Länderberichte

Nevada | Roadtrip durch Irrland

Geschrieben von My Gastautor

Ein Highway für Ufo-Fans. Ein Mini-Staat namens Molossia. Im Wüstensand verbuddelte Schulbusse und jede Menge Nichts. In Nevada ist das Schräge Standard!

Nein, eine Krone brauche er nicht. „Ich bin Militärdiktator und kein König“, empört sich Kevin Baugh. Das Outfit stimmt perfekt: grüne Uniform, Orden an der Brust, eine dreifarbige Schärpe in den Staatsfarben, dazu eine Sonnenbrille. Nur das breite Grinsen will nicht so recht passen. Der Wind trägt den Ge­ruch von Staub und Salbei in die 4.000 Quadratmeter große Republik Molossia bei Dayton im US-Bundesstaat Nevada.

Ex-Soldat Baugh, 55, hat im wüstigen Nirgendwo vor 19 Jahren seinen eigenen Staat gegründet. Komplett mit Postamt, eigener Währung (Valora), staatlicher Eisenbahn (in Modellbahngröße), Zollamt (Besucher müssen ihr Kleingeld abgeben) und First Lady (Adrianne, 38). „Molossia ist mein Ausdruck von Freiheit, Fantasie und persönlicher Souveränität“, erklärt er. Ob er nicht vielleicht nur ein merkwürdiger Spinner sei? Baugh tut so, als sei er ehrlich entrüstet: „Das ist das erste Mal, dass ich solch eine Frage höre!“

In Nevada ist das Schräge Standard. Der US-Bundesstaat ist ein Auffangbecken für abseitige Attraktionen und ungewöhnliche Menschen, die andernorts als seltsam, verrückt oder interessant bezeichnet würden.

Rumkurven in Nevada heißt: Immer geradeaus, wie auf dem Highway 95

Verrücktes Las Vegas

Nun hat die Tourismusbehörde entdeckt, dass das Skurrile Besucher anzieht. Seit zwei Jahren schaltet sie Anzeigen auf Webseiten, die von Fans des Fantastischen frequentiert werden, oder organisiert eigene Touren unter dem Motto „Weird Nevada“. Tourismus­chefin Bethany Drysdale: „Dieser Staat hat schon immer Ein­zel­gänger, bizarre Menschen und Anders­denkende begeistert. Sie haben sich hier niedergelassen und leben nun ihre schrägen Ideen aus. Das zieht weitere Menschen an, die anders sind als der Mainstream.“

Schon Las Vegas ist im Grunde der zur Stadt gewordene Irrsinn. Eine Orgie aus Neon, Musik, Showgirls, Stretchlimousinen und dem Plingplingpling einarmiger Banditen. Man kann zusehen, wie Flamingos oder Tiger gefüttert werden, 10.000 Dollar für einen einzigen Cock­tail ausgeben oder Maschinengewehrschießen ler­nen. Im „Heart Attack Grill“ essen Dicke mit mehr als 160 Kilogramm Gewicht umsonst, der größte Burger hat 10.000 Kalorien.

„Clown Motel“: Marlena Dufour mit ihren mehreren hundert Lieblingen

Verkaufsschlager: Särge

Auf dem Land wird es noch absonderlicher. Und Land gibt es jede Menge. Nevada ist größer als Großbritannien und beherbergt nur 2,9 Millionen Menschen, zwei Drittel davon leben im Großraum Las Vegas. Der Staat bietet Eigenbrötlern jede Menge Einsamkeit und Platz.

Im Ort Pahrump betreiben Bryan und Dusty Schoe­ning ihr Bestattungsunternehmen „Coffinwood“. Nach dem Unfalltod seiner Eltern hatte Bryan beschlossen, Sargschreiner zu werden. „Es war widerlich, wie die Bestatter mit mir umgingen. Ich wollte einen persönlicheren Weg finden, wie Menschen sich von ihren Liebsten verabschieden.“ Seitdem hat er eine Art Sarg-Obsession. Beim Rundgang durch ihr staubiges Reich – ein Holzbungalow mit einem halben Dutzend Schuppen und Wellblechhütten – zeigen mir die beiden ihre Sammlung von elf Leichenwagen („Leider fahren nur drei“), schwarze Tulpen und Lilien, die auf den Beeten blühen, und die Werkstatt, in der Bryan alle Särge von Hand fertigt.

Hier wird Mobiles bodenständig: der International Car Forest of the Last Church

Hunderte Kilometer geradeaus

Fahrten durch Nevada sind Geduldsproben – oder meditative Erfahrungen. Hunderte Kilometer geradeaus. Riesige Wellen, alle 20, 30 Kilometer ein Gebirgszug, den der Highway überwindet, dann wieder Flachland. Links Berge und Hochwüste, rechts dasselbe, genauso wie vor und hinter dem Auto. Das komplette Gegenteil von Las Vegas. Ab und zu ein überfahrener Kojote am Straßenrand. Als Höchstgeschwindigkeit gilt 112 Stundenkilometer. Ein Schild: „Nächste Tankstelle in 260 Kilometern“. Einsamkeit, Weite, Leere, Himmel. Irgendwo im Nirgendwo steht am Highway-Rand der „Shoe Tree“. Hier haben über Jahrzehnte hinweg Menschen ihre ausgedienten Treter an den Schnürsenkeln zusammengebunden und auf die Äste einer alten Pappel geschleudert.

Vorsicht vor fliegenden Untertassen am Extraterrestrial Highway

Wer fürchtet sich vorm Gruselclown?

Ein paar Hundert Kilometer weiter können Furchtlose im „Clown Motel“ übernachten. Die Herberge im heruntergekommenen Tonopah zieht vor allem seit der Verfilmung von Stephen Kings „Es“ Gruselfreunde an. Mehr als 600 Clownpuppen haben dort ihre Bleibe.

„Wenn die Leute zu viel Angst haben, decke ich die Clownbilder in den Zimmern mit Betttüchern ab“, sagt Besitzer Bob Perchetti, 79 Jahre alt. Die Gerüchte, es spuke in den 31 Zimmern, halten sich hartnäckig. Kein Wunder, direkt neben dem Motel liegt der Friedhof der Gemeinde, ein steiniger Gottesacker mit notdürftig zusammengenagelten Kreuzen. Jetzt will der alte Bob sein Motel verkaufen. „Allerdings nur unter einer Bedingung“, knurrt er, „die Clowns bleiben!“

Zunächst war es nichts als eine Schnapsidee: Zwei Künstler taten sich zusammen, um ein Auto mit dem Grill voraus im Sand nahe des Nestes Goldfield zu verbuddeln und mit Graffiti zu versehen. Dann kamen sie auf den Geschmack, ein paar Autos, ein Schulbus, ein paar Pick-up-Trucks. Heute stehen und liegen über 40 Fahrzeuge, bunt besprüht, teils auf dem Dach, teils vergraben, teils aufeinander geschichtet, in der Wüste zwischen Wacholdersträuchern. Ein bizarres Fotomotiv für Touris­ten, die schon mal 300 Kilometer Umweg fahren, um den International Car Forest of the Last Church zu besuchen.

Stilecht: Einige Firmen in Las Vegas vermieten Klassiker aus den 50ern und 60ern

Nevada: Spielplatz für Sonderlinge

„Es ist diese Weite, die Leere, die schräge Vögel anzieht“, philosophiert Mike LaPrairie. Der Mittdreißiger spricht, als sei er selbst keiner. „Nevada ist ein Abenteuerspielplatz für Absonderliches, hier ist noch Platz für Individualität.“ Mike steht in einer Fab­rikhalle in Reno, umringt von Weihnachtsbaumlichtern, einer Guillotine, einem sechs Meter langen Hai aus Gummi und einem gigantischen motorradähnlichen Gefährt.

„The Generator“, so der Name der Halle, ist ein Kunstprojekt von der Größe eines Fußballfeldes. Wer will, kann hier, dank eines Spenders, seine Schaffensfreude ausleben. „In den Monaten vor Burning Man arbeiten bis zu 500 Künstler die Nächte durch“, sagt Mike, der sich als Teilzeit-Automechaniker und Teilzeit-Künstler bezeichnet. Auch jetzt schweißen, malen, sprühen, sägen und hämmern hier einige Dutzend Künstler. Burning Man ist ein Spektakel, das jeden Spätsommer in der Black Rock Desert stattfindet. Ein hippieskes Kunst-, Musik- und Lifestyle-Festival, bei dem sich alles um „radikalen Selbst­ausdruck“ dreht.

Einen Crash legte dieses Flugzeug bei einem Werbeflug für das Bordell „Angel’s Ladies“ hin

Ein Prost auf die Aliens!

Die bergigen Weiten Nevadas haben schon immer Fantasien geweckt. Bei Künstlern – aber auch bei Verschwörungstheoretikern. Tausende Quadratkilometer an Militäreinrichtungen, Munitionsdepots, Testlaboren, Trainingsgeländen für Bomber, Truppenübungsplätzen verbergen sich in den Wüsten. Hermetisch abgeriegelt. Im berühmtesten dieser Gelände, der  Area 51, vermuten Misstrauische Landestellen für UFOs, Anlagen für Zeitreisen oder Hallen, in denen Außerirdische festgehalten werden. Immer wieder hatte es merkwürdige Flugobjekte am Himmel gegeben, Lichter, Geräusche, Vib­rationen.

„Wahrscheinlich nur ein Testgelände für Flugzeugprototypen“, spekuliert ein britischer Gast am Bartresen des „Little A’le’ Inn“ in Rachel, einem 53-Seelen-Nest am Extraterrestrial Highway. Der wurde offiziell so getauft, um Touristen anzuziehen. Im „Little A’le’ Inn“ zieren Fotografien von UFOs die Wände, es gibt einen Alien Burger und T-Shirts und Kaffeetassen mit Alien-Bildern.

Zwei UFO-Gläubige nehmen den skeptischen Briten in die Zange. Es gebe Hunderte Berichte über und Fotos von UFOs. Außerdem habe die US-Regierung allen Grund, zu verheimlichen, was sie mit den gefangenen Aliens mache. Schließlich wolle sie eine Massenpanik verhindern. Als der Brite beginnt, sich über die beiden lustig zu machen, knallt die Barkeeperin Connie West eine Bierflasche auf den Tresen. Sie schaut den Touristen an und sagt: „Wir wären nicht hier, wenn es keine Aliens gäbe.“ Lange Pause. Dann: „Noch ein Bier?“

 

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Info

Anreise

Mit Condor nonstop nach Las Vegas in circa zwölf Stunden, mit United, American oder Lufthansa mit Zwi­schen­stopp und bis zwei Stunden und mehr länger.

Übernachten

Circus Circus
Günstiges Hotel in Las Vegas, am nördlichen Strip. Vor allem an den Wochenenden sind Familien mit Kin­dern die Hauptklientel. Es gibt allerhand Attraktionen, kos­ten­­lose Zirkusvorführungen und ein Spiel­paradies. 3.774 Zimmer.

Paris Hotel & Casino
In zentraler Lage in Las Vegas am Strip wurde eine Minivariante der fran­zö­si­schen Metropole errichtet. Der Blick vom Eiffelturm auf die Brun­nen des „Hotel Bellagio“ gegenüber ist zur blauen Stunde besonders attraktiv. 2.916 Zimmer auf 33 Etagen, WiFi, Zimmerservice rund um die Uhr und mehr. 7.900 Quadratmeter großes Casino, auf dessen Dach großer Pool.

Auskunft

Tourismsubüro Travel Nevada, Visit Las Vegas, günstige Hotelpreise über Priceline

 


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