Länderberichte

Malaysia | Good Vibes

Robert Haidinger
Geschrieben von Robert Haidinger

Weltweit gibt es viele Städte namens George Town. Die Hauptstadt der Insel Penang ist die schönste – dank klasse Street Food, schöner historischer Architektur, viel Asia-Flair und Street Art

Die ideale fernöstliche Operettenstadt ist nicht zu groß, aber auch kein Nest. Lady Butterfly sitzt in Rikschas fest, aber sicher nicht im Stau. Was Asiens schönste Stadt noch braucht: einen eigenständigen Baustil. Gutes Street Food, das sich jeder leisten kann. Und ruhige Nebenstraßen, in denen die Schulkinder noch die Glöckchen der fliegenden Händler hören. All das trifft auf die „Perle des Orients“ zu. So wurde George Town früher genannt.

Für asiatische Verhältnisse fast ein Dorf

Die Insel vor Malaysias Küste heißt Penang. Genauso wie der Bundesstaat, zu dem auch ein Streifen Festland zählt. Im Norden der bergigen Insel liegen feine Sandstrände. Batu Ferringhi beispielsweise, oder Tanjung Bungah. Malaysias neuer Mittelstand ließ sich dort Apartments und Shopping Malls bauen, Resort-Urlauber aus China, Thailand und Singapur konkurrieren mit Expats beim Kite-Surfen und beim Faulenzen am Strand.

Einfach ein Boot zum Pantai Kerachut Beach im Nationalpark mieten

Dem kleinen Zentrum von George Town soll das nur recht sein, so verteilen sich die 740.000 Einwohner des Stadtgebiets von Penang besser. Lediglich ein Drittel davon lebt im alten George Town – für asiatische Verhältnisse kaum mehr als ein großes Dorf.

Ich spaziere einen schmalen „Fünf-Fuß-Weg“ entlang und staune über die Details der Bodenfliesen, die im Halbschatten vor den Häusern schimmern. Grüne Rauten mit stilisierten Chrysanthemen sind da zu sehen, blaue Quadrate mit geometrischen Art-déco-Schraffuren, chinesische Symbolik sowieso. Ein Zufall ist das nicht – und der Fünf-Fuß-Weg kein Straßenname, sondern eine kluge Einrichtung. Sie gehört zu George Town wie Kokosmilch und Garnelen in die Laksa-Suppe.

Das „Sup Hameed“ ist bekannt für seine guten Suppen

Dieser Five Foot Way heißt auf Malaiisch Kaki Lima, genauso wie die traditionellen Essenswägelchen. Die Fünf-Fuß-Wege sind Korridore, die seit jeher Menschen verbinden und das Soziale nähren. Ein Platz zum Tratschen, auf niedrigen Holzschemeln, kühl überschattet durch zusätzliche Bambusrollos und trocken selbst bei den heftigen Regengüssen des Monsuns. Die halbe Altstadt ist mit solchen Arkaden ausgestattet.

Bar und Café „Cintra Street“

Alles ganz entspannt hier

George Town wirkt so heimelig, dass es Expats im großen Stil anzieht. Seit den 90ern hat sich die Zahl jener, die Kuala Lumpur zugunsten von Penang den Rücken kehrten, versechsfacht. Der entspannte Vibe, den sie hier entdecken, hat mit einer weiteren Bauform zu tun, die hier ausgefeilt wurde und die George Towns intime Fünf-Fuß-Wege perfekt ergänzt. Die Rede ist vom Shophouse: unten Geschäft, oben Wohnung. Shophouses waren dank ihrer Feuermauern besser gegen jene verheerenden Brände gefeit, die Südostasiens Attap-Hütten immer wieder wie Zunder brennen ließen.

 

Lee Yaw Chong ist der Besitzer von „Tea Home Trading“

In George Town trieben Vorläufer des heutigen Home Office ab 1780 besondere Blüte. Wer einen Heritage Walk unternimmt, lernt zwischen der niedrigen Urform und der chinesischen Variante zu unterscheiden, zwischen Shophouses im speziellen Straits-Eklektizismus und der geometrischen Eleganz des Art déco. Was all diese Formen gemeinsam haben, ist das menschliche Maß der Shophouse-Idee.

George Town ist und war von Beginn an eine Stadt der Händler. Sie ist so multikulturell wie es nur die Straits Culture – so nennt man das Gemisch an der 900 Kilometer langen Straße von Malakka – hervorbringen konnte.

„Cheong Fatt Tze Mansion“ oder auch „Blue Mansion“: Mit Restaurant und recht nostalgischen Zimmern

Ein Hoch auf die Straits Culture

1786 ging es los mit einem Deal zwischen dem Sultan von Kedah und Captain Francis Light, der sich die kaum bewohnte Insel im Austausch gegen den militärischen Beistand der East India Company unter den Nagel riss, das übliche koloniale Schutzgeld im Zeichen des Union Jack. Gute 100 Jahre später machte hier ein verschwitzter Karl May staunend Station und stieg im blendend weißen Luxusschuppen des „Eastern & Oriental Hotel“ ab, das die Riege der britischen Kolonialarchitektur noch immer anführt. Damals war George Town längst zum Erfolgsmodell herangereift.

Der Handel mit Zinn aus der nahen Mine, mit Kautschuk, Gewürzen und Tee lief wie geschmiert. Vor allem aber hatte sich in der „Perle des Orients“ ein buntes Völkergemisch zusammengefunden. Südchinesische Zinnbarone und Handwerker aus Kanton und vom Hakka-Volk, indische Zuwanderer und hier angestammte Malaien, Araber, Armenier, Burmesen, Thai und natürlich Europäer drängten sich auf der Ostseite der bergigen Insel.

George Towns reichste chinesische Händler ließen sich im Laufe der Jahrzehnte Stadtpalais bauen, die ihresgleichen suchten: mit Blattgold, Perlmutt und Teak verzierte Häuser, voll verschnörkelter Galerien und lichter Innenhöfe, zeitverwehte Orte mit altmodischen Ventilatoren, Gasleuchten und Antiquitäten, die Einblick in die exotische Peranakan-Kultur verleihen.

So zeichnet das 130 Jahre alte House of Yeap Chor Ee den Aufstieg eines bettelarmen chinesischen Einwanderers zum Zuckermagnaten nach, während das kobaltblau getünchte Cheong Fatt Tze als Paradebeispiel für perfekt umgesetztes Feng-Shui gilt, das auch noch Jugendstilelemente und neogotische Fenster aufweist. Die beliebteste Location für Hochzeitsfotos ist trotzdem die Pinang Peranakan Mansion, stilgerecht rollt man per Fahrradrikscha an.

Die Pinang Peranakan Mansion erinnert an längst vergangene Zeiten der chinesischen Straits Settlement in Penang

Rote Karte für Spekulanten

Mit der Rücknahme des Control of Rent Act, der alteingesessenen Bewohnern subventionierte Billigmieten zugestand, wirbelte ein hausgemachter Sturm durch die Altstadt, der kleine Handwerker aus plötzlich unbezahlbar gewordenen Werkstätten vertrieb und die malaiische Suppenfrau aus dem Laden ums Eck. Geschätzte 60.000 Bewohner kehrten damals der Stadt den Rücken. Ihre Woks und spezifischen Kochkenntnisse, das Wissen um chinesische Heilkunde und die Teekultur nahmen sie mit. Die intakte und althergebrachte Infrastruktur, die George Towns besonderen Charme ausmachte, war über Nacht in eine Schräglage geraten, zumal viele der kaufkräftigen Nachmieter beim Umbau der Shophouses nicht besonders zimperlich waren.

Spaziert man heute durch George Town, so sieht man: Die Karten sind neu gemischt. Nach zähem Betreiben privater Organisationen – allen voran der von Investoren und Offiziellen lange Zeit höchst ungeliebte Penang Heritage Trust – gelang 2008 ein entscheidender Clou: George Towns einzigartige Architektur wurde mit Weltkulturerbe-Status bedacht. Ab da ging es steil aufwärts.

Nicht nur Touristen heuern sich Rikschas an

Erste Boutiquehotels wie das praktisch aus Trümmern auferstandene „23 Love Lane“ wurden für die gefühlvolle Verbindung von Heritage und Glamour vom staatlichen Architekturinstitut ausgezeichnet. Die ersten Shophouses machten als Galerien von sich reden, in denen vor allem lokale Künstler oder Modeschöpfer ihre Bilder und Entwürfe präsentierten.

George Town soll als „echte“ Stadt erhalten bleiben

Die mit rostigen Blechdächern gedeckten Holzpfahlbauten der Chew Jetty und ähnlicher Docks wie Koay Jetty, Lee Jetty und Lim Jetty sowie Malaysias einzige Pfahlbau-Moschee sind eine weitere Facette dieser vielfältigen Stadt.

Die Menschen in Penang gehen mit dem historischen Juwel auf recht unterschiedliche Weise um. Spazierte man zuletzt durch die kleine Altstadt, dann konnte man mitunter Vogelgezwitscher hören – ein untrüglicher Hinweis auf Investoren, die baufällige Heritage-Objekte durch die Ansiedlung von Schwalbennestern endgültig in die Knie zu zwingen suchen.

Der litauische Künstler Ernest Zacharevic hinterließ in George Town einer von Street-Art-Bildern, hier „Kids on Bicycle“

Der „normale“ Abriss ist im von der Unesco geschützten George Town selbstverständlich nicht erlaubt. Bloßer Erhalt ist den meisten Aktivisten, die sich gegen profitsüchtige Investoren zur Wehr setzen, aber zu wenig. Eine Innenstadt mit geretteter Substanz, die nur noch Kulisse für Hotels, Bars und Restaurants ist wie etwa Venedig, das wollen nur die wenigsten. Darauf verweisen viele Aktivitäten, durch die Asiens feinstes Shophouse-Showpiece eine lebendige „echte“ Stadt bleiben soll.

Street Food – das besondere Aroma Penangs

Das jährlich stattfindende George Town Festival soll neben unterhaltsamen Live Acts den Gemeinschaftssinn stärken. Doch vor allem stärkt das Brodeln und Zischen der Kochtöpfe Körper, Geist und Stadt.

Onde-Onde: Buntes Reisball-Dessert im „Kebaya Restaurant“

Penangs Street Food genießt aufgrund der multiethnischen Vielfalt und langen Tradition einen besonderen Ruf, der sich längst von Hongkong bis Bangkok durchgesprochen hat. Feine Locations wie das „Kebaya Restaurant“, in dem das Nyonya Food der Peranakan-Küche serviert wird, oder coole Rooftop-Bars wie zum Beispiel das „Three Sixty°“ treten da zu kurz.

Mehr vom besonderen Aroma dieser einzigartigen Stadt halten der Penang Market und die in jede Richtung offene Street Food Safari auf eigene Faust bereit. Besonders lohnenswert ist auch der Besuch eines der vielen Nachtmärkte, wie des montäglichen Macallum Street Night Market oder des freitäglichen Jelutong Night Market.

Längst listen Broschüren des lokalen Tourist Office die besten Adressen für chinesische Hokkien Mee Noodles, das malaiische Frühstück Roti Canai, Satay-Spießchen, Banana Leaf Curries, Char Koay Teow, Nasi Lemak, Penang Assam Laksa oder auch die asiatische Eisspezialität Ice Kacank auf – in Summe der volle Geschmack von Asiens schönstem Schmelztiegel!


INFO

Anreise

Nach Penang International Airport in 14,5 Stunden und mit Stopp in Singapur mit Singapore Airlines oder Lufthansa
Ticket ab 850 Euro
Regionale Verbindungen nach Penang bietet etwa die Billig-Airline Air Asia

Übernachten

Eastern & Oriental Hotel
Das Haus zählt zu den handverlesenen kolonialen Grandhotels Südostasiens (das alte Gebäude von 1885 wurde um einen vielstöckigen Neubau ergänzt). Beide Gebäudeteile bieten herrliche Blicke auf das Meer.
DZ ab 110 Euro

Red Inn Heritage Guesthouse
Das historische Gebäude in der Unesco-Heritage-Zone ist gepflegt, günstig und beliebt – auch wegen des netten Gemeinschaftsraums.
DZ ab 20 Euro

Genießen

Three Sixty° Revolving Restaurant and Rooftop Bar
Die coolste Location der Stadt befindet sich im „Bayview Hotels“ und bietet herrliche Hafenblicke. Das beliebte Buffet Dinner kombiniert Peranakan- und malaiische Gerichte.
Gehobenes Preisniveau

Joo Hooi Café
Kenner unterscheiden bei der traditionellen Reisnudelsuppe Laksa zwischen Curry Laksa auf Kokosmilchbasis und der Fischsuppe Penang Assam Laksa. Besonders gut wird letztere im urigen „Joo Hooi Café“ zubereitet, allerdings nur bis 17.30 Uhr.
Niedriges Preisniveau
Jalan Penang 475

Web

Tourism Malaysia


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Über diesen Autor

Robert Haidinger

Robert Haidinger

Seit drei Jahrzehnten Foto-Nomade mit Ankerplatz Wien mit extremer Reiseerfahrung. Er arbeitete in bislang über 80 Staaten und auf fünf Kontinenten. Der Schwerpunkt dieser Reisetätigkeit liegt neben Afrika und Zentralamerika vor allem im kulturell so komplexen Asien. Langzeitaufenthalte in Japan, China, Sri Lanka und Indien machen ihn zum Spezialisten dieser Region. Seine Arbeiten werden von der Kölner Agentur Laif vertreten. „Meine fotografische Arbeit wird von unterschiedlichen Welten geprägt, die im Idealfall miteinander kommunizieren. Zum einen wäre da die Sensibilisierung auf moderne Lifestyle-Codes, geschärft durch langjährige Arbeit in den Bereichen Design und Architektur. Das Eintauchen und Verstehen fremder Kulturen setzt wiederum eine ganz andere Form von Erfahrung voraus – erworben durch Jahrzehnte lange intensive Kontakte auf allen gesellschaftlichen Ebenen Asiens. Heute fühle ich mich dort wie ein Fisch im Wasser. Zugleich führen mich immer wieder Reportage-Reisen an die „Last Frontier“: Besondere und oft raue Orte am Rande der globalisierten Welt, die eine besondere Form der Annäherung bedürfen. In unverbrauchten Weltregionen wie Mosambiks Norden oder Australiens Arnhem Land relativieren sich unsere Vorstellungen von Normalität.

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