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MS Roald Amundsen | Das neue Hybrid-Schiff von Hurtigruten im Praxistest

Die MS Roald Amundsen, das neue Hybridschiff von Hurtigruten, ankert vor dem Gletscher von Burgerbugta auf Spitzbergen.
Peter Pfänder
Geschrieben von Peter Pfänder

Die MS Roald Amundsen ist das niet- und nagelneue Hybrid-Expeditionsschiff von Hurtigruten. Wir waren auf der ersten Arktis-Reise an Bord der MS Roald Amundsen. Gletscher und Peak Shaving zwischen Tromsø, Nordkapp und Spitzbergen

Das nach Norwegens großem Entdecker (1928 auf Spitzbergen spurlos verschwunden) Roald Amundsen benannte neueste Schiff von Hurtigruten ist 140 Meter lang, 23,6 Meter breit und hat 5,3 Meter Tiefgang. Die Eisklasse PC 6 erlaube Fahrten durch Eis von bis zu einem Meter Dicke, so Kapitän Benny Didriksen bei meinem Besuch auf der hypermodernen Brücke: „Das kann man schon extreme Eisverhältnisse nennen!“ Er muss es wissen, hat er doch schon zehn Saisons in der Antarktis und sieben in der Arktis hinter sich…

Die Roald Amundsen ankert in einer Bucht im Südosten der "Bären-Insel" Bjørnøya

Die MS Roald Amundsen ankert in einer Bucht im Südosten der „Bären-Insel“ Bjørnøya

So schläft und wohnt man

Die MS Roald Amundsen hat 265 Außenkabinen, rund 50 Prozent davon – sämtliche Suiten und ein Teil der höherklassigen Kabinen – haben einen Balkon. Geschmackvolles Interieur mit bequemen, verstellbaren Sesseln anstatt von Sofas prägt die knapp 17 Quadratmeter großen „Polar Außenkabinen“ wie auch die „Arktis Außenkabinen“.

Blick in eine Standard-Kabine auf Deck 5 der auf der MS Roald Amundsen

Blick in eine Standard-Kabine auf Deck 5

Das gewisse Etwas

Auf jeden Fall das Design. Der markante, wuchtige Bug mit senkrechtem Vorsteven durchschneidet das Wasser, statt es zu verdrängen. Dies reduziert die Widerstandskräfte und sorgt für ruhiges Fahrverhalten. Konzipiert wurde er von Rolls-Royce, das in vielen Bereichen des Neubaus involviert war, so auch beim „neu entworfenen, besonders eisfesten Seitenstrahlruder“, so Chefingenieur Jonny Johnsien, Chef über 15 Mann im Maschinen- und Kontrollraum des neuen Flaggschiffs von Hurtigruten.

Das schicke Design der Kabinen, Restaurant- und Barbereiche trägt die Handschrift von Espen Oeino International, die sich mit Luxusyacht-Design einen Namen gemacht haben.

Spektakulär: der sieben Decks hohe LED-Bildschirm im Atrium für Filme und Livestreams von der 360°-Kamera am Mast oder der mitgeführten Unterwasserdrohne.

Hybrid fürs Peak Shaving

Die Kombination von vier dieselelektrischen Maschinen mit je 3.492 Kilowatt (entspricht 4.750 PS) Leistung und zwei Lithium-Ionen-Batterieblöcken mit je 1.750 Kilowatt auf einem Kreuzfahrtschiff ist weltweit neu.

„In erster Linie dient diese Technik“, so Chefingenieur Jonny Johnsien, „dem Peak Shaving. Bei steigendem Energiebedarf, etwa beim An- und Ablegen, werden nicht die Maschinen hochgefahren, sondern springen die Batterien ein. Sie werden wieder geladen, sobald die Maschinen mehr Strom produzieren, als für Antrieb und Schiffsbetrieb verbraucht wird. Es geht nicht in erster Linie darum, längere Strecken rein elektrisch zu fahren. Sollte dies aber notwendig sein, reicht die aktuelle Speicherleistung für 20 Minuten.“

Bald wird Hurtigruten die teuren und schweren Batteriekapazitäten eventuell um das Dreifache erhöhen müssen: Ab 2026 dürfen nur noch emissionsfreie Schiffe Norwegens fünf Welterbe-Fjorde Nærøy-, Aurlands-, Geiranger-, Sunnylvs- und Tafjorden befahren.

Bis 2021 sollen sechs Schiffe auf der Postschiff­route entlang Norwegens Küste im Gas-Batterie-Betrieb unterwegs sein. Dazu will Hurtigruten neben LNG auch LBG (Liquified Bio Gas) einsetzen, das vorwiegend aus Fischereiabfällen und Biomasse aus der Forstwirtschaft des Landes gewonnen werden soll. Peak Shaving reduziert den Verbrauch an Marine-Diesel um rund 20 Prozent – und so den Kohlendioxidausstoß um jährlich 3.000 Tonnen.

Umweltfragen

Hurtigruten hat schon zu seinem 125. Geburtstag „unnötiges“ Einwegplastik von Bord verbannt. Bei Anlandungen trägt man Leihstiefel, die nach jedem Landgang gereinigt werden, so dass kein biologisches Fremdmaterial an andere, sensible Anlandungsorte verschleppt wird.

Mit dem Konzept „Norway’s Coastal Kitchen“ verzichtet Hurtigruten auf den Einsatz industriell verarbeiteter Lebensmittel und hat gefährdete Arten von den Speisekarten gestrichen. Zudem wolle man bis 2021 die Menge an Lebensmittelabfällen um eine Fünftel zu reduzieren – dazu setzt man auf die digitale Erfassung und Echtzeitmessung bei der Nahrungsmittelverarbeitung.

Laut Beschluss der internationalen Schifffahrtsorganisation ist ab 1. Januar 2020 weltweit nur noch Kraftstoff mit 0,5 Prozent Schwefelanteil erlaubt (Schwefelgehalt von PKW-Diesel: 0,001 Prozent). Die „Roald Amundsen“ fährt mit Low Sulfur Marine Gasoil mit unter 0,1 Prozent Schwefelgehalt.

Was uns besonders gefällt

Der teils gläserne Horizon-Pool am Heck. Das opulent mit Mikroskopen, Exponaten, Wissenschaftsbüchern und interaktiven Screens ausgestattete Science Center. Und das kompetente Expeditionsteam mit Ozeanografen, Glaziologen, Geologen, Marine-Biologen und Ornithologen aus aller Welt.

Die sind nicht nur für die Gäste aktiv, sondern zusammen mit anderen Kollegen von Hurtigruten, auch an Umweltforschungsprojekten beteiligt wie der Registrierung von Eisbären auf Spitzbergen (von denen wir bei unserer Reise leider keinen zu sehen bekommen haben) und bei der statistischen Erfassung der Meerwassertemperatur vor Norwegens Küsten.

Geschmackssachen

Das Hauptrestaurant „Aune“ unter Ägide von Chefkoch Yannick Peltier, der zuvor an Bord der Luxuskreuzer von Ponant diente, serviert internationale und norwegische Gerichte in kleiner, aber feiner Auswahl. Norwegischem Fine Dining hat sich das „Lindstrøm“ verschrieben, das allerdings in erster Linie den Suitengästen vorenthalten ist. Für die anderen Gäste ist es aufpreispflichtig und mit Wartelisten verbunden (mir war es in fünf Tagen leider unmöglich, einen Tisch zu bekommen). Burger, Dim Sum und Pizza gibt es gegen Aufpreis im „Fredheim“.

Detail im Hauptrestaurant "Aune" auf der MS Roald Amundsen

Detail im Hauptrestaurant „Aune“, das internationale und norwegisch angehauchte Küche serviert

Sauna und Wellness

Kleine Sauna mit schöner Aussicht auf Deck 10, aber (noch) ohne Thermometer, Hygrometer und Sanduhren. Leider kein Ruhebereich, dafür muss man aufs Pool-Deck. Joggingbahn und Open-Air-Trainingsgeräte für Bodyweight-Workout in der frischen Luft auf Deck 11. Zudem gibt es ein überschaubares, aber gut ausgestattetes Gym beim Wellnesscenter auf Deck 7.

Die MS Roald Amundsen ist ideal für …

Aktive Entdecker mit hohem Wissensdrang. 14 Zodiacs mit Oxe-Diesel-Außenbordern (90 Prozent weniger Stickoxidausstoß als klassische Benziner) sowie 12 Doppel-Kajaks und ein paar SUP-Boards nebst Trockenanzügen garantieren Action auf dem Wasser.

Mit Zodiacs der MS Roald Amundsen geht es zu den Gletschern – immer unter Wahrung des Sicherheitsabstand für den Fall, das ein Stück Eis abbricht und hohe Wellen schlägt

Mit Zodiacs geht es zu den Gletschern – immer unter Wahrung des Sicherheitsabstand für den Fall, das ein Stück Eis abbricht und hohe Wellen schlägt

Per Zodiacs der MS Roald Amundsen erkunden wir einen kleinen Teil der Südostküste der "Bären-Insel" Bjørnøya

Mit Zodiacs erkunden wir einen kleinen Teil der Südostküste der „Bären-Insel“ Bjørnøya

Karin Strand, Vice President Expeditions bei Hurtigruten: „Wir planen, die Zodiacs demnächst mit Elektromotoren auszustatten.“ Dies wäre in der Tat begrüßenswert: Abgase und Lärm beein­trächtigen bei den Ausfahrten und Anlandungen den Genuss einsamer Fjorde oder Gletscherbuchten. In der Regel gibt es, wie bei Hurtigruten üblich, pro Tag eine Anlandung sowie eine Zodiac-Cruise für alle – und thematisch passende Vorträge.

Die Preisfrage

Wer gern Wein trinkt und die horrenden Preise auf dem norwegischen Festland kennt, wähnt sich an Bord der MS Roald Amundsen im Paradies. So schlägt eine Flasche Domdechant Werner Riesling mit 35 Euro zu Buche, der Ramòn Bilbao Single Vineyard mit 29 Euro. Bier vom Fass kostet fünf Euro, ein Gilde-Aquavit sechs Euro. Der durchschnittliche Tagespreis (inklusive Anlandungen und Aktivitäten) liegt bei 600 bis 1.000 Euro pro Person. 24-tägige Durchquerung der Nordostpassage kosten in der niedrigsten Kabinenkategorie ab 23.604 Euro. 14 Tage Alaska und Kanada in der Expedition Suite ab 7.500 Euro, in der Standardkabine ab 4.935 Euro.

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Info MS Roald Amundsen

Mehr zum Schiff, Preisen und Routen von Hurtigruten unter hurtigruten.de

Über diesen Autor

Peter Pfänder

Peter Pfänder

Leidet an chronischem Fernweh, seit er 15 ist. Härtester Therapieversuch: eine 10.000-Kilometer-Radtour rund ums Mittelmeer im Alleingang im Jahr 1985. Die „itchy feet“ führten ihn während des Studiums (Politologie und Islamwissenschaften) in Tübingen und Damaskus immer wieder in den Nahen Osten. Lebte viele Monate in Jemen, Syrien und Libanon. Arbeitete als Gabelstaplerfahrer, freier Autor und Redakteur. Der Chefredakteur von ABENTEUER UND REISEN liebt fremde Ufer, spannende Großstädte weltweit und exotische Küchen. Entspannt am liebsten beim Schwimmen im See oder Meer, beim Stand-up-Paddling im Sommer wie im Winter, bei Mountainbike-Touren – und in der Sauna.