Outdoor

Spessart | In wilden Wäldern

Günter Kast
Geschrieben von Günter Kast

Warum an den langen Wochenenden jedes Jahr zum Biken wieder an den Gardasee pilgern? Wer auf Mode-Ziele für Bike-Poser verzichten kann, findet im Spessart jede Menge MTB-Trails in einem stillen Genussrevier. Angereichert durch den einen oder anderen Hirsch und Wildschweine. Ein Beitrag aus unserer Heftserie „Abenteuer made in germany“

Mambo, der im richtigen Leben Manfred heißt, müsste man eigentlich „Schwarze Mamba“ rufen, so giftig sind die steilen Stiche, die er uns hochjagt. Der einzige Trost: Im Spessart liegt der höchste Punkt auf knapp 600 Metern über Normal Null. Der knifflige Wurzel-Trail kann also nicht ewig dauern.

Über Stock und Stein im Spessart

Erzählt man zu Hause, dass es in den Spessart zum Biken geht, bekommt man fast auf Knopfdruck als Antwort: „Dann kehrt Ihr sicher im Wirtshaus im Spessart ein!“ Weiß der Geier, warum dieser Uralt-Schinken mit Lilo Pulver noch immer in den Köpfen herumschwirrt. Die literarische Vorlage von Wilhelm Hauff erzählt davon, dass man „stundenlang reiten konnte, ohne einen Menschen zu treffen“. Das stimmt so noch immer und man kann guten Gewissens „reiten“ durch „biken“ ersetzen, wenn man mit Mambo unterwegs ist. Schaut man auf eine Landkarte, dann ist da ein riesiger, grüner Klecks zwischen Würzburg und Frankfurt.

Mit ein bisschen Glück kann man auch den einen oder anderen Hirsch beobachten

Lange, steile, bergige oder familientaugliche Trails im Spessart

Den Spessart zum „Bikewald“ machen Männer, wie Manfred Mambo Englert. Sie machten sich auf, den Locals das neue Berufsbild des Trail-Scouts nahezubringen. Angeführt wurden sie von Thomas Hofmann, einem Biker der ersten Stunde. Als studierter Geograf und lange in Diensten des Landkreises Main-Spessart als Wirtschaftsreferent hatte er die notwendigen Kontakte.

Unterwegs im 28 Kilometer langen Hafenlohrtal, einem der schönsten Spessart-Täler

Vor rund zwölf Jahren nahm das Projekt mit sieben markierten Touren seinen Anfang, heute umfasst das „Bikewald“-Streckennetz 22 Routen mit 875 Kilometern und 17.000 Höhenmetern auf hessischem und bayerischem Boden – vom Main über die Spessart-Höhen bis zu den Ausläufern der Rhön. Es gibt lange, steile und bergige Routen genauso wie Familienrunden.

Die Schafe im Spessart gelten als wichtige Landschaftspfleger, halten sie doch die Trockenwiesen frei von hohem Bewuchs

Wanderer haben Vortritt

Für Biker, die gern auf Forstwegen fahren, ist der „Bikewald“ die perfekte Spielwiese. Die echten „Trail-Hunter“ könnten ihn ein bisschen langweilig finden, denn die offiziellen Routen geizen mit Single-Trails. Ausgeschilderte Touren, die einspurigen Fahrspaß erlauben, sehen das Bayerische Naturschutzgesetz und die Regelungen der Waldbesitzer nicht vor. Allerdings dürfen im Wald solche Wege mit dem Bike befahren werden, die dafür „geeignet sind“. Diese müssen so beschaffen sein, dass die Biker den Wanderern den Vortritt lassen und Letztere auch ausweichen können.

Nach dem Pitstop in der „Bayrischen Schanz“ geht’s weiter durch den Wald

Leute wie Mambo haben diese Premium-Trails bei zahllosen Ausfahrten erkundet und inzwischen 17 GPS-Trails zum Herunterladen auf die „Bikewald“-Website gestellt. Wer mit Mambo den Spessart rockt, bekommt ein wahres Feuerwerk an mal weiten, mal verwinkelten Weglein geboten. Mit trockenen und nassen Wurzeln, mit Matsch, mit Ästen, die ins Gesicht schlagen, mit Brennnesseln und Brombeerstacheln an den Waden und Wildschweinen und Rehböcken, die plötzlich aus dem Unterholz brechen, und kapitalen Hirschen.

Fränkische Brotzeit mit Thomas Hofmann, dem Gründer des Projekts „Bikewald Spessart“

In Wirtschaften wie der „Bayrischen Schanz“, die tatsächlich an das berühmte Wirtshaus im „Sie-wissen-schon“ erinnern, gibt’s deftige Brotzeiten mit hausgemachtem Presssack und Leberwurst, dazu eine Halbe „Keiler“-Bier.

Die Show muss sein: Unsere Gruppe tobt sich in Lohr am Main aus

Ab in den dunklen Wald!

Was den Spessart so besonders macht, ist dieses riesige grüne Tuch, das sich über die Landschaft legt und das nur dort Lücken aufweist, wo Ortschaften sind. Die Dörfer heißen Wiesen, Habichsthal oder Rupertshütten. Nur hier, in den baumfreien Zonen, gibt es Ausblicke auf weite Landschaften, auf ein Meer an grünen Hügelketten, die wellenförmig zum Horizont laufen. Folgt man Mambo wieder in den Zickzack-Parcours des dunklen Walds hinein, hat man schnell die Orientierung verloren und würde sich ohne Guide und GPS-Gerät hoffnungslos verfahren.

Wer so unterwegs ist, muss auf Wanderer Rücksicht nehmen und diesen den Vorrang lassen

Man sollte einfach mal anhalten und die absolute Stille auf sich wirken lassen. Kein Motorengeräusch, nichts. Im Prinzip noch genauso wie im dunklen Mittelalter, als verwegene Fuhrmänner die einzigen Reisenden waren. Die Haupthandelsroute von Antwerpen und den Nordsee-Hafenstädten nach Süden führte durch den Spessart. Auch die Ruinen und Reste von Glashütten findet man hier noch mitten im Forst, in denen aus Quarzsand und Pottasche Glas hergestellt wurde.

Die Schwarzwildbestände nicht nur im Spessart wachsen extrem

Zur Belohnung Braten vom Junghirsch  und Bier oder Wein aus Franken

Wer den Spessart begreifen oder besser: erfahren will, sollte sich diese Orte unbedingt anschauen und nicht nur mit Scheuklappen durchs Gehölz brettern. Ein Bike-Trip ist ja immer auch ein Gesamterlebnis. Ein deftiges Abendessen in einem der Gasthäuser von Frammersbach gehört da auf jeden Fall dazu. Da bekommt man für gerade einmal zwölf Euro einen zarten Braten vom Junghirsch, der auch Höhenmeterfresser satt macht und der in einem Schickimicki-Biergarten am Alpenrand mit München-Publikum leicht das Doppelte kosten würde.

Miltenberg am Main

Dazu gibt‘s mal Wein, mal Bier, weil wir hier an der Grenze zwischen Bier- und Wein-Franken biken. Dabei stellen wir erstaunt fest: Man kann hervorragend zum Après-Bike eine Halbe aus der Waldschloss-Brauerei zischen – und später am Abend auf fränkischen Wein umsteigen. Dann werden die Trails immer steiler und die Wildschweinkeiler, die ohne Vorwarnung aus dem Unterholz angreifen, immer monströser. Biker-Latein eben. Tatsächlich gehen von der Tierwelt des Spessarts kaum Gefahren aus. Obwohl, das stimmt so nicht ganz: Abends, unter der Dusche, hängt eine fiese Zecke in meiner Kniekehle. Wenn das nicht typisch ist für einen Ausflug in den „Bikewald“.

Fernsehstar Wasserschloss Mespelbrunn: einst Drehort für „Wirtshaus im Spessart“ mit Liselotte Pulver


INFO

Schlafen und Essen: Der Gasthof „Zum Grünen Baum“ ist „Bett-&-Bike“-zertifiziert und hat außerdem einen schönen Biergarten.

Bike-Infos: Überblick über die drei „Bikewald“-Reviere mit mehr als 20 markierten Routen, Links zu Mehrtages-Trips und 17 Trail-Touren mit GPS-Daten zum Download unter bikewald.com. Guides und Fahrtechnikkurse können via „Bikewald“ oder direkt bei Mtb-Fahrtechnik-Frammersbach von Bernd Englert gebucht werden

Entspannte MTB-Tour: Die Ein-Tages-Tour „Heiliger Berg der Franken und Kloster Kreuzberg“ ist eine technisch einfache MTB- Tour über Spessart-Höhen zur Vorderrhön. Tour- und GPS-Daten gibt es hier.

Ambitionierte Zwei-Tages-Tour: Die Route „Trans Spessart-Rhön-Rennsteig“ führt über eine Strecke von 79 Kilometern und rund 1.800 Höhenmeter, bietet viele landschaftliche Höhepunkte und gilt als die Traditionstour der Locals. Tour-Infos und GPS-Daten finden Sie hier.


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Über diesen Autor

Günter Kast

Günter Kast

Günter Kast lebt als freier Autor und Fotograf in Herrsching am Ammersee. Seine Reportage-Reisen führten ihn in mehr als 80 Länder, nach dem Motto: Hauptsache aktiv. Am liebsten ist er in den Bergen unterwegs - zu Fuß, mit Tourenskis oder mit dem Mountainbike.

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