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Hotel Wiesergut | Macht nix!

Peter Pfänder
Geschrieben von Peter Pfänder

Das Wiesergut in Hinterglemm empfiehlt sich mit 24 Suiten und reduziertem Design ganzjährig für die kleine Flucht aus dem Alltag.  Im Angebot: Unter anderem Skifahren, Berg- oder Biketouren oder: Nichtstun

Kühe gaben über Jahrzehnte den Ton an, wo seit 2012 das „Wiesergut“ von Martina und Sepp Kröll steht. Am Ende von Hinterglemm, in Wiesern, stand bis dahin der alte Hof der Pinzgauer Familie Kröll.

Beim abendlichen Talk & Greet an den Tischen des Restaurants mag Gastgeber Sepp mit seinem langen, nach hinten gegelten Haar, kräftigem Bart und Designerjeans wie ein Hipster wirken – er ist aber keiner. Der Hotelier hat sich ein gesundes Maß an Bodenständigkeit bewahrt und kümmert sich täglich um das Vieh im Stall und auf der Alm.

Slowfood by Mama

Die Frühstücksbutter ist hausgemacht, das Brot backt die Frau Mama. Mithin beschert das Boutiquehotel mit seinen sieben Garten- und 17 Gutshofsui­ten einen Hauch von Bauernhofurlaub und treibt das po­puläre Lifestyle-Mantra von Regionalität und „home­made“-Produkten auf die Spitze – aber eben ungekünstelt.

Und konsequent: Der Frühstücksspeck, das Fleisch vom Milchkalb, Milch und Eier stammen aus eigener Erzeugung, der Wildkräutersalat und die hausgemachte Mar­me­laden aus dem eigenen Garten.

Melken und Massagen

Bei so viel exzellentem Essen zwischen österreichischen Klassikern und modernem Crossover freut sich das grüne Gewissen der trendbewussten Gästeschar. Wer will, kann einmal im Monat sogar richtig mit anpacken beim Melken, Ausmisten und Kühefüttern – Nagelprobe für alle Lumbersexuals unter den Augen von Sepp Kröll.

Wem vom ständigen SUV-Fahren oder Computerarbeiten Nacken oder Schultern schmerzen, der weiß sich bei Christoph Pielech und seiner Frau Justyna, beide ausgebildete Physiotherapeuten, in den besten, spürbar kundigen Händen.

Auf jedem Gipfel eine Liftstation

Der Spa-Bereich umfasst Pool, Dampfbad, Sauna und Fitnessraum. Der Blick aus dem großen Panoramafenster der Sauna fällt auf eine steile, friedliche Kuhweide.

Ein trügerisches Bild: Die Hänge sind mit unzähligen Schneekanonen gespickt. Auf jedem Gipfel eine Liftstation. Schließlich befinden wir uns, so brüllen es Plakate in die Welt, im „Home of Lässig“ (orthografisch wie inhaltlich das Peinlichste, das mir als Claim für ein Wintersportgebiet untergekommen ist).

Das größte Skigebiet in Österreich überzieht die Berglandschaft mit „270 Kilometer bes­tens präparierten Abfahrten, 70 moderns­ten Seilbahn- und Liftanlagen, zahlreichen Snowparks, Freeride Parks, Flutlichtpisten, SkiMovie-, Speed- und Rennstrecken, Snow Trails und Rodelbahnen“. ADHS als touristisches Konzept. Nun gut.

Skifoan oder wandern

Die Gäste des „Wiesergut“ haben über die keine 200 Meter entfernte Zwölferkogelbahn direkten Zustieg zum Ski-Circus Maximus der Kitzbüheler Alpen. Brett­verächter finden in Saalbach-Hinterglemm gut 140 Kilometer geräumte Winterwanderwege, können geführte, rund vierstündige Schneeschuhwanderungen buchen oder sich in die Höhenloipe respektive die zehn Kilometer lange Talschlussloipe werfen.

Und in der warmen Jahreszeit? Da kann man als Wanderer (wo bitte bleibt ein hipper Anglizismus?) „auf 400 Kilometern die Seele baumeln lassen“ (O-Ton Werbung) oder als „Wiesergut“-Gast kostenlos auf einem E-Bike von Rotwild eine der vielen MTB-Strecken in Angriff nehmen.

Oder auch mal nix tun!

Auf wilde Biker warten haarsträubende Down­hills und über 400 Kilometer spezielle Wege und Trails an vier Bergen. So wird das „Home of Lässig“ am Ende zum „Home of Stressig“: Powern, Biken, Trail Running, Skyven, Bockerl, Tubing, Jumpen, Klettern, Paragliden, Baumzipfelwandern, Adrena­lin bis zum Hals und Schweiß aus allen Poren.

Kann man machen, muss man aber nicht. Nix machen kann so gut tun. Entspannen. Gedanken fliegen lassen. Gutes genießen. Und den inneren Schweinehunde ruhig kläffen lassen. Damit aus der kleinen Alltagsflucht nicht wieder eine Anstrengung wird.


Wiesergut

Gartensuite (55 Quadratmeter) für zwei Personen mit Frühstück ab 420 Euro. Package für zwei Nächte und zwei Personen mit Slow-Food-HP ab 880 Euro.


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Über diesen Autor

Peter Pfänder

Peter Pfänder

Leidet an chronischem Fernweh, seit er 15 ist. Härtester Therapieversuch? 10.000-km-Radtour rund ums Mittelmeer im Alleingang im Jahr 1985. Die „itchy feet“ führten in während des Studiums (Politologie und Islamwissenschaften) in Tübingen und Damaskus immer wieder in den Nahen Osten. Lebte viele Monate in Jemen, Syrien und Libanon. Arbeitete als Gabelstaplerfahrer, freier Autor und Redakteur. Der Chefredakteur von „abenteuer und reisen“ liebt fremde Ufer und exotische Küchen. Entspannt am liebsten beim Schwimmen im See oder Meer, beim Stand-up Paddling, auf dem Bike und in der Sauna.

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