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Tannheimer Tal | Hotel Jungbrunn im Test

Peter Pfänder
Geschrieben von Peter Pfänder

Verspannt? Verkrampft? Rückensteif? Da helfen weder Chakra-Kitzeln noch Klangschalentherapie. Aber vielleicht der richtige Fingerdruck? Oder kaltes Quellwasser und heiße Luft? So sorgt das „Jungbrunn“ für Wirbel.

Mangelnde Kreativität ist bei Wellness heute nicht das Problem: Der Bauchladen an Heilsversprechungen reicht von Kopf-Reiki, Schreib-Yoga und das hypnotische Selbstgespräch über Selfness bis hin zur paramedizinischen Leistungsvermessung durch einen Weißkittel. Vieles wirkt wohl nur, weil der Glaube daran so stark ist. Da fällt eine Methode auf, die ihre Wurzeln in keinem Ashram oder Marketingbüro, sondern tief im kuhfladengedüngten Allgäuer Boden hat: Dorn-Breuß.

Wir machen uns auf den Weg ins Tannheimer Tal. Dort wartet zu Füßen des Neunerköpfle ein Hotel, dessen Name wie ein Werbewitz aus den 1960ern klingt, aber als Verheißung verstanden werden soll. Das Hotel Jungbrunn von Ulrike und Markus Gutheinz hat neben viel Holz auch einen 7.000-Quadratmeter-Wellnessbereich vor der Hütte. Der lockt regelmäßig nicht nur die Spieler des VfB Stuttgart, sondern auch Promis wie Opernsängerin Anna Maria Kaufmann an.

Wellness aus dem Kuhstall

Was der Kuh gut tut, kann dem Menschen nicht schaden, mag sich der Allgäuer Dieter Dorn gedacht haben. Der 2011 verstorbene Bauer aus der Nähe von Memmingen hatte Mitte der 1970er entdeckt, dass sein Milchvieh besser drauf ist, wenn er ihm die Wirbel wieder korrekt ausrichtet und die Gelenke „mobilisiert“. So lautet die landlustige Version von Spa-Chef Mario Tumler. Die Alternativ-Legende erzählt von einem alten Heiler aus dem Nachbarort, der Dorn selbst wegen Schmerzen im Rücken erfolgreich behandelt und diesen so auf die Methode neugierig gemacht habe.

Dorn auf jeden Fall konstatierte für Mensch und Kuh: Da jeder Wirbel-Nervenstrang für bestimmte Körperfunktionen zuständig sei, sorgen Fehlstellungen für eine Vielzahl von Beschwerden. „Etwa Atem- und Verdauungsprobleme, Herzstechen, Migräne, Bluthochdruck, Nackenschmerzen oder Kniearthrose“, so Mario. Der Transfer von der ständig über saftige Allgäuer Weiden trabenden Kuh zum bewegungsverarmten, bürostuhldeformierten Homo sapiens ist vielleicht gewagt, scheint aber hin und wieder zu klappen.

Rettung für Bürohengste

Was also macht man gemäß Dorn mit Schreibtischhengsten, deren Skelett sich immer mehr der Topografie von Tischkante und Bildschirm anpasst? Mario tastet die Wirbelsäule ab, spürt, wo es holpert, sprich: Dornfortsätze aus der Reihe tanzen. Nun drückt Mario mit dem Daumen die Wirbel wieder an Ort und Stelle, sanft, ohne jedes Knacken und brachiales Einrenken.

So geht es Wirbel um Wirbel. Davor waren meine „ungleich lang aus dem Rumpf ragenden Beine“ dran und wurden mit Druck und Zug wieder in die richtige Position im Hüftgelenk gebracht, sodass die Längendifferenz von zwei Zentimetern verschwand (ich sollte wieder einmal nachmessen …!). Dass Schulter und Knie einige Wochen lang weniger nervten, mag auch an der robusten Trigger-Point-Massage liegen, bei der alle Muskelverhärtungen an Waden, Gesäß, Rücken, Trizeps und in den Schultern weggedrückt worden sind. Autsch …

Pralinen fürs Chakra

Schluss mit Extension, Mobilisation – es ist Zeit für echte, ehrliche Transpiration. Für Schweiß auf der Stirn. Eiskalter Quellteich und heiße Erdsauna sind im Duett schon Jungbrunnen genug. In eine Decke gekuschelt die frische Bergluft in die Lungen pumpen, dann die Frage: Was nun? Nochmals Sauna und Kältebad? Oder Warmbaden: Floating im Salzwasser? Dampfbad, Tepidarium? Oder in den Cardio-Fitness- und Kraftraum. Vor der Haustür warten die Berge. Im Sommer werden in dem Hochtal auf 1.100 Meter Höhe Mountainbiketouren und Wanderungen jeden Härtegrads kostenlos angeboten. Die Wintergäste des Tannheimer Tals toben sich auf über 140 Loipenkilometern und auf Schneeschuhen aus – oder ziehen im Außenpool des „Jungbrunn“ ihre Bahnen.

Gesundheitsbewusst geht es in der guten Küche des Hauptrestaurants weiter. Halbpensionsgäste können im Rahmen des sechsgängigen Menüs auch basische oder vegetarische Gerichte wählen. Wem das alles zu gesund ist, der greife sich zum Sündigen die bestens sortierte Weinkarte, stecke sich in der Bar im Keller eine Zigarette an oder verschlinge einfach alle Pralinen, die einem im Private Spa neben das Lümmelbett gestellt werden. Dann stimmt auch das Chakra wieder.

Preis

DZ/HP im Alpenglück (37 Quadratmeter) ab 305 Euro. 65 Minuten Wirbelsäulentherapie Dorn-Breuß ab 110 Euro.


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Über diesen Autor

Peter Pfänder

Peter Pfänder

Leidet an chronischem Fernweh, seit er 15 ist. Härtester Therapieversuch: eine 10.000-Kilometer-Radtour rund ums Mittelmeer im Alleingang im Jahr 1985. Die „itchy feet“ führten ihn während des Studiums (Politologie und Islamwissenschaften) in Tübingen und Damaskus immer wieder in den Nahen Osten. Lebte viele Monate in Jemen, Syrien und Libanon. Arbeitete als Gabelstaplerfahrer, freier Autor und Redakteur. Der Chefredakteur von „abenteuer und reisen“ liebt fremde Ufer, spannende Großstädte weltweit und exotische Küchen. Entspannt am liebsten beim Schwimmen im See oder Meer, beim Stand-up-Paddling im Sommer wie im Winter, bei Mountainbike-Touren – und in der Sauna.

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