Länderberichte

Nordsee | Go with the flow!

Martin Müller
Geschrieben von Martin Müller

Drei Tage auf Seakayak-Tour im Nordfriesischen Wattenmeer, von Hallig zu Hallig. Das ist ein echtes Nordsee-Erlebnis, für alle Sinne – und für geübte Paddler

Erste Sätze von Expeditionsleitern sind brutal wich­tig. Rickleff braucht anderthalb. „Moin, moin! Wir haben drei Paddeltage in der Nordsee vor uns und jeden Tag kriegen wir den Wind voll von vorn!“

Was sich nach finaler Abschreckung anhören könnte, das klingt aus dem Mund unseres Kajakguides nach freudiger Erregung. Keiner von uns sieben Wochenendpaddlern zuckt mit der Wimper. Lektion eins über Deutschlands nördlichsten Humor sitzt.

Im Spiel der Gezeiten

Rickleff ist quasi redselig und sagt, was Sache ist. Er mahnt zur Ruhe. „Es ist noch Zeit. Wir müssen erst auf das Abrauschen der Flut warten“, plaudert er aus. Womit seine Kennt­nis des tückischen Fahrwassers in den Untiefen des Wattenmeers wohl hinreichend bewiesen ist. Wir fügen uns dem Spiel der Gezeiten.

Zeit also zum Hadern mit der Bekleidung für Sonne und Wind. Lange oder kurze Ärmel, welche Art von Hose und Kopfbedeckung, barfuß oder was? Forschend schaue ich auf meine Mitpaddler.

Die Kajaks warten am Strand von Hooge im Morgenlicht auf ihre Fahrer

Stauraum für die Meeres-Nomaden

Zwischen den  Kajaks sieht’s aus wie auf Kaufhaus-Wühltischen: Es gibt Schlapphüte, Schirmmüt­zen mit und ohne Nackenlappen, Kopftücher wie aus Piratenfilmen, dazu Sandalen, Crocs und „Zehenzwänger“ aus Neopren. Ich entscheide mich oben- und untenrum für kurz, die lange Hose und Wärmendes kommen in eine wasserdichte Wurst von blauem Faltsack.

In den wasserdichten Kajakluken verschwinden Zelte, Schlafsack sowie Nutella, Wurst, Brot und Kaffee fürs Frühstück und Bananen als Energiespender für zwischendurch.

Mit dem Strom schwimmen

Kajaknovizen sind wir nicht, mit Seen und geruhsamen Flussreisen kennt man sich aus. Aber das forsche Temperament, mit dem die Nordsee zwischen Festland und den Inseln Föhr, Pellworm und Amrum kommt und geht, verlangt uns Meer-Geschmeidigkeit und schlaues Timing ab.

„Go with the flow“ heißt die klügste Gangart, die wir gleich mit dem Ablegen in Schlüttsiel anwen­den. Kaum dass die Tide sich umzukehren beginnt, schlüpfen wir in den abfließenden Gezeitenstrom, das spart Kraft und geht recht flott.

Einfahrt in den Hafen von Hooge, der zweitgrößten der zehn Halligen

Um Armlängen voran

Unser erstes Ziel ist die entfernte Spitze der Hallig Langeneß, um die 17 Kilometer entfernt. Das kann drei Stunden Paddeln bedeuten oder fünf bis sechs, je nach Tide und Windrichtung. Zwar haben wir die Sogwirkung auf unserer Seite, die Brise weht uns allerdings frisch ins Gesicht. Ankunftszeit folglich recht ungewiss.

Von nun an sind die Beine stillgelegt, der Gleichgewichtssinn hingegen ist im Dauereinsatz und mit den Armen marschieren wir. Dem Reizklima der Nordsee können wir gar nicht entrinnen.

Taktvoller Zweierkajak

Aufkeimender Schulterschmerz lässt sich nur rauspaddeln, denn Landpausen gibt’s nicht. Das Salzwasser benetzt Hände, Arme und trübt manchmal  den Blick. Hin und wieder quatscht man mit einem der Paddelnachbarn, dann aber gleitet jeder für sich allein. Im Zweierkajak jedoch ist Harmonie entscheidend. Vorn wird der Takt bestimmt, hinten wird gesteu­ert.

Rechts raus liegt irgendwann Langeneß. Allerdings eher gefühlt, fast virtuell, denn eine Hallig hat so gut wie keinen schützenden Deich und ist aus Seekajak-Augenhöhe kaum auszumachen. Nur ein, zwei Meter hebt sich Langeneß über die Flutmarke, eine leichte Beute für Springfluten und sturmge­peitsch­te Wellen.

Zwischenlandung und Badevergnügen auf Hallig Langeneß

Herausragend: Häuser mit Reetdächern

Die 113 Bewohner von Langeneß schützen sich vor dem mehrmals im Jahr hereinbrechenden „Land unter“ auf Siedlungshügeln. Diese sogenannten Warften existieren seit Menschengedenken, die Häu­ser mit mächtigen Reetdächern sind das Einzi­ge, was uns von den Halligen in den Blick fällt.

Unser Ziel bei einem großen Gasthof auf Langeneß können wir zehn Kilometer lang näher rücken sehen, ein wie vom Maler Emil Nolde erschaffenes Wasserzeichen am Horizont, ohne eine erkennbare Land­verbindung zu den anderen Warft-Umrissen im Meer um uns herum.

Rindviecher im Schietwetter

Unser Landfall ist auf der mit zehn Kilometern längsten Hallig kein besonderes Vorkommnis, auf Langeneß füllen sich sommers gern mal etliche der 232 Gästebetten. Auf knapp zehn Quadratkilometern häufeln sich 18 Warften wie Wehrdörfer, dennoch verstellen höchstens die schwarzen Rinder der Rasse Welsh Black den weiten Blick.

Diese Rindviecher seien hart im Nehmen, erzählt  Landwirt und Gastgeber Gerhard Karau vom Gasthof „Hilligenley“. „Anderes Vieh rottet sich bei Schietwetter zusammen.“ Waliser und Galloway-Rind aber stehen dann unbeeindruckt ihre Kuh. Der ältere Herr erzählt weiter gern von Tagesbesuchern, Landwirtschaft und dem Lorenverkehr über einen 13 Kilometer langen Schienenstrang zum Festland.

Wattenmeer: Lebensraum für Würmer und Muscheln …

Naturparadies Wattenmeer

Unser Inselmorgen ist ein Geschenk für Frühaufsteher. Die Luft birst vom hektischen Tschilpen der Austernfischer. Auch Küstenseeschwalben verteidigen schimpfend ihre Brut, eigentlich scheint der Mensch hier nur geduldet.

Dreifach geschützt ist das Wattenmeer: als Naturschutzgebiet, Nationalpark und Biosphärenreservat. Die Wat­ten, Prie­le, Dünen und See­hund­bän­ke zwischen der dänischen Ho-Bucht und der In­sel Texel in den Niederlanden sind für See­vö­gel ein bedeutendes Brut­ge­biet und für Mil­lio­nen von Zug­vö­geln Rastplatz auf ihrer Reise nach Süden. Im Wasser leben See­hun­de, Schweins­wa­le und Ke­gel­rob­ben.

Neuling in der Nordsee: Pazifische Auster

Unerwünschte Eindringlinge sind die Pazifischen Austern mit rasiermesserscharfen Schalen, angesiedelt für die Sylt-Besucher. Die Steindämme sind überkrustet mit Austern, für manche Leute lecker, für Vögel jedoch nicht zu knacken – wie die nun unter den Austern abgetauchten Miesmuscheln.

Eine Delikatesse ist unser nächster Landfall auf dem Japsand. Wie ein sechs Quadratkilometer großes Wüstenstück wirkt der nur einen Meter über mittlerem Hochwasser liegende Hochsand. Nachdem wir uns gut zwei Stunden lang gegen Wind und Gezeit hingekämpft haben, hinterlassen wir Fuß­spu­ren auf dem Nordzipfel. Der Japsand liegt an unserer Route zum nächsten Ziel, der Hallig Hooge. Die sollte der sandige Vorposten, so Wissenschaftler, in gut 30 Jahren erreicht haben …

Paddelpause, Beinarbeit ist angesagt!

Zum Abchluss Rückenwind!

Auf Hooge gleiten wir in den kleinen Segelhafen und schlagen zum letzten Mal die Zelte auf. Im friesisch-gemütlichen Restaurant „Zum Seehund“ gibt es leckere Lammbratwurst von der Hallig. Ganz nach unserem Geschmack verläuft auch die letzte Etappe: Mit Rückenwind der Stärke fünf fliegen wir jubilierend dahin.


Info

Gasthaus Hilligenley

Am Freitag wird der große Grill angeworfen (13 Euro), DZ ab 84 Euro inklusive Frühstück, Langeneß.

Anker’s Hörn

Schickes Hotel auf Langeneß mit Wellness-Angebot (DZ ab 120 Euro).

Club Aktiv

Der Veranstalter offeriert drei Tage paddeln, drei bis sechs Stunden täglich; es wird gezeltet und in Restaurants gegessen. Die Tour ist nicht für Paddelanfänger geeignet. Schön, weniger ozeanisch, aber auch noch friesisch-herb ist die Wochenendtour auf der Schlei bei Schleswig. Eigene Kayaks und Ausrüstung können mitgebracht werden. Beide Touren ab 269 Euro.

Allgemeine Informationen über die Halligen lesen Sie hier.


Ihr wollt lieber die kompletten Reportagen zu unseren Zielen lesen und von vielen reportergetesteten Tipps und Adressen in den Info-Guides profitieren? Dann empfiehlt sich unser  flexibles Zeitlos-Abo oder eines unserer attraktiven Prämienabos

Um unser Magazin als E-Paper zu lesen, einfach die kostenlose App holen und Wunschausgabe (4,99 Euro) laden. Hier geht’s – natürlich nur mit mobilen Endgeräten – direkt zu den Stores von Apple, Google und Amazon


 

Über diesen Autor

Martin Müller

Martin Müller

Da, wo ich weg komme, nämlich aus‘m Ruhrgebiet, muss ich manchmal sagen, dass ich nichts Besseres gelernt habe. Ich kann eben nur Autor, Reporter, Schreiberling. Im Ruhrgebiet, wo ich zufällig hineingeboren wurde, leben immer noch so schön viele von diesen Anpackern, die eine abgespeckten Sprache pflegen. Es versetzt also schon in Erstaunen, dass ich in ganzen Sätzen reden und schreiben kann. Vielleicht hat das aber mit jenem Witz - manche sagen Aberwitz - zu tun, den wir hier mit der Muttermilch einsaugen, ein Humor von der Sorte, wie ihn nur eine Gemeinschaft von vermeintlichen Underdogs drauf hat, wie etwa die Briten. Aus so einer verschworenen Gemeinschaft auszubrechen und die Welt zu bereisen, erscheint kühn. Ich darf mich mal bei einem anderen schreibenden Bochumer bedienen, um diesen Mut zu durchleuchten. Frank Goosen hat ja knapp und treffend gesagt: „Woanders is auch scheiße.“ Gut, das kann man als Anleitung zum Dableiben verstehen. Oder man sagt einfach: „Dableiben is auch ...“ Also bin ich einfach los.

Katalog-Service

Nice 'n' easy

Holen Sie sich für Ihre Reiseplanung die Kataloge renommierter Spezialveranstalter gratis ins Haus