Länderberichte

Kroatien | Fahrt ins Blaue

Sven Bremer
Geschrieben von Sven Bremer

Lust, diesen Sommer Kroatien zu erkunden? Wir empfehlen eine Fahrt ins Blaue. Denn die Inselwelt Dalmatiens erobert man am besten beim Island Hopping mit Segelschiff und Mountainbike

Mit einem zünftigen Jodler garniert, fliegt Franz Traintinger auf seinem Mountainbike die steilen Treppen zum Hafenstädtchen Maslnica auf der dalmatinischen Insel Šolta hinunter zur „San Snova“. Die knapp 30 Meter lange hölzerne Motoryacht war acht Tage lang unser schwimmendes Aktivhotel mit Vollpension. Eine Woche Inselhüpfen durch Dalmatien bedeutet, man schippert von Eiland zu Eiland. Auf den Inseln wird umgestiegen aufs Rad, Moutain-, Trekking- oder E-Bikes.

An Deck steht Kapitän Tonci und blinzelt in die grelle Nachmittagssonne. 26 Grad, nur ein paar Schönwetterwolken am Himmel, so geht’s  fast immer zu in Dalmatien vom frühen Mai bis in den Oktober hinein. Der Trip ist geprägt von einer familiären und freundlichen Atmosphäre an Bord. Die Route mit Trogir, Split, Dubrovnik und Stari Grad führt zu vier Orten, die die Unesco zum Weltkulturerbe ernannt hat – so kommt auch die Kultur nicht zu kurz!

Über 1.000 Inseln liegen vor der Küste

Aber es ist vor allem auch die grandiose Kulisse, die beigeistert: Rund 1.200 Inseln sind der Küste von Kroatien vorgelagert, ungefähr 900 davon in Dalmatien. „Deswegen heißen diese Hunde mit den vielen schwarzen Tupfern auch Dalmatiner“, behauptet Inselhüpfen-Guide Mario Balic grinsend.

Manche Inseln bieten Platz für dreieinhalb Handtücher, nur knapp 50 sind überhaupt bewohnt. Manche sind schroff und wild, andere lieblich und fruchtbar. Weit über 1.000 Inseln also, das ergibt Abertausende von traumhaften Ausblicken.

Ausblicke auf Tupfer aus grauem Fels vor türkisen Buchten, still und klar wie ein Gebirgssee. Ausblicke auf weit entfernte Inseln im Gegenlicht, irgendwo in einem silbern glitzerndem Meer, Ausblicke auf die mächtigen Felsen des Biokovo-Gebirges auf dem Festland. Ausblicke auf pittoreske Hafenstädtchen, die sich ihr mittelalterliches Antlitz bewahrt haben.

Schön – aber in der Hochsaison auch schön überlaufen: Insel Hvar, die viertgrößte der Adria

Der Duft von Ginster und Rosmarin

Darüber haben die meisten der Insel hüpfenden Radler gestaunt. Schließlich waren die ehemaligen sozialistischen Staaten im Osten Europas durchaus dafür bekannt, ihre Städte auf Gedeih und Verderb zu „modernisieren“ – und zu verschandeln. Mitreisender Franz Traintinger hatte vor der Reise mit seinen Vorurteilen zu kämpfen. „Das ist halt Ex-Jugoslawien und das war mir nicht so ganz geheuer. Aber die Leute hier sind ja so lieb, so gastfreundlich, das hältst du ja gar nicht mehr aus.“ Sagt’s und hüpft mit einer veritablen Arschbombe über die Reling in das kristallklare Wasser der Adria.

Eva Pirchner und ihre vier Freundinnen sind schon zum siebten Mal mit den Inselhüpfern unterwegs. Mal in der Kvarner Bucht, mal ganz im Süden mit Dubrovnik als Start und Ziel, mal in den Kornaten: „Alles wunderschön, ich könnte wirklich nicht sagen, wo es am schönsten ist.“. Und ihre Freundin Anita Platzer schwärmt: „Dieser Duft von Ginster, Lavendel und Rosmarin, das ist doch fantastisch. Und wenn dir auf dem Rad dann der warme Fahrtwind die Haut streichelt, das ist für mich der Inbegriff Urlaub.“

E-Bike, MTB oder Trekkingrad

Zum ersten Mal haben sich die Damen für ein E-Bike entschieden. „Die beste Entscheidung überhaupt“, sagt Bella Gehwolf, „strampeln musst du ja trotzdem noch, aber du kannst die wunderschöne Landschaft doch ein bisschen besser genießen, wenn du nicht an jeder Steigung nach Luft schnappen musst.“ Spricht’s, zündet sich ein Zigarettchen an und schaut hinüber zu den Mountainbikern und Trekkingradlern, die bisweilen anspruchsvolle Steigungen ohne E-Unterstützung bewältigen müssen.

Auf jeden Fall sind sich alle einig: Nur mit dem Hintern im Liegestuhl herumzusitzen, das wäre eindeutig „für’n Arsch“, wie es der Franz auf den Punkt bringt. Nach der Radtour sitzen sie beim „Pivo“, wie das Bier in Kroatien heißt, zusammen. Glücklich und zufrieden, aber auch reichlich kaputt.

Die gemischte Gruppe an Bord versteht sich; vom kernigen 30-Jährigen Mountainbiker aus dem Schwäbischen, über die E-Bikenden Mitt-Fünfziger aus Österreich und Norwegen bis hin zu den tapferen Briten, die die 70 längst überschritten haben. Das ist nicht ganz unwichtig. „Radeln und Radeln lassen“, so könnte man es ausdrücken. Die Mountainbiker akzeptieren die Trekking-Radler, die wiederum die E-Biker.

Schwitzen anstatt schwimmen: sportlicher Anstieg auf der Insel Brac

Dolce Vita in Split

Die Agentur Inselhüpfen bietet kombinierte Schiff- und Radreisen seit 1998 an. Längst gibt es zahlreiche andere Anbieter, aber man kann durchaus behaupten, dass die Reiseveranstalter vom Bodensee diese Reiseform erfunden haben. Zu Beginn schipperten sie lediglich in der Kvarner Bucht im Norden von Kroatien umher. Heute ist eine Flotte von 16 Schiffen nicht nur in Kroatien, sondern auch Montenegro, Griechenland, der Türkei und sogar in Vietnam unterwegs.

Der Süddalmatien-Törn auf der „San Snova“ startet in Trogir, führt über Split und Omis auf die Insel Brač. Über Korcula, Vis und Hvar führt die Route schließlich nach Solta und schließlich zurück nach Trogir. Die Altstadt Trogirs ist voller Touristen ist, da ist Split schon authentischer und sympathischer. Der Autor Miljenko Smoje sagte einst, es sei eine Sünde in Split zu arbeiten. Jegliche Anstrengung möge bitteschön vermieden werden – außer der, sich zu vergnügen.

Nun ja, der brave Fischhändler, der in aller Herrgottsfrühe auf dem Markt steht, wird dem Schöngeist was husten, genau wie die Tabletts jonglierenden Kellner an der Flaniermeile Riva und die barschen Fährmänner im Hafen. Und doch weiß man bald, was Smoje meinte. Die Stadt hat etwas Leichtes, etwas Spielerisches, etwas Verführerisches. Man lässt sich nur allzu gern ein auf die kroatische Variante des „Dolce Vita“. Manche behaupten ja eh, Dalmatien sei wie Italien – nur ohne Italiener. Die Jahrhunderte währende Herrschaft der Venezianer hat jedenfalls ihre Spuren hinterlassen.

Viel italienisches Flair spürt man in Dalmatiens schönster Stadt: Split

 

Auf Winnetous Spuren

Von Split aus steuert die San Snova zunächst Omis auf dem Festland an. Direkt hinter dem einstigen Piratennest beginnt ein kleines Abenteuerland, ein Naturspielplatz für all jene, die sich gern die Nerven kitzeln lassen. Smaragdgrün schlängelt sich die Cetina durch eine bizarre Felslandschaft, träge und gemütlich unweit der Mündung, weiter oben gurgeln Stromschnellen durch eine waldreiche, dann wieder felsige Gebirgslandschaft. Schlauchboot an Schlauchboot rast den Fluss hinunter, Schreie hallen durch den Canyon. Hier wurden auch Szenen der legendären „Winnetou“-Filme gedreht.

Kurs auf Pučišća an der Südküste von Brač, woher der berühmte Marmor stammt. Der streng genommen gar kein Marmor ist, aber der unter anderem im Berliner Reichstag, im Weißen Haus in Washington und im Diokletianspalast zu Split verarbeitet wurde – und der heute für gute Geschäfte mit steinreichen Scheichs sorgt.

Brač ist karg und trotzdem abwechslungsreich. Unzählige Steinhaufen haben sie hier aufgeschichtet. Um Platz zu schaffen und dem kargen Boden – überwiegend von Macchia bewachsen – wenigstens etwas abzugewinnen. Oliven und Wein bauen sie auf Brač an, zur richtigen Jahreszeit blühen Orangen, Feigen und Zitronen, der gelbe Ginster macht sich gut vor dem Türkis des Mittelmeers und dem grauen Granit der Häuser.

Dalmatiens schönste Insel: Korčula

Nach der schweißtreibende Auffahrt vom Hafen in Pučišća auf circa 400 Höhenmeter kann man es richtig krachen lassen auf der Abfahrt hinunter zum „Goldenen Horn“ bei Bol, dem wohl berühmtesten Strand Dalamatiens. Doch zum Baden ist diesmal keine Zeit, die „San Snova“ muss Korčula-Stadt noch bei Tageslicht erreichen.

Die Stadt ist ein Juwel. Viele halten die Insel für die schönste in ganz Dalmatien. Begünstigt durch ein mildes Mikroklima und geschützt vor den bisweilen gnadenlosen Winden der Bora, präsentiert sich Korčula grün, lieblich und ist zudem mit einigen Traumstränden gesegnet.

Vis, lange Jahre militärisches Sperrgebiet im ehemaligen Jugoslawien, steht der großen Schwester kaum nach. Und das Mittagessen wird heute nicht an Bord sondern unterwegs eingenommen. Es gibt Tintenfisch und einen deftigen Fleischeintopf. Zubereitet auf die traditionelle Art als Peka, einer gusseisernen Glocke, unter der die Speisen in der Glut des Ofens langsam und schonend gegart werden.

Fahrtwind ist auf jeden Fall garantiert: ob an Bord oder auf dem Bike

Auf der Lavendelinsel Hvar

Im Hafen von Vis nerven die hippen Youngster in der Liegeplatz-Nachbarschaft gehörig. Von Dutzenden der segelnden „Plastikschüsseln“ donnert Techno-Sound aus den Lautsprecherboxen – und es ist noch Nebensaison. Wie das erst im Juli und August ist, wenn Dalmatien überlaufen ist und die Preise saftig steigen?

Das gilt auch für die Lavendelinsel Hvar und die gleichnamige Hauptstadt. Schön ist sie, elegant und mondän auf der einen Seite, laut und überteuert auf der anderen Seite.

Ganz anders das beschauliche Eiland Šolta, die letzte Insel auf der Reise, von Touristikern beworben mit dem Slogan „The Return to Innocence“ (Die Rückkehr zur Unschuld). Als Kapitän Tonci in Trogir seinen Passagieren „Auf Wiedersehen“ sagt, meint er das im wahrsten Sinne des Wortes. Weil er sich sicher sein kann, dass einige zurückkehren werden auf die San Snova – oder auf eines der Schwesterschiffe, um über ein paar andere dalmatinische Trauminseln zu hüpfen.

Info

Radkreuzfahrt auf der „San Snova“ mit Inselhüpfen, acht Tage ab 890 Euro in der Doppelkabine ohne Anreise. Weitere Aktivreisen mit Wikinger, DAV Summit Club oder Hauser Exkursionen

Kleinstwagen ab 195 Euro/Woche, Mittelklasse ab 370 Euro/Woche bei Auto Europe


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Über diesen Autor

Sven Bremer

Sven Bremer

Sven Bremer, Jahrgang 1963, lebt und arbeitet – kein Scherz, kein Pseudonym – in Bremen, wenn er nicht unter anderem für "abenteuer und reisen" durch die Weltgeschichte reisen darf. Weil das mit dem Profifußball damals nichts geworden ist und man als ausgebildeter Tischler mit zwei linken Händen auch nicht gerade begehrt ist, wurde Sven Bremer zunächst Sportredakteur in seiner Heimatstadt, wo er für den "Weser Kurier" und die "Bremer Nachrichten" über Werder Bremen berichtet hat. Seit 2003 arbeitet er wieder als Freelancer für verschiedene Tageszeitungen und Magazine, schreibt Geschichten über Fußball, Reisereportagen und Reiseführer. Für den Verlag "Die Werkstatt" hat er mehrere Fußballbücher geschrieben, für "Delius Klasing" zwei Bücher über den Radsport.

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