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Flug um die Welt | Catch me if you can!

Längster Linienflug der Welt, Längster Linienflug der Welt ; Von Singapur nach New York mit SQ 22 auf der NORPAC-Route
Peter Pfänder
Geschrieben von Peter Pfänder

Den Titel längster Linienflug der Welt trägt die Nonstop-Verbindung zwischen Singapur und New York. Unseren Selbstversuch verlängerten wir zu einem Flug um die Welt. Entgegen aller Unkenrufe blieb der Jetlag aus. Wir waren wohl schlicht zu schnell …

Flug um die Welt. Erste Etappe
A350-900 | SQ 327 | München–Singapur

10.643 Kilometer. 11:37 Stunden

Kurz nach 13 Uhr hebt der Airbus ab. Mein Flug um die Welt, eine Art „Zeitreise“, beginnt. Die Route führt über die Türkei, Irak, Iran, Indien und Sumatra. Ich mache es mir im breiten Business-Class-Sitz bequem und checke das Unterhaltungsprogramm. Sehr umfangreich, mit vielen aktuellen Filmen wie „Vice“ oder „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“.

Kurz nach dem Start gibt es ein Glas Heidsieck-Champagner sowie Beef and Chicken Satay, danach die vorab über die Option „book a cook“ bestellten Lemon Pepper Prawns. Dazu gönne ich mir einen 2013er Château Rahoul. Anschließend ist es Zeit für Zeitungslektüre, einen Whisky, einen Film auf dem riesigen Bildschirm – und jede Menge Wasser. Die Faustregel auf Langstrecken: ein halber Liter Wasser pro Flugstunde.

Nach knapp sieben Stunden Flug kommt die Müdigkeit, obwohl es erst 20 Uhr deutscher Zeit ist. Mit zwei Handgriffen wird der Business-Sitz zum Bett, 72 Zentimeter breit und zwei Meter lang. Ich wache erst wieder auf, als zum Frühstück Dim Sum und ein dramatischer Sonnen­aufgangshimmel über der Andamanensee warten. Kurz nach sieben morgens landen wir am Changi Airport.

Pitstop im Pool des „Crowne Plaza Changi“

1.050 Meter. 30 Minuten

Nach der zügigen und freundlichen Immigration-Prozedur raus ins Freie und rüber zum Hotel „Crowne Plaza Changi“, in dem ich einen Day Use Room für sechs Stunden reserviert habe. Höchste Zeit für etwas Bewegung und frische Luft. Nach dem Check-in geht es in den 30 Meter langen Outdoor-Pool.

Begleitet vom Sound startender Flugzeuge ziehe ich  35 Bahnen. Danach um 10 Uhr Ortszeit (also 4 Uhr morgens deutscher Zeit) unter die Dusche und ab ins Bett, ein wenig auf Vorrat schlafen. Sechs Stunden später läutet der Wecker. Zeit für den Check-out und eine Tour durch das am Vortag eröffnete Jewel Changi vor dem Abenteuer längster Linienflug der Welt.

Der 40 Meter hohe Wasserfall ist spektakulär. Die Besuchermassen sind es auch – kein Wunder, hat das Jewel doch erst am Vortag eröffnet. Totaler Selfie-Rausch an allen Ecken. Stellenweise kommt man keinen Schritt weiter. Der Bau schließt direkt an Terminal 1 an und ist über sogenannte Link Bridges mit den beiden anderen Terminals verbunden.

2.000 Bäume sowie über 100.000 Büsche und Stauden wurden in dem donutförmigen, transparenten Bau verpflanzt. Leider überdeckt laute Musik das Rauschen und To­sen der über sieben Etagen in die Tiefe stürzenden Wassermassen. Am Rand des Donut ist auf sieben Eta­gen alles vertreten, was teuer ist oder gut schmeckt. Dann ist es Zeit, zum Gate zu marschieren – SQ22, der längste Linienflug der Welt startet bald.
Day Use Room im „Crowne Plaza Changi“ 6 Stunden 190 S$. changiairport.crowneplaza.com

singapur - new york mit singapore airlines, Längster Linienflug der Welt, A 350-900 ULR SQ 22 schafft einen halben Flug um die Welt

A 350-900 ULR: Deutlich weniger Sitzplätze, deutlich größere Tanks, maximale Reichweite von 18.000 Kilometern – kann bis zu 20 Stunden in der Luft bleiben, also deutlich mehr als der längste Nonstop-Linienflug der Welt dauert

Flug um die Welt. Zweite Etappe: Längster Linienflug der Welt
A350-900 ULR | SQ 22 | Singapur–New York

16.551 Kilometer. 17:41 Stunden

Fünf Minuten vor Mitternacht hebt der Airbus A350-900 ULR mit 165.000 Litern Kerosin in den Tanks ab. Der längste Linienflug der Welt trägt die Flugnummer SQ22. Geplante 18 Stunden Flugzeit liegen vor den Passagieren auf 67 Business-Class- und 94 Premium-Economy-Sitzen der neuen Generation mit mehr Privacy und Beinabstand.

Uns erwartet, weil wir gen Osten fliegen, eine unendliche Nacht von fast 18 Stunden. Und ein superkurzer Kalendertag, immerhin sind wir am 18. April ab Mitternacht summa summarum 17 Stunden und 36 Minuten in der Luft, die Uhr in New York aber zeigt bei der Landung in Newark am 18. April nur 5 Stunden 44 Minuten später an.

Wo sind die restlichen 11 Stunden und 52 Minuten hin? Zurückgespult? Verloren? Oder gewonnen? Bin ich in der Realität nun jünger, als ich sein sollte?

 

In der Gegenrichtung von New York nach Singapur sind die Chancen groß, den Nordpol zu überfliegen. Dabei ist man wegen des Gefrierpunkts von Kerosin – auf wesentlich geringerer Flughöhe (in wärmeren Luftschichten) unterwegs als üblich, was den Sightseeing-Effekt verstärkt. Dieser Flug (SQ 21) startet um 10.25 Uhr und landet um 17.10 Uhr des Folgetags in Singapur. Damit ist es an Bord und vor den Fenstern deutlich länger Tag – und der Reisende am Ziel gemäß Ortszeit stolze 30 Stunden und 45 Minuten älter. Es gibt keine absolute Zeit…

Unser Flug SQ 22 führt am 18. April nicht über den Nordpol gen USA, sondern eher „hintenrum“, auf der Norpac-Route. Über das Südchinesische Meer, Taiwan, vorbei an Tokio und der Insel Hokkaido, über Petropalowsk-Kamtschatski und Kamtschatka …

… gut drei Stunden nach dem Start nicke ich ein, zwischen Taiwan und der philippinischen Insel Luzon. Auf Höhe der Südspitze von Kamtschatka wache ich wieder auf. Geweckt vom Essens-Duft. 8:28 Stunden Flugzeit sind seit dem Start in Changi Singapore vergangen. Es ist zapfenduster draußen, in der Kabine auch. Zeit für das laut Menükarte „Midflight Dinner“. Ist aber eher ein Frühstück, wenn man davor fünf Stunden geschlafen hat, oder?

Leichtes Schnarchen mischt sich mit Geschirrklappern. Bildschirme flimmern. Essen. Schlafen. Filme ansehen (das für die superlangen Flüge erweiterte Entertainment-Programm umfasst über 1.200 Stunden!) – das sind die drei Disziplinen an Bord.

Fürs Essen auf Langstreckenflügen gilt: leich­te Kost wie Ge­flügel oder Fisch statt schwerem Essen, bei dem zu viel Blut in den Magen strömt. Und Gabel weg von Kohl, Brokkoli, Bohnen und Blumenkohl. Sie lösen wie stark kohlensäurehaltige Getränke Blähungen und Bauchkrämpfe aus, verstärkt durch den geringeren Luftdruck in der Kabine.

Der digitale Multitasker auf der anderen Seite des Gangs, der drei Stunden zeitgleich im Internet nach T-Shirts und Sneakers suchte (die Rechnung fürs On Board WiFi dürfte gewaltig ausfallen), einen Film auf dem Bildschirm verfolgte und sich einem Handyspiel widmete, hat offen­sichtlich das Falsche gegessen: Olfaktorisch bleibt der Luftraum über Sitzreihe 19 für eine Stunde eine Herausforderung.

Dabei bietet Singapore Airlines auf den Superlangstreckenflügen in Zusammenarbeit mit der US-Wellness-Marke Canyon Ranch bekömmliche, leich­te Gerichte wie Fenchel-Pfirsich-Salat oder Seebarsch-Filet mit Gemüse sowie gesunde Mixgetränke wie Grüntee mit Ingwer und Minze an. Zum „After Take-off-Dinner“ (um zwei Uhr morgens Ortszeit Singapur) hatte ich Lobster Thermidor gewählt, der sich als äußerst bekömmlich erweisen sollte.

Längster Linienflug der Welt SQ 22, nur mit Lobster Thermidor

Lobster Thermidor – eines der populärsten Gerichte. Kann vorab über die Funktion Book a Cook reserviert werden. Hier die Version aus der First Class. In der Business Class gibt es etwas weniger Porzellan….

Was sagt die innere Uhr? Ist es Morgen oder Abend? Keine Ahnung. Ich folge der Empfehlung von Chief Steward Alex Koh, entscheide mich zum „Midflight Dinner“ für Sate, Tiger Beer und ordere einige Wasserflaschen auf Vorrat.

Fürs Wohlbefinden versuche ich, weiterhin pro Flugstunde einen halben Liter Wasser zu trinken. Das erfordert nach den fünf Stunden Schlaf eine Art Druckbetankung mit 2,5 Litern. Was einen thromboseverhindernden Nebeneffekt hat: Man rennt ständig zur Bordtoilette und steht dort recht lang an. Es scheint noch einige andere eifrige Wassertrinker zu geben.

Nach elf Stunden fliegen wir über die Beringstraße und St. Lawrence Island. Nun herrscht für knapp zwei Stunden Tageslicht. Unter uns funkeln Schnee- und Eisflächen. Weiter geht es quer über Alaska und Kanada, an der Hudson Bay vorbei geradewegs nach New York, wo der längste Linienflug der Welt enden wird. Wir landen um 5.39 Uhr auf dem Newark Liberty Airport, nach exakt 17 Stunden und 41 Minuten Flugzeit.
Der längste Nonstop-Linienflug der Welt zwischen Singapur–New York kostet oneway in der Premium Economy ab 1.114 Euro. singaporeair.com

Sightwalking im Big Apple

23,3 Kilometer. 12 Stunden

Der Plan? Nach der frühen Landung ruckzuck nach Manhattan und dann Sightwalking zu Fuß: Grand Central,  Chelsea und Chelsea Market, Flatiron Building, Empire State Building, Rockefeller Center, Metropolitan Museum of Art, zurück zur und über die Brooklyn Bridge, City Hall, Woolworth Building und One World Trade Center.

Die Realität: Zwei Immigration-Schalter für alle Passagiere von SQ22 und einer Boeing 777 von EL AL. Ein Officer für US-Bürger und Kanadier, einer für alle anderen. Das ist lächerlich und sorgt für eine lange Warteschlange.

Zwei „Airport Customer Experience Specialists“ (keiner beherrscht die Kunst der zynischen Euphemismen besser als die Amerika­ner) kommandieren die Wartenden munter herum. „No cellphone!“ „Step forward!“ Welcome to the Land of the Free! Dass auch noch der Fingerabdruck-Scanner spinnt, wundert nicht weiter.

41st Street wartet zwischen Park und Fifth Avenue der Library Way, New York

Beim Bummel durch Manhattan nicht immer die Augen geradeaus – in der 41st Street wartet zwischen Park und Fifth Avenue der Library Way

Endlich in Manhattan. Von der pompösen Grand Central Station erst mal mitsamt Rollköfferchen zum Library Way in der 41. Street und dann auf der Sixth Avenue runter bis zum neu eröffneten Hotel Moxy NYC Chelsea, das mich mit einem Early Check-in um 9 Uhr morgens beglückt.

Kurze Dusche. Frische Klamotten, Sonnenbrille auf die Nase und dann bei schönstem Wetter zu Fuß durch Manhattan. Zum Abschluss des Tages geht es im des ohne Antenne 417 Meter hohen 1WTC mit dem rasend schnellen Aufzug hoch in den 102. Stock. Mit mir genießen Hunderte anderer Touristen den grandiosen Blick über New York City im Sonnenuntergang aus dem One World Observatory.

Flug um die Welt. Dritte Etappe
A380 | SQ 25 | New York JFK–Frankfurt

6.188 Kilometer. 6:40 Stunden

Kaum der Rede wert, dieser kurze Sprung über den Atlantik. Hat man das Abendessen verputzt und zwei Gläser Bordeaux genossen, ist der Flug schon fast halb vorüber. Zeit, zu schlafen. Auf SQ 22 lag ich weicher, weil dort den Passagieren die Matratzenauflage aus der First Class spendiert wird. Aber kein Problem. Kurzer Power-Nap und ein Continental Breakfast später landen wir überpünktlich um 10.12 Uhr in Frankfurt. Mein Flug um die Welt ist nach nach 33.382 Kilometern und 35 Stunden 58 Minuten in der Luft zu Ende.

Um 10:52 Uhr fährt der ICE 1113 pünktlich und fast leer los Richtung München. Am Ostersonntag schließt sich der Kreis in der S 8 von Pasing nach Herrsching. Ich bin in 96 Stunden einmal um die Welt gereist. Zeit für ein großes, fettes Osterei – und einen vitalisierenden Sprung in den 10 Grad kühlen Ammersee.
New York–Frankfurt Business Class oneway ab 1.522 US$

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Längster Linienflug der Welt: Video vom Streckenverlauf

 

Über diesen Autor

Peter Pfänder

Peter Pfänder

Leidet an chronischem Fernweh, seit er 15 ist. Härtester Therapieversuch: eine 10.000-Kilometer-Radtour rund ums Mittelmeer im Alleingang im Jahr 1985. Die „itchy feet“ führten ihn während des Studiums (Politologie und Islamwissenschaften) in Tübingen und Damaskus immer wieder in den Nahen Osten. Lebte viele Monate in Jemen, Syrien und Libanon. Arbeitete als Gabelstaplerfahrer, freier Autor und Redakteur. Der Chefredakteur von ABENTEUER UND REISEN liebt fremde Ufer, spannende Großstädte weltweit und exotische Küchen. Entspannt am liebsten beim Schwimmen im See oder Meer, beim Stand-up-Paddling im Sommer wie im Winter, bei Mountainbike-Touren – und in der Sauna.