Länderberichte

Guyana | Grüner Geheimtipp

Martin Müller
Geschrieben von Martin Müller

Guyana, das frühere British-Guayana, ist die große Unbekannte Südamerikas. Wir haben uns umgesehen im Land für Entdecker und Natur-Liebhaber. Ergebnis: Ein tierisch schöner Reisebericht!

Das dottergelbe Fröschlein starrt uns aus dem Blatttrichter einer Bromelie entgegen. Es lauert in seiner unscheinbaren Nische auf der Jagd nach Insektenhappen und ist nicht größer als ein tropischer Regentropfen. Und dennoch haben wir es aufgespürt, vielleicht sogar als Erste, denke ich mit stillem Entdeckertriumph.

Unberührtheit und Intimität triefen dem feuchten Dschungel in Guyana aus jeder grünen Pore. Das gilt selbst für die nebenan 226 Meter ungebremst zu Tal donnernden Wasserfälle. Brutal schön präsentiert sich dieser tosende Schwall auf einer Breite von 122 Metern, was die Kaieteur-Fälle zu einer der mächtigsten Kaskaden der Erde machen.

Guyana Wowzer: Kaieteur-Fälle

Kein Geländer, keine Warnschilder, kein Kiosk. Wer hier trotz Absperrung fürs Selfie einen falschen Tritt tut, der verschwindet spurlos im Potaro-Fluss tief unten.

Die Besucher der XL-Kaskade sind handverlesen, schon weil die Anreise nur mit Mini-Flugzeugen möglich ist. Aber selbst die Hauptstadt Georgetown liegt unterm Globetrotter-Radar. Das naturgewaltige Land im Norden Südamerikas mit nur 777. 000 Einwohnern (auf fast der Größe von Westdeutschland) ist bis dato touristisch unbedeutend.

Guyana: Naturspektakel in der Einsamkeit: 226 Meter stürzen die Kaieteur-Fälle in die Tiefe

Das große Naturspektakel in Guyana: 226 Meter stürzen die Kaieteur-Fälle in die Tiefe

Kein Bier in der Urwald-Lodge

Guyana, ehemals British-Guayana und nicht zu verwechseln mit dem benachbarten Französisch-Guyana, wirbt mit seinen Naturschönheiten um Besucher – und hat eine Handvoll Journalisten eingeladen.

Wir bleiben über Nacht. Die einfache Lodge wurde 1929 für Feldforscher in den Urwald gezimmert. Regentropfen prasseln aufs Wellblechdach und übertönen den Nachtgesang der Frösche. Durch die Lamellenfenster fächelt kühlender Passatwind. Es gibt kein Bier – niemand soll besoffen über die Wasserfallklippe fallen.

Guyana: Georgetown: Szene auf dem 1880 erbauten Bourda Market

Georgetown: Szene auf dem 1880 erbauten Bourda Market

Guyana: Seit 1966 unabhängige Republik

Zum Essen gibt es „Cook-up Rice“, den landestypischen Eintopf aus Reis, Bohnen, Fleisch und Kokosmilch. Carlos Allie, der das Kaieteur-Camp betreibt, macht mit indisch-karibischer Gewürzpalette daraus ein schmackhaftes Gericht. In Carlos’ Zügen erkennen wir indische Vorfahren. „Die Briten haben uns Ostinder hergeholt. Sie lockten mit dem Versprechen von Existenzgründung und Wohlstand.“ Letztlich beaufsichtigten Carlos’ Vorfahren afrikanische Sklaven bei der Produktion von Kaffee und Zucker.

„Seit der Unabhängigkeit von Großbritannien 1966 und der Republik-Gründung 1970 sind wird multi-kulti und haben keine Probleme damit“, malt Carlos uns ein friedvolles Miteinander aus. „Meine Mutter ist Hindi, ich bin Muslim, meine Frau ist Christin.“ Trotz dieses Laissez-faire sei Religiosität nicht unwichtig, räsoniert er: „Wenn du an nichts glaubst, endet alles im Chaos.“

Guyana: Golden Rocket Frog: Der hübsche Winzling lebt nur auf dem Kaieteur-Plateau

Golden Rocket Frog: Der hübsche Winzling lebt nur auf dem Kaieteur-Plateau

Den morgendlichen Abschiedsblick auf den überwältigenden Kaieteur von der malerisch zerklüfteten Sandsteinkante verwehrt uns ein Schleier aus Sprühnebel. Wir verharren orientierungslos in einer uferlosen Wolke, bis uns ein Flugzeug aus dem Inferno klaubt. Wir zockeln über endlosen Wipfel-Brokkoli. Da, ein Dorf. Eine Landepiste. Ein Pool. Acht kleine Bungalows. Die „Rock View Lodge“. Das Dorf heißt Annai.

Der Hausherr Colin Edwards, Ende 60, Brite, empfängt uns charmant. Er hat sich den Weg hierher quasi selbst gebaut, als er vor 30 Jahren maßgeblich den 420 Kilometer langen Highway von Georgetown durch den Dschungel über Annai bis zum Ort Lethem an der brasilianischen Grenze verantwortete. Er erwarb das Landgut in der Rupununi-Savanne und bietet seit 1992 Savannen-Erlebnisse wie Cowboyritte mit Vaqueiros an, Aufspüren von einigen der gut 800 heimischen Vogelarten und Begegnungen mit der amerindisch-indigenen Makushi-Bevölkerung.

Guyana: Rupununi Road: Staubpiste zwischen Georgetown und Lethem

Rupununi Road: Staubpiste zwischen Georgetown und Lethem

Im Boot über den Rupununi-Fluss

Nächster Tag, nächstes Ökosystem. Wir steigen in Aluminiumboote und befahren den Rupununi-Fluss. Den Fluss säumen haushohe Uferwände, in deren porösem Kalkstein knorriger Wald wurzelt. Und der brütet eine Fundsache nach der anderen für uns aus.

Eisvögel huschen bunten Lichtreflexen gleich durchs Ufergespinst. Rosalöffler surren mit rosiger Zwei-Meter-Spannweite gravitätisch durch ihr Revier. Die Jabiru-Störche mit der unterarmlangen Schnabelwaffe übertreffen das noch, sie rangieren sogar als drittgrößte südamerikanische Vogelart. Manche gefiederten Schwärmer heißen Schnurrvögel, andere Schmuckvögel. Die absolute Krönung aber ist die Harpyie, der Muskelprotz unter allen Adlerarten des Planeten. Mit seinen kurzen Flügeln und einem langen Schwanz pflückt der perfekte Waldjäger die sich in der Morgensonne aufwärmenden Faultiere aus den Baumkronen.

Guyana: Georgetown: Blick über die Camp Street auf die St. George’s Cathedral

Georgetown, die Hauptstadt von Guyana: Blick über die Camp Street auf die St. George’s Cathedral

Guyana-Abenteuer Kaiman-Pirsch

Auf Treibholz-Hindernissen hocken bunt gefleckte Schienenschildkröten wie schickes Geschmeide. Otter und Kaimane erspähen wir mit Hilfe von Tourguide Wally, der von hier stammt und dessen Vater auf einmal mit dem Mountainbike am Ufer steht. Großes Hallo mitten im Nirgendwo.

„Wak! Wak! Wak!“ ruft’s aus der nächtlichen Wildnis. Von der Lodge „Cayman House“ im Dorf Yupukari aus gehen wir auf Kaimanpirsch. Wally lässt uns wissen, dass wir gerade dem Gladiator Tree Frog lauschen. Wenn hier Frösche schon ziemlich groß werden (übrigens versteckt sich hier auch irgendwo die Goliath-Vogelspinne mit 30 Zentimeter Beinlänge!) und die Rupununi-Fauna derart prächtig gedeiht, was bitte können wir da von Kaimanen erwarten? Der überall sonst auf der Welt als bedroht eingestufte Mohrenkaiman, den wir zur Nachtzeit suchen, wird in Extremfällen sechs Meter lang.

Guyana: Großer Ameisenbär unweit der „Karanambu Lodge“

Großer Ameisenbär unweit der „Karanambu Lodge“

Guyana: Alles andere als „Waldbaden“: Wanderung durch den Regenwald

Wanderung durch den Regenwald

Reggae auf der Insel Baganara

Frühstück um fünf bei Kerzenlicht unterm riesigen Mangobaum. Der Wind beginnt in den Baumkronen zu wildern und pflückt reife Mangos. Wir stromern mit zwei Toyota-Pick-ups durch die sanfte Hügelsavanne. Die Landschaft ist in warme Aquarellfarben getaucht. Den Tag vertrödeln wir mit eigenartigen Ameisenbären, nachts öffnen sich für uns auf atemberaubend schöne Weise die Blüten der Riesenseerose Victoria amazonica. Deren flache, kreisrunde Blätter können erstaunliche 60 Kilogramm Gewicht tragen.

Die Insel Baganara liegt im Essequibo-Fluss, 70 Kilometer landeinwärts von der Landeshauptstadt. Karibikpalmen-Charme zu Reggae-Hip-Hop mit feinstem Sand zwischen den Zehen in einer paradiesischen Lodge, in der schon Mick Jagger übernachtete, 15-jähriger Rum – das lässt sich aushalten! Abends donnern wir im Speedboat zur weiten Flussmündung. Die Sonne senkt sich und wird ziemlich flott vom Delta verschluckt. Irgendwie Amazonas-Stimmung.

Fort Island und Georgetown

Vom karibisch-amazonischen Feeling auf Baganara Island nach Bartica, einem seltsamen Glücksritter-Ort, sind’s nur wenige Flusskilometer. In Bartica fließt einiges zusammen: zwei Zuflüsse in den Essequibo-Strom, die Goldsucher mit den Taschen voller Geld und viel Schiffsverkehr. Von hier aus sind es noch etwa 50 Flusskilometer bis ins von vielen Schwemminseln durchsetzte Delta.

Auf einer von ihnen, Fort Island, befand sich bis in 18. Jahrhundert die Haupt-Administration für die profitablen holländischen Kolonien von Essequibo und Demerara. Bewegte Zeiten, in denen Holländer, Ureinwohner, Inder und afrikanische Sklaven ein explosives Völkergemisch am Fluss formten. Das alte Fort Zeelandia, das die Interessen der Holländer strategisch und mit Feuerkraft schützte, macht heute als Ruine immer noch mächtig Eindruck.

Guyana: Stiller Beobachter: Braunkopf-Klammer­affe in der „Rock View Lodge“

Stiller Beobachter: Braunkopf-Klammer­affe in der „Rock View Lodge“

Erdöl vor der Küste: Fluch oder Segen?

Zurück in Georgetown. Prallste Betriebsamkeit herrscht auf dem überwiegend offenen Bourda Market, auf dem seit 1880 mit Gemüse und Obst gehandelt wird, sowie auf dem seit 1792 in viktorianischen Hallen mit Uhrturm untergebrachten Stabroek Market.

„El Dorado“ hören wir immer wieder, wenn über Guyana gesprochen wird. Goldminen sind damit gemeint und seit drei Jahren die Offshore-Ölfunde in guyanischen Gewässern.

Die Ölvorräte sind nicht so groß wie im benachbarten Venezuela, aber größer als die aller Nordsee-Ölfelder. Die Verträge mit Exxon Mobil sind unterzeichnet, das Öl-Dorado steht unmittelbar bevor. Vielleicht errichtet man aber zuerst eine gesicherte Aussichtsplattform an den Kaieteur-Fällen, dem größten Naturschauspiel der ganzen Karibik. Dann würde der Golden Rocket Frog aber sicher das Weite suchen.

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Info Guyana

Anreise Guyana

Mit Condor ab Frankfurt/Main mit zwei Stopps (Grenada und Barbados) nach Georgetown in etwa 17 Stunden, Ticket ab circa 700 Euro. condor.com

Veranstalter

Der englischsprachige Guyana-Spezialist Wilderness Explorers bietet viele verschiedene Touren an, vom Ein-Tages-Trip zu den Kaieteur Falls bis zur 14-tägigen Guyana Nature Experience. wilderness-explorers.com

Web

Deutsche Vertretung der Guyana Tourism Authority, c/o fastforward-marketing Schwarzbachstraße 32, Mettmann, Tel. 06187/ 90 07 80. fastforward-marketingguyanatourism.com


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Über diesen Autor

Martin Müller

Martin Müller

Da, wo ich weg komme, nämlich aus‘m Ruhrgebiet, muss ich manchmal sagen, dass ich nichts Besseres gelernt habe. Ich kann eben nur Autor, Reporter, Schreiberling. Im Ruhrgebiet, wo ich zufällig hineingeboren wurde, leben immer noch so schön viele von diesen Anpackern, die eine abgespeckten Sprache pflegen. Es versetzt also schon in Erstaunen, dass ich in ganzen Sätzen reden und schreiben kann. Vielleicht hat das aber mit jenem Witz - manche sagen Aberwitz - zu tun, den wir hier mit der Muttermilch einsaugen, ein Humor von der Sorte, wie ihn nur eine Gemeinschaft von vermeintlichen Underdogs drauf hat, wie etwa die Briten. Aus so einer verschworenen Gemeinschaft auszubrechen und die Welt zu bereisen, erscheint kühn. Ich darf mich mal bei einem anderen schreibenden Bochumer bedienen, um diesen Mut zu durchleuchten. Frank Goosen hat ja knapp und treffend gesagt: „Woanders is auch scheiße.“ Gut, das kann man als Anleitung zum Dableiben verstehen. Oder man sagt einfach: „Dableiben is auch ...“ Also bin ich einfach los.