Lifestyle

Kult Kiosk | Seemadames – See la vie

Seemadames Werbung
© Peter von Felbert

Seemadames – das Häuschen der sieht aus wie die jüngere Cousine der Villa Kunterbunt. Zwei fröhliche Frauen reichen selbstgemachte Kuchen über die Verkaufstheke. Ihr Kiosk in der Nähe der oberbayrischen Osterseen ist viel mehr als ein ungewöhnlicher Verkaufsraum mit lässiger Terrasse. Er ist ein eigenes Ausflugsziel, eine Open-Air-Bühne und vor allem ein Lebensgefühl.

Die Gemeinde Iffeldorf hat das Glück, beides zu haben: ein Naturschutzgebiet und Badeseen. Auf der Dorfkirche thront ein Zwiebelturm, hinter dem man das Alpenpanorama bewundern kann. Es gibt Pferdeweiden, Wiesen voller Löwenzahn und fröhlich spielende Kinder. Iffeldorf ist so malerisch, als wäre der Ort extra vom Bayern Tourismus Marketing erfunden worden, um Urlaubern zu zeigen, wie weit man auf der Idylle-Skala nach oben kommen kann. Nur einen Flecken gibt es, der ist, na ja, eher gewöhnlich. Aber man braucht in Iffeldorf schließlich Parkplätze und öffentliche Toiletten, besonders im Sommer, wenn Hunderte von Besuchern von auswärts zu den Osterseen, ein Konglomerat von 20 idyllischen Gewässern und die einzige heute noch erhaltene oberbayerische Urlandschaft, strömen.

Seemadames Kiosk

Der kleine Kiosk „Seemadames“ liegt ganz unspektakulär am Parkplatz der Osterseen | © Peter von Felbert

Der Kiosk der „Seemadames“ liegt auf dem Weg zu den unter Naturschutz stehenden Badeseen an ebenjenem Parkplatz. Dort, wo die Postkartenidylle, pausiert, um kurz Luft zu holen, damit sie einige hundert Meter weiter wieder mit optischen Feuerwerken auftrumpft: mit Pferdekoppeln, einer verträumten Moorlandschaft und sanft gewellten Hügeln voller Sommerblumen. Dort also, am großen Parkplatz, hat sich, dank der „Seemadames“, seit der Sommersonnwende vor zwei Jahren enorm viel geändert.

Die Seemadames

Die beiden Pächterinnen vom Kiosk „Seemadames“, Annelie Gerken und Bea Glaß, wuseln wieselflink hin und her. Dort einen Eintopf gebracht, hier ein Schwätzchen gehalten, flugs in die Küche zurück und einen Aperol Spritz gemixt. Den Kiosk am Parkplatz gib es schon seit Jahrzehnten, aber man konnte früher nur das Nötigste kaufen. Eine Dose Cola, eine Leberkäsesemmel, ein Steckerleis. Er stand sogar drei Monate leer, sagt Bürgermeister Hubert Kroiß, in denen sich kein Interessent zur Geschäftsübernahme finden wollte. Annelie entdeckte die Anzeige, dass der Kiosk zu vermieten sei, beim Joggen.

Seemadames

Originell: Das Geschirr stammt von Iffeldorfer Wohnungsauflösungen | © Peter von Felbert

Sie und ihre Freundin Bea arbeiteten zu diesem Zeitpunkt schon als Köchinnen: Autodidakt hatten sich die Mitt-Vierzigerinnen Kenntnisse am Herd angeeignet. „Wir lieben einfach Essen in jeder Form, mediterran, orientalisch oder bodenständig bayerisch“, erklärt Annelie augenzwinkernd.

Seemadames Speisen

Mediterrane, orientalische oder auch bodenständig bayerische Schmankerl – die Speisekarte der Seemadames | © Peter von Felbert

Heute machen die beiden Freundinnen einen Gästemix glücklich, wie er unterschiedlicher nicht sein könnte. Bei gutem Wetter halten Familien und Singles auf dem Weg zu den Osterseen an, Junge und Alte stärken sich bei ihnen, zum beliebten FKK-Strand am Fohnsee sind es über den kleinen Hügel nicht mal zehn Fußminuten, und zu den Dutzenden anderen (normalen) Badestellen ist es auch nicht viel weiter. Bei schlechtem Wetter kommen Vogelkundler, Hundebesitzer, Jogger, Schulkinder und deren Eltern und Großeltern vorbei. Der Kiosk ist Treffpunkt für alle Generationen.

Kein Wunder, dass man hier gerne seinen Picknickkorb auffüllt oder sich gleicht niederlässt, weil die eigenen Kinder mit den Kindern der Wirtinnen fangen spielen. Reiter binden ihre Pferde an und holen sich eine Stärkung. Es gibt keinen Gastraum im Inneren, nur eine Küche, aus der es dampfend, klirrend, klimpernd kommt. Auch der Bürgermeister kommt gerne vorbei, was in einem kleinen Dorf nie schaden kann.

Die jüngste Stammkundin ist gerade drei Jahre alt. „Nelly hat den ganzen Tag von den ,Seemadames‘ gesprochen“, erzählt ihre Mutter Nicola Bernhardt. Während ihre Tochter aufgeregt die Kisten mit den Spielsachen durchwühlt, hat sie es sich auf einem Liegestuhl in der Sonne bei einem Milchkaffee bequem gemacht. Auf dem Stück Wiese laden auch noch weitere unkonventionelle Sitzgelegenheiten zum Verweilen ein – Korbsessel, Schaffellbänke, bemalte Holzstühle. Das Beste: Von hier bekommt man von den Autos nichts mit, der Blick schweift über weite Weiden Richtung Berge.

Seemadames entspannen

Für die Gäste der Seemadames stehen Liegestühle bereit zur kleinen Rast für zwischendurch | © Peter von Felbert

Zwei Joggerinnen spähen neugierig herein. Immer wieder bleiben Passanten stehen und schauen auf die handbeschriebene Tafel mit dem Speisenangebot. Annelie und Bea begegnen der Schwellenangst mit Herzlichkeit. Ihr Motto ist: „Kommt und lasst und fröhlich sein.“ Dafür sind die gut gelaunten Wirtinnen selbst das beste Beispiel.

„Gratulation“, schwärmt eine Spaziergängerin. „Großartig, wie Sie den Kiosk hergerichtet haben.“ Das eigenhändige Renovieren hat sich rentiert, freuen sich die Betreiberinnen. Nicht nur das Essen ist bei den Seemadames selbst gemacht. Jedes Holzbrett ist eigenhändig verlegt. Die Möbel kommen vom Flohmarkt, das Geschirr besteht aus Geschenken von Iffeldorfer Wohnungsauflösungen.

So unterschiedlich die Gäste, so vielfältig sind auch die Speisen. „Wir verwenden viele Bioprodukte“, erklärt Annelie. Regionale und saisonale Küche sei Pflicht, außerdem wird nur verkauft, was den Inhaberinnen schmecke. „Wer Leberkäsesemmeln und Cola sucht, ist bei uns falsch“, schmunzelt Bea. Stattdessen: viel Selbstgemachtes, von der orientalischen Linsensuppe bis zu den Röstbroten mit dem Bio-Schweinefleisch. Die Preise sind niedriger, als es Begriffe wie „bio“ und „eigene Zubereitung“ vermuten lassen. Es sieht so aus, als gehe die Rechnung trotzdem spielend auf.

Nach ihren Runden sind die schweißüberströmten Joggerinnen am nächsten Tag wieder da. Sie haben Cappuccino-Aktien gekauft, um die neue Kaffeemaschine zu finanzieren. Die kleine Nelly ist mittlerweile dazu übergegangen, ihre Spielecke einzurichten. Ihre Mutter bestellt Käsekuchen und Eistee und hält ihr Gesicht wohlig seufzend der Sonne entgegen. Weil Wochenende ist, kommt auch Bürgermeister Kroiß mit seiner Familie vorbei. Er zwinkert den Pächterinnen zu. Sein Dorf ist jetzt an jedem Flecken Idylle pur, selbst vor dem großen Parkplatz.

Info Kult-Kiosk Seemedames

Vom Münchner Zentrum ist man über die A95, Ausfahrt Iffeldorf, in 45 Minuten am Parkplatz Jägergasse, bei der in etwa gleich langen Zugfahrt kommen noch rund 30 Gehminuten dazu. Der Kiosk hat (auch abhängig vom Wetter) fast rund ums Jahr und bis maximal 22 Uhr geöffnet, vorwiegend am Wochenende und von Anfang Juni bis Anfang September auch unter der Woche; ab und an finden kleine Konzerte statt, dieseemadames.de

Das könnte Sie auch interessieren:

Stand-up-Paddeling

Karin Lochner

Karin Lochner, Jahrgang 1964, bastelt sich mit 13 Jahren ein Faschingskostüm als „Rasende Reporterin“. Fünf Jahre später veröffentlicht sie – noch zu Schulzeiten – ihre ersten Artikel im Münchner Merkur. Seither schreibt sie über Reisen, Essen und Brauchtum. Gelernt hat sie von den Menschen, denen sie begegnet ist – von ihren faszinierenden, meist beglückend heiteren und oft nachdenklichen Geschichten. Sprache notieren löst bei ihr Glück aus. 26 lautlose Buchstaben reichen für ein Hochgefühl, tief drinnen. 2013 gewann Karin den Walliser Medienpreis. Heute arbeitet sie an ihrem viertem Buch. Wenn die Reporterin nicht unterwegs ist, unterrichtet sie Yoga und andere Bewegungskünste, die dabei helfen, sich biegsam in einen überfüllten Ochsenkarren zu schmiegen (Senegal), das Rütteln bei einer Überlandfahrt ohne Blessuren zu überstehen (Jamaica) oder das Schaukeln auf einem bockigen Kamel (Katar) mit Würde zu genießen. Die nächste Reise mit einem unkonventionellem Transportmittel kommt gewiss.

);">