marienbildern und der persischen Kaiserin Soraya. Mehrere Wanduhren ticken, eine unüberschaubare Menge an Produkten jeglicher Art stehen, liegen, hängen von Wänden, in Regalen und Vitrinen.

„Seit 1923 gibt es diesen Laden und wenn ich einmal tot bin, dann wird auch er sterben“, sagt Thanasis Dimos, 86 Jahre alt. Menschen wie er sind lebende Geschichte, zeigen, wie sehr sich die Welt und das Dorfleben in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben. Als Thanasis den Laden 1959 übernahm, gingen 300 Kinder in die Dorfschule, im Schließungsjahr 2006 waren es noch 20. Ebenso sank die Einwohnerzahl rapide, ganze Familien wanderten in den 60ern in die USA aus.

Aussicht auf Nauplia, die Hafenstadt am Argolischen Golf. Sie wurde dem Mythos zufolge von einem Sohn des Poseidon und der Amymone gegründet.

Nauplia: Die Stadt am Argolischen Golf wurde dem Mythos zufolge von einem Sohn des Poseidon und der Amymone gegründet

Hier sagen sich Kaninchen und Füchse Kalinichta

Hinter den letzten Häusern Georgitsis beginnt die Wildnis des Taygetos-Gebirges. Ioannis, der Besitzer eines Gasthauses, lässt es sich nicht nehmen, mir die Umgebung zu zeigen. Die Natur ist üppig und so ganz anders als auf dem übrigen Peloponnes: Bäche plätschern über moosbewachsene Felsen, neben Wasserfällen wuchern Farne. Griechische Tannen und Schwarzkiefern mischen sich mit Eichen, im dichten Unterholz leben Rehe, Kaninchen und Füchse.

Im Herbst, erklärt Ioannis, sammelt er Pilze und Kastanien und geht auf Wildschweinjagd. Wir fahren durch Mischwald auf ausgewaschenen Schotterwegen bis zur Spitze des Berges Aghios Pandeleimon. Dort steht Ioannis neben dem weißen Gipfelkreuz auf knapp 1.600 Metern Höhe mit flatternder Hose im Wind. Gemeinsam blicken wir über dicht bewaldete Hänge auf das Tal des Evrotas: Auf seinen fruchtbaren Böden entwickelte sich Sparta, dessen Häuser in der Ferne schimmern.

Der Syntagma-(Verfassungs-)-Platz in Nauplia, hier findet man das Archäologische Museum und eine alte Moschee

Der Syntagma-Platz in Nauplia: Hier findet man das Archäologische Museum und eine historische Moschee

Gemüse, Oliven, Obst – alles biodynamisch

Er ist mit Frau und Kindern aus Korinth hierhergezogen, weil er sich in die Gegend verliebt hatte. Fast alles, was sie essen und trinken, kommt aus der Region, seine Frau kocht traditionelle Gerichte, es gibt Tage, an denen die ganze Familie nur Marmeladen macht, Liköre braut und Früchte einweckt.

Auf alte Rezepte greift auch Filippos zurück, ein junger Koch, der auf dem Bio-Bauernhof Eumelia für raffiniert einfache Mahlzeiten sorgt. Das Anwesen liegt etwa 80 Kilometer von Georgitsi entfernt inmitten von Olivenhainen. Und das schon vorweg: Besser geht kaum. Das fängt schon bei der abgeschiedenen Lage an, die einen schnell zur Ruhe kommen lässt.

Die fünf in Erdfarben gestrichenen Bungalows bieten einerseits genügend kühlen Platz im Inneren, aber auch große beschattete Terrassen. Gemüse, Oliven, Nüsse und Obst werden biodynamisch angebaut, zu Marmeladen verarbeitet und zum Kochen benutzt.

Nauplia: Ein Tipp für Sparsame ist die „Pension Althaia Nafplio“ in einem renovierten Stadthaus aus dem 19. Jahrhundert. Doppelzimmer kosten ab 70 Euro

Nauplia: Ein Tipp für Sparsame ist die „Pension Althaia Nafplio“ in einem renovierten Stadthaus. Doppelzimmer ab 70 Euro

Sappho, die Seifen-Erfinderin

Frangiskos pflanzt auf dem 500 Hektar großen Grundstück nur Sorten, die hier heimisch und an das heiße Klima angepasst sind, um den Wasserverbrauch des Hofes zu minimieren. Man kann bei den Ernten mithelfen, Seifen selbst herstellen oder einen Kochkurs besuchen.

Einer griechischen Legende nach soll die Lyrikerin Sappho diejenige gewesen sein, die die Vorteile von Seife als Erste beschrieb. Sie beobachtete angeblich, wie Frauen regelmäßig unterhalb eines Tempels in einem Bach Wäsche wuschen und nach einem Starkregen die Kleider plötzlich sauberer waren. Dies führte sie auf die Asche-Tierfett-Mischung zurück, die vom Regen von den Opferaltären im Tempel gespült wurden. Der griechische Begriff für Seife, „Sapuni“, gehe auf ihren Namen zurück.


Info

Anreise

Täglich Direktflüge nach Athen mit Aegean Airlines, Lufthansa und anderen. Nach Kalamata fliegt Condor von Frankfurt und München, Aegean/ Lufthansa ab München.

 

Hotel-Tipps

Eumelia Organic Agrotourism Farm & Guesthouse

Egal, ob man es Biobauernhof oder Gästehaus nennt, die fünf Bungalows sind sehr gemütlich und bieten genügend Platz. Das Frühstück besteht aus selbst hergestellten Produkten: Säfte, Marmeladen, Öle, Brot, Käse, Gemüse, Früchte. Bungalow/F ab 100 Euro. Wer will, kann bei der Ernte mithelfen, Hunde, Katzen, Pferde streicheln oder einen Kochkurs machen.

Citta dei Nicliani

Das Boutiquehotel bietet stilvolles Ambiente in zwei Wohntürmen aus dem 18. Jahrhundert. Die Zimmer sind aufgrund der kleinen Fenster etwas dunkel, aber gemütlich eingerichtet. Die Mahlzeiten nimmt man im begrünten Innenhof ein, die Küche ist regional und hervorragend. On top gibt es gute Ausflugstipps und Geschichten rund um die Mani aus erster Hand. DZ/F ab 75 Euro.

Web

Tourismusbüro Griechenland

 


 

 Sie wollen jeden Monat informative, reich bebilderte Reportagen aus aller Welt lesen und von vielen vor Ort recherchierten Tipps profitieren? Dann  jederzeit kündbares Zeitlos-Abo abschließen, eine ältere Ausgabe versandkostenfrei  nachbestellen  oder das ganze Heft als eMagazine auf dem Tablet-PC lesen

Über diesen Autor

Thomas Linkel

Thomas Linkel

„Meine Neugier ist unstillbar.“
Nach einer fotografischen Ausbildung im Stilllife-Studio und dem Abschluss zum Diplomwirtschaftsgeograf arbeitet Thomas seit 15 Jahren für internationale Magazine in den Bereichen Reise, Reportage, Portrait und Architektur sowie für die Unternehmenskommunikation internationaler Kunden. Für seine Produktionen hat er über 100 Länder bereist.

abenteuer und reisen testen!

NEUJAHRS-SCHNÄPPCHEN

3 Ausgaben von „abenteuer und reisen“ + 1 Prämie zur Wahl für 13,50 Euro
Katalog-Service

Nice 'n' easy

Holen Sie sich für Ihre Reiseplanung die Kataloge renommierter Spezialveranstalter gratis ins Haus