Länderberichte

Kanada | Uralte Bäume in akuter Gefahr

Christian Haas
Geschrieben von Christian Haas

Jahrhundertealte Baumriesen. Mysteriöse Geisterblumen. Lachsdurchströmte Flüsse. Kreisende Adler. Das ist der temperierte Regenwald Westkanadas. Wenn die Entwicklung jedoch so weitergeht, wird diese einmalige Vegetationsform bald verschwunden sein. Umweltschützer wie die Stiftung Wilderness International versuchen zu retten, was zu retten ist – indem sie Wald kaufen

Vom Pazifik trägt der Westwind feuchte Luftmassen an die kanadische Küste. Wenn diese dann am Küstengebirge aufsteigen, kommt es regelmäßig zu ausdauernden und heftigen Niederschlägen. Durch die ausgleichende Wirkung des Ozeans gibt es keine Extremtemperaturen: Die Sommer sind kühl, die Winter mild, ähnlich wie an der Nordseeküste. Dieses Klima ermöglicht ein gigantisches Wachstum: Bäume werden hier über 100 Meter hoch!

Gemeinsam mit Partnern schützt Wilderness International per Grundbucheintrag dauerhaft Regenwald-Gebiete in Kanada

Nirgendwo sonst wächst ein Wald, der so viel CO2 in seiner Biomasse speichert und damit sehr wichtig als Puffer gegen den Klimawandel ist. Das Unterholz des Regenwaldes ist undurchdringlich dicht. Farne und Flechten wachsen sogar auf den Ästen der Urwaldbäume, die teilweise einen „Pelz“ aus Moos tragen. Im unberührten Zustand beherbergt dieser temperierte Regenwald eine weltweit einzigartige Artenvielfalt, zum Beispiel über 600 Arten von Moosen. Viele Pflanzen- und Tierarten sind bis heute kaum erforscht. Außerdem bildet er die Grundlage der außergewöhnlichen Kultur der indigenen Westküstenvölker.

Moose wachsen bis in die Baumkronen der Nadelbäume hinauf

Kanadas temperierter Regenwald – ein Paradies in Gefahr

Der Wald ist als das kanadische Amazonien bekannt und bildet das artenreichste und biomassestärkste Ökosystem der Nordhalbkugel. Doch die einzigartige Schönheit und Vielfalt ist bedroht. Weniger als 25 Prozent dieses Ökosystems sind noch unberührt und immer größere Flächen werden abgeholzt. Dadurch gehen wesentliche Kohlenstoffsenken und ein noch unerforschtes Reservoir an Heilpflanzen für immer verloren. Durch die Holzgewinnung im Kahlschlagverfahren wird der natürliche Kreislauf erheblich gestört: Ist der Wald erst einmal abgeholzt, trocknet die Sonne den nun unbeschatteten Waldboden aus. Es kommt bei Regen sehr bald zu intensiver Bodenerosion. Durch den abgespülten Boden werden die Flüsse trüb und eutrophieren.

Nebel versorgen die Bartflechten und Moose mit Wasser

In die Flüsse getragene Holzreste bilden Staudämme, sodass der Flusslauf unterbrochen wird. Die Folgen: Lachse können im Spätsommer und Herbst nicht vom Meer zu ihren Laichplätzen zurückkehren, wodurch Bären und Wölfe ihre Hauptnahrungsquelle verlieren. Da die Lachse nicht laichen können, verringert sich ihre Population in den Folgejahren drastisch. Ein Problem, das wiederum die Einwohner stark beeinträchtigt und nur einer von vielen Gründen – so auch für die deutsche Stiftung Wilerness International – ist, sich für den Erhalt der jahrtausendealten Bäume einzusetzen …

Interview mit Kai Andersch, Geschäftsführer von Wilderness International

Kai Andersch

Wilderness International setzt sich für den Naturschutz ein. Wie sieht das genau aus?
Kai Andersch: „Wir kaufen rechtssicher Wildnisgebiete und schützen diese für alle Zukunft mithilfe von „Wildnispaten“, die für ihr Engagement eine personalisierte Urkunde mit den exakten Geokoordinaten ihres geschützten Waldstücks erhalten. Wichtig ist uns auch Aufklärungsarbeit: Durch Aktionen und Vorträge begeistern wir Schüler in Deutschland für den Schutz und die Erforschung von Waldgebieten.“

Moose sind Heimat für viele große Bockkäfer, diese wiederum fressen die Borkenkäfer

Die spielen ohnehin eine besondere Rolle, oder?
„Bäume sind beeindruckende Lebewesen: Viele von ihnen werden 1.000, manche sogar 2.000 Jahre alt, und unabhängig vom Alter schaffen sie Lebensräume, in denen unzählig viele andere Pflanzen und Tiere leben. Außerdem reinigen und kühlen sie die Luft und nähren sich von riesigen Mengen CO2, das sie speichern. Ohne Bäume würde es viel weniger regnen, da sie über ihre Blattoberflächen riesige Mengen an Wasser ausatmen, welches neue Wolken bildet und wieder abregnet. Jeder Regentropfen in einem Wald wird im Durchschnitt sieben Mal recycelt.“

Die Bäume im Urwald sind viele hundert bis zu mehr als tausend Jahre alt

Wo engagiert sich Wilderness International besonders?
„Gemeinsam mit Schulen erschaffen wir in Deutschland Biotope und wollen hierzulande auch in Zukunft spannende Waldökosysteme schützen. Unser größter Fokus liegt derzeit jedoch auf British Columbia. In Kanadas Westen gibt es noch echte Urwälder, sprich Waldstücke, in denen Dutzende uralte Bäume mit meterdicken Moosschichten stehen. Die temperierten Regenwälder sind extrem selten auf der Welt, und in British Columbia befindet sich das größte noch zusammenhängende Waldgebiet. Dort können wir diese Urwälder absolut rechtssicher und partnerschaftlich mit den Kanadiern vor Zerstörung schützen, sodass die Bäume in vielen Jahren immer noch dastehen werden. Bei uns in Deutschland gibt es keinen Urwald mehr – in der Forstwissenschaft spricht man lediglich von kleinen „Urwald-Zellen“, bestehend aus wenigen, ca. 300 Jahre alten Bäumen.“

Die Tigerlilie fühlt sich in alten Wäldern besonders wohl

Wie kann man das Projekt unterstützen?
„Wer sich aktiv beteiligen möchte, kann uns ehrenamtlich oder in einem freiwilligen Jahr unterstützen. Außerdem sind wir immer dankbar für Sponsoren und Fördermitglieder. Die einfachste Art der Unterstützung sind Spenden. So lassen sich für 200 Euro 256 Quadratmeter Wald für immer schützen, was in etwa den jährlichen Naturverbrauch einer vierköpfigen Familie in Deutschland kompensiert. Wir laden aber auch Firmen ein, mit uns Verantwortung für ihren ökologischen Fußabdruck zu übernehmen und gleichzeitig großartigen Lebensraum zu schützen. Gemeinsam mit dem Reiseveranstalter Diamir Erlebnisreisen reisen schon jetzt tausende Menschen jedes Jahr auf verantwortliche Weise und schützen damit jährlich mehr als 190.000 Quadratmeter Regenwald. Beim Wildnisschutz engagieren sich auch andere Firmen wie Air Canada, NauTravel und Belvelo.“

Auf den Sandbaänken im Grizzlyland fuühlen sich die Koönige des Tals wohl

Die Grizzlybären treffen sich hier zum Lachs fischen und zum Schaukampf

Viel Einsatz zeigen auch Schüler …
„In der Tat engagieren sich tausende junge Menschen jährlich für den Schutz unberührter Natur. Gestartet hat Wilderness International mit Schülern, die nicht nur über Probleme reden, sondern diese auch handfest lösen wollten. Beim Wildnislauf informieren wir an den Schulen über die ökologischen Zusammenhänge und die großartige Wildnis Westkanadas, dann suchen sich die engagierten Schüler freiwillig Sponsoren, rennen eine Stunde im Sportstadion und schützen damit pro teilnehmender Schule bis zu 25.000 Quadratmeter Wald pro Jahr. Über unser Umweltbotschafterprogramm reisen acht bis zehn Schüler zusammen mit Wissenschaftlern in die geschützten Gebiete, um dort Bäume zu vermessen, die Artenvielfalt zu ermitteln und hinterher von Schüler zu Schüler das selbst Erlebte begeistert weiterzugeben. Oft begleiten auch First Nations dieses Programm.“

Die Umweltbotschafter von Wilderness International posen glücklich vor einem Großvaterbaum

Wie ist die Resonanz der kanadischen Bevölkerung?
„Ich selbst habe bisher keinen Kanadier getroffen, der den Schutz von alten Bäumen nicht ebenso großartig findet wie ich selbst, eingeschlossen selbst Holzfäller und Erdölarbeiter. Dennoch ist vielen Kanadiern gar nicht bewusst, dass die Wildnisgebiete und Urwälder endlich sind. Auf der 600 Kilometer langen Vancouver Island etwa sind weniger als 0,5 Prozent Urwald übriggeblieben. Bei einem aktuellen Gerichtsprozess vor dem Supreme Court of Canada geht es um die Zukunft der Peel River Watershed, einer österreichgroßen Bergregion in der Westarktis, in welcher Bergbaufirmen Uran, Eisenerz und Kohle abbauen wollen. Dieses Gebiet ist aber auch Heimat von vier First Nations-Völkern, welche auf das saubere Wasser und die weltgrößte Karibu-Herde für ihren Lebensunterhalt angewiesen sind. Der positive Ausgang dieses Prozesses ist wegweisend für die Zukunft von ganz Nordkanada, der wildesten Region, die auf unserer Erde noch übrig ist.“

Riesige Ahornbäume mit Wolfshöhlen unter den Wurzeln

Ist Wilderness International auch in der Peel River Watershed aktiv?
„Als Naturschutzorganisation liegt uns dieses Juwel der Erde am Herzen, und wir setzen uns für ihren Schutz und die nachhaltige Nutzung durch Ökotourismus ein. Dazu arbeiten wir eng mit den Gwich’in aus Fort McPherson zusammen, denn die Peel Watershed ist ihr traditionelles Heimatland und Basis für Lebensunterhalt, Kultur und Identität. Mit Jugendlichen und Ältesten organisieren wir Austausch- und Expeditionsprojekte, um aktiv zu werden und weltweit zu inspirieren.“

Gibt es eigentlich Stiftungen mit ähnlichem Konzept?
„Schön wär’s! Wir bei Wilderness International kennen beim Umweltschutz kein Konkurrenzdenken, da alle Engagierten ja an derselben Sache arbeiten. Unser transparenter Ansatz, über jeden geschützten Quadratmeter mit Geokoordinaten Rechenschaft abzulegen ist unseres Wissens nach bisher leider „konkurrenzlos“. Nichtsdestotrotz arbeiten wir gern mit anderen Organisationen im Umweltschutz zusammen, etwa der Canadian Parks & Wilderness Society und dem Sierra Club of BC, oder auch lokalen BUND-Gruppen in Deutschland.“

Eine Kahlschlagsfläche – ein Grund für Wilderness International, die letzten Urwälder zu schützen

Wieviel Prozent der Spenden kommen tatsächlich vor Ort an?
„Seit unserer Gründung 2008 haben wir jährlich lediglich zwischen vier und acht Prozent unserer Spendeneinnahmen für die Verwaltung ausgegeben, was uns vor allem dadurch gelungen ist, dass viele 1.000 Stunden ehrenamtliches Engagement sowie fünf Freiwillige unsere Arbeit möglich machen. Details zu unseren Zahlen lassen sich jederzeit auf unserer „Transparenz-Webseite“ nachlesen.“


Infos

wilderness-international.org

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Über diesen Autor

Christian Haas

Christian Haas

Christian Haas – Jahrgang 1974, Wirkungsstätte München – liebt seit jeher die Kombination Reisen und Schreiben. Naheliegende Konsequenz: Studium der Geographie und Kommunikationswissenschaften in Eichstätt und München. Diplomarbeit in Venezuela, Nationalparkpraktikum in Puerto Rico, Redakteursanstellung in München. Seit 2002 als Reisejournalist und Autor selbstständig, Schwerpunkt Outdoor, Familie, Kurioses. Seit 2013 gehört Christian Haas zum Redaktionsteam von abenteuer und reisen.