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Last exit Beijing? | Last exit Kirgisistan!

Keno Stocks
Geschrieben von Keno Stocks

Keno Stocks ist 20 und damit  jünger als sein Peugeot 106.
Mit dem will er von Oberbayern nach China. Allein.
Ohne Masterplan. Aber mit viel Abenteuerlust.
Und dem Pech, mit dem Auto letztlich nicht in China
einreisen zu dürfen. Doch seine 9. und letzte Etappe
beschert ihm nochmal ein furioses Finale: Kirgisistan.

Kirgisistan ist ein Land, dessen Schönheit so atemberaubend ist, dass ich gar nicht erst versuchen werde, es in Worte zu fassen. Benutzt stattdessen die Google-Bilder-Suche. Besser noch: Fliegt einfach hin. Für diesen Text werde ich mich auf einen Aspekt Kirgisistans beschränken, der auf den ersten Blick unwichtig erscheint, in Wahrheit aber ein kulturelles Fundament der Kirgisen bildet: vergorene Pferdemilch.

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Freiheit – lässt sie sich besser ausdrücken als auf diesem Bild? Mit eigenem Auto, Zelt und einer endlos erscheinenden Hochebene?

Alles, was in Kirgisistan existiert, kann im Grunde genommen in zwei Kategorien eingeteilt werden:

1. Nicht-materielle Dinge wie zum Beispiel Gedanken, Träume, Emotionen oder Steuerschulden
und
2. Dinge, die aus Pferd gemacht sind.

Einer der prominentesten Auswüchse dieser Kultur ist das sogenannte Kymyz. Wikipedia definiert dasselbige etwas euphemistisch als „Fermentierte Stutenmilch“ und empfiehlt es als Milchersatzgetränk für Menschen mit Laktoseintoleranz. Wikipedia scheint dabei anzunehmen, dass es Menschen gibt, die lieber saure, klumpige, alkoholische und sprudelnde Milch mit deutlichen Nuancen von Pferdeäpfeln trinken, bevor sie gar keine Milch trinken.

Zug bekommen ist ja selten gut - das gilt insbesondere bei Schienen-Porträts …

Zug bekommen ist ja selten gut – das gilt insbesondere bei Schienen-Porträts …

Ich hatte das groß Privileg, von einer kirgisischen Hausfrau in das Geheimnis der traditionellen Herstellung von Kymyz eingeweiht zu werden. Wie so oft ist es verblüffend einfach, wenn man erst mal weiß, wie es geht: „Man nehme einen Eimer frische Pferdemilch und stelle ihn solange in eine Ecke, bis er anfängt, einen bestialischen Gestank abzusondern. Immer, wenn man mit seinem Ehegatten einen heftigen Streit hat, versetzt man dem Eimer einen wütenden Tritt, sodass die Milch während des Fermentationsprozesses mindestens dreimal täglich gut durchmischt wird.“

Sicherlich, wenn ich hier so über dieses Nationalgetränk herziehe, welches in Kirgisistan so eine Bedeutung hat, dass sogar die Hauptstadt Bischkek nach dem zur Herstellung benötigten Eimer benannt wurde, dann versuche ich damit in der Hauptsache von der demütigenden Tatsache abzulenken, dass meine deutschen Geschmacksknospen im Gegensatz zu denen der Kirgisen hoffnungslos verweichlicht sind.

Tatsächlich wird Kymyz nicht etwa deshalb getrunken, weil es in Kirgisistan nichts anderes gäbe, sondern weil es, sofern man sich an den Geschmack gewöhnt hat, wohl um ein gesundes und äußerst nahrhaftes Lebensmittel handelt.

Alles Ju(r)te!

Alles Ju(r)te!

Auch einige westliche Heilpraktiker preisen mittlerweile Kymyz im Internet und behaupten, es sei sehr gut für die Darmflora. Damit unterstellen sie freilich, es wäre für die Darmflora sehr gut, schleunigst und möglichst vollständig den Darm zu verlassen und in eine Toilettenschüssel umzusiedeln. (Das mit Bischkek ist übrigens kein Scherz: Die Hauptstadt Kirgisistans wurde TATSÄCHLICH nach dem Eimer benannt, der verwendet wird, um Kymyz herzustellen.)

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Kirgisistan: Mal von der weiterreiseverhindernden Bürokratie abgesehen eines der Highlights auf Keno Stocks sechsmonatiger Reise

Achtung: Es folgen ein fürchterlich abruptes Ende und ein sehr unrunder Schluss. Ich bin nämlich unfähig, über Tatsachen zu schreiben.

Hier, in Kirgisistan an der Grenze zu China endet meine Reise und ich wünschte, ich könnte euch jetzt eine irre, abenteuerliche Geschichte auftischen, warum das der Fall ist, aber wie so oft ist die unnehmbare Hürde auch in diesem Fall die schnöde Bürokratie. In Bischkek werden seit einigen Wochen keine Visa mehr an Nicht-Kirgisen vergeben. So einfach ist das. Und im Gegensatz zu allen anderen Polizei-, Grenz- und Regierungsbeamten in Zentralasien lassen sich die chinesischen Grenzer von einem lasziv aus der Tasche gezogenen 100-Dollar-Schein nicht dazu bewegen, ihre juristische Flexibilität unter Beweis zu stellen.

Also möchte ich diesen letzten aller Absätze darauf verwenden, euch einen ausnahmsweise ernstgemeinten Ratschlag zu geben. Solltet ihr im nächsten Jahr Lust bekommen, nicht schon wieder in die Ferienwohnung in Westspanien oder zum Schwager nach Schweden zu fahren, dann fahrt nach Albanien, Georgien oder Kirgisistan. Es gibt wahrscheinlich keine anderen Länder auf der Welt, in denen man mit derart kurzer Anreisezeit und für derart wenig Geld eine derart umwerfende Landschaft vorfindet und zwar ohne Geländer, Infotafeln, kostenpflichtige Wanderwege, batteriebetriebenen Audioguides und Traditional-Cooking-Kursen, dafür mit wilder, unberührter Natur, haarsträubenden Busfahrten, durchweg herzlichen, gastfreundlichen Menschen und einer wirklich fremden, authentischen Kultur. Die schönsten Erlebnisse meiner Reise sind diesen Attributen dieser Länder geschuldet und ich freue mich schon riesig darauf, zurückzukehren, um mit dem Entdecken und Erleben weiterzumachen. Wir sehen uns dann da!

Into the wild!

Into the wild!

Ja, es ist leider wahr. Kenos Reiseblog endet hiermit nach sechs Monaten. Alle Episoden zum Nachlesen findet ihr hier. Und wer weiß, vielleicht auch mal wieder etwas Neues auf unserer Webseite. Keno hat ja offenbar schon wieder ein paar kuriose Reisepläne …

Über diesen Autor

Keno Stocks

Keno Stocks

Keno Stocks hat sich schon lange dafür interessiert, was eigentlich passiert, wenn man sich in sein Auto setzt, losfährt und nicht mehr aufhört. Die ersten Experimente in diese Richtungen fanden in der Umgebung von München statt und endeten abrupt, als nach Tagen die Erkenntnis ins Bewusstsein sickerte, dass die A99 eine Ringstraße ist. Zwei wichtige Lektionen stammen aus dieser Zeit: Den besten Kaffee gibt es auf Münchens Nordhalbscheibe und jedes Schiff braucht einen Kurs! Also wurde eine vierseitige Münze geworfen und die Entscheidung getroffen, Segel zu setzen und den Bug gen Osten zu halten! Auf nach China!

(Wenn von Segel die Rede ist, ist damit freilich der 20 Jahre alte Einlitermotor des Peugeot 106 gemeint. Wenn von Schiff die Rede ist, ist darunter freilich das dazugehörige Fahrzeug zu verstehen.)

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