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Ostsee-Kreuzfahrt | Ahoi, Sankt Petersburg

Peter Pfänder
Geschrieben von Peter Pfänder

Sankt Petersburg, Stockholm und Tallinn sind Glanzstücke des „Baltischen Meers“ und gute Gründe für eine Ostsee-Kreuzfahrt. Beim Landgang empfehlen sich eigene Wege…

30 Ausflugsbusse dieseln am Kai des Sankt Petersbur­ger Terminals – sie warten auf einen Teil der knapp 2.500 Passagiere an Bord der „Mein Schiff 4“. Richtig eng wird es in der Stadt, wenn während der Hochsaison alle Liegeplätze für Kreuzfahrtschiffe belegt sind. Dann ergießen sich Tag für Tag bis zu 35.000 Touristen über die Stadt und durch deren weltberühmten Paläste. Die Schlangen vor Peterhof, Katharinenhof, Winterpalast und der weltberühmten Eremitage sprechen Bände.

Wer keine Lust auf lemminghafte Ausflüge hat, nimmt sich besser einen privaten Guide und Fahrer. Das alles aber muss wegen der strengen Visabestimmungen rechtzeitig vorab gebucht werden. Mit den Tour-Vouchern unseres lokalen Anbieters „Petersburg hautnah“ geht es durch die unwirsche und brummige Grenzkontrolle, dahinter warten die 22-jährige Anastasia und Fahrer Michael auf uns.

Bei strahlendem Sonnenschein geht die Fahrt von der Insel Vasilievsky in die Stadt. „Ihr habt Glück“, meint Anastasia, „dieser Sommer war bislang schlimm. Es gab nur eine Handvoll Sonnentage!“ Heute sind uns die Wettergötter gnädig, wie es überraschenderweise die ganze Ostsee-Reise der Fall sein sollte.

Bronzepferd Sankt Petersburg

Eherner Reiter: Das Reiterstandbild von Zar Peter dem Großen auf dem Senatsplatz wurde von Puschkin verewigt

 

Die diamantförmige Glasfassade am Heck des Schiffes erstreckt sich über zwei Decks

Die Glasfassade „Diamant“ am Heck erstreckt sich über zwei Decks

Ahoi, Sankt Petersburg!

Beim energiesparenden sogenannten Slow Cruising wird mit verringertem Tempo weniger Strecke gemacht. So werden die Liegezeiten länger und die Passagiere haben in jedem Hafen sechs, oft sogar acht Stunden Zeit für Landgänge. In Sankt Petersburg liegt die Mein Schiff 4 sogar zwei Tage. Das genügt zumindest, um die wichtigsten Facetten der Stadt zu entdecken.

Der Katharinenpalast, etwa 25 Kilometer südlich von Sankt Petersburg, war die Residenz der Zaren

Der Katharinenpalast, 25 Kilometer südlich von Sankt Petersburg, war Zarenresidenz

Wer die Eremitage in Ruhe erkunden wolle, der müsse für vier, besser: fünf Tage im Winter kommen, erklärt mir Sergej Marchukov, der Chef des Tourenanbieters Petersburg hautnah („Ursprünglich wollte ich eine Firma als Dachdecker aufmachen“). Sein Team erspart den Kunden Warteschlangenfrust und führt uns an zwei Tagen in jeweils siebenstündigen Ausflügen zu den Hotspots der Zarenstadt.

Der Narva-Triumphbogen am Stachek-Platz feiert den Sieg der Russen über Napoleon

Der Narva-Triumphbogen am Stachek-Platz feiert den Sieg der Russen über Napoleon

Muss: Fahrt mit der Metro

Die fünftgrößte Stadt Europas wird im Kern­be­reich rund um Admiralität, Schlossplatz und Winterpalast von prächtigen Blattgoldpalästen, gewaltigen Kathedralen, breiten Boulevards (= Prospekt) und Kuriositäten wie dem knallgrünen Narva-Triumphbogen am Stachek-Platz dominiert, der den Sieg der Russen über Napoleon feiert.

Darum zieht sich ein Ring aus stalinistischen und poststalinistischen Protzbunkern und überborden­den Metrostationen, die in den 1950ern als „Paläste des Volkes“ in den Untergrund getrieben wurden.

Eine Fahrt in den nostalgischen U-Bahnzügen mit Stopps an einigen der prächtigsten Stationen der „Sankt-Peterburgski Metropoliten“ ist ein Muss. Die Stationen Kirowski Sawod, Puschkinskaja, Narwskaja oder Awto­wo sind voll sozialistischer Reliefs mit UdSSR-Kitsch rund um Arbeiter, Bauern und Soldaten. Alles blitzblank poliert und gewienert.

Wurde nach dem Vorbild der Moskauer Basilius-Kathedrale erbaut: die Erlöserkirche

Wurde nach dem Vorbild der Moskauer Basilius-Kathedrale erbaut: Erlöserkirche

Was für eine verrückte Stadt, dieses Sankt Petersburg! Kantige Gesichter, heroisch geballte Fäuste, Bizeps und Sixpacks neben Hammer und Sichel an den Wänden alter Regierungsgebäude und in der U-Bahn: Proletarier-Porno. Luxusmarken und Putin-Devotionalien, von denen einem schlecht wird.

Irre, die ihre getunten Hummer, Cayennes oder BMW X6 zwischen zwei Ampeln des Newski-Prospekts auf 150 Sachen beschleunigen. Schwachsinn, Größenwahn und bräsige Eitelkeit neben verarmten Mütterchen und Schnaps-Wracks auf dem Boden der Tatsachen. Lenin würde durchdrehen …

Tallinn: stressfreier Kunstgenuss

Große Maler erwarten uns einen Tag später in Tallinn. Im dortigen gotischen Rathaus, per se schon ein Kunstwerk, läuft eine wunderbare Ausstellung Und da sind sie, die großen Meister. „Kunst regiert“ zeigt Werke aus dem 15. bis 17. Jahrhundert. Das Beste: Wir haben die Meisterwerke von Pieter und Jan Brueghel, Lucas Cranach, Albrecht Dürer, Peter Paul Rubens, Cornelis Bellekin und Jacob van Hulsdonck praktisch für uns allein – auf Armeslänge und in Gesellschaft von gerade einer Handvoll weiterer Kunst­freunde.

Zentrum der Altstadt: Tallinner Rathaus

Zentrum der Tallinner Altstadt: Das gotische Rathaus

 

Alexander-Newski-Kathedrale in Tallinn: Symbol des wachsenden russischen Einflusses Ende des 19. Jahrhunderts

Alexander-Newski-Kathedrale in Tallinn: Symbol des wachsenden russischen Einflusses Ende des 19. Jahrhunderts

Ansonsten platzt Tallinn aus allen Nähten, dabei liegt außer unserem Schiff nur die kleine „Europa“ im Hafen. Die begehbare Stadtmauer, viele prächtige Kaufmannshäuser und allerorten Spuren der mächtigen Hanse sowie der hartnäckige Sonnenschein lassen sechs Stunden Landgang wie im Flug vergehen.

Slowly durchs Schären-Labyrinth

Ein wunderbares Schauspiel während der Ostsee-Kreuzfahrt genießen Sehrfrühaufsteher an der Reling, als das Schiff durch den Schärengarten nach Stockholm gleitet. Ein sonnentrunkenes Idyll aus roten Holzhäusern, kleinsten und kleinen Inseln. Richtig Bullerbü… Ein zweistündiger Heile-Welt-Film und für Käpt’n Todd Burgman ein Felsen-Labyrinth, das er bei sehr langsamer Fahrt durchpflügt.

Die Mein Schiff am Kai von Stadsgården. Hier ist 1628 das Kriegsschiff Vasa mit Pauken und Trompeten abgesoffen

Die Mein Schiff am Kai von Stadsgården. Hier ist 1628 das Kriegsschiff Vasa mit Pauken und Trompeten abgesoffen

Stockholm: Museum für eine Blamage

Genau dort, wo unser Schiff morgens um acht Uhr am Kai von Stadsgården festmacht, ging im Jahr 1628 das Riesen-Kriegsschiff „Vasa“ unter. Weil die Erbauer gemurkst hatten, sank es in die Tiefe, bevor es einen Schuss auf die Polen abgegeben und auch nur eine Seemeile zurückgelegt hatte.

Konnte vor Kraft kaum schwimmmen und sank: Die "Vasa"

Konnte vor Kraft kaum schwimmmen und sank: die „Vasa“

Erst Ende der 1950er wurde das bestens erhaltene, tief im Schlick versteckte Wrack gefunden und 1961 gehoben. Der Holzgigant wog über 1.200 Tonnen und bekam 1990 auf der Insel Djurgården ein eigenes Museum, dessen Besuch absolut zu empfehlen ist, während man sich das 600 Meter entfernte Abba-Museum notfalls auch sparen kann.

Stockholms Altstadt Gamle Stan lädt zu ausgiebigstem Bummeln und Shoppen ein. Und wer eine Schwäche für Maritimes hat, wird an den Schiffsoldtimern, die vor der Insel Skeppsholmen liegen, seine Freude haben. Bequem unterwegs ist man mit den Hop-on-Hop-off-Booten, die im Zehn-Minuten-Takt zwischen sieben Zustiegsstellen verkehren.

Konzerte und Drinks inklusive

Blickt man von einem der Red-Line-Kähne nach oben, muss man den Kopf ganz schön in den Nacken legen. „Mein Schiff 4“ ist ein Koloss mit 14 Decks und Platz für 1.253 Passagierkabinen, 82 Prozent davon mit Balkon. Der 25-Meter-Pool, die Konzerte im Klanghaus und die schöne Sauna-Landschaft stehen jedem offen, zudem ist eine große Anzahl hochwertiger Getränke dank „Premium Alles Inklusive“ kostenlos.

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Die TUI BAR ist einer beliebtesten Treffpunkte auf dem Schiff

Das reduziert die Nebenkosten – bei nicht wenigen günstigeren Kreuzfahrtanbietern kommt das böse Erwachen ja pünktlich mit der Bordrechnung. Und genau das schätzen viele Gäste, mit denen ich an Bord ins Gespräch komme. Tenor: „Lieber für die Rei­se mehr zahlen als bei Costa, MSC oder Aida, aber da­für keine weiteren Ausgaben haben.“

Atrium und Rezeption der "Mein Schiff 4"

Atrium und Rezeption der „Mein Schiff 4“

Welche Logistik hinter diesem Sorglos-Paket steckt, erlebe ich während eines Rundgangs mit dem Executive Chef de Cuisine Alain Doenlen. Doenlen regiert tief im Bauch des Schiffs, über 40 Köche und 160 Mitarbeiter allein in der Küche, die unter anderem 400 Kilo Mehl pro Tag für 450 Laib Brot und um die 8.000 Brötchen verarbeiten.

Tamas Dienes, der Executive Maître, führt mich noch weiter hinein in den Bauch des Schiffs. Ein unvorstellbar großes, aber akkurat organisiertes Wa­ren­lager. Und Dienes jongliert mit Zahlen, dass es eine Freude ist. So ist zu erfahren, dass auf unserer siebentägigen Reise gut 31.250 Eier verbraucht werden, 8.750 Liter Bier durch die Kehlen fließen und 5.950 Liter Wein. Prost, Ostsee!

Hier schwankt keiner – wegen Sturm

Der eine oder andere trinkt mehr, als im gut täte. Aber ins Schwanken kommt deshalb keiner. Auch nicht am Seetag zurück nach Kiel, da blies der Sturm über die Ostsee und schmetterte die Gischt bis hoch zur Brücke auf Deck 11. Na klasse, war der erste Gedanke, als sich Kapitän Todd Burgman über Lautsprecher der „Mein Schiff 4“ meldete und den Passagieren „bis zu zehn Windstärken“ ankündigte.

Sofort kamen Bilder auf von elen­den Gestalten, die kreidebleich über der Reling hän­gen und sich gegen den Wind übergeben. Aber: Weit gefehlt! Während die Frachter neben uns ein wildes Wellenrodeo an den Tag legten, stampfte die „Mein Schiff 4“ unbeeindruckt durch die gut und gern sieben Meter hohen Wellen. Windstärke zehn bedeutet schwerer Sturm. Aber das Schiff lässt nicht mehr spüren als ab und an ein Zittern und Vibrieren. Brav, mein Schiff!


Ostsee-Kreuzfahrt – Insider-Tipps

Sankt Petersburg

Petersburg hautnah ist zertifizierter Anbieter. Ein Tag für zwei Personen inklusive Guide und Fahrer kostet 198 Euro, zuzüglich Eintritte (jeweils 6 Euro bis 15 Euro). Die visafreie Ein­reise für bis zu 72 Stunden gilt auch für Besucher, die mit einer Fähre aus Helsinki anreisen. petersburg-hautnah.com

Vom Schiff in die Stadt

Es gibt immer Shuttle-Busse von den Anlegestellen in die Stadtmitte. Dort kauft man sich einfach ein Tagesticket etwa für Helsinki und kurvt mit der Trambahn Nummer 3 einmal durch die Stadt. Eine Alternative bieten Hop-on-Hop-off-Busse beziehungsweise -Boote (in Stockholm), mit denen man einen ganzen Tag unterwegs sein kann, mit Zustiegen, wann und wo man will

Ostsee-Kreuzfahrt

Die in der Reportage vorgestellte Ostsee-Kreuzfahrt Kiel–Helsinki–Sankt Petersburg (2 Tage)–Tallinn–Stockholm–Kiel kostet mit der „Mein Schiff 4“ mit „Premium Alles Inklusive“ in der Balkonkabine ab 2.048 Euro, Kinder bis 14 Jahre reisen umsonst. Wer noch länger in Sankt Petersburg bleiben will, bucht eine Kreuzfahrt auf der feinen und teuren „Silver Whisper“. Sie fährt ab Kopenhagen via Helsinki bis Sankt Petersburg, wo man drei Tage bleibt. Zurück über Tallinn nach Stockholm. Kosten: ab 3.550 Euro inklusive aller Getränke. Wer vor der Abreise in Kiel noch ein paar Tage Strand einlegen will, kann sich in Grömitz an der Ostsee oder noch schicker im Hotel „Strandgut“ in Sankt Peter-Ording an der Nordsee einbuchen.

 


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Über diesen Autor

Peter Pfänder

Peter Pfänder

Leidet an chronischem Fernweh, seit er 15 ist. Härtester Therapieversuch? 10.000-km-Radtour rund ums Mittelmeer im Alleingang im Jahr 1985. Die „itchy feet“ führten ihn während des Studiums (Politologie und Islamwissenschaften) in Tübingen und Damaskus immer wieder in den Nahen Osten. Lebte viele Monate in Jemen, Syrien und Libanon. Arbeitete als Gabelstaplerfahrer, freier Autor und Redakteur. Der Chefredakteur von „abenteuer und reisen“ liebt fremde Ufer und exotische Küchen. Entspannt am liebsten beim Schwimmen im See oder Meer, beim Stand-up Paddling, auf dem Bike und in der Sauna.

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