Länderberichte

Bayern | See la vie!

Karin Lochner
Geschrieben von Karin Lochner

Das Häuschen erinnert an die Villa Kunterbunt. Zwei fröhliche Frauen reichen darin selbst gemachte Kuchen über die Theke. Das Idyll in der Nähe der oberbayerischen Osterseen ist viel mehr als ein Kiosk. Es ist ein eigenes Ausflugsziel, eine Open-Air-Bühne und vor allem ein Lebensgefühl

Die Gemeinde Iffeldorf hat das Glück, beides zu haben: ein Naturschutzgebiet und Badeseen. Auf der Dorfkirche thront ein Zwiebelturm, hinter dem man das Alpenpanorama bewundern kann. Es gibt Pferdeweiden, Wiesen voller Löwenzahn und fröhlich spielende Kinder. Iffeldorf ist so malerisch, als wäre der Ort extra von Bayern Tourismus Marketing erfunden worden, um Urlaubern zu zeigen, wie weit man auf der Idylle-Skala nach oben kommen kann.

Oberbayerische Urlandschaft

Nur einen Flecken gibt es, der ist, na ja, eher gewöhnlich. Aber man braucht in Iffeldorf schließlich Parkplätze und öffentliche Toiletten, besonders im Sommer, wenn Hunderte Besucher von auswärts zu den Osterseen, ein Konglomerat von 20 Gewässern und die einzige heute noch erhaltene oberbayerische Urlandschaft, strömen.

Der Kiosk der „Seemadames“ liegt auf dem Weg zu den unter Naturschutz stehenden Badeseen an eben jenem Parkplatz. Dort, wo die Postkartenidylle pausiert, um kurz Luft zu holen, damit sie einige Hundert Meter weiter wieder mit optischen Feuerwerken auftrumpft: mit Pferdekoppeln, einer verträumten Moorlandschaft und sanft gewellten Hügeln voll Sommerblumen. Dort also, am großen Parkplatz, hat sich, dank der „Seemadames“, seit der Sommersonnwende vor über zwei Jahren enorm viel geändert.

Mediterrane, orientalische oder auch bodenständig bayerische Schmankerl

Ein Kiosk mit Pfiff

Die Kioskpächterinnen Annelie Gerken und Bea Glaß wuseln hin und her. Dort einen Eintopf gebracht, hier ein Schwätzchen gehalten, flugs in die Küche zurück und einen Aperol Spritz gemixt. Den Kiosk am Parkplatz gibt es schon seit Jahrzehnten, aber man konnte früher nur das Nötigste kaufen: eine Dose Cola, eine Leberkässemmel, ein Steckerleis. Er stand, sagt Bürgermeister Hubert Kroiß, sogar drei Monate leer, in denen sich kein Interessent zur Geschäftsübernahme finden wollte. Annelie entdeckte die Anzeige, dass der Kiosk zu vermieten sei, beim Joggen.

Sie und ihre Freundin Bea arbeiteten zu diesem Zeitpunkt schon als Köchinnen, autodidaktisch hatten sich die Mittvierzigerinnen Kenntnisse am Herd angeeignet. „Wir lieben einfach Essen in jeder Form, mediterran, orientalisch oder auch bodenständig bayerisch“, erklärt Annelie augenzwinkernd.

Für die Gäste stehen Liegestühle bereit zur kleinen Rast für zwischendurch

Zehn Minuten zum FKK-Strand

Heute machen die beiden Freundinnen einen Gästemix glücklich, wie er unterschiedlicher nicht sein könnte. Bei gutem Wetter halten Familien und Singles auf dem Weg zu den Osterseen an, zum beliebten FKK-Strand am Fohnsee sind es über den kleinen Hügel nicht mal zehn Gehminuten und zu den Dutzenden von anderen (normalen) Badestellen ist es auch nicht viel weiter. Bei schlechtem Wetter kommen Vogelkundler, Hundebesitzer, Jogger, Schulkinder und deren Eltern oder Großeltern vorbei. Der Kiosk ist Treffpunkt für alle Generationen.

Möbel vom Flohmarkt, Essen von Herzen

Kein Wunder, dass man hier gern seinen Picknick­korb auffüllt oder sich gleich niederlässt, weil die eigenen Kinder mit den Kindern der Wirtinnen Fangen spielen. Reiter binden ihre Pferde an und holen sich eine Stärkung. Es gibt keinen Gastraum im Innern, nur eine Küche, aus der es dampft, klirrt, klimpert.

Die jüngste Stammkundin ist gerade drei Jahre alt. „Nelly hat den ganzen Tag von den ,Seemadames‘ gesprochen“, erzählt ihre Mutter Nicola. Während ihre Tochter die Kisten mit den Spielsachen durchwühlt, hat sie es sich auf einem Liegestuhl in der Sonne bei einem Milchkaffee bequem gemacht. Auf dem Stück Wiese laden noch weitere unkonventionelle Sitzgelegenheiten zum Verweilen ein: Korbsessel, Schaffellbänke, bemalte Holzstühle. Das Beste: Hier bekommt man von den Autos wenig mit, der Blick schweift über weite Weiden Richtung Berge.

Originell: Das Geschirr stammt von Iffeldorfer Wohnungsauflösungen

Alles eigenhändig renoviert

Zwei Joggerinnen spähen herein. Immer wieder bleiben Passanten stehen und schauen auf die handbeschriebene Tafel. Annelie und Bea begegnen der Schwellenangst mit Herzlichkeit. Ihr Motto lautet: „Kommt und lasst uns fröhlich sein.“ Dafür sind die gut gelaunten Wirtinnen selbst das beste Beispiel.

„Gratulation“, schwärmt eine Spaziergängerin, „großartig, wie Sie den Kiosk hergerichtet haben.“ Das eigenhändige Renovieren hat sich rentiert, freuen sich die Betreiberinnen. Nicht nur das Essen ist bei den „Seemadames“ selbst gemacht. Jedes Holzbrett ist eigenhändig verlegt. Die Möbel kommen vom Flohmarkt, das Geschirr besteht aus Geschenken von Iffeldorfer Wohnungsauflösungen.

Mit der fantasievollen Cappuccino-Aktie zu einer neuen Kaffeemaschine

Orientalische Linsensuppe oder Bio-Schweinefleisch?

So unterschiedlich die Gäste, so vielfältig sind auch die Speisen. „Wir verwenden viele Bioprodukte“, erklärt Annelie. Regionale und saisonale Küche sei Pflicht, außerdem wird nur verkauft, was den Inhaberinnen schmeckt. „Wer Leberkässemmeln und Cola sucht, ist bei uns falsch“, schmunzelt Bea. Stattdessen: viel Selbstgemachtes, von der orientalischen Linsensuppe bis zu den Röstbroten mit dem Bio-Schweinefleisch. Die Preise sind niedriger, als es Begriffe wie „bio“ und „eigene Zubereitung“ vermuten lassen. Es sieht aus, als gehe die Rechnung spielend auf.

Es gibt keinen Gastraum, nur eine kleine Küche, in der die Seemadames werkeln

Auch der Bürgermeister ist Fan

Nach ihren Runden sind die schweißüberströmten Joggerinnen am nächsten Tag wieder da. Sie haben Cappuccino-Aktien gekauft, um die neue Kaffeemaschine mitzufinanzieren. Die kleine Nelly ist mittlerweile dazu übergegangen, ihre Spielecke einzurichten. Ihre Mutter bestellt Käsekuchen und Eistee und hält ihr Gesicht wohlig seufzend in die Sonne. Weil Wochenende ist, kommt auch Bürgermeister Kroiß samt Familie vorbei. Er zwinkert den Pächterinnen zu. Sein Dorf ist jetzt an jedem Flecken Idylle pur, selbst vor dem großen Parkplatz.

Info

Die Seemadames

Vom Münchner Stadtzentrum ist man über die A95, Ausfahrt Iffeldorf, in 45 Minuten am Parkplatz Jägergasse, bei der in etwa gleich langen Zugfahrt kommen noch ungefähr 30 Gehminuten dazu. Der Kiosk hat (allerdings abhängig vom Wetter) fast rund ums Jahr und bis maximal 22 Uhr geöffnet, vorwiegend am Wochenende und von Anfang Juni bis Anfang September auch unter der Woche; ab und an finden sogar kleine Konzerte statt.


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Über diesen Autor

Karin Lochner

Karin Lochner

Karin Lochner, Jahrgang 1964, bastelt sich mit 13 Jahren ein Faschingskostüm als „Rasende Reporterin“. Fünf Jahre später veröffentlicht sie – noch zu Schulzeiten – ihre ersten Artikel im Münchner Merkur. Seither schreibt sie über Reisen, Essen und Brauchtum. Gelernt hat sie von den Menschen, denen sie begegnet ist – von ihren faszinierenden, meist beglückend heiteren und oft nachdenklichen Geschichten. Sprache notieren löst bei ihr Glück aus. 26 lautlose Buchstaben reichen für ein Hochgefühl, tief drinnen. 2013 gewann Karin den Walliser Medienpreis. Heute arbeitet sie an ihrem viertem Buch. Wenn die Reporterin nicht unterwegs ist, unterrichtet sie Yoga und andere Bewegungskünste, die dabei helfen, sich biegsam in einen überfüllten Ochsenkarren zu schmiegen (Senegal), das Rütteln bei einer Überlandfahrt ohne Blessuren zu überstehen (Jamaica) oder das Schaukeln auf einem bockigen Kamel (Katar) mit Würde zu genießen. Die nächste Reise mit einem unkonventionellem Transportmittel kommt gewiss.

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