Länderberichte

Ballonfahren im Winter | Über den Dingen schweben

Ballonfahrertreffen
Christian Haas
Geschrieben von Christian Haas

Ballonfahren ist im Winter besonders eindrucksvoll. Wir gingen beim größten Ballonfahrer-Event der Alpen, dem „Kaiserwinkl Alpin Ballooning“, in die Luft

„Alle Mann anpacken!“, ruft Stefan Kummeth die fünf Ballonfahrer zwischen zehn und 75 Jahren herbei. Mit vereinten Kräften wird der massive Korb aus dem Anhänger gehievt, anschließend der Sack mit der Ballonhülle. Eifrig fassen alle beim Ausrollen der 28 Meter langen Hülle mit an – jetzt ist Teamwork angesagt. Und das macht Spaß. Dann wird’s laut und windig, als der 34-jährige Stefan einen Bodenventilator anwirft.

Ballon von oben

Die Ballonfahrerteams messen sich beim „Kaiserwinkl Alpin Ballooning“ in ver­schiedenen Wertungs­fahrten – da muss man auch mal „überholen“

Ein anderer Mitfahrer und ich halten die Hülle des Heißluftballons weit auf, und nachdem sich diese schon etwas hebt, gilt es, zügig den bislang gekippten Korb aufzurichten und hineinzuklettern. Jetzt muss es rasch gehen, denn Stefan kann den mittlerweile auf Heiß­luft umgestellten Ballon nicht ewig halten. Doch keine Hek­tik, alle sechs sind drin. Dann heben wir behutsam ab. „Wir fliegen“, ruft einer der Youngster und sein Vater korrigiert lächelnd: „Fahren, nicht fliegen! Auf diesen Unterschied legen Ballonfahrer viel Wert.“

Blick auf den zugefrorenen Walchsee

Von oben sieht die Winterlandschaft rund um den zugefrorenen Walchsee noch viel schöner aus

Im Heißluftballon in den Winterhimmel

Doch Stefan, seit seinem achten Lebensjahr der Materie innig verbunden und seit mehr als fünf Jahren als Pilot im Team des regionalen Anbieters „Balloo­ning Tyrol“, konzentriert sich gerade auf andere Dinge. Er dreht ein paar Mal am Gashebel, Flammen züngeln in den Heißluftballon, es wird heiß ums Haupt. Was auch gut ist, denn die Luft um uns ist klirrend kalt. Minus elf Grad zeigte das Thermometer am Walchseer Rathaus, wo die Einführung für alle Wettbewerbs­teil­nehmer (im Verlauf des Festivals werden Punk­te für schnelles und zielgenaues Ballonfahren vergeben) und alle (zu Sonderpreisen) mitfahrenden Tagesgäste statt­fand. Inklusive der Aufteilung auf die 20 Ballone, die heute starten. Im Lauf der Woche werden es noch mehr, wenn­gleich es aufgrund der ungeheuren Schneemassen heuer eher weniger sind als in den letzten 17 Jahren, in denen das „Alpin Ballooning“ nun ausgetragen wird.

Ballonfahren – ein Gefühl von Freiheit

Dann geht es rasant und nahezu senkrecht nach oben, wie im Expressaufzug. Den Ellbogen auf die Brüs­tung gelehnt und den Oberkörper leicht rausgebeugt win­ken wir den auf der schneeplanierten Wiese Zurückgebliebenen zu, die nur noch wie Spielzeugmännchen neben Matchboxautos aussehen. Nach zwei, drei Minuten sind wir auf 2.500 Meter Höhe – 1.850 Meter über dem Startplatz. Ein Anflug von Schwindel er­greift mich angesichts der Tiefe, schließlich ist der Korb weder mit Gittern noch durch Glasscheiben gesichert. Kurz schießt es mir durch den Kopf: Wir haben gar nicht besprochen, was bei einer Kollision mit ei­nem Flugzeug, Paraglider oder Adler zu tun ist.

Ballonpilotin im Kaiserwinkl

Was für eine Winter­ballonfahrt spricht? Im Gegensatz zum Som­mer ist es zwar kälter, dafür ist die Thermik stabiler und die Luft klarer, was für bes­sere Sicht sorgt

Oder wenn der Pilot unerwartet ausfällt. Fallschirme befinden sich hier keine, Rettungshüllen auch nicht. Na ja, vermutlich würde Christoph, der Funker am Boden, einen mittels Funkgerät lotsen. Aber alles vollkommen unrealistisch. Also weg mit diesen Gedanken und lie­ber der Sonnenseite zugewandt, wobei das angesichts der Minusgrade und fehlender Bewegung wärmetech­nisch wenig bringt. Aber mental. Denn rasch werden nun statt Adrenalin-Glückshormone ausgeschüttet.

Alle paar Minuten faucht der Brenner

„Da hinten, da liegt Kufstein“, erklärt Stefan, „und dort sieht man den Großglockner.“ Uns offenbart sich heute wirklich eine feine Fernsicht. Noch feiner aber ist die Nahsicht. Zahmer und Wilder Kaiser etwa sind zum Greifen nah. Umwerfend auch der Blick nach unten: Von hier oben sieht alles wie eine Modelleisenbahnanlage aus – da der zugefrorene Walchsee, dort Lang­läufer im Spurenlabyrinth und Höfe mit gewaltigen Schneehauben.

1.001 Detail lässt sich entdecken. Und alles wirkt so friedlich. Da komme ich fast auf philosophische Gedanken. Bis mich mit lautem „Bchrrrrr“ der Brenner wieder aus denselbigen reißt. Diesmal hat mich das alle paar Minuten wiederkehrende Fauchgeräusch fast ein wenig erschreckt.

Kaiserwinkl Alpin Ballooning

Beim Start des größten Ballonfahrertreffens im Alpenraum kann es schon mal eng werden …

Richtig arbeiten muss eigentlich nur einer an Bord: Stefan. Ständig hält er Funkkontakt zum Kollegen am Boden und den Piloten in den anderen Heißluftballonen, die mittlerweile um uns herum schweben. Und perma­nent tauschen sie sich, unterstützt durch Messgeräte, aus über Windströmungen und Geschwindigkeiten. Da der Pilot ja nur die Höhe, nicht aber die Richtung bestimmen kann, muss er ständig den weiteren Fahrweg berechnen. Gerade an den Bergen können die Winde sonst für unangenehme Überraschungen sorgen. Dazu kommt es heute nicht.

Ballooning mit Happy End

Nach zwei Stunden in der Luft schweben wir sanft wie eine Feder erd­wärts, Ruckeln gibt es nicht, so wie man auch keinen Wind im Korb selbst spürt. Stark, wie präzise wir auf einer Schneewiese nahe einer unbefahrenen Straße landen. Wie vorab besprochen stellen wir uns rückwärts zur Fahrtrichtung auf und halten uns an den Schlaufen fest – zur Sicherheit. Doch nach zwei Hüp­fern steht der Ballon wie eine Eins. Die Erde hat uns wieder! Zeit für Schulterklop­fen ist noch nicht, jetzt muss erst wieder angepackt und der Heißluftballonallon auf den von Christoph bereitgestellten Hänger eingepackt werden.

Adel verpflichtet – zum Haare anzünden

Nach der halbstündigen Arbeit geht es zurück nach Walchsee, wo alle mittlerweile gelandeten Teil­neh­mer einer launigen Kurzzusammenfassung der bewegten Ballonfahrtgeschichte lauschen. Die mün­det darin, dass wir feierlich getauft und zugleich in den Adelsstand erhoben werden – da das Ballon­fahren einst nur Adligen vorenthalten war, muss sich das gemeine Volk mit diesem Trick eben behelfen.

 

Also träufelt Stefans „Boss“ Heinz jedem Novizen ein paar Spritzer Schampus auf die Strähne, die er zuvor leicht angekokelt hat, und überreicht dann feierlich eine Taufurkunde. Dabei verkündet er mit lauter Stimme den jeweiligen individuellen Adelstitel. Meiner lau­tet: „Herzog Christian, unerschrockener Luftikus und schnell entfleuchender Schneefeldhüpfer zu Tirol“. Ich bin gerührt. Und alles andere als geschüttelt.

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Info

Kaiserwinkl Alpin Ballooning 2020 vom 25. Januar bis 1. Februar, Ballonfahrten ab 220 Euro pro Person, Teilnahme am „Night Glowing“ kostenlos, Reservierung und Infos unter
kaiserwinkl.com

Über diesen Autor

Christian Haas

Christian Haas

Christian Haas – Jahrgang 1974, Wirkungsstätte München – liebt seit jeher die Kombination Reisen und Schreiben. Naheliegende Konsequenz: Studium der Geographie und Kommunikationswissenschaften in Eichstätt und München. Diplomarbeit in Venezuela, Nationalparkpraktikum in Puerto Rico, Redakteursanstellung in München. Seit 2002 als Reisejournalist und Autor selbstständig, Schwerpunkt Outdoor, Familie, Kurioses. Seit 2013 gehört Christian Haas zum Redaktionsteam von abenteuer und reisen.