Länderberichte

Aspen | Grüne Welle

Florian Kinast
Geschrieben von Florian Kinast

Den Klimawandel spürt man auch in den Rocky Mountains. Die Stadt Aspen und ihr alternativer Bürgermeister setzen deshalb auf Sommertourismus, Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit. Was dabei rauskommt, haben wir uns vor Ort angesehen

Hier war Trump noch nie, hier am See. Nebenan im Ort schon, die Trumps reisen jedes Jahr zum Skifahren an. Im Frühling 2017 kam die Familie ohne  Mr. President, dafür aber mit einem Security-Stab von 100 Beamten, was den Leuten hier mächtig auf die Nerven ging. Eher für Erhei­terung sorgt  bis heute der legendäre Eklat, als Trumps erste Ehefrau Ivana 1990 keifend seine damalige Geliebte Marla Maples zur Rede stellte – im „Bonnie’s“, einer Berg­hüt­te am Aspen Mountain, in der sich die Frauen in der Warteschlange vor der Theke mit dem dort berühmten Apfelstrudel trafen.

Einst Hochburg des Silberrauschs

Aber eben genau dort am Rande Aspens, am Hallam Lake, bei den Eulen, Habichten, Adlern und Forellen, dort war Donald Trump eben noch nie. Jim Kravitz wüsste das. Jim ist Naturführer am See. Beim gemeinsamen Spaziergang sagt Kravitz: „Trump wäre hier sehr willkommen. Dann könnte ich ihm mal erklären, wie schön die Natur ist und wie wichtig es ist, all das hier zu erhalten. Und dass der Klimawan­del komplexer ist als 140 Zeichen auf Twitter.“ Jim geht weiter, unter seinen Füßen knirscht zu Boden gefal­lenes Geäst. Dann schnauft er: „Trumps Wahl war ein Desaster. Für die Umwelt. Für uns Menschen.“ Und so wie Jim denken viele hier, sehr viele. Trump? Not their president.

Aspen, Colorado, drei Autostunden westlich von Denver, im 19. Jahrhundert Hochburg des Silber­rauschs, heute noch an manchen Stellen mit dem filmreifen Charme einer alten Westernstadt. Das dreistöckige, stolze Klinkerhotel „Jerome“, Ecke North Mill und West Main, erbaut in den 1880ern, bis heute eine mondäne Bleibe als Reminiszenz an eine stolze Zeit.

Hirsch-Begegnung in den wildreichen Wäldern rund um Aspen

Von der Geisterstadt zum Wintersportort

Das „Jerome“ überlebte auch die schweren Jahre. Nach der Wirtschaftsdepression im Jahr 1893 verkam Aspen zur halben Geisterstadt, erst nach der Gründung der Aspen Skiing Company 1946 und der Ski-WM 1950 ging es dank der Touristen wieder bergauf. Aspen wurde zum beliebten Wintersportort der Reichen und Promis. Hollywood-Größen wie Kevin Costner, Michael Douglas und Jack Nichol­son leisten. Sie alle haben hier ihre Anwesen.

Dennoch ist Aspen kein versnobter Jet-Set-Ort, viel­mehr weht ein Hauch von schicker Lässigkeit durch den Ort, mit einer spannenden Mischung aus Zugereisten und Einheimischen. Geldiges, aber auch liberales und tolerantes Bildungsbürgertum, eine weltoffene Schicki-Boheme, gepaart mit einem Touch von Hippie-Flair, jede Menge Freaks, Naturburschen, viele Alternativläden, Polizisten, die so entspannt drauf sind, als hätten sie davor gutes Zeug geraucht.

Anspruchsvolle Kletterpartie am Independence Pass, auch als Hunter Pass bekannt

Aspen: Reich, aber nicht snobby

Was Reichtum ist, sieht  jeder anders. Peggy Harris-Foster etwa, die an diesem strahlenden Juni-Mittag auf der Terrasse des „Slice Italian Bistro“ in Snowmass, dem Ski- und Freizeitsatelliten im Nordwesten der Stadt, sitzt. „Der wirkliche Reichtum ist das hier“, sagt sie und deutet hinauf in Richtung der grünen Berge, die in vereinzelten Senken noch von Schneeresten befleckt sind.

Zu Peggy sagen hier alle Piglet. Sie ist klein, drahtig, fit wie eine 20-Jährige und dabei gerade 60 gewor­den. Mit 17 kam sie aus Maryland das erste Mal hierher, nach dem Ski­urlaub flog sie heim, packte ihre Sachen und übersiedelte nach Aspen, so fasziniert war sie von der Gegend. Im Win­ter gibt sie Ski- und Snowboardkurse und fährt Pistenraupen, im Sommer organisiert sie Rafting- und Kajak-Touren, unterrich­tet im Stand-up-Paddeln und Berg­radeln.

Rasantes Mountainbike-Kunststück im Snowmass Bike Park

Über 120 Kilometer Mtb-Trails

Mit Piglet geht es am frühen Morgen rasant abwärts, auf  Fahrrädern über einen der zahllosen Downhill-Trails von der Mittelstation des Elk-Camp-Gipfels – eine  Rüttelei über Stock und Stein. Mountainbiken ist in den letzten Jahren sehr beliebt geworden, allein hier oben in den Bergen und Tälern rund um Snowmass haben sie inzwischen mehr als 120 Kilometer an Trails angelegt.

Piglet weiß um die  Gratwanderung zwischen Tourismus und Umweltverträglichkeit, doch zumindest hier haben sie es ordentlich hinbekommen. Jeden einzelnen der neuen Trails muss der US Forest Service absegnen. Manchmal passiert es, dass sie das Profil einer neu geplanten Strecke ablehnen, weil sie den Rückzugsgebieten der Tierwelt in die Quere kommt. Dann eben kein Trail.

100 Prozent erneuerbare Energien

Tatsächlich hat Aspen unter seinem  Bürgermeister Steve Skadron wie kaum ein ande­rer Ort in den Staaten in den Umweltschutz investiert, in Schadstoffreduzierung, erneuerbare Energien, in Nachhaltigkeit. Mit Stolz wird darauf verwiesen, dass schon in Zeiten des Silberrauschs Aspens Bergminen mit Strom aus Wasserkraft erleuchtet wurden, es war die erste hydroelektrische Anlage im westlichen Amerika.

Heute versorgt sich Aspen zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien: 53 Prozent Wasserkraft, 46 Prozent Windanlagen, dazu noch ein Prozent Deponiegas. Darüber hinaus haben sie eine riesige Solaranlage aufgestellt, Busfahrten sind kostenlos. Hotels wie das „Limelight“ heizen ihre Pools nur mit Sonnenkraft, in der Lobby stehen Container zur Mülltrennung, auf dem Zimmer gibt es Porzellangeschirr, dafür keine Wegwerfbecher – für Amerika ist das bemerkenswert.

Ein Hauch Western-Flair weht durch die Straßen von Aspen

Auch in Aspen werden Winter kürzer

Am allereinfachsten freilich wäre es, die Natur ganz in Ruhe zu lassen, doch auf Urlauber sind sie in Aspen angewiesen … immer mehr auch im Sommer. Noch haben sie Schnee in rauen Mengen und  leben sie gut von den Winterurlaubern, die hier zwischen November und April viel Geld lassen. „Doch die Winter werden kür­zer“, sagt Jim Kravitz, „die Periode zwischen dem letzten und dem ersten Frost ist in wenigen Jahren um einen Monat größer geworden.“

So setzen sie sachte auf den Sommer, auf Outdoor-Spaß und Freizeit-Fun. Behutsam ohne Größenwahn. Man muss sich nicht zwingend auf dem Downhill-Bike die Rumpel-Trails hinunterstürzen, Höllenritte auf Strecken, die sich „Deadly Trail“ oder „Anaerobic Nightmare“ nennen.

Familien im Fokus

Es geht auch friedlich. Aspen hat immer mehr für die ganze Familie im Angebot, ein breites Radwegnetz wie die autofreie Strecke zwischen Aspen und Snowmass über den Owl Creek Trail, und das alles umfassend ausgeschildert. Oder die  Fahrradtour auf der tagsüber für Autos gesperrten Straße zu den Maroon Lakes mit diesem grandi­osen Blick auf die beiden Viertausender-Gipfel der Maroon Bells, eines der beliebtesten Fotomotive der USA.

Man muss sich Zeit lassen und langsam eintauchen in diese Welt der Rocky Mountains im westlichen Colorado. Wie bei dem halbstündigen Weg hoch zum Spiral Point über Snowmass, wenn man an wild wuchernden Blumen vorbei zu einer an diesem Tag von Menschen im Lotussitz frequentierten Yin-Yang-Platt­form aus Marmor wandert.

Stand Up Paddling: Auf dem Brett über den ruhigen Roaring Fork River gleiten

Friedlicher Hallam Lake

Still ist es  bei Jim Kravitz am Hallam Lake. Selbst als eine Schulklasse kommt, bleibt es halbwegs ruhig. Man sieht keine Handys oder Spielkonsolen, die Kinder haben schmutzige Hosen, Dreck an den Händen und im Gesicht. „Ist das nicht wunderbar“, sagt Jim, „was braucht man mehr zum Glück?“

Trump war noch nie hier. Auch Tristan Trump nicht, der fünfjährige Enkel des Präsidenten. Er brach sich vorletzten Winter beim Skifahren auf dem Berg nebenan den Fuß, vielleicht wäre er besser zu Jim Kravitz an den Hallam Lake gekommen. Aspen wird kein gutes Pflaster mehr für die Trumps.

Info

Limelight
Hippes, nachhaltiges Hotel, prä­miert als „Green Leader“ in Sachen Einsatz erneuerbarer Energien. Luftig eingerichtet, herrlich zum gechillten Verweilen ist die große Lobby. Empfehlenswert: die kolos­sale Steinofenpizza im Restaurant „The Lounge“. Von Standardzimmer (30 Quadratmeter) bis zur 130 Qua­dratmeter großen Penthouse Suite.

The Edge
Von Kohlrouladen (zehn Euro) über gefüllte Kalbsbrust (18 Euro) und Fischgerichte bis zum Wiener Schnitzel vom Kalb samt Spätzle und Gemüse (21 Euro) – der deutschstämmige Chefkoch Jason DeBacker kredenzt traditionelle Gerichte, herzhaft und deftig. Als Dessert Schwarzwälder Kirschtorte (sechs Euro)! Täglich 17 bis 21 Uhr

Auskunft

Tourisitsche Informationen zu Aspen  und Aspen Snowmass

 


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Über diesen Autor

Florian Kinast

Florian Kinast

Gebürtiger Münchner mit festen Wurzeln in der Heimat und zeitgleich permanenten Ausbruchsgelüsten in die weite Welt. Schrieb in seinem Buch „111 Gründe, Bayern zu lieben“ eine Eloge an seine Heimat, veröffentlichte aber in der Münchner „Abendzeitung“ auch zahlreiche Reiseberichte aus Amerika, Asien und Afrika. War zwischen 2002 und 2014 als Korrespondent bei allen sieben Olympischen Spielen vor Ort, interessierte sich in seinen Reportagen aber weniger für den Sport als mehr für das Land, die Leute, das Leben. Begeisterter Skifahrer, Bergsteiger und Mountainbiker, erlebte sein größtes Fiasko am 26. Mai 1999, als er beim Anstieg auf einen Fünftausender im Himalaja 50 Meter unterhalb vom Gipfel mit Höhenkoller umkehren musste. Am gleichen Abend verlor der FC Bayern das Champions-League-Finale gegen Manchester United in der Nachspielzeit. Kinast und die Bayern haben sich von dem traumatischen Tag aber bis heute gut erholt.

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