Länderberichte

Ras al-Khaimah | Dubais kleiner Nachbar

Ras al-Khaimah, Vereinigte Arabische Emirate
Lutz Jäkel
Geschrieben von Lutz Jäkel

Ras al-Khaimah? Ist von diesem Emirat die Rede, müssen viele erst mal auf der Karte suchen. Dabei hat es sogar einen eigenen internationalen Flughafen. Allerdings wurden Direktflüge nach Europa eingestellt. Macht nichts, der Flughafen in Dubai liegt gerade einmal eine Autostunde entfernt …

Das mit der Nähe zum Flughafen DXB hat einen interessanten Nebeneffekt: Angekommen im Hotel, wissen nicht alle Touristen, dass sie sich nicht in Dubai, sondern in Ras al-Khaimah befinden. Rowana, die philippinische PR-Managerin vom „The Cove Rotana Resort“, sagt augenzwinkernd: „Manch ein Gast ist über­rascht zu erfahren, dass Dubai und Ras al-Khaimah zwei verschiedene Emirate sind. Und dass es noch fünf weitere gibt.“

Das wäre so, als würde ein Emirati Urlaub in Baden-Württemberg machen und glauben, er befände sich im benachbarten Bayern. Die Emiratis in Ras al-Khaimah haben sich daran gewöhnt, dass sie für Dubaier gehalten werden, in Souvenirshops findet man sogar kunstvolles Sandhandwerk in Gläsern mit dem Schriftzug „I love Dubai“.

40 Kilometer Küste und kaum Erdöl

Ras al-Khaimah, das oft RAK abgekürzt wird, ist überschaubar. Es ist das nördlichste und mit rund 250.000 Einwohnern das viertgrößte der sieben Emirate, die sich 1971 zusammen­geschlossen haben. Die Küste ist nur 40 Kilometer lang, das Emi­rat hat kaum Erdöl, versorgt aber aufgrund seiner Landwirtschaft – Gebirgsquellen sor­gen für ausreichend Wasser – die anderen Emirate mit Gemüse, Obst und Milchprodukten.

Nun konzentriert sich RAK zunehmend auf den Tourismus und versucht, sich als das authentische Emirat anzupreisen. „Off the beaten tracks“, wie es in PR-Broschüren heißt, jenseits der ausgetretenen Pfade.

Dubai, Ras al-Khaimah: Relaxen in Ras al-Khaimah im "The Cove Rotana Resort"

„The Cove Rotana Resort“: Relaxen in Ras al-Khaimah

Wie war es früher in Ras al-Khaimah?

Wenn man wissen möchte, wie das früher so war, kann man sich den Ausführungen von Mohammed bin Zayed hingeben. Der etwa 70 Jahre alte Mann sammelt seit 50 Jahren alles, was Zeugnis über die Geschichte des Emirats ablegen kann. Oder könnte. Im Bin Majid Museum zeigt er Schiffsmodelle, alte Holztüren, Türschlösser, Urkunden, Fahnen, Tongefäße, Muscheln, Seile, Taue, Reusen, vergilbte Fotos. Zu jedem Utensil, so scheint es, hat er eine Geschichte pa­rat.

So unterschiedlich die Emirate sind, so haben sie doch eines gemeinsam: Die meiste Arbeit, ganz gleich in welchem Sek­tor, leisten Gastarbeiter aus aller Welt. Aus Usbekistan kommen allerdings die wenigsten. „Genau drei sind es in Ras al-Khaimah“, lacht Avaz­bek Mamirov. Avazbek wollte raus aus Samarkand. „Ich habe ein bisschen gegoogelt und stellte fest: Es ist ein islamisches Emirat, hat tolle Strände, man verdient gut. Und das Leben ist deutlich billiger als in Dubai.“ Also heuerte er bei einer Reise-Agentur an und arbeitet seit gut drei Jahren als Guide und Fahrer.

Dubai, Ras al-Khaimah: Offroad durch die Wüste

Wenig Staugefahr – offroad durch die Wüste von Ras al-Khaimah

Wassersport? Na klar!

Es wirkt alles sehr ruhig in Ras al-Khaimah, wie damals, als ich vor fast 20 Jahren erstmals in Dubai war: hier ein schickes Hotelresort, dort ein nächstes in Bau, nach einer Weile Autofahrt eine Shoppingmall. Dann lange nichts. Die Hochhäuser kann man an einer Hand abzählen. Ähnlich wie in Abu Dhabi, aber ganz anders als in Dubai präsentiert sich das Zentrum von Ras al-Khaimah an der Uferpromenade: Die Corniche ist von Mangroven gesäumt. Jenseits des Mangroven­saums können Outdoor-Fans in Kajaks paddeln und Flamingos beobachten.

Aaref Al Haranki zieht an seiner schlanken emiratischen Pfeife, einer Midwakh, und schaut auf die Lagune. Der 45-Jährige ist Executive Manager des International Marine Sports Club. Kleine Boote, Ka­jaks, sogar Drachenboote liegen am Strand. Aber hier geht es vor allem um Wasserskis. „Unsere ganze Familie ist verrückt danach“, sagt er, „selbst meine Tochter.“ Es sei der einzige professionelle Wasserskiclub im gesamten Mittleren Osten, erzählt Aaref, viele Preise hätten sie schon gewonnen.

Dubai, Ras al-Khaimah: Uferpromenade und Mangroven

Unterschied zu Dubai: Die Uferpromenade in Ras al-Khaimah ist von Mangroven gesäumt

Typisch Emirate: Falken mit GPS-Sendern

Fährt man in den Norden des Emirats Ras al-Khaimah, lässt sich am Dhayah Fort ein bisschen Geschichte schnuppern. Auf dem Hügel, zu Füßen des Hadschar-Gebirges gelegen, finden sich Siedlungsspuren, die rund 5.000 Jahre alt sind. Auf dem Plateau steht jenes Fort, in dem sich die Beduinen 1819 zu Wehr setzten, als die Briten mit Schiffen und Kanonen Gebietsansprü­che geltend machen wollten.

Am frühen Morgen, wenn hinter den Bergen die Sonne aufgeht, schweift der Blick weit in die mit ausgedehnten Palmenhainen bestandene Oase. Am Horizont taucht die Sonne das Meer in warmes Licht, die Strahlen erreichen langsam das Fort. „Da hinten machen sie manchmal Falkenjagd“, sagt Avazbek, der Usbeke, und zeigt auf eine freie Fläche. „Schon lustig. Früher war es eine hohe Kunst, die Falken zu verfol­gen. Heute sind die Falken mit GPS-Sendern ausgestattet, und ihre Besitzer können die Flugbah­nen auf ihren Smartphones sehen.“

Dubai, Ras al-Khaimah: Das "Waldorf Astoria" in Ras al-Khaima

Orientalischer Luxus im „Waldorf Astoria“

Ras al-Khaimah: neues Fun-Zentrum

Wie alle Emirate hat auch RAK Wüste im Programm. Im Al Wadi Adventure Centre, südlich der Stadt am Rande der Wüste, erwartet mich Gabriel. Der Zoologe aus Simbabwe sagt: „In meinem Land gibt es großartige Tiere. Aber ich wollte unbedingt wissen, wie Tiere in der heißen Wüste überleben können.“ Das Adventure Centre gehört zum „Al Wadi Desert Resort“. Zur heimischen Tierwelt zählen Arabische Oryxe, Berggazellen, Arabischer Rotfuchs, Arabische Puffotter, verschiedene Eidechsen- und Geckoarten, aber auch Vögel wie die grünen Bienenesser, die pinkfarbenen Sonnenvögel oder die Arabischen Schwätzer, die wirklich so heißen.

Natürlich muss man den Ghaf-Tree gesehen ha­ben, den zu den Mimosengewächsen gehörenden Nationalbaum der Vereinigten Arabischen Emirate. Nur ein paar Meter hoch, kann er Wurzeln bis in eine Tiefe von 60 Metern in den Sand treiben, um auch das letzte Tröpfchen Wasser aufzusaugen. „Wir nennen diesen Baum auch Camel’s Umbrella“, sagt Gabriel. Kamele stellten sich nämlich gern in den Schatten der Krone und fressen die Laubblätter und Hülsenfrüchte ab.

Dubai, Ras al-Khaimah: Sonne, Strand, Meer: Hilton Ras Al Khaima Resort & Spa

Sonne, Strand, Meer: Am Beach des „Hilton Ras al-Khaimah Resort & Spa“

Hotspot im Hadschar-Gebirge

Der Natur nahe kommen auch Wanderer und Biker. Ihnen hat Ras al-Khaimah einiges zu bieten. Eine neue, gut ausgebaute Panoramastraße führt hinauf in das Hadschar-Gebirge auf den Jebel Jais, mit 1.900 Meter Höhe der höchste Berg in den Emi­raten. Attraktive Ausblicke und Wan­dertrails durch unberührte Natur warten hier auf Naturfreunde. Wer fit ist, strampelt die Strecke mit dem Mountainbike ab. Die Region soll zu einem touristischen Hotspot ausgebaut werden, mit Hotelanlagen und Restaurants.

Ras al-Khaimah ist als letztes Emirat den Vereinigten Arabischen Emiraten beigetreten. Hier scheint auch heute noch alles hinterherzuhinken. Mein Eindruck ist, dass RAK wie Dubai vor 20 Jahren ist. Auch in Dubai gab es damals neben Shoppingmalls schö­ne Hotels, Dune-Bashing, Kamelreiten und Barbecue zum Sonnenuntergang. Dann baute man das höchste Hotel und das höchste Gebäude der Welt und schüt­tete Inseln auf. RAK schüttet jetzt auch künstliche Inseln auf, Al Marjan Island, die Koralleninsel, 25 Kilometer von der City entfernt. Bis 2025 sollen hier 20 Hotels stehen, Jachthäfen, Einkaufszentren sowie Apartment- und Villenkomplexe.

Dubai, Ras al-Khaimah: Tagesausbeute am Fischmarkt von Ras al-Khaimah

Am Fischmarkt: Die Tagesausbeute muss gefeiert werden!

Ras al-Khaimah – wirklich authentisch?

Bleibt abzuwarten, wie lange RAK authentisch bleibt und was man unter Authentizität versteht. Eine Vorstellung davon gibt das Ausflugspaket „Authentisch emiratisches Beduinenleben unter Sternenhimmel“: Touristen, die in Four-Wheel-Drives und Kleinbussen aus All-inclusive-Resorts zu den Wüstendünen am Stadtrand gekarrt werden; leicht bekleidete junge Frauen; Fahrer, die aus Pakistan und Indien kommen; Barbecue mit langen Schlangen am Buffet, Fackeln im Boden, orientalische Kissen im Sand, brummender Generator hinter der Küche, Kamelreiten im Kreis für das Foto und eine Bauchtänzerin aus Russland. Wer das alles für authentisch hält, ist hier goldrichtig.

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Info Ras al-Khaimah

Anreise nach Ras al-Khaimah

Flug nach Dubai etwa mit Emirates oder Lufthansa nonstop in sechs Stunden, Ticket ab 440 Euro. Von dort wei­ter per Taxi oder Shuttle; der Bus verkehrt zwischen Terminal 1 und 3 und bekannten Hotels in RAK, Fahrtzeit etwa eine Stunde. emirates.com | lh.com | rakshuttle.com

The Cove Rotana Resort

Moderne Hotelanlage im arabisch-nubischen Stil an einer künstlichen Lagune. Langer, schöner hoteleigener Sandstrand. 203 Zimmer und 78 Villen mit je einem, zwei oder drei Schlafzimmern, alle haben eine Terrasse, einige einen Garten. Die Einrichtung ist elegant und komforta­bel, fast schon minimalistisch. Sehr gutes, wenn auch mitunter lautes Buffetrestaurant „Cinna­mon“. Abholservice vom Flughafen in Dubai. DZ/F ab 120 Euro. rotana.com

Ausflüge mit Jebel Jais Tours

Touren zum höchsten Berg der Region; weitere Ziele: die weltlängste Zipline, Via Ferrata und Aussichtsplattformen. jebeljais.ae

Mehr zu Ras al-Khaimah im Web

Weitere Infos unter de.rasalkhaimah.ae


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Über diesen Autor

Lutz Jäkel

Lutz Jäkel

Jahrgang 1970, Fotojournalist und Autor, Islamwissenschaftler und Historiker, hat in Hamburg, Sanaa (Jemen) und Damaskus (Syrien) studiert. Einige Jahre leitete er Studienreisen in Syrien, Jordanien und Libanon. Lutz Jäkel lebte als Kind mit seinen Eltern in Istanbul/Türkei und ging dort auf die Deutsche Botschaftsschule. Reisen in viele Länder u.a. nach Syrien, Libanon, Jordanien, Israel/Palästina, Iran, Vereinigte Arabische Emirae, Oman, Jemen, Ägypten, Libyen, Tunesien, Marokko, Pakistan, Indien, Indonesien, Australien, Neuseeland, Französisch Polynesien, Chile, Argentinien, Brasilien, grönländische und kanadische Arktis, Antarktis.
Neben seiner Tätigkeit als Fotograf und Autor referiert er über arabische Länder für Unternehmen und auf Kreuzfahrtschiffen und Kreuzflügen von Hapag-Lloyd Cruises