Länderberichte

Portugal | Ab in den Süden!

Martin Müller
Geschrieben von Martin Müller

Portugals Süden ist schön. Wir verraten, wo es an Sand-Algarve, Fels-Algarve und an der Costa Vicentina am allerschönsten ist

Natürlich tummelt sich Dario Silva gerade am Strand, als wir ihn anrufen, schließlich sind wir in der Algarve in Portugals Süden, da liegt das nahe. Allerdings ist Dario weder Lebensretter noch Wellenreiter, nein, der Typ macht Street Art – und das nicht heimlich. Über einen Teller Bohnensuppe mit Tintenfisch und Chorizo gebeugt, beäugen wir vis-à-vis eine endlose Mauerzeile aus Wandmalerei. Ums Eck herum setzt sich das fort, wir stecken in einem Labyrinth bemalter Straßenzüge. In der Snack-Bar weiß man bloß, dass sich Dario, der Haupt-Künstler, SEN nennt. Eine Prise Recherche später haben wir den Graffiti-König von Olhão an der Strippe.

Dank ihrer natürlichen „Felsaugen“ ist die Grotte von Benagil
ein landschaftliches Juwel

Street Art an der Sand-Algarve

Das hatten wir von dem Algarve-Städtchen mit nordafrikanischen Touch nicht erwartet. Olhão sollte nur der kurze Auftakt sein für unser zweiwöchiges Streunen durch Portugal. Wer erwartet hier schon die Mona Lisa der Straßenkunst oder eine 20 Meter hohe Wand mit Indianerköpfen? Hineingesogen in diesen Kosmos hat uns eine spukige Villa am Ortseingang, verrammelt zwar, aber von oben bis unten grell bemalt. Unversehens kurven wir durch Randgebiete und entdecken an jeder Ecke Street Art. Ein Szenario wie eine künstlerische Übernahme. Wer gestattet denn so was?

„Manchmal bittet mich sogar die Stadt“, erzählt uns Dario alias SEN am nächsten Morgen. „Firmen beauftragen mich. Oder einfach Anwohner.“ Die Polizei, die ihn früher öfter einkassierte, erzählt ihm heute, was die Leute über seine Kunst sagen. Also alles legal? „Ich bin seit 2007 nicht mehr illegal unterwegs“, grinst der 30-Jährige, „obwohl illegales Lettering eine kreative Fingerübung ist.“

Verspielt und romantisch

Im Atelierraum seiner Wohnung empfängt uns SEN in farbbeklecksten Klamotten, umgeben von einer Batterie Spraydosen, gerahmten Bildern, einem grell besprühten Stoffvogel, farbgesprenkeltem Mobiliar und Farbeimern. Der Künstler sprüht nur noch Linien, die Flächen rollt er, seit ihm die Sprayerei auf die Lunge geht – Berufsrisiko eben.

Gäste des „Casa da Igre­ja“ in Cacela Velha genießen Meerblick samt Meeresfrüchten

Äh, Beruf? „Seit einigen Jahren respektiert man mich als Künstler“, sagt SEN. Auf dem Weg dahin war er schon, seit er seinem Vater, einem Industrie-Anstreicher, die Farben stibitzte oder sein Schullunch-Geld für Tünche ausgab und wöchentlich sein Fahrrad neu anmalte. Irgendwie ließ man ihn gewähren und deshalb hat Olhão eben seinen Anstrich – eher ver­spielt als politisch, romantisch statt radikal.

Seezunge oder Thunfisch?

Auf zum Strand! Wir schiffen uns in Olhão ein. Eigentlich wollen Kollege Frank und ich algarven, also sonnenbaden, so wie in Jugendtagen, als man nach Süd-Portugal pilgerte, um dieses Flair von Sand, Salz und Surf aufzusaugen. Ein Cocktail aus Fast-noch-Mittelmeer und Atlantik, suave, sanft, Wasser 25, Luft 30 Grad. Diese Algarve ist inzwischen ziemlich mit Immobilien gespickt, aber die Insel Culatra bleibt verschont.

Die Fischer Ramiro und Marco präparieren auf Culatra gut gelaunt ihre Netze

Auf Culatras Wattseite steigen wir vom Boot, gelangen über einen langen Laufsteg durch eine struppige Wüstenei zum Strand. Nur etwa 200 Meter von neun Kilometern sind besetzt, es geht familiär, textilarm und gröhlfrei zu – suave halt. Später, im oasenhaften Örtchen am Bootsanleger, treffen wir Culatras Hauptakteure beim Netzeflicken. 200 von 1.000 Insulanern seien Fischer, hören wir. Lokale Fischer fangen Seezunge und Brasse, Schwert- und Thunfisch werden weiter draußen geangelt.

Gedichte fürs Smartphone

Culatra ist nur eine der sandigen Wimpern des östlichen Algarve-Antlitzes. Der Naturpark Ria Formosa zieht sich 60 Kilometer über das Eleganz verströmende Tavira bis nach Faro. Wie unendliche Dünen liegen durch Lagunen abgetrennte Inseln vor der Küste – eine stille Attraktion für Zugvögel, Herden von Seepferdchen und radschlagende Badenixen. Im Örtchen Cacela Velha wird das alles bewacht von alten Fortmauern, an denen digitale QR-Strichcodes arabische Dichter aus dem vorletzten Jahrtausend zitieren – ein maurisches Poesiealbum fürs Smartphone mit toller Sicht auf die Sand-Algarve. Welch ein Gedicht!

Die Olhão vorgelagerte Insel Culatra lebt vom Fischfang. Dort sollte man fangfrischen Fisch bestellen

Welches ist die schönste Bucht im Süden? Zugegeben, wir haben ein Luxusproblem. Über drei Dutzend Strände zwischen Faro und dem Cabo de São Vicente wetteifern um den Schönheitspreis. Jeder Strand entfaltet sein eigenes Lichtspiel. Diese Qual der Wahl zerfurcht die Stirn des Fotografen fast so dramatisch wie der Zahn der Zeit die Felsenküste. Wo setzt sich die Fels-Algarve wann am besten in Szene? Wohin zuerst? Wir entscheiden uns – für die Schattenseiten. Die subtilsten Ausformungen des Karsts sind die Dunkelkammern, die Grotten und Höhlen, wie sie etwa beim Fischerörtchen Benagil zu sehen sind.

Grotten-schönes Benagil

„Noch mehr Publicity?“, reagiert der Besitzer des Bootservice in Benagil erschreckt, als wir ihn bitten, uns in der größten Höhle abzusetzen. Aktuell ist Portugal wieder en vogue. Ein frischer Besucherstrom schwappt in die engen Buchten. Unser Familienunternehmer hat auf einmal keine Kapazität mehr und meint, deshalb brauche er auch keine Publicity. Die einst so kühne Seefahrernation ist anscheinend nicht mehr so draufgängerisch.

Ferragudo an der Mündung des Arade gilt als einer der malerischsten Orte der gesamten Algarve

Die größte Grotte harrt gleich um die Ecke. Manche schwimmen hin, andere navigieren auf Luftmat­rat­zen um die Klippen herum zum kapitalen Felsendom. Wir waten noch vor der Ankunft der anderen Ausflugsboote an den Strand der Höhle mit der Spann­weite einer Hallenkirche. Wellengeplätscher echot im Rund. Indirektes Licht fällt durch Fels­fens­ter ins Innere und lässt die Kalksteinwände rosa-orange glühen. Ein Widerschein zum Niederknien; eine junge Frau sitzt auf einem Felsen und lässt die Energie des Orts im Yogasitz durch ihre Glieder fließen.

Ultramariner Nachmittag in Portugals Süden

Wir warten nicht, bis sie abhebt, sondern stro­mern weiter durch Buchten, die oft das Ende von Tal­einschnitten markieren. Eine Topografie wie ein ungemachtes Bett. Mit prachtvollen Ausblicken, etwa während der zweistündigen Klippenwan­derung von der Praia da Marinha zur Praia de Benagil. Marinha wirkt aus luftiger Höhe wie das Areal einer durch Erosion zerrupften Kathedrale, von der nur noch umspülte Säulen künden. Am erhabensten ist allerdings der Ansitz über der Ponta da Piedade bei Lagos, einem Kap mit Brückchen über einem Meeresblau, das spätnachmittags den Farbton Ultramarin pigmentgetreu trifft.

Stand-up-Paddler finden bei Sonnenuntergang meist ein ruhigeres Meer vor

In Burgau, noch nicht bis zu Unkenntlichkeit entdeckt, wirkt alles bodenständiger. Der Cataplana-Eintopf aus Meeresfrüchten und Schwein im Restaurant „Matias“ ist ein langsam gegarter Genuss. Zur Bodenständigkeit gehört auch, dass die Einheimischen abends am weiten Strand ihren portugiesischen Wasserhund ausführen, um dann dem verblauenden Tagesausklang in der Strand-Kaschemme „A Prateleira“ nachzuhängen. Wir gönnen uns hier den Aperitif zu unplugged Gitarrensongs einer Vater-Tochter-Kombo, beinahe ein Hippie-Style-Da-Capo der portugiesi­schen 80er-Jahre.

Erdbeerschnaps und Trockenfisch

Zeit für einen örtlichen Digestif, den Medronho. Der traditionelle Erdbeerbaum-Trester war mal fast versiegt, bis dann die Regierung das „Made in Portu­gal“ wiederentdeckte und förderte. Dem hochprozentigen Boutiqueschnaps müssen wir allerdings schon beim Mittagessen zusprechen. Es hat uns ins geschäftige Lagos verschlagen, wo sich blaue Kacheloptik an Fassaden sowie Balltrickserei im Ronaldo-Style ein ideales Stelldichein geben.

Rund um Sagres gibt sich das Fest­land eindrucksvoll die Kante. Unterhalb der Klippen liegen teils lange Strände, etwa die Praia do Beliche

Die Cervejaria, in die uns die Auslage mit Sardinen, Fischsalaten und Bohnensalat mit Trockenfisch lockt, versammelt uns, eine englische Familie und Einheimische um die ovale Theke. Die resolute Patronin wirbelt, die Teller strotzen vor Leckereien. Der Typ uns gegenüber, Fernando, ist dafür verant­wortlich, dass Autor und Fotograf schon mittags die Köpfe zackig in den Nacken kippen. Fernando ordert Medronho, fordert uns heraus und bechert mit der Bemerkung „Antibiotikum“, dann reibt er sich die letzten Tropfen mit dem Ausruf „Hospital“ in die Hände. Sei auch gut ge­gen Mücken, lacht er beim Rausgehen. Okay, Lagos ist der schönste Ort in Portugals Süden.

Das Fernlicht Europas

Schlussleuchte oder Fernlicht Europas? „Nix Schlusslicht“, protestiert Armenio, ein hübscher, uniformierter Kerl, als er uns durch den Leuchtturm am Cabo de São Vicente führt. „Wir sind Europas Fernlicht“, klärt er auf: Kein Leuchtfeuer des Kontinents reiche weiter. Fast 60 Kilometer weit strahlt das durch ein Vier-Tonnen-Glasprisma gebündelte Halogenlicht durch die Nacht. Mir dünkt das wie ein symbolisches Auffla­ckern des Entdeckerdrangs portugiesischer Seehel­den wie Magellan und da Gama.

Europas südwest­lichsten Punkt am Cabo de São Vicente markiert ein Leuchtturm

Weil die Fantasie schon mal so toll befeuert ist, könnte man das Kap mit dem Turm auch als Land Art begreifen. Religiös aufgeladen ist der Ort sowieso, denn der baumlose, vom Wind ständig rasierte Felsenaltar hoch über dem Ozean ist wegen seines entrückten Ambientes bereits so einigen Völkern ein heiliger Ort gewesen.

Wandern an der Costa Vicentina

Wir wollen uns auf die Natur der westlichen Algarve einlassen. Zur Seite haben wir Wander­führerin Sandra, die während der fast drei Monate dauernden Sommerferien die Strände umgeht. „Ich bin kein Badefan“, räumt sie ein, „die Strände sind eher mein Winter-Wanderrevier.“ Obwohl Portugie­sen kaum wandern, haben sie hier mit der Rota Vicentina eine Weitwanderroute eingerichtet, gebettet in eine als Naturpark geschützte Kulturlandschaft. Dieser Status der Costa Vicentina ist für Landwirte der Gegend allerdings eine heiße Kartoffel. In letzter Zeit vertragen sich Naturschutz und Bauern wohl besser. Den typischen Bautenwildwuchs, den wir im Süden beobachtet haben, hat der Naturpark wenigstens schon mal verhindert.

Die Praia da Arrifana im Naturpark Costa Vicentina ist ein echter Surfer-Hotspot

Wir starten am prächtigen Surferstrand Praia do Amado bei Carrapateira und lehnen uns verwegen gegen den Westwind. Windflüchtende Bäume und Büsche biegen sich natürlich mit dem Wind – die müssen ja länger verweilen. Von der Steilküste aus können wir Surfer in heranstürzenden Wellen erkennen. Durch den Wasserdunst verschwimmen die hellen Kalkstein- und dunklen Schiefertöne der bis zu 90 Meter aufragenden Steilküste. Dann wird die Szene entlang des teilweise befahrbaren Küstenwegs intimer.

Wacholderduft liegt in der Luft

Weiße Lack-Zistrosen sind die Champions des Steingartens, hart im Nehmen und gegen die Sonne mit aromatischem Labdanum-Harz geschützt. Wacholder-Duft bereichert den Geruchscocktail. Enzianblau blüht das Primelgewächs Gauchheil, höher steht der stachlige Tragant. Die Krone der Küste sind aber die Schirmpinien, besonders in der Nähe unseres Ziels am kilometertiefen Sandrevier der famosen Praia da Bordeira. Bevor wir dahin absteigen, schwatzen wir noch mit Anglern, die aus großer Höhe ihre Leinen meerwärts surren lassen. In das überwäl­ti­gende Panorama reiht sich ein Flüsslein am Südende des Strands ein, eine kleine Lagune erschaffend, die Stand-up-Paddler und Rucksack-Wanderer queren.

An der Praia da Arrifana bei Aljezur finden Surfer ideale Bedin­gungen vor

In Carrapateira nehmen wir unsere Fahrt nach Norden wieder auf. Die Strände sind weiter als im Süden, die Wellen brachialer. Die grandiose Praia da Arrifana ist gegen aus dem Norden heranstürmende Kühle geschützt und scheint derzeit hip zu sein. Intimer und familiärer ist das Ambiente an der Praia do Monte Clérigo. Im teilweise vom Sand bedrohten, im Winter quasi verlassenen Örtchen weht ein anderer Wind; eine junge Frau bietet Massagen an, eine andere hat ein internetfreies Hostel eröffnet, in dem man Handy und Laptop für die Dauer des Aufenthalts weglegt. Wer hier seine Zeit vertrödelt, merkt schnell, wie viel davon er eigentlich hat.


Info

Anreise: Beispielsweise nach Faro mit TAP Portugal, Eurowings, Tuifly und anderen, Ticket ab 100 Euro.

Hotel-Tipps:
Ozadi Tavira Hotel

Komplett renoviert. Das schöne Städtchen Tavira liegt nur vier Kilometer entfernt, die Badeinsel Cabanas und Cacela Velha sind schnell erreicht. Ein Tag Entspannung gelingt aber auch in der Gartenanlage des Hotels mit Pools, Hammam, Wellness und zwei Restaurants. DZ/F ab 75 Euro

Tivoli Lagos

Der hier und da vielleicht etwas verblühte Charme des großen Hotels am Altstadtrand hat etwas von der Verwinkeltheit eines nordafrikanischen Viertels. Wenn man sich durch die Gänge zum Frühstück auf die Terrasse durchgewuselt hat, eröffnet sich ein schöner Überblick. Zum hoteleigenen Beach-Club am Strand Meia Praia kommen Sie mit dem Shuttle-Bus. Direkt hinterm Hotel lockt das kleine Sardinenrestaurant O Escondidinho. DZ/F ab 85 Euro

Auskunft: Tourismo de Portugal; Região de Turismo do Algarve


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Über diesen Autor

Martin Müller

Martin Müller

Da, wo ich weg komme, nämlich aus‘m Ruhrgebiet, muss ich manchmal sagen, dass ich nichts Besseres gelernt habe. Ich kann eben nur Autor, Reporter, Schreiberling. Im Ruhrgebiet, wo ich zufällig hineingeboren wurde, leben immer noch so schön viele von diesen Anpackern, die eine abgespeckten Sprache pflegen. Es versetzt also schon in Erstaunen, dass ich in ganzen Sätzen reden und schreiben kann. Vielleicht hat das aber mit jenem Witz - manche sagen Aberwitz - zu tun, den wir hier mit der Muttermilch einsaugen, ein Humor von der Sorte, wie ihn nur eine Gemeinschaft von vermeintlichen Underdogs drauf hat, wie etwa die Briten. Aus so einer verschworenen Gemeinschaft auszubrechen und die Welt zu bereisen, erscheint kühn. Ich darf mich mal bei einem anderen schreibenden Bochumer bedienen, um diesen Mut zu durchleuchten. Frank Goosen hat ja knapp und treffend gesagt: „Woanders is auch scheiße.“ Gut, das kann man als Anleitung zum Dableiben verstehen. Oder man sagt einfach: „Dableiben is auch ...“ Also bin ich einfach los.

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