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Hotel-Check | 25hours The Royal Bavarian

Christian Haas
Geschrieben von Christian Haas

 

Seit Kurzem hat auch München ein „25hours Hotel“, mal wieder ein Unikat. Im „The Royal Bavarian“ paart sich herr­schaftlich-historisches Design mit ironisch-ikonischen Anspielungen auf das royale Erbe Bayerns. Königlich essen kann man hier auch.

Platz da, Leute, jetzt kommen die Hauptspeisen! Also die Humus-Paprika-Süßkartoffel-Etageren zur Seite, damit die Schüsseln mit Falafel, glasiertem Lachs, Reis, Brot mit Ei, Sabich und Salaten auf den großen Holztisch passen. Dann geht’s los. Kannst du mal rübergeben? Darf ich dir etwas auftun? Hiervon musst du kosten! Wenn nicht jeder einzeln, sondern alle von allem etwas bestellen, kommt ein recht kommunikatives Dinner zustande. Die Macher des „Neni“ nennen dieses Balagan „systematisches Chaos“ oder einfach „einmal die Speisekarte rauf und runter (inklusive Nachspeisen)“ – wobei es bei Weitem nicht die ganze Karte ist. Extra bestellen geht übrigens nicht, frei nach dem Motto „alle oder keiner“.

Aber es gibt Schlimmeres. Und selbst wer von der orientalischen „Neni“-Küche, die bereits in Wien, Köln und anderswo für Furore sorgt, größere kulinarische Raffinesse erwartet hat, wird an anderer Stelle angenehm überrascht. Akustisch: Von der mit 80 LED-Lichtern bestückten Freitreppe dringt sanft Feelgood-Sound der eigens kuratierten Vinylsammlung herab. Optisch: Hier der hübsche Elefantenbrunnen, dort ein stattlicher Kronleuchter, daneben industrieschicke Rohre als Reminiszenz ans Königlich Bayerische Telegrafenamt, das ab 1869 im Haus untergebracht war.

Über der offenen Küche das Weinlager und der Neonschriftzug „Dositzndedodedooiweidositzn“. Nach dem dritten Limonarak, einem minzig-limonigen Drink auf Arak-Basis, kriegen da selbst Münchner Knoten in der Zunge. Und Nicht-Bayern fragen, was das heißt: „Da sitzen die, die immer da sitzen.“ Was einen Teil des Konzepts des ganz und gar nicht bayerischen Restaurants beschreibt. Familiär soll es hier zugehen, wünschen sich „Neni“-Chefin Haya Molcho und ihre Söhne. Und nicht nur Hotelgäste, sondern auch Einheimische. Gewünscht, geschehen, die Nachfrage nach den rund 100 Plätzen ist groß und man selbst gut beraten, zeitig zu reservieren.

„Kennst du eins, kennst du keins“

Während der Eingang des „Neni“ ebenerdig gut sichtbar ist, muss man den zum Hotel etwas suchen. Ein Schild an der Außenfassade befindet sich in Höhe des dritten Stocks in Konkurrenz zu „Rewe“ und „Post“, die sich ebenfalls in dem restaurierten Gebäudekomplex direkt gegenüber dem Hauptbahnhof befinden. Man muss erst eintreten, um den Wegweiser zur Rezeption im ersten Stock zu sehen.

Vielleicht kommt ja noch was – immerhin wurde das Hotel erst Ende 2017 eröffnet –, so wiewohl auch noch das kahle Treppenhaus aufgehübscht wird. Wobei: Könnte gut sein, dass es bei der Sichtbetonversion bleibt. Denn bei den „25hours“-Hotels, vor 13 Jahren in Frankfurt gestar­tet und inzwischen mit zehn Ablegern zwischen Berlin und Zü­rich vertreten (bald auch in Köln und Paris, 2020 gar in Dubai), ist nichts Zufall und nichts so, wie man es von den anderen Häusern kennt.

Wildtiere weisen den Weg zur „Boilerman Bar“

„Unser Motto lautet: ,Kennst du eins, kennst du keins‘“, erklärt Marketingdame Mona Laaser nach dem Frühstückbuffet, das ebenfalls im „Neni“ aufge­baut ist. Gezahlt werden muss dafür extra, im Gegen­zug sind andere Freuden im Übernachtungspreis inbegriffen. Saunabags samt Bademantel und Handtücher lassen sich ebenso ausleihen wie Canvoco-Umhängetaschen zum Shoppen. In höheren Zimmerkategorien stehen gar ein schickes Schindelhauer-Bike samt Tourkarte (im Zimmer geparkt!) – alle anderen kön­nen es für zehn Euro pro Tag ausleihen – sowie zwei Minis zur Verfügung. Reservieren allerdings geht nicht, hier lautet die Devise „Wer zuerst kommt, fährt zuerst!“

Schnittige Schindelhauer-Bikes warten (zum Teil in den Zimmern parkend) darauf, ausgefahren zu werden

Tapas im Glas, Schwäne im Bett

Aber warum wegfahren? Zum einen befindet sich das Hotel in quirligster Innenstadtlage, zur Fußgängerzone Richtung Marienplatz sind es nur wenige Gehminu­ten. Und zum anderen kann man sich im Haus selbst prima aufhalten. In der Zirbenholzsauna im vierten Stock, dem kleinen Fitnessraum oder in der Orangerie. In diesem Tagesbarbereich lässt sich in lockerer Atmosphäre entspannen oder arbeiten. Sympathisch: Der kostenlose WLAN-Hotspot heißt „25hours loves you“.

In den Adelsgemächern schläft man besonders erhaben

Leider spielte die Stadt bei der Dachterrasse nicht mit. Die „Boilerman Bar“ ist jedoch mehr als ein tröstlicher Ersatz. Nicht zuletzt, da Jörg Meyer, der mit dem Hamburger „Le Lion“ eine Bar von Weltrang betreibt, eine legere Hotel-Bar geschaffen hat. Dafür sorgen auch die statt­liche Whiskey-Auswahl sowie High­balls, die Meyer als „Tapas im Glas“ beschreibt. „So kann man am Abend mehrere kleine Cocktails probieren, da keiner zu wuchtig ist.“

Die Short Drinks kommen mit golfballgroßen Eiswürfeln zum Gast, der, wenn er nicht zwecks Raumüberfüllung gerade im Übergangsbe­reich zur Rezeption unterkommt (wobei die Kutsche beim XL-Kunstschwan einen beliebten Sitzplatz darstellt), unter discokugeligen Lampen in Samtsesseln lümmeln und in Bildbänden (auch über Bayern) schmökern kann.

Keine Sorge, bügeln muss in der „Dienstbotenkammer“ niemand. Das Brett gehört zum Möbelkonzept

Bücher spielen auch in den 165 Zimmern eine Rolle. So steht das Bett in der „Dienstbotenkammer“ – unterste von fünf Kategorien und mit clever aufgeteilten 18 Quadratmetern ausreichend für Kurzaufenthalte – (solide) auf Literaturwälzern. In der Nachtschüssel daneben liegt „Der große Polt“. Allein schon die Bande­role „Try me, I’m not a bible“ sitzt. Das gilt auch für Türschildersprüche wie „It’s the 25h hotel. I need the extra hour“, klingt doch viel lustiger als „Bitte nicht stören“.

Schöner schlafen im „The Royal Bavarian“

Überhaupt: Wohin man blickt, Schmunzeldetails: Klorollen am Schuhspanner, ein stylishes Bügelbrett als Ablagefläche, auch für das hochmo­der­ne Telefon im Retrolook. Der Fernseher versteckt sich hinter einem Vorhang, der Spiegel über dem Wasch­tisch ist auf einem Brotbrett angebracht, der Kleiderschrank von einer Hasengittertür verschlossen. Auf der Toilette findet sich hoteleigenes Feuilleton, auf dem Bett ein Stofftier. „Jedes ,25hours‘ hat ein Schlaftier, in Hamburg etwa ein Schaf“, so Mona, „hier eben der Schwan“, Markenzeichen König Ludwigs II.

Schreib mal wieder: Schreibmaschinen in der Lobby laden dazu ein

Das findet sich auch in den anderen Zimmer­kate­go­rien: den dunkleren, gediegeneren Herrschaftszimmern, den beerenfarbenen Adelsgemächern sowie den beiden Suiten. Auch sie sind gemütliche, vom Stil der Jahrhundertwende inspirierte Rückzugsorte mit zeitgemäßen Accessoires. Beispiel Boomboxen. Da ge­nießt man nicht nur den Sound, sondern auch das Vertrauen, dass niemand die coolen Bluetooth-Laut­spre­cher abstöpselt und mitgehen lässt. Vertrauen haben Hotel-Chef Denis Mair und sein Team auch in die Lage des nicht unproblematischen Hauptbahnhofviertels. Doch bislang gab es keine Störfälle mit alkoholisiertem Nachtvolk, und eine dezente Security sorgt dafür, dass es auch so bleibt. Wobei durch so ein Hotel ja das Viertel auch aufgewertet wird, nicht zuletzt durch die einheimischen Gäste in der „Boilerman Bar“ und im „Neni“.


INFO

25hours The Royal Bavarian, Bahnhofplatz 1, München, DZ ab 149 Euro inklusive Sauna, Frühstücksbuffet 24 Euro extra


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Über diesen Autor

Christian Haas

Christian Haas

Christian Haas – Jahrgang 1974, Wirkungsstätte München – liebt seit jeher die Kombination Reisen und Schreiben. Naheliegende Konsequenz: Studium der Geographie und Kommunikationswissenschaften in Eichstätt und München. Diplomarbeit in Venezuela, Nationalparkpraktikum in Puerto Rico, Redakteursanstellung in München. Seit 2002 als Reisejournalist und Autor selbstständig, Schwerpunkt Outdoor, Familie, Kurioses. Seit 2013 gehört Christian Haas zum Redaktionsteam von abenteuer und reisen.

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