Länderberichte

Kuala Lumpur | Coole Kapitale

Robert Haidinger
Geschrieben von Robert Haidinger

„Schlammige Flussmündung“ ist kein wirklich schöner Name für eine Stadt. Aber darüber ist das coole „KL“, die Hauptstadt von Malaysia, längst hinweg. Eine Citytrip durch die vielleicht am meisten unterschätzte Großstadt Südostasiens, die auch ein Paradies für Foodies ist

Die Geschichte von Kuala Lumpur (auf Malaiisch „schlammiger Zusammenfluss“) begann zu einer Zeit, als andere asiatische Mega-Citys bereits ein paar Jahrtausende  auf dem Buckel hatten. Kuala Lumpur hatte gar nichts auf dem Buckel. Aber es hatte eine Landzunge, gebildet von den schlammigen Urwaldflüssen Gombak und Klang, die hier zusammentreffen. Genauso streckte sie sich 1857 den ersten Abenteurern entgegen, die hier Zinn suchten und fanden.

Weitere fünf Jahre später hatte ein Chinese namens Yap Ah Loy das Sagen. Der Zinnbaron gilt als Gründer der jungen Stadt. Nach elf Jahren – wir sind im Jahr 1880 – mischten bereits die Briten mit: Frank Sweltenham lieferte im Auftrag der Queen den ersten Entwurf für eine moderne City ab.

Frischzellenkur fürs Herz von KL

Heute wird die alte Landzunge des  Yap Ah Loy im Rahmen eines Fluss-Revitalisierungsprojekts auf Vordermann gebracht. Schicke Glaswände, hölzerne Plattformen und klei­ne Parks verwandeln den Geburtsort der Stadt. Insgesamt entstehen 35.000 Wohnungen und eine Million Quadratmeter Büro- und Geschäftsflächen. Das wichtigere Ziel: den Klang von seinem Kloaken-Image zu befreien.

Wie immer zieht es mich auch dieses Mal zuerst an die Landzungenspitze, wo vor gut 100 Jahren eine kleine Moschee errichtet wurde, die Masjid Jamek. Der älteste Stadtteil von KL verströmt vielfältigen Charme. Zur linken Hand liegen die gestreiften Ziegeltürmchen und kupferrot leuchtenden Kuppeldächer des Merdeka Square im  Abendlicht. Dort schuf der Commonwealth die alten Wahrzeichen der Stadt: Maurische Dome und ein 41 Meter hoher Glockenturm addieren sich zum Sultan Abdul Samad Building. Daneben schinden der Royal Selan­gor Club, die Victoria Fountain und die City Gallery noch immer Eindruck.

Kuala Lumpur, Malaysia: Menschen in Malaysia – auf einem Wandbild und in echt

Menschen in Malaysia – auf einem Wandbild und in echt

Kuala Lumpur, Chinatown

Rechter Hand vom Fluss ist alles  anders. Dort dunstet KLs alte Chinatown im eigenen Saft. Mit Shop­houses, die Familienleben, Geschäfte und Garküchen in Form langer, schmaler Schläuche verbinden. Und mit Märkten wie dem Chinatown Wet Market.

Erste Station: Jalan Tun HS Lee, eine Straße im multikulturellen Herzen von Chinatown. Die Butterschmalzlämpchen und das ölige Lächeln der indischen Verkäufer an den Flower-Shops? Alles noch da, genauso wie der süßlich-schwere Duft der Jasminblüten.

Schon zieht mich gegenüber der kantonesische Guandi-Tempel in seinen Bann. Golddrachen wickeln sich um chinalackrote Säulen, konzen­triert geschäftig spulen taoistische Besucher ihr Programm ab. Stäbchen schwenken, Niederknien, Speed-Meditation, Spende.

Kuala Lumpur, Malaysia: Leckerbissen in der Restaurantstraß Jalan Raja Muda Musa

Leckerbissen in der Restaurantstraße Jalan Raja Muda Musa

KL-Pflichtstopp Kopitiam

Ein Hainan Butter Chicken später liegt der erste Grob­befund vor: Merdeka Square und Chinatown fühlen sich weiterhin ziemlich echt an. Das alte Kuala Lumpur und die kommerzielle Kulisse halten sich gut die Waage. Auch wenn die Art-déco-Markthalle des Central Market aus dem Jahr 1930 durch die Verwandlung zum Craft Store Cluster einen Teil ihrer Seele verloren hat.

Aber zugleich bleiben viele Restaurants und Shop­houses herrlich traditionell. Echte Kopitiams, wie die Cafés der malaiischen Strait Culture heißen, finden sich hier. Mit alten Radios, originalen 1920er-Möbeln und nostalgischen Ventilatoren.

Im Laden „Purple Cane Tea“ arrangiert eine junge Frau Pu-Erh-Teefladen und schickes Keramikdesign – Indiz für die gelungene Balance von Alt und Neu, die die Chinatown heute prägt. Ihre Lebensader ist die Petaling Street mit dem berühmten Night Market und seinen alteingesessenen Restaurants und Imbissbuden.

Kuala Lumpur, Malaysia: Die Petronas-Türme einmal aus ungewohnter Perspektive

Kuala Lumpurs Landmark #1: Petronas-Türme aus ungewohnter Perspektive

Hakka Noodles oder Knusperente?

Da wäre etwa Kim Lian Kee aus Fujian, dessen herrlich altmodisches Restaurant bereits seit 1927 Hokkien Mee – sprich: Hakka Noodles – serviert. Oder Hon Kee und sein kantonesischer Rice Porridge, der zum Frühstück am besten schmeckt, Kon Kees berühmte Wantan Noodles und Sze Ngan Chyes knusprig geröstete Enten. Lange ließe sich diese Liste der Chinatown-Delis fortsetzen.

An der nahen Madras Lane duftet es nach Laksa-Suppe. Besonders schön ist das nach 80 Jahren restaurierte „Cafe Market Square“, ein beliebter Treffpunkt neben dem Art-déco-Uhrturm des gemüt­lichen Altstadtplätzchens Medan Pasar. Malaiische Studenten scherzen in der Mittagszeit und genießen mit Kokoskonfitüre dick bestrichenen Kaya Toasts, für die das Café berühmt ist.

Kuala Lumpur, Malaysia: Masjid Jamek, eine der ältesten Moscheen von Kuala Lumpur

Moschee Jamek, eine der ältesten in Kuala Lumpur. 60 Prozent der Menschen in Malaysia sind Muslime

Vier Weltreligionen

All das ist typisch für die Vielfalt einer Stadt, die schon immer als ein Patchwork der Kulturen gilt. In KL trafen malaiische Traditionen, Südchinesen und indische Tamilen auf europäische Kolonialis­ten britischen Zuschnitts, was neben reicher kulina­rischer Vielfalt auch vier Weltreligionen umfasst. Doch das ist erst die halbe Geschichte. Seit Jahrzehn­ten befindet sich diese Stadt auf der Überholspur, die zugleich eine Petronas-Ölspur ist.

Kuala Lumpur, Malaysia: Die Batu-Kalksteinhöhlen beherbergen mehrere Hindu-Tempel

Die Batu-Kalksteinhöhlen beherbergen mehrere Hindu-Tempel

Näheres dazu verrät ein Schritt in die transparente Sky Box vor mir. Sie hängt am Rand des Menara KL, eines beliebten Aussichtsturms, ist vermutlich unzerstörbar und raubt Schulkindern, die vor mir auf den Glasboden steigen, den letzten Nerv. Ich kann die Kids gut verstehen. Immerhin öffnen sich darunter 300 Meter Abgrund.

Kuala Lumpur, Malaysia: Uferpromenade vor der Masjid Jamek in Kuala Lumpur

Kuala Lumpur: An der Uferpromenade vor der Masjid Jamek

KL will hoch hinaus

Aufregend ist der Panoramablick auf die Hauptstadt von Malaysia auch vom festen Boden der Aussichtterrasse aus: Bergketten an drei Seiten, außer ganz im Osten, was der Metropolregion den Namen Klang Valley beschert. Dramatisch geändert hat sich die Skyline in den vergangenen Jahren. Am Südende von Chinatown wächst neben den beiden Stadien Merdeka und Negara der 118-stöckige Merdeka PNB 118 Tower in die Höhe – 2024 wird er die Petronas Towers als höchstes Gebäude Malaysias ablösen.

KL will hoch hinaus und versteht sich dabei als überregionaler Konkurrent von Singapur, Hongkong oder Shanghai. Das erklärte Ziel: Eine effiziente, einladende und ökologische Stadt zu werden, die als attraktiver Ort zum Leben und Arbeiten nicht zuletzt Investoren und Tech­nologien anlockt.

Binnen einer Dekade wurde das Liniennetz schneller LRT-Bahnen ausgebaut, die weit entfernte Vororte anbinden. Was auch nötig war, um den Kollaps zu vermeiden. Der Großraum wächst gegenwärtig um knapp 200.000 Bewohner pro Jahr und zählt aktuell 7,5 Millionen Menschen.

Kuala Lumpur, Malaysia: Für Mutige: Blick in den Abgrund von der Menara KL Glasbox

Für Mutige: Blick in den Abgrund von der Menara KL Glasbox

Der besondere Charme von Pudu

Die Monorail wirkt wie eine Spielzeugvariante der modernen LRT und verbindet einige Stadtteile im Stile einer Hochschaubahn mit nur zwei Waggons. Dazu zählt das Nightlife-Viertel um die Changkat Bukit Bintang, KLs Antwort auf die nächtlichen Neongewitter und Alkoholwolken südostasiatischer Metropolen.

Einen Monorail-Stop hinter der Partyzone liegt Pudu, einer jener authentisch gebliebenen Stadtteile, die zum besonderen Charme von Malaysias Hauptstadt beitragen.

Da wäre die Gegend um Brickfields, dem Little India der Metropole. Wer vor dem grau lackierten Elefantenbrunnen steht, befindet sich am Mittelpunkt des Treibens von Sari-Shops und drawidischen Thali-Restaurants. Noch weiter in Richtung Südwesten erstreckt sich Bangsar, das Lifestyle-Mekka der regionalen Trendnasen.

Kuala Lumpur, Malaysia: Science-Fiction-Feeling in Kuala Lumpur: Fußgaengerbrücke im Viertel Bukit Bintang

Science-Fiction-Feeling: Fußgängerbrücke im Viertel Bukit Bintang bei Nacht

Ipoh Street Food und Peranakan Cuisine

Kurze Wege, große Kontraste. Das gilt auch für den Besuch des einige LRT-Stationen weiter nördlich gelegenen Kampung Baru, eines ur-malaiischen Viertels im „Zwischenstromland“ von Gombak und Klang. Es ist die muslimische Welt der Bärtigen und der glutrot glimmenden Sateh-Spießchen. Historische Holzvillen bröseln vor sich hin. Anderes hat sich für die neue Ära besser gerüstet, etwa die Restaurantzeile Jalan Raja Muda Musa. Dorthin schleppen Food-Tour-Guides ihre Grüppchen, wenn sie die Geschmacksrichtung „Warung Melayu“ versprechen und in die Kochtöpfe traditioneller malai­ischer Restaurants gucken wollen.

Das Leben in der multikulturellen Mega-City hat  das Bewusstsein für die jeweiligen kulinarischen Wurzeln und für regionale Stile sensibilisiert. Vom südchinesischen Hakka Style war bereits die Rede. Von späteren Trends und Communitys, die die Kulinarik des Mittleren Ostens und die japanische Kochkunst hierher gebracht haben, noch nicht. Dazu kommt Ipoh Street Food. Oder Peranakan Cuisine alias Nonya Food, eine Erfindung chinesischer Händler und malaiischer Frauen.

Kuala Lumpur, Malaysia: Kaffeepause im „Feeka Coffee Roasters" in Kuala Lumpur

Kaffeepause im „Feeka Coffee Roasters“ in Kuala Lumpur

Cocktails und beste Blicke

Das ist typisch für die modernen Städte asiatischen Zuschnitts: Parallel zur alten Infrastruktur hat sich ein Indoor-Netz klimatisierter Wege gebildet aus Glas und Stahl. Das hier ist  ist so eine Stadt. Aber dann heißt sie KLCC: Kuala Lumpur City Center, die Adresse der Petronas Towers. Im angrenzenden Park bietet sie Riesenbambus, siegelrote Sealing-Wax-Palmen und weiche Gummibahnen für City-Jogger.

Sobald die Lichter weicher werden und die Farben bunter, stellt sich eine wesentliche Frage: Welche Rooftop-Bar bietet den besten Panoramablick? KL muss man nicht nur von innen, sondern auch von oben gesehen haben. An diesem Abend ist  das „Vertigo“ an der Reihe, die Rooftop-Bar des neuen „Banyan Tree“-Hotels: Hemdenträger aus den nahen Büros und Business-Ladys gönnen sich Drinks, zu denen herrliche Panoramablicke auf den Menara KL und die Petronas Towers serviert werden. Von schlammigem Zusammenfluss keine Spur!

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Info

Anreise

Direkt mit Condor in 13 Stunden ab 500 Euro. Jeweils mit einem Stopp in 15 bis 17,5 Stunden mit Qatar, Singapore Airlines (Stopover-Angebote in Singapur ab 25 Euro/Person) oder Malaysia Airlines, Ticket ab 600 Euro. condor.com | qatar.com | singaporeair.com | malaysiaairlines.com

Hotel GDS Sentral

Im Herzen des indisch geprägten Brickfields bietet das neu errichtete Budgethotel blitzsaubere Zimmer, Flachbild-TV, freies Internet und Wasserkocher – zu höchst modera­ten Preisen. DZ ab 20 Euro. mygdshotels.com

The Majestic Hotel Kuala Lumpur

Das Fünf-Sterne-Hotel gehört zur edlen Autograph Collection. Es integriert den historischen Kolo­nialstilbau des denkmalgeschützten „Hotel Majestic“ aus dem Jahr 1932. Kein Hotel in der Stadt bietet mehr nostalgischen Gla­mour. Ein Drink im geschichts­trächtigen Colonial Café rundet die Zeitreise ab. DZ ab 80 Euro. majestickl.com


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Über diesen Autor

Robert Haidinger

Robert Haidinger

Seit drei Jahrzehnten Foto-Nomade mit Ankerplatz Wien mit extremer Reiseerfahrung. Er arbeitete in bislang über 80 Staaten und auf fünf Kontinenten. Der Schwerpunkt dieser Reisetätigkeit liegt neben Afrika und Zentralamerika vor allem im kulturell so komplexen Asien. Langzeitaufenthalte in Japan, China, Sri Lanka und Indien machen ihn zum Spezialisten dieser Region. Seine Arbeiten werden von der Kölner Agentur Laif vertreten. „Meine fotografische Arbeit wird von unterschiedlichen Welten geprägt, die im Idealfall miteinander kommunizieren. Zum einen wäre da die Sensibilisierung auf moderne Lifestyle-Codes, geschärft durch langjährige Arbeit in den Bereichen Design und Architektur. Das Eintauchen und Verstehen fremder Kulturen setzt wiederum eine ganz andere Form von Erfahrung voraus – erworben durch Jahrzehnte lange intensive Kontakte auf allen gesellschaftlichen Ebenen Asiens. Heute fühle ich mich dort wie ein Fisch im Wasser. Zugleich führen mich immer wieder Reportage-Reisen an die „Last Frontier“: Besondere und oft raue Orte am Rande der globalisierten Welt, die eine besondere Form der Annäherung bedürfen. In unverbrauchten Weltregionen wie Mosambiks Norden oder Australiens Arnhem Land relativieren sich unsere Vorstellungen von Normalität.