Länderberichte

Norwegens Sámi | Die Nomaden des Nordens

Norwegens Sámi, Samen. Nordnorge. Lager im feld
Anika Schubert
Geschrieben von Anika Schubert

Das Dorf Lønsdal liegt 20 Kilometer nördlich des Polarkreises und hat 21 Einwohner. Dort trafen wir Anne-Margaretha Oskal, Rentierzüchterin und Modedesignerin. Als Norwegerin würde sich die 30-Jährige nicht bezeichnen, sondern als Sámi aus Norwegen

Als ich Anne-Margaretha zum ersten Mal treffe, sitzt sie in der Lobby meines Hotels – klein, zierlich, hellblond. In ihrem weiß-gelb-gestreiften T-Shirt und der schwarzen Jogginghose wirkt sie entspannt, während sie im Schneidersitz mit der Hotelbesitzerin quatscht. Als sie mich sieht, steht sie auf und stellt sich vor.

Wir steigen in ihren silbergrauen, alten Mercedes und fahren fünf Minuten durch karge Nadelwälder zum Dorf Lønsdal, das zwischen dem See Kjemåvatnet und dem Berg Ørfjellet liegt. Vor Anne-Margarethas Haustür werde ich von einem Chihuahua und einem Hirtenhundwelpen begrüßt. „Den Welpen bitte nicht streicheln, daran soll er sich gar nicht erst gewöhnen“, sagt sie.

Das Rentier ist bei Norwegens Sámi der Boss

Wir setzen uns mit einer Tasse Tee aufs Sofa. Margaretha legt eine DVD ein: Ich sehe, wie Familie Oskal ihre Rentiere durch kniehohen Schnee in die Berge treibt, dort mit ihnen in den typischen Koten lebt und sie schließlich schlachtet. „Es ist kalt, man ist müde und hungrig. Aber ich bemitleide mich nicht selbst. Uns geht es ja allen so“, erläutert Anne-Margaretha.

Rentiere sind Lebensgrundlage vieler Sami oder Samen in Norwegen

Nur noch ein Sechstel von Norwegens Samen (oder: Sámi) leben von der Rentierzucht

Sie kennt es nicht anders. Ihr Leben richtet sich nach den Rentieren, seit sie sich erinnern kann. Ist sie nur zwei Wochen zu Hause, juckt es ihr in den Fingern: Sie will wieder los und den Rentieren folgen.

Wo sind ihre Familie und Rentiere jetzt? „Im Juni haben alle frei und sind im Urlaub. Dieses Jahr in Griechenland. Die Rentiere sind auf der Sommerweide und kalben – ungestört.“ Wie viele Rentiere die Familie besitzt? „Da kannst du auch gleich fragen, wie viel Geld wir haben“, lacht sie. Keine Antwort. Aber sie nutzen das zweitgrößte Rentiergebiet Norwegens – und es sind weit mehr als 100 Rentiere nötig, um von ihnen leben zu können. Was die Oskals können. Regelmäßig laden sie auf ihren Hof Touristen ein und verkaufen im eigenen Laden Rentierfleisch aus eigener Schlachtung.

 15 Prozent von Norwegens Sámi sind Rentierzüchter

Insgesamt leben in Norwegen rund 60.000 bis 100.000 von insgesamt etwa 90.000 bis 140.000 Sámi. Doch nur 15 Prozent von Norwegens Samen sind noch Rentierzüchter. Familie Oskal gehört zu ihnen. Sie begleitet die Tiere auf ihrer alljährlichen Wanderroute zwischen Wald und Gebirge, schützt sie vor Raubtieren – und trennt die schlachtreifen Tiere von der Herde.

 Samen, Sámi, Norwegen, Lappland: Pause in der Kote

Während des Viehtriebs vom Sommer- ins Winterlager schlafen die Sámi in kleinen Koten

Seit Jahrhunderten werden die Tiere im Herbst und Winter geschlachtet, indem ihnen ein Messer in den Nacken gestochen wird. Fast alles wird verwertet. Aus ihrem Blut machen die Sámi Pfannkuchen, eine besondere Delikatesse ist das Herz. Und: Jeder hilft mit, selbst die Kinder. Bei einer Schlachtung kümmern sie sich meist darum, dass alles sauber bleibt.

Sámi: Zwischen Tradition und Anonymität

Anders gefühlt hat Anne-Margaretha sich nie. Schließlich lebt ihre Familie schon immer so. Für sie ganz natürlich. Doch sie fühlt, dass ihre Umwelt sie als anders wahrnimmt. Während bei ihren Freundinnen an Weihnachten der klassische Braten auf den Tisch kam, war es bei ihr der Rentierkopf. Während ihre Freundinnen im Urlaub als erstes ihren Koffer auspackten, stellte sie sich den Geistern vor.

In der Schule wechselte sie deshalb in die Rolle der Norwegerin, sprach nicht über ihre Lebensweise und trug auch keine traditionelle Kleidung. „Ich wollte anonym sein. Ich wollte nicht, dass andere gucken. Sami-Kleidung verrät so viel: Herkunft, Lebensweise … Anderen sehe ich diese Dinge nicht direkt an, warum sollte ich es ihnen also auf die Nase binden?“, erklärt sie.

Norwegen, Lappland: Sámi Paar in Tracht

Sámi-Paar in Tracht, die sich von Region zu Region deutlich unterscheidet

Norwegens Sámi empfinden Tracht als „Outing“

So wie ihr geht es vielen jungen Samen. Immer seltener tragen sie ihre Trachten. Mittlerweile nur noch zu Hochzeiten oder anderen Familienfeiern. Im Alltag fühlt sich die Kleidung an wie ein „Outing“. Doch anstatt diesen Gedanken des Andersseins noch mehr Raum zuzugestehen, sich gar damit abzufinden, beginnt Anne-Margaretha, ihre eigenen Trachten zu designen.

Norwegen, Finnmark, Samen, Sami im Lávvu, Kote

Lávvu nennen Norwegens Sámi ihre großen Zelte, die den Tipis der nordamerikanischen First Nations ähneln

Die Kritik lässt nicht auf sich warten: „Viele Sámi hatten Angst, dass ich meine Region und Herkunft verkaufe. Deswegen sind meine Designs mit keiner Region verknüpft.“ Sie entwirft also Mode mit Sámi-Touch. Näht aber auch traditionelle Trachten für ihre Familie.

Ihr Wunsch: Kleidung entwerfen, in der sich die Jüngeren wieder wohler fühlen. Die sie wieder mehr tragen. „Jeder kann diese Kleidung tragen. So wird sie ein Stück normaler und wir werden weniger angestarrt “, wünscht sie sich.

Ignoranz und Unterdrückung

Während ihres Modedesign-Studiums reiste Anne-Margaretha ein Jahr durch ein Land, das überraschend wenig über die Sámi wusste: Norwegen, die eigene Heimat. Ihr Ziel: Die samische Kultur in das Bewusstsein der Norweger rücken. Aufklären. „Ich war geschockt wie unwissend viele sind! Ich wurde gefragt, ob wir einen Kühlschrank haben und Geld. Oder ob wir alles tauschen. Und ob ich einen Rentier-Schwanz habe. Danach dachte ich, das eine Jahr hat nicht gereicht.“

Sie beginnt, mit Erlend Elias Bragstad, einem in Norwegen bekannten Stylisten, Reality-TV-Star und Sámi, zusammenzuarbeiten. Entwirft mit ihm Mode und versucht erneut, ihre Kultur sichtbarer zu machen. Mit Erfolg? Sie lacht: „Einige reiche Frauen haben unsere Kleidung gekauft.“

Noch bis in die 1940er Jahre wurden die Sámi von der schwedischen und norwegischen Regierung als „niedrig entwickeltes Volk“ angesehen. Die Folge: Nomadenschulen wurden eingerichtet, die samischen Sprachen verboten, Land durfte nur noch an norwegisch sprechende Leute verkauft werden. Zwangsumsiedlungen fanden statt und man glaubte, dass „Rassenvermischung“ zum Verderb der Gesellschaft führe. Anerkannt wurden Norwegens Sámi, die sich vollberuflich der Rentierzucht widmeten. Alles anderen mussten sich irgendwie anpassen. Das Problem: Für viele ältere Sámi, die nie zur Schule gegangen waren, gab es keinen Plan B.

Rentier-Geschäft wird immer härter

„Unter den Samen ist die Selbstmordrate sehr hoch, weil es immer schwieriger wird, mit den Rentieren sein Leben zu bestreiten“, meint Anne-Margaretha. „Es gibt immer mehr Regeln und es wird einem immer schwerer gemacht. Mittlerweile kümmert sich meist der Mann um die Rentiere und die Frau geht arbeiten.“ Sámi seien Auseinandersetzungen immer aus dem Weg gegangen.

Anne-Margaretha findet das falsch. Manchmal müsse man sagen: Nein, so nicht! Sie hat das Gefühl, Norwegens jüngere Sámi machen das öfter. „Es ist falsch, dass Politiker entscheiden, was für uns richtig ist. Sie fragen uns zwar aber hören nicht zu. Es gibt mehr und mehr Sámi-Aktivisten, die sich für unsere Rechte einsetzen. Aber es gibt zu wenige Sámi. Ich würde gerne glauben, dass es etwas ändern wird. Aber die Realität zeigt uns: Das wird es nicht“, denkt sie laut nach.

Rentiere Nordnorge Sami Samen Herde

Regel Nummer 1: Frage Sámi nie, wieviele Rentier sie besitzen…

Ein großer Teil der Sámi-Kultur wird vielleicht eines Tages verschwunden sein, weil das Nomadenleben immer schwieriger wird und sich viele dagegen entscheiden. „Wir müssen mit der Zeit gehen, sonst ist es unmöglich. Auch wenn sich viele wünschen, sie könnten so leben wie früher“, erzählt Anne-Margaretha. „Aber die Liebe zu den Rentieren lässt uns weitermachen.“

Erst in den 1960er Jahren erkannte die norwegische Regierung offiziell an, dass die Sámi ein Recht darauf hatten, ihre Kultur aufrecht zu erhalten. Seitdem erkämpfen sich die Sámi Stück für Stück mehr Rechte zurück.

Diese Reportage über Norwegens Sámi entstand im Rahmen des Projekts talents2norway und mit Unterstützung von Visit Norway und VISIT BODØ

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Über diesen Autor

Anika Schubert

Anika Schubert

Studium in Bielefeld, Auslandssemester in Umeå, Nordschweden. Startschuss. Es folgen: 18 Länder, 31 Flughäfen und 148 Flugstunden in 3 Jahren. Mit Studenten- und Vologehalt die Welt entdecken? Challenge accepted. Schon während des Studiums verdient Anika ihr Geld als freie Autorin. Es folgen ein Volontariat und die Festanstellung als Redakteurin in Frankfurt. Job und Fernweh verbinden? Für sie ganz klar: Jackpot!