Länderberichte

Norwegen | Schön! Langsam!

Peter Pfänder
Geschrieben von Peter Pfänder

Norwegen verpackt seine topografischen Hochs und Tiefs auf einzigartige Weise, unterwandert sie mit vielen Tunnels und garniert das Ganze mit Kunst am Straßenrand. Wir kurvten im Cabrio durch das Fjordland nördlich von Bergen und erlebten einen entschleunigenden Crashkurs in 10 Lektionen

Lektion 1: Auch im Regenreich scheint mal die Sonne

Wäh­rend Deutschland Anfang Mai im Regen versinkt, beschert uns Bergen, die regenreichste Großstadt Europas, zum Start der Cabrio-Tour ein unerwartetes Problem: Sonnenbrand. Wer denkt bei diesem Ziel zu dieser Jahreszeit an Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 30? Strahlend blauer Himmel und Temperaturen von mehr als 25 Grad herrschen an der Westküste, als wir zum Event #kurvedeineslebens starten. Vor uns liegen fast 1.000 Kilometer kurvige Landstraße „oben ohne“.

Auf der Fahrt zum Hardangerfjord, der mit 170 Kilometern und 725 Metern einer der längsten und tiefsten Fjorde des Landes ist, passieren wir bei Eikedalen noch verschneite Landschaften und zugefrorene Seen, während die Sonne auf Nase und Nacken brennt. Die Hitze lässt die Schneedecke schmelzen. Neben der Straße stür­zen alle paar Meter gewaltige Schmelzwasserfälle über Felsflanken in die Tiefe.

Lektion 2: Berge sind zum Durchbohren da

Weit mehr als Kurven und ein paar Spitzkehren prägen Tunnel das Fahrerlebnis. Dort warten Überraschungen wie etwa spacig illuminierte Kreisverkehre im Tunnel unter Hunderten Metern Fels. So bei der Fahrt von Gravin zur Brücke Hardangerbrua, die sich über den Eidfjord spannt, der an dieser Stelle 500 Meter tief ist.

Der dortige Vallavik-Tunnel weckt kurzfristig den Verdacht, man habe irgendein halluzinogenes Zeugs geraucht: Plötzlich leuchtet in der Ferne ein überirdisches Blau und das Navi befiehlt „Den Kreisverkehr in der ersten Ausfahrt verlassen!“. Klar, dass wir ein paar extra Guggst-du-Runden drehen. Beinahe gruselig ist die Fahrt durch den längsten Straßentunnel der Welt.

Der vor 17 Jahren eröffnete Lærdals-Tunnel ist ein einröhriges, über weite Strecken dunkles Loch von 24,5 Kilometer Länge. Für Tunnel-Phobiker die Hölle auf/unter Erden. Verglichen mit dem  Lærdals sind deutsche Tunnel eine Orgie an Lichtmarkern, raffinierter Beleuchtung und Sicherheitshinweisen. Die  Tunneltester des ADAC würden hier vermutlich einen Nervenzusammenbruch erleiden.

Das erotische Verhältnis der Norweger zu Tunnels (in Realität geht es natürlich da­rum, wichtige Landverbindungen win­terfest zu machen) gipfelt im unlängst publik gewordenen Plan, durch die häufig sturmgepeitschte Halbinsel Stadlandet einen 1.700 Meter langen Tunnel für Kreuzfahrt- und Frachtschiffe zu treiben.

Lektion 3: Wasser Marsch überall in Norwegen

Der erste veritable Wasserfall, den wir passieren, ist der mit 50 Metern gar nicht so hohe Steinsdalsfossen, hinter dessen Wasservorhang man vorbeimarschieren kann. Aber das Land kann es noch wilder: Neu der weltweit 20 höchsten Wasserfälle tosen in Norwegen in die Tiefe. Über 60 sehenswerte Wasserfälle listen die Touristikwerber auf, nicht wenige davon mit Fallhöhen von über 200 Metern, wie der Vettis (275 Meter), der 400 Meter hohe Hengjanefossen im Lysefjord oder der insgesamt 818 Meter in die Tiefe donnernde Ramnefjellsfossen gut 300 Kilometer nordöstlich von Bergen.

Wasser marsch! Während der Schneeschmelze kommen zu den üblichen Wasserfällen noch jede Menge Pop up-Fälle hinzu

Lektion 4: Bremsspuren retten deine Haut

Viele Straßen entlang der Fjorde sind eng, sehr eng und kurvig. Wer zu flott um die Kurve fährt, riskiert üble Crashs, denn Ausweichen ist unmöglich: auf der einen Seite steile Felswände, auf der anderen Leitplanke oder der Fjord. Deshalb Augen auf den Asphalt. Bei dicken, langen Bremsspuren ist höchste Vorsicht angebracht. Auch bei Serpentinenfahrt hoch zum fulminant gelegenen Aussichtspunkt Stegastein.

Lektion 5: Kunst am Straßenrand muss sein

Besagter Stegastein liegt sechs Kurvenkilometer oberhalb des kleinen Orts Aurlandsvangen. Der 30 Meter lange Holzsteg, den am Ende eine Glasplatte abschließt, ragt 650 Meter über dem wunderschönen Aurlandsfjord weit in die Luft hinaus. Der Blick? Wahnsinn. Oben eine dicke Schneedecke auf den Bergen, auf dem Wasser unter uns kreuzen Segler im Wind.

Weitere Höhepunkte in Sachen Kunst am Wegrand: Das Trollstigen-Plateau, das golde­ne Klohaus an der Panoramastraße über die Insel Senja, der Panoramabalkon Ørnesvingen mit tollem Blick über den Geirangerfjord an den elf Haarnadelkurven der „Adlerstraße“ zwischen Geiranger und Trollstigen, die rostfarbenen Treppen am berühmten Wasserfall Svandalsfossen, die Stahlbrücke über den Likhole­fos­sen, die Rastboxen am Snefjord und der Atlanterhavsvegen mit seiner elegant geschwun­genen Storseisund-Brücke.

Atlanterhavsvegen mit seiner elegant geschwun­genen Storseisund-Brücke

Es gibt noch viele Strecken, auf denen man zur Fjordbewegung auf Fähren angewiesen ist. Das sorgt besonders bei Sonnenwetter für schöne Breaks. Die schönste Passage ist die von Hellesylt nach Geiranger, eine Panorama-Orgie vom Feinsten.

Lektion 6: Mit Schneesperren im Mai rechnen

Da die Winter lang sind, ist es normal, dass bis Mitte Mai und ab Mitte September Panoramastraßen wie Trollstigen oder Aurlandsfjellet wegen meterhohem Schnee unpassierbar sind.

Wir müssen leider umdrehen – der Aurlandsvegen ist wegen Schnee noch gesperrt

Lektion 7: Erdöl ist gut für die Umwelt

Es ist paradox. Der immense Reichtum Norwegens basiert seit Jahrzehnten auf der Erdöl- und Erdgasförderung. Das Land verdiente bis zum Absturz der Rohölpreise Mitte 2014 mit fossilen Brennstoffen jedes Jahr zig Milliarden – und setzt einen Teil des Geldes für die massive Förderung der Elektromobi­li­tät und erdgasbetriebener Fähren ein.

Ab 2020 dürfen in Norwegen keine Diesel- und Benzinfahrzeuge mehr verkauft werden. Im Gegenzug tut die Regierung alles, um den Anteil von Elektroautos bei den Neuzulassungen massiv zu steigern, der aktuell bei über 17 Prozent liegt. Deren Fahrer kurven im Gegensatz zu deutschen E-Mobilisten mit gutem grünem Gewissen durch das Land, stammen doch 96 Prozent des Stroms aus der Wasserkraft.

Lektion 8: Norweger können nicht nur Lachs

Kaum zu glauben, aber so hoch im Norden, vor allem in der Umgebung von Ullensvang, werden massenweise Äpfel angebaut. Fährt man zwischen dem Fjord auf der einen und den Apfelplantagen auf der anderen Seite dahin, wähnt man sich fast in Südtirol oder im Trentino. Im Geirangerfjord wurden früher gar Aprikosen angebaut.

Auch am Sognefjord, der durch den Golfstrom mild temperiert wird, gibt es zahlreiche Obstplantagen. Der Fjord ist übrigens mit 204 Kilometer Länge und mit bis zu 1.300 Meter Tiefe Rekordhalter in Eu­ro­pa. Bis zu 1.000 Meter hoch ra­gen die gewaltigen Felswände empor, die den Fjord säumen.

Lektion 9: Norweger können auch „bähhh!“

Überhaupt nicht in dieses idyllische Bild einer idea­len, entspannten, auf sozialen Frieden und saubere Umwelt fixierten Gesellschaft passt, dass Norwegen unberührt von internationaler Kritik pro Jahr für kommerzielle Zwecke mehr Wale erlegt als Japan und Island zusammen. 1.286 Minkwale fielen 2015 dieser „kulturellen Traditionspflege“ zum Opfer. Ein bedeutender Teil des Walfleischs geht nach Japan – oder endet als Kraftfutter. Ein Ende ist nicht abzusehen. Im Februar verkündete Fischereiminister Per Sandberg, dass Norwegen für 2017 insgesamt 999 Zwerg­wale zum Abschuss freigegeben habe.

Lektion 10: Schnell den Geirangerfjord besuchen

Lars Blikra ist Geologe im Auftrag der norwegischen Regierung und überwacht den Berg Åkernes. „Gut 13 Kilometer vom Hafenort Hellesylt sind 54 Millionen Kubikmeter Gestein in Bewegung geraten“, weiß der Experte.

Irgendwann wird diese unfassbare Menge den Hang hinabstürzen und eine Todeswelle von 80 Meter Höhe auslösen. Dieser Tsunami wird sowohl ins Ende des Fjords als auch aufs offene Meer hinausdonnern und alles mit sich reißen. Preise für Immobilien, die weniger als 80 Meter über dem Wasser stehen, sinken Jahr für Jahr in immensem Tempo. Die Regierung hat ein Frühwarnsystem installiert.


Info

Fahren wie ein Norweger?

Am besten ein E-Auto mieten!

Cabrio fahren?

Termin für eine Testfahrt vereinbaren. Der 160 PS starke Mazda MX-5 RF kostet ab 29.890 Euro.

Fjorde per Schiff erleben?

Da gibt es nur eines: die Seereise mit einem der legendären Hurtigruten-Schiffe. Die klassische siebentägige Postschiffreise mit Stopps in 34 Häfen von Bergen bis Kirkenes gibt es inklusive An- und Abreise ab 1.499 Euro.

Scharf auf Architektur?

Dann begeben Sie sich auf eigene Faust auf Rundreise: Oslo (Oper, Holmenkollen, Bjørvika Barcode, Statoil-Firmensitz) – Våler (neue Holzkirche) – Sohlbergplassen mit Aussichtspunkt – „Juvet Landscape Hotel“ (frühzeitig buchen!) – Norwegisches Gletscher­museum in Fjærland – Stabkirche von Urnes – Ber­gen mit seiner Altstadt. Und als Krönung Landschaft im Zusammenspiel mit Architektur auf der 47 Kilometer langen Panoramastraße Aurlandsfjellet und auf der 158 Kilometer langen Hardanger-Panoramastraße. Mehr Infos zu den 1.850 Kilometern an offiziel­len „Landschaftsrouten“.


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Über diesen Autor

Peter Pfänder

Peter Pfänder

Leidet an chronischem Fernweh, seit er 15 ist. Härtester Therapieversuch? 10.000-km-Radtour rund ums Mittelmeer im Alleingang im Jahr 1985. Die „itchy feet“ führten ihn während des Studiums (Politologie und Islamwissenschaften) in Tübingen und Damaskus immer wieder in den Nahen Osten. Lebte viele Monate in Jemen, Syrien und Libanon. Arbeitete als Gabelstaplerfahrer, freier Autor und Redakteur. Der Chefredakteur von „abenteuer und reisen“ liebt fremde Ufer und exotische Küchen. Entspannt am liebsten beim Schwimmen im See oder Meer, beim Stand-up Paddling, auf dem Bike und in der Sauna.

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