Länderberichte

Oman | Märchenhafter Orient

Lutz Jäkel
Geschrieben von Lutz Jäkel

Wilde, zerklüftete Berglandschaften. Dörfer und Terrassenfelder an steilen Abhängen. Das stille Maskat. Verträumte Oasen, weite Wüsten und kilometerlange Strände im Süden. Das Sultanat Oman ist ein touristischer Hochkaräter – und so ganz anders als Dubai & Co. mit ihrem Hang zu Bling-Bling

Man denkt nicht sofort an einen Pullover, wenn man den Koffer für den Oman packt. Es ist Mai und selbst in Deutschland angenehm warm. Man steigt also spätabends in den Flieger, jettet durch die Nacht, sieben Stunden später macht die Stewardess am Muscat International Airport die Tür auf. Und als klatschte einem der Hamam-Meister höchstpersönlich ein feuchtheißes Tuch ins Gesicht, tropft es von der Stirn und das Hemd klebt am Körper. 34 Grad und extreme Luftfeuchtigkeit. Wozu ein Pullover?

Ahmad, der omanische Fahrer, der mich am Flughafen abholt, dreht die Klimaanlage auf 19 Grad, tritt das Gaspedal seines 400 PS starken V8-Four-Wheel-Drive kräftig durch und reicht eine kleine Box mit den Worten: „Dattel gefällig?“ Wir fahren über die Autobahn Richtung Gebirge.

Die auf dem Saiq-Plateau angebauten Rosen werden zu teuren Parfüms verarbeitet

Es ist ja so: Viele arabische Länder sind derzeit nicht gerade populäre Reiseziele. Manch einer winkt da ganz schnell ab. Erzählt man, dass die Reise in den Oman geht, ist einem der Neid der Zuhörer sicher. Neben Dubai ist vor allem der Oman für viele Reisende ein Sehnsuchtsziel. Nicht ohne Grund. Hier findet sich vieles von dem, was Viele mit dem eher märchenhaften Orient in Verbindung bringen.

Sultanat Oman: Märchenhafter Orient

Auch Sultan Qabus Ibn Said Al Said scheint einem Märchen entsprungen zu sein. Geboren in Salalah, ausgebildet an der Royal Military Academy in Sandhurst, später eine Zeit lang in Deutschland stationiert, kehrt er im Alter von 24 Jahren in den Oman zurück. Er muss erkennen, dass sein Vater Said Ibn Taimur das Land im tiefsten Mittelalter gehalten hat.

Es gibt kaum Straßen, kaum Schulen, aber eine starke Geschlechtertrennung. So putscht Qabus 1970 seinen Vater vom Thron, schickt ihn ins Londoner Exil und wird selbst Sultan. Konsequent verwandelt er in den Folgejahren den Oman von einer isolierten Feudalgesellschaft in ein modernes Land – unter Wahrung omanischer Traditionen.

Herrscherkult: Überlebensgroße Plakate und Porträts des Sultans sind allgegenwärtig

Gigantische Türme und Hochhäuser wie in den Emiraten sucht man im Oman daher vergeblich. Das Land ist noch ein Stück ruhiger Orient, so, wie viele Besucher sich den märchenhaften Orient eben vorstellen. Das wird, so kann man sagen, im Oman auch zelebriert.

Only Four-Wheel-Drives!

Wir erreichen die Ausläufer des Hadschar-Gebirges, das sich rund 450 Kilometer durch den Oman in Richtung Arabisches Meer erstreckt, der westliche Teil erreicht mit dem Jabal Akhdar, dem Grünen Berg, Höhen von bis 3.000 Metern – ein Wunderland der Geologie. Hier lassen sich in Gesteinsschichten Millionen Jahre Erdgeschichte ablesen.

Wir passieren einen Checkpoint. Ein Beamter wirft einen Blick auf das Auto. Ein Schild erklärt warum: „Only Four-Wheel-Drives“. 20 Prozent Steigung schafft nicht jeder Wagen.

Al-Fazayah Beach: Nur wenige Kilometer von der Grenze zum Bürgerkriegsland Jemen

Ahmad steuert uns souverän in knapp einer halben Stunde durch die vielen Serpentinen auf den Sumail Pass. 2.000 Meter über dem Meer herrschen statt der schwülen 34 Grad angenehme 20 Grad.

„Anantara Al Jabal Al Akhdar“: Hommage an Südarabiens Architektur

Beim Betreten des des „Anantara Al Jabal Al Akhdar Resort“ umwehen uns Weihrauchdämpfe. Ein Omani in eleganter Dischdascha reicht arabischen Kaffee mit Kardamom, zur weiteren Erfrischung einen Rosenwassertrunk mit Granatapfelkernen.

Anantara Al Jabal Akhdar Resort

Das höchstgelegene Hotel der Arabischen Halbinsel hat Ende 2016 auf einem Plateau direkt an der Abrisskante einer tiefen Schlucht eröffnet. Der Blick reicht über Schluchten, Terrassenfelder und Bergdörfer, die noch in den 1950er-Jahren zwischen den Stämmen umkämpft waren. Nicht umsonst erinnert das Resort ein wenig an die Forts von Bahla, Nakhla oder Nizwa.

Blick vom „Anantara“: Noch tiefer und schroffer sind die Canyons um den 3.028 Meter hohen Jabal Shams

Touristen aus arabischen Ländern, vor allem der Golfregion, und die Omani selbst lieben diese Ausblicke über die wilde Berglandschaft und vor allem die kühleren Temperaturen, während sich in den Ebenen die Luft im Sommer auf bis zu 50 Grad aufheizt. Auch Regenfälle sind am Grünen Berg häufiger, daher gedeihen Zitronen, Feigen, Granatäpfel, Pfirsiche, Pflaumen, Äpfel, Oliven und die Damaszener Rose. Man wähnt sich im Garten Eden.

Dattelpalmenoase unterhalb des Jabal Akhdar. Im Land wachsen fast 100 indigene Dattelsorten

Dunkle Wolken, Reste eines gerade vorbeigezogenen Gewitters, hängen über den Bergen, am Horizont bahnt sich die Sonne mit rötlichgelben Strahlen den Weg. Ich genieße einen Sundowner auf der Aussichtsplattform „Diana’s Point“. Die Legende besagt, dass 1986 Lady Di und Prinz Charles hier gepicknickt haben, als es noch keine Hotels gab. Lady Di schaute verträumt in die idyllische Berglandschaft, Charles bannte die Szenerie als Aquarell auf die Leinwand.

Andere sagen, die beiden seien nur mit dem Hubschrauber über die Berge geflogen. Egal. Seither jedenfalls heißt die Aussichtsplattform „Diana’s Point“. Als die Sonne hinter den Bergen verschwindet und ein kühles Lüftchen weht, weiß ich, warum ich einen leichten Pullover einpacken sollte …

Wüste Wahiba Sands: Wer vom Norden nach Salalah fährt, sollte hier einen Zwischenstop in einem Wüstencamp einlegen

Die Kehrseite der Medaille

Am nächsten Morgen treffe ich Maher. Der Omani kommt aus den Bergen und arbeitet als „Mountain-Guru“ für  Anantara. Maher zeigt in eine Richtung, noch jenseits der anderen Seite der Schlucht, einige Kilometer Luftlinie. „Siehst du dort hinten“, fragt er, „da ist ein kleines Dorf, ash-Shirayjah. Dort leben nur noch wenige Menschen. Da bin ich aufgewachsen mit zehn Geschwistern.“ Sie alle seien aber inzwischen nach Muskat gezogen. Auch Maher lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in einem modernen Dorf.

Als Hotels wie das „Anantara“ und 15 Kilometer Luftlinie weiter das „Alila Jabal Akhdar“ gebaut wurden, sahen die Jungen das als große Chance an: Raus aus dem dörflichen, sehr einfachen Leben, hinein in eine kleine, neue Welt, die mehr Möglichkeiten bot.

„Alila Jabal Akhdar“: Das zweite große Luxushotel der Bergregion kommt rustikal und mit viel Naturmaterialien daher

Falaj-Kanäle: Seit Jahrhunderten garantieren sie – wie die Südtiroler Waale – gute Ernten auf den steilen, kleinen Terrassenfeldern an den Rändern des Saiq-Plateaus

„Die Alten waren skeptisch“, erzählt Maher, „sie hatten Angst um das Wasser.“ Trotz des relativ regelmäßigen Regens in den Bergen ist Wasserknappheit immer ein Problem. Das weiß man im Oman schon seit Jahrtausenden und hat daher ein einmaliges, ausgeklügeltes Bewässerungssystem entwickelt, mit dem über viele Kilometer lange, teilweise unterirdische Kanäle das Wasser aus Bergen und tiefen Brunnen auf die Felder geleitet wird.

Noch heute ist dieses Falaj-System mit über 3.000 solcher Bewässerungsanlagen und mehr als 1.000 Kilometer Gesamtlänge in Betrieb. Die Alten hatten recht. Die großen Hotels mit ihren vielen Zimmern und den Swimmingpools haben entsprechenden Bedarf und pumpen viel Wasser ab. „Und in den Dörfern kommt nicht mehr viel an“, klagt Maher.

Als Guide führt er Touristen durch die Bergdörfer, um die alte Tradition vor dem Vergessen zu bewahren, wie er sagt. Diese Touren in ein Stück Vergangenheit des Oman seien gefragt, vor allem bei westlichen Touristen. Maher würde gerne wieder in sein altes Dorf zurückziehen: „Es ist ein einfaches Leben, ja. Aber ich liebe es, dort zu sein. Würde es genug Wasser geben, wäre ich sofort wieder dort.“

Kamele: Früher unverzichtbar, heute eher ein teures Hobby

Maskat: Sultan-Qabus-Moschee

Zurück in Maskat. Richtung City kommt man an einem der schönsten Besichtigungspunkte der Hauptstadt vorbei, der Sultan-Qabus-Moschee, einer der weltweit größten Moscheen. Im Innenraum hängt ein acht Tonnen schwerer, vergoldeter und mit Swarovski-Kristallen geschmückter Lüster, den Boden bedeckt ein rund 4.300 Quadratmeter großer Gebetsteppich. 600 Arbeiterinnen haben im Iran dafür drei Jahre lang insgesamt 1,7 Milliarden Knoten geknüpft. Er ist allerdings nur der zweitgrößte Teppich der Welt – der größte liegt in der Scheich-Zayid-Moschee in Abu Dhabi.

Sultan-Qabus-Moschee: Prunkvoller Sakralbau

Sultan-Qabus-Moschee: 8.000 Kilo wiegt der 14 Meter hohe Lüster mit Tausenden Swarovski-Kristallen

In Maskat lebt ein Viertel der rund vier Millionen Omani. Die Hauptstadt ist keine Metropole, schon gar kein Moloch wie Kairo oder eine Skyscraper-Metropole wie Dubai. Maskat ist wohltuend, mit vielen grünen Gärten und Parks, schönen Moscheen und weißen, modernen Villen, gleich dahinter beginnen die schroffen Gebirgszüge.

Im Hafen von Mutrah, einem der beiden alten Stadtteile von Maskat, liegen alte Dhaus vor Anker, gleich daneben die Privatjacht des Sultans – die fünftlängste Mega-Jacht der Welt. Etwas Protzerei muss schon sein.

Suk-Bummel in Old Maskat

An der Uferpromenade reihen sich Handelshäuser aus dem 19. Jahrhundert, auf einem Hügel steht das weithin sichtbare Wahrzeichen von Maskat: ein riesiger Weihrauchbrenner. In Mutrah kann man omanischen Alltag erleben, vor allem im Suk. Natürlich ist er mit seinem Sortiment auf Touristen ausgerichtet, denn inzwischen steuern nicht wenige Kreuzfahrtschiffe Maskat an, aber auch viele Omani gehen hier noch einkaufen.

Mutrah-Suk in Maskat: Vom Boden bis zur Decke Myrrhe, Weihrauch, Weihrauchöl und-pulver, Sandel- und Räucherholz

Auf dem Fischmarkt in der Hauptstadt Maskat

Old Maskat liegt am östlichen Ende der Uferpromenade. Es ist keine quirlige Altstadt, sie ist zwar schön, wirkt aber ausgestorben. Schuld daran ist der Qasr al-Alam, der Sultanspalast. Für den 1974 eingeweihten Bau ließ der Sultan ein Drittel der Altstadt, darunter auch das Inderviertel mit einem Hindutempel, abreißen. Nicht unumstritten. Die beiden Festungen Jalali und Mirani, die den Palast auf Hügeln einrahmen, sind Zeugen der historischen Entwicklung des Sultanats. Ende des 15. Jahrhunderts kamen die Küstengebiete unter portugiesische Herrschaft, später wurden sie von den Osmanen bedrängt und schließlich gelangte 1746 die Dynastie der Al Bu Said an die Macht. Aus diesem Haus stammt auch der heutige Sultan. Maskat wurde zum politischen Zentrum für den Indien- und Afrika-Handel, bald gab es eine Residenz auf Sansibar.


Info

Anreise

Mit Oman Air direkt in sieben Stunden; mit Lufthansa, Turkish Airlines und anderen mit Zwischenstopp entsprechend länger; Ticket ab circa 650 Euro. omanair.com | lufthansa.comturkishairlines.com

Übernachten

Al Qurum Resort

Kleine Hotelanlage in Shatti Al-Qurum mit nur zehn Zimmern, alle mit Balkon und gemütlich. Vom Hotelgarten kann man direkt an den Strand gehen. DZ ab 110 Euro. alqurumresort.com

Anantara Al JabalAl Akhdar Resort

Erstklassig gelegen, traumhafte Aussichten. 82 Deluxe-Zimmer, alle mit Canyon-Blick, die 32 Villen haben Canyon-Blick oder Garten, die meisten einen Pool. Die Zimmer sind großzügig, elegant und dezent orientalisch eingerichtet. Die drei Restaurants – arabische, italienische oder international inspirierte Küche – bieten reichhaltige Auswahl. Alles in allem zahlt man hier vor allem für die traumhafte Lage in Al Jabal Al Akhdar. Schöner Spa-Bereich mit türkischem und marokkanischem Hamam.
Poolvilla/F ab 720 Euro/Nacht. anantara.com

Alila Jabal Akhdar

Das edle Resort liegt – mit Aussicht auf das Hadschar-Gebirge – auf 2.000 Meter Höhe. Luxuriöse Villen mit eigenen Pools. Mehrere Restaurants, Bibliothek, Spa- und Wellnesscenter. Täglich Aktivitäten wie Wanderungen, Radtouren, Yoga oder Kochkurse, auch Picknicks in den Wadis oder Ausflüge zu den Dörfern. DZ/HP ab 585 Euro. alilahotels.com

Lesen

Ausführliches Reise-Handbuch „Oman“ von Dumont (2018,
 360 Seiten, 25 Euro). Knapper der Marco-Polo-Reiseführer (2017, 144 Seiten, 13 Euro). Beide mit herausnehmbarer Karte

Web

Tourismusbüro Sultanate of Oman: experienceoman.om


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Über diesen Autor

Lutz Jäkel

Lutz Jäkel

Jahrgang 1970, Fotojournalist und Autor, Islamwissenschaftler und Historiker, hat in Hamburg, Sanaa (Jemen) und Damaskus (Syrien) studiert. Einige Jahre leitete er Studienreisen in Syrien, Jordanien und Libanon. Lutz Jäkel lebte als Kind mit seinen Eltern in Istanbul/Türkei und ging dort auf die Deutsche Botschaftsschule. Reisen in viele Länder u.a. nach Syrien, Libanon, Jordanien, Israel/Palästina, Iran, Vereinigte Arabische Emirae, Oman, Jemen, Ägypten, Libyen, Tunesien, Marokko, Pakistan, Indien, Indonesien, Australien, Neuseeland, Französisch Polynesien, Chile, Argentinien, Brasilien, grönländische und kanadische Arktis, Antarktis.
Neben seiner Tätigkeit als Fotograf und Autor referiert er über arabische Länder für Unternehmen und auf Kreuzfahrtschiffen und Kreuzflügen von Hapag-Lloyd Cruises