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Mykonos | Hellas’ dickste Hose

Mykonos Reisebericht Traumpool
Lutz Jäkel
Geschrieben von Lutz Jäkel

Mykonos bedeutet: sündteure Beach-Clubs voll bräsiger Möchtegern-VIPs, überwabert von lauten Techno-Beats. Mykonos ist aber auch: Zykadenlärm an kaum besuchten Stränden mit kleinen, feinen Tavernen. Sie haben die Wahl!

Man mag ja neun Luxushotels auf Mykonos sein Eigen nennen, Jahrzehnte zuvor mit 25 Bussen den ersten öffentlichen Transport auf die Beine gestellt und das erste Fünf-Sterne-Hotel eröffnet haben und inzwischen über die Hälfte des Hotelmarkts der Insel beherrschen – und dennoch Spaß am Baggerfahren haben. Und den hat George Daktylides auf jeden Fall!

Mykonos: Pool-Villa der "Myconian Villa Collection"

Viel Weiß, viel Blau: Pool-Villa der „Myconian Villa Collection“ am Elia Beach

Jahrelang transportierte er Zement, Ziegelsteine und Sand zu den Minen und Baustellen auf Mykonos, baute Tomaten und Kartoffeln an, Melonen und Wein. So konnte er etwas zur Seite legen. Schließlich kaufte er den gebrauchten Caterpillar, schaufelte Berghänge ab und legte im Jahr 1979 die Basis für den Bau seines ersten Hotels mit 25 Zimmern. Ehefrau Elefteria machte das Frühstück für die Gäste, kümmerte sich um die Wäsche, zog ihre vier Söhne groß und kochte Essen für die Bauarbeiter, die schon am nächsten Hotel arbeiteten.

Die Geschichte des familiengeführten Unternehmens ist typisch für die Entwicklung des Tourismus auf der Kykladen-Insel, die mit rund 90 Kilometern feiner Sandstrände glänzt, an die türkisblaues Wasser schwappt.

Mykonos – nur Menschenmassen und Party?

Ungefähr drei Millionen Urlauber kommen inzwischen jedes Jahr, die Bevölkerung wächst in der Saison von rund 5.000 Bewohnern auf 30.000 an. Wer Party sucht, wer es mag, sich mit Massen von Urlaubern durch die engen Gassen, Sträßchen und über die Plätze der Altstadt zu schieben und dann den Sonnenuntergang an der Uferpromenade zusammen mit unzähligen anderen Smartphone-Hochhaltern zu fotografieren, um es in den sozialen Medien zu teilen, der ist hier sonnengoldrichtig.

Selbst Ende September, wenn die Saison fast vorbei ist, ist es nicht viel ruhiger. Doch die gute Nachricht für alle anderen ist: Mykonos hält noch eine andere Seite bereit, die entweder Ruhe mit Luxus kombiniert oder Ruhe mit Einsamkeit. Ruhige Strände ohne Beach-Clubs? Es gibt sie. Die Paradiese heißen Agios Sostis, Fokos, Kalafati, Panormos und Ftelia.

Insel-Erkundung per Quad

Mit einem Miet-Quad geht es auf Erkundungstour. Die Insel ist überschaubar groß, man muss nicht viel planen, man fährt einfach darauflos. Zunächst zieht es mich in den Süden der Insel, denn die klingenden Namen einiger Buchten, seit Jahren bekannt, will ich mir kurz aus der Nähe ansehen: Paradise Beach, seit den 1960ern bekannt und begehrt.

Einen Kilometer weiter in der nächsten Bucht der Super Paradise Beach, unter Insidern bekannt als „Jackie O Beach“, benannt nach dem gleichnamigen Beach-Club und Jackie Onassis, der Frau des griechischen Reeders Aristoteles Onassis, die mit ihrer Jacht häufiger hierankerte.

Mykonos: Super Paradise Beach

Super Paradise Beach: Wirkt einsam, links kämen die Liegestuhlreihen …

Je weiter ich nach Osten und in den Norden fahre, desto authentischer wird die Szenerie. Ein typisch griechischer Platz – auch wenn das nun sehr klischeebeladen klingt – ist die Platia in Ano Mera, einem Dorf in der Mitte der Insel mit 800 Einwohnern. Um den Platz gruppieren sich hübsche Tavernen, in denen die Besitzer einen noch in die Küche führen, damit man mit dem Finger auf das Gewünschte zeigen kann.

Fisch frisch auf den Tisch

Das „Fisherman“ ist so eine Taverne, gebaut um einen über 200 Jahre alten Eukalyptusbaum, die Tische von Besitzerin Marina hübsch bemalt. Hier serviert der Chef noch selbst frischen Fisch zum Tagespreis. Das benachbarte Kloster Tourliani aus dem 16. Jahrhundert mit beeindruckender holzgeschnitzter Ikonostase sollte man vorher besucht haben, denn während der Mittagszeit sind die Pforten geschlossen.

Weiter in den Osten bis ans Ende der Kalafati-Bucht. Auf dem Kap Tarsanas liegt direkt am Wasser und vor einigen dümpelnden Fischerbooten die Taverne „Markos“. Selbst Fischer, hat Markos bereits 1983 die Taverne gegründet, mit nur drei Tischen und ein paar Stühlen. Heute tut man gut daran, in dem deutlich ausgebauten und mit allerlei Fischkutter-Nippes dekorierten Ambiente selbst zum Lunch rechtzeitig zu reservieren. Man sagt, Fisch und vor allem die Fischsuppe Kakavia sei nirgendwo besser.

Mykonos: Mönchskloster Panagia Tourliani in Ano Mera

Kulturelles Kontrastprogramm: Das Mönchskloster Panagia Tourliani in Ano Mera

Der Jetset übernimmt die Insel

Am Ftelia Beach, nur gute 20 Minuten von der Stadt entfernt, treffe ich Savos und Yannis, die gerade vom Windsurfen kommen. Savos  arbeitet auf der anderen Seite der Bucht im Restaurant „Qarma“ seiner Familie: „Das ist ideal: Vormittags surfen, ab Nachmittag arbeiten. Und das den ganzen Sommer lang.“ Klingt nach einem guten Leben, doch die beiden schränken ein. „Die Insel verändert sich, es kommen immer weniger Griechen“, sagt Savos. Yannis pflichtet ihm bei: „Der Jetset bestimmt immer mehr die Insel.

Ob Nizza, Saint-Tropez oder eben Mykonos – für den Jetset ist das doch alles gleich. Und die meisten Griechen können es sich nicht mehr leisten.“ Yannis lässt seinem Frust freien Lauf: „Ich komme seit 1982 auf die Insel. Früher waren die Strände frei, heute zahlt man 50 Euro Eintritt oder sogar mehr, überall gibt es Beach-Clubs, jeden Tag Party.“

Ich fahre weiter westwärts, dann wieder Richtung Norden. Kurvenreich führt die Strecke an vielen der rund 800 Kapellen der Insel vorbei, dazwischen mit Naturstein eingezäunte Felder, auf denen Schafe grasen und Wein und Feigen wachsen. Der Marathi-Stausee kommt in Sicht und schließlich der Strand Panormos, an dessen Ende sich Zypressen, Rosensträucher und Kakteen auf dem Hügel entlangziehen. Es ist noch eine kleine Oase unberührter Natur, die auch von der Regierung geschützt wird. Hotelburgen sind auf Mykonos ohnehin verpönt, hier werden sie konsequent verhindert.

Tavernen Crawl für Besseresser

Ein paar Kurven weiter: Eine kleine Kapelle scheint über den Strand von Agios Sostis zu wachen. Der Strand ist paradiesisch, sauber, „non-organised“, genau richtig also. In den Gassen des kleinen Ortes sind die Parkplätze rar gesät, manch einer übersieht das Sackgassenschild mit dem Hinweis „Keine Wendemöglichkeit“, um dann umständlich rückwärts wieder hinauszufahren. Nicht alle allerdings wollen zum Strand. Denn in Agios Sostis gibt es „Kikis Taverne“, die beste griechische Küche serviert. Kein Hinweisschild weist den Weg, man folgt einfach dem Geruch frisch gegrillten Fischs, der aus einem hohen Schornstein über den Ort zieht.

Die Taverne ist so geheim und versteckt wie begehrt, dass man schon mal zwei Stunden warten muss, um an einem der zehn Tische Platz nehmen zu dürfen. Wer das auf sich nehmen möchte, kann sich mit einem Plastikbecher aus einem Kanister einen Retsina ziehen und die Wartezeit verkürzen. Oder man meldet sich an und geht erst einmal in Ruhe in der direkt davor liegenden Bucht schwimmen, in der sich nur wenige Badelustige tummeln.

Mykonos: Agios Sostis ist einer der einsamen Strände

Einsame Strände ganz ohne Beach-Clubs sind rar. Agios Sostis etwa gehört dazu

Geheimtipp? Ab zum Fokos Beach

Ein weiterer Versuch, denn auf der kilometerlangen Schotterpiste Richtung Fokos Beach hat man bisweilen den Eindruck, man sei auf falsche Wege geraten. Doch am Ende der Piste, rund sieben Kilometer von Ano Mera entfernt, wartet ein traumhaft schöner und fast menschenleerer Strand, den viele Einheimische für den schönsten der Insel halten. Und direkt davor die „Fokos Taverna“ wie aus dem Bilderbuch, in der es täglich von 13 bis 19 Uhr frischen Fisch gibt. Oder dicke Lammkoteletts vom „Griller Man“ und ein kühles griechisches Bier, alles zu moderaten Preisen.

Mykonos: Agrari Beach im Süden Mykonos'

Mykonos’ schönste Strände, hier der Agrari Beach, reihen sich im Süden aneinander

Stammgäste nehmen gern die längere Anfahrt in Kauf, denn Strand, Essen und Ruhe belohnen entsprechend. Ende September hat auch diese Taverne nur noch wenige Tage geöffnet, dann ist die Saison zu Ende. Die Insel verfällt erneut in einen Winterschlaf, viele der Hotels und Restaurants schließen, die Airlines und viele Fähren stellen ihren Dienst ein, dann kehrt die Ruhe zurück. Und George Daktylides kann wieder Bagger fahren.

Mykonos: Ausgrabungsstätte auf Delos

Ein schönes Ausflugsziel: Ausgrabungsstätte auf der Nachbarinsel Delos

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Info Mykonos

Anreise

Mit Condor in drei Stunden nonstop, Ticket ab 180 Euro

Hotel-Tipps

Korali Relais & Chateaux Mykonos-Stadt
Vor einigen Jahren im eleganten Design renoviert. Toller Blick auf alten Hafen und die Windmühlen, am Stadtrand gelegen. Zu Fuß sind’s 20 Minuten in die Chora. Schöne, aber kleine Poolanlage, kein Strand! Suiten nach vorn zum Meer hinaus mit Pool, Zimmer nach hinten klein und nüchtern, die Balkone liegen wenig charmant an der Zufahrt und den Parkplätzen. Schönes Hotel als Basis für Ausflüge, für einen Urlaub selbst nur geeignet, wenn man Suite mit Pool und Meerblick bucht.
DZ/F mit Meerblick ab 220 Euro

Avaton
Das jüngste Hotel der Collection am Elia Beach. Sehr schickes und helles Design, großzügig gestaltete Zimmer mit elegantem Mix aus griechisch-traditionellem und modernem Interieur, jedes mit eigener Terrasse und tollem Blick auf die Bucht. Suiten sogar mit einem privaten Pool und/oder Whirlpool. Gutes Restaurant, großer Pool mit Daybeds. Die Musik der Bar verstummt allerdings erst um 1 Uhr nachts, sie ist selbst in weiter entfernten Zimmern zu hören.
DZ/F mit Meerblick ab 270 Euro

Albatros Club
Von zwei Brüdern mit Bambus, Holz und Naturstein eigenhändig in Panormos an den Hang gesetzt, mit schönstem Blick auf die Bucht. Einfache, hübsche Zimmer. Wer Entspannung und Ruhe an einem traumhaften Strand sucht, ist hier richtig. Die eigenen Kühe liefern die Milch für Käse und Joghurt zum Frühstück.
Preis auf Anfrage

Ftelia Bay Boutique Hotel
Familiengeführtes, sehr hübsches und idyllisch am Berg gelegenes, luxuriöses Hotel (einen Kilometer vom Strand entfernt). Die 34 Zimmer (Apartments, Studios und Suiten) haben entweder Meeres- oder Bergblick. Eigenes Restaurant, Bar und schöne Poolanlage.
DZ/F ab 145 Euro, DZ/F mit Meerblick ab 195 Euro,
Deluxe-Suite mit Meerblick ab 255 Euro

Essen und Trinken

Fokos Taverna
Traditionelle griechische Taverna am schönen, einsamen Fokos-Strand an der Nordostküste. „Griller Man“ sorgt für saftige Lammkoteletts
und Fisch mit frischem Brot.
Täglich 13 bis 19 Uhr

Kikis Taverne in Agios Sostis
Kein Hinweisschild, aber die Taverne kennt jeder im Ort. Oberhalb einer schönen, kleinen Badebucht gelegen. Telefonische Reservierung nicht möglich, Wartezeiten von ein bis zwei Stunden einkalkulieren. Es lohnt sich, denn besser und authentischer geht kaum. Nur Lunch ab 12.30 Uhr! Ab 18.30 Uhr geht es schon wieder dem Ende zu.
Mittleres Preisniveau

Markos & Vaso in der Kalafati-Bucht
Eine der ältesten Fischkneipen der Insel. Direkt am Wasser, davor dümpeln Boote, innen allerlei Fischkutter-Nippes. Fisch und vor allem die Fischsuppe „Kakavia“ sind nirgendwo besser auf Mykonos. Reservieren! Fisch nach Tagespreis.
Mittleres Preisniveau
Tel. +30/22 890-71 497
Mobil-Tel. +30/694 5 15 8209

Ausflug

Quad mieten
Wegen der holprigen Straßen auf Mykonos eher empfehlenswert als Roller.
Ab 40 Euro/Tag etwa bei Moto Speed

Fähre von Mykonos nach Delos
Dreimal am Tag: 10 Uhr, 12 Uhr, 16 Uhr
(wer schöne Foto bei bestem Sonnenlicht machen möchte,
nimmt die letzte Rückfahrt um 19 Uhr);
Abfahrt im „Alten Hafen“.
Ticket 20 Euro, Eintritt zwölf Euro

Web

mykonos.gr
Visit Greece

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Über diesen Autor

Lutz Jäkel

Lutz Jäkel

Jahrgang 1970, Fotojournalist und Autor, Islamwissenschaftler und Historiker, hat in Hamburg, Sanaa (Jemen) und Damaskus (Syrien) studiert. Einige Jahre leitete er Studienreisen in Syrien, Jordanien und Libanon. Lutz Jäkel lebte als Kind mit seinen Eltern in Istanbul/Türkei und ging dort auf die Deutsche Botschaftsschule. Reisen in viele Länder u.a. nach Syrien, Libanon, Jordanien, Israel/Palästina, Iran, Vereinigte Arabische Emirae, Oman, Jemen, Ägypten, Libyen, Tunesien, Marokko, Pakistan, Indien, Indonesien, Australien, Neuseeland, Französisch Polynesien, Chile, Argentinien, Brasilien, grönländische und kanadische Arktis, Antarktis.
Neben seiner Tätigkeit als Fotograf und Autor referiert er über arabische Länder für Unternehmen und auf Kreuzfahrtschiffen und Kreuzflügen von Hapag-Lloyd Cruises