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MS Europa | Krawatte allein daheim

MS Europa: auf See
Peter Pfänder
Geschrieben von Peter Pfänder

Die „MS Europa“ hat zu ihrem 20. Geburtstag eine Verjüngungskur bekommen. Und zwei neue Gourmetrestaurants, „The Globe by Kevin Fehling“ und das „Pearls“ für Kaviarliebhaber. Wir haben uns das alles auf einer Reise von Neapel nach Piräus angesehen

Die Schiffe von Hapag-Lloyd Cruises kommen alle 24 Monate in die Werft, um die hohe Qualität zu wahren und die Technik in einem einwandfreien und zeitgemäßen Zustand zu halten. Während des Werftaufenthalts bei Blohm + Voss im Herbst 2019 waren gut 60 Fremdfirmen mit 850 Arbeitern an Bord, die eine gut 1.500 Punkte umfassende Werftliste abarbeiteten.

Tschüs, Smoking! Hallo, Legerness!

Das Produktmanagement hat eine jüngere oder sich jünger fühlende Zielgruppe als die bis dato dominierenden Sixtysomethings und Seventysomethings im Auge. Das macht das Sportprogramm klar: EMS-Ganzkörpertrai­ning, bei dem elektrische Impulse die Mus­keln während des Trainings stimulieren. Und Sport-Specials wie Boxen, Yoga oder Tai-Chi auf be­stimm­ten Reisen.

Auch ging es alten Kreuzfahrtzöpfen an den Kragen: Captain’s Dinner und Gala-Abend sind abgeschafft. Deutlich gelockert wurde auch der bislang auf Eleganz getrimmte Dresscode. Legerness ist angesagt: abends ist man „sportlich-elegant“ unterwegs.

Wie das zu verstehen ist, erklärt das Tagesprogramm: „Herren auf Deck 4 gerne mit Jackett“. Smoking und Abendkleid können in die Mottenkiste. Krawatte ist ebenfalls verzichtbar, wenngleich Hapag-Lloyd Cruises zum Farewell Dinner abendlich-elegante Garderobe ausruft („Herren auf Deck 4 gerne mit Anzug und Krawatte“). Aber keine Sorge: Wer in Jeans und Jackett kommt, muss nicht draußen bleiben.

Mehr Privacy, mehr Raum, mehr Feinschmeck

Man setzt bei der Verjüngungskur neben größerer Kulinarik-Vielfalt auf „mehr Raum für Achtsamkeit und Gesundheit“, mehr Privacy beim Essen (Zweiertische!) und freie Tischwahl. Die tiefgreifendsten Änderungen gab es auf Deck 4. Wo zehn Jahre lang das „Restaurant Dieter Müller“ war, eröffnete auf größerer Fläche das „The Globe by Kevin Fehling“ des gleichnamigen Hamburger Drei-Sterne-Kochs. Anthrazitfarbene Wände, mattschwar­ze Decke und viel Freiraum um die 26 Plätze prägen das Ambiente. Das „Venezia“ wurde ebenfalls vergrößert und hat nun 50 statt 30 Plätze. Es kommt heller, leichter und deutlich entplüscht daher, vom Boden über die Wände bis zur Decke. Einfach schöner.

Das ebenfalls renovierte Restaurant „Europa“ muss­te platztechnisch für seinen neuen Nachbarn Federn lassen. Unter der weißen Decke und zwischen silbernen Säulen stehen außerdem fast doppelt so viele Zweiertische wie bisher – und es gibt freie Tischwahl.

Hauptrestaurant "Europa": Heller, neue Stühle mit praktischen Handtaschenhaken und viel mehr Zweiertischen an Bord der MS Europa 2

Hauptrestaurant „Europa“: Mehr Zweiertische und neue Stühle mit praktischen Handtaschenhaken

Kevin Fehlings Aroma-Kraftpakete

Das Gourmet-Restaurant „The Globe by Kevin Fehling“ wurde bei unserem Dinner dem Versprechen von „unkonventionellen Kreationen auf höchstem kulinarischem Niveau“ absolut gerecht. Es trägt bis in kleine Details wie die Playlist und die – man rieche und staune – Raumbeduftung die Handschrift von Deutschlands jüngstem Drei-Sterne-Koch, der im Übrigen zum Start seiner Karriere mehrere Jahre lang Sous-Chef auf der „MS Europa“ war.

3-Sternekoch Kevin Fehling beglückt die Gäste der MS Europa 2 mit akribisch zisellierten Kunstwerken, die sich als Aroma-Bomben entpuppen

3-Sternekoch Kevin Fehling beglückt die Gäste der MS Europa mit akribischen Kreationen, die sich als Aroma-Bomben entpuppen

Kevion Fehling, der 3-Sterne-Koch aus Hamburg, hat bei der Gestaltung des neuen "The Globe" bis in jedes Detail Hand angelegt

Kevin Fehling, der 3-Sterne-Koch aus Hamburg, hat bei der Gestaltung des neuen „The Globe by Kevin Fehling“ bis in jedes Detail Hand angelegt

Fehling steht für Aroma-Kraftpakete in kleinsten Dosierungen, immer ebenso überraschend kombiniert wie harmonisch im Geschmack. Alles auf spektakulär schönen Tellern hinziseliert und mit der dezidierten Aufforderung verbunden, das Kunstwerk ungeniert zu zerstören, um alle Geschmacks-Elemen­te in einem Happen zu erleben.

"The Globe by Kevin Fehling" heißt das neue Gourmet-Lokal an Bord der MS Europa

„The Globe by Kevin Fehling“ heißt das neue Gourmet-Lokal an Bord der MS Europa

Die Gänseleber Pharao kommt in Begleitung eines superwürzigen Couscous und von Auberginen-Dattel-Crème, Kumquat sowie Minze und eingelegter Zitro­ne daher. Der knackige Carabinero teilt sich den Teller mit Gurkenrelish, Chutney und einer Tandoori-Hollandaise. Das Tom-Kha-Gai-Eis (!) beglückt die Geschmacksknospen zusammen mit Sushireis, Thaicurry-Crème und Tamarinde. Von der magisch-vergänglichen Textur des Japanischen Fischbrötchens, das als Gruß aus der Küche den Genussreigen eröffnete, ganz zu schweigen. Bon dieu, was für eine Küche!

"The Globe by Kevin Fehling" auf der MS Europa 2: Ei deluxe mit Kaviar

„The Globe by Kevin Fehling“ auf der MS Europa 2: Ei deluxe mit Kaviar

"The Globe by Kevin Fehling" auf der MS Europa 2: Japanisches Fischbrötchen

„The Globe by Kevin Fehling“ auf der MS Europa 2: Japanisches Fischbrötchen

Fehling gibt nicht nur seinen Namen her, sondern wird 20 Tage im Jahr persönlich an Bord sein, die restliche Zeit hält einer der beiden Sous-Chefs die Stellung, zusammen mit vier eigens für „The Globe“ abgestellten Köchen der „Europa“.

Bei rauer See im Kaviar-Himmel „Pearls“

Zudem hat das Schiff am Heck von Deck 7 ein zusätzliches Restaurant mit Innenbereich und überdachter Außenterrasse bekommen – dort, wo bis dato ein Gymnastikraum war: Im „Pearls“ liegt der Schwerpunkt auf Kaviar, etwa in Form von Saiblings-Kaviar und abgeflämmten Jakobsmuscheln, Mandarin-Imperial-Kaviar mit Hummer-Poke und Braune-Butter-Mayonnaise oder Beluga di Venezia mit Steinbutt-Tiradito, kandierter Zitrone und Kalbs-Velouté. Alles schmeckte wunderbar, trotz des in der „Restsee“ (so der Euphemismus auf der Brücke) kräftig rollenden und stampfenden Schiffs.

Kaviar aus aller Welt gibt es im neuen Restaurant "Pearls" der MS Europa

Kaviar aus aller Welt gibt es im neuen Restaurant „Pearls“ der MS Europa

Bei gutem Wetter genießt man die Kaviar-Kreationen des "Pearls" auf dem Deck im Freien

Bei gutem Wetter genießt man die Kaviar-Kreationen des „Pearls“ im Freien

"Pearls": große Auswahl feinsten Zuchtkaviars aus der ganzen Welt auf der MS Europa

„Pearls“: große Auswahl feinsten Zuchtkaviars aus der ganzen Welt

Für das neue „Pearls“ mussten neue Wasser- und Abwasserleitungen verlegt sowie die Cooking-Station und eine Klimaanlage installiert werden. Hier gibt es nur kalte und leicht warme Speisen. Nur so komme, heißt es, der Kaviar voll zur Geltung. Tipp: Zitronensaft weglassen!

Was ist EUROPA Refresh?

Bei diesem neuen Konzept gehe Fitness, Geist und Entspannung Hand in Hand, fasst es Gabi Haupt, Leiterin Produktmanagement „Europa“  zusammen. Zusammen mit Ernährungsworkshops der Medizinerin Dr. Anne „Doc“ Fleck greife man den Trend zu gesunder Ernährung auf, heißt es dort weiter. So kombiniere man alle Aspekte eines achtsa­men Lebensstils.

Dazu passt, dass ab Juli 2020 die „MS Europa“ wie alle anderen Schiffe der Flotte nur noch mit schwefelarmem Marine-Gasöl mit 0,1 Prozent Schwefelgehalt fährt – wie es die Vorschriften in den Häfen der EU schon seit Längerem verlangen. So fallen bis zu 30 Prozent weniger Ruß und Feinstaub und 70 Prozent weniger Schwefeloxide an.

Auf den Ausstoß von Stickoxiden hat die Umstel­lung von Schweröl auf das Low Sulfur MGO, das laut Kapitän Olaf Hartmann „bis zu 70 Prozent teurer als Schweröl ist“, wenig Einfluss. Der hängt von den Maschinen und von Katalysatoren ab. Die reduzie­ren auf Hapag-Lloyd Cruises’ Neubauten den Ausstoß um bis zu 95 Prozent. „Die Routen werden so geplant und gefahren, dass wir im Schnitt im Ideallastbereich mit rund 16 Knoten unterwegs sind. Bei schnellerer Fahrt steigt der Kraftstoffverbrauch exponentiell an.“ Vier Knoten mehr können je nach Schiff einen Mehrverbrauch von 50 bis 80 Prozent nach sich ziehen. Durch Slow Streaming lässt sich viel Treibstoff einsparen und der Schadstoffausstoß stark senken.

Auf der Brücke der MS Europa hatte auf unserer Reise Kapitän Olaf Hartmann das Sagen

Auf der Brücke der MS Europa hatte auf unserer Reise Kapitän Olaf Hartmann das Sagen

Die Umstellung auf MGO stellt eine große Herausforderung dar, der Treibstoff ist in den notwendigen Mengen – 1.500 Tonnen Treibstoff fassen al­lein schon die Bunker der „kleinen“ Europa – nicht über­all auf der Welt in der gebotenen Qualität verfügbar. Er muss schon viele Monate im Voraus geordert und gelagert werden.

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Info MS Europa

Reisen 2020/2021

Buchbar unter hl-cruises.de/schiffe/ms-europa/reisen

Kosten

Betragen im Schnitt pro Tag und Person in der Standardsuite 480 bis 600 Euro. So kosten etwa 14 Tage Nord- und Ostsee ab 8.490 Euro und 18 Tage von Singapur nach Hongkong ab 8.920 Euro

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Bildquellen

  • MS Europa_Hauptrestaurant: © hl-cruises/Christian Wyrwa
  • Kevin fehling in action ms europa 2w: hl-cruises/Richard Hübner
  • MS Europa_Koch Kevin Fehling: hl-cruises/Richard Hübner
  • MS Europa_Menue_Entenbrust: hl-cruises/Richard Hübner
  • Ei deluxemit kaviar: hl-cruises/Richard Hübner
  • The Globe japanisches fischbroetchen: hl-cruises/Richard Hübner
  • MS Europa_Gerichte_Kaviar: hl-cruises/Richard Hübner
  • MSEuropa Pearls: hl-cruises/Richard Hübner
  • MSEuropaPearls Kaviar: hl-cruises/Richard Hübner
  • MSEuropa auf der bruecke: hl-cruises/Richard Hübner
  • MS Europa_auf See: hl-cruises

Über diesen Autor

Peter Pfänder

Peter Pfänder

Leidet an chronischem Fernweh, seit er 15 ist. Härtester Therapieversuch: eine 10.000-Kilometer-Radtour rund ums Mittelmeer im Alleingang im Jahr 1985. Die „itchy feet“ führten ihn während des Studiums (Politologie und Islamwissenschaften) in Tübingen und Damaskus immer wieder in den Nahen Osten. Lebte viele Monate in Jemen, Syrien und Libanon. Arbeitete als Gabelstaplerfahrer, freier Autor und Redakteur. Der Chefredakteur von ABENTEUER UND REISEN liebt fremde Ufer, spannende Großstädte weltweit und exotische Küchen. Entspannt am liebsten beim Schwimmen im See oder Meer, beim Stand-up-Paddling im Sommer wie im Winter, bei Mountainbike-Touren – und in der Sauna.