Länderberichte

Bahamas | Schaukel-Partie

Sascha Rettig
Geschrieben von Sascha Rettig

Bereit, auf Hotel-Komfort zu verzichten und lieber zu campen? Lust auf paradiesische Karibik-Momente? Dann gehen Sie auf eine mehrtägige Kajaktour durch die Exumas, einem Archipel der Bahamas: Mini-Inseln, Traumstrände, Sternenhimmel und putzige Inselschweine ganz exklusiv

Dallas ruft laut. Nichts passiert. Dann probiert es der Kajak-Guide erneut. „Piggy, piggy, piggy!“ Immer noch Stille. Erst beim dritten Anlauf tut sich etwas. Da raschelt es plötzlich im Gebüsch auf der kleinen Insel Long Cay und dann kommen zwei schwarz-rosige Schweine neugierig herausgelaufen. Ganz normale Hausschweine eigentlich, die aber auf den Bahamas zu einer der größten Touristenattraktionen gehören.

Bahamas‘ borstige Strandschönheiten

Traumstrände? Traummeer? Alles schön und gut, aber mittlerweile für manch einen zweitrangig, der sich einen ganz anderen Traum erfüllen will, von dem er lange Zeit nicht wusste, dass er ihn hat: einmal im Leben in einem Karibik-Idyll zusammen mit Schweinchen zu schwimmen.

Die originalen Grunzer, mit denen vor einigen Jahren der ganze Schweine-Hype begann, planschen zwar nach wie vor am berühmten Pig Beach auf Big Major Cay und damit deutlich weiter im Norden der Inselgruppe Exumas.

Nach dem Paddeln heißt es: Abtauchen! Eine prächtige Unterwasserwelt lockt

Famos niedlich

Mittlerweile wurden auch anderswo auf den Bahamas Tiere ausgesetzt – eben auch auf Long Cay. Allerdings scheint den ringelschwänzigen Kollegen dort das Schwimmen noch etwas suspekt zu sein. So selbstbewusst sie anfangs angeeilt kamen, so zögerlich staksen sie nun durchs Wasser. Bis zum Bauch gehen sie rein, weiter erst mal nicht. Aber egal, dafür hat man sie hier exklusiv für sich, in all ihrer famosen Niedlichkeit und auf einem Flecken Erde, der nicht weiter entfernt sein könnte vom Bild einer gewöhnlichen Schweineweide.

Die Kajakfahrer sind vermutlich die ersten Touris­ten überhaupt, die die Schweine treffen. Das aber beeindruckt sie nicht. Sie lassen sich kurz streicheln, bevor sie einen forsch anstupsen oder selbstbewusst auf die Kajaks steigen, wo sie dann fordernd die sandige Steckdosenschnauze den Besuchern entgegenstrecken.

Wie die fetten Artgenossen am Pig Beach sehen die beiden in den Fremden vor allem einen potenziellen Futter­auto­maten. „Der Besitzer will erst einmal testen, wie sie auf der Insel zurechtkommen, und wenn es gut funktioniert, sollen Touristen nach Long Cay gebracht werden“, sagt Dallas Knowles.

Kajak-Guide Dallas Knowles und seine Frau Tamara begleiten die Gruppe

Unbewohnte Exumas

Dallas (38) ist halb Bahamian und halb US-Amerikaner. Der athletische Naturbursche ist passionierter Segler, geht mit Touristen aber auch häufig paddeln. Unsere kleine Gruppe navigiert er zusammen mit seiner Frau Tamara drei Tage lang durch Gewässer, die früher von Piraten unsicher gemacht wurden. Bei den Exumas scheinen insgesamt fast 365 größere, kleinere und winzige Inseln in die türkisblaue Karibik-Badewanne gebröselt worden zu sein. Die wenigsten davon sind bewohnt. Einige gehören Filmstars, Musikern und anderen Höchstverdienern, die das nötige Kleingeld für eine Privatinsel haben.

Campen  am Strand

Unsere Paddeltour findet um die Brigantine Cays herum statt, die aus sieben kettenartig aufgefädelten Inselchen gleich nördlich der Hauptinsel Great Exuma bestehen. Auf der ersten Paddeletappe liegen die Kajaks noch schwer im Wasser. Sie sind voll beladen: Obst, Gemüse, Snacks, Campingstühle, Luftmatratzen, Zelte, Insektenspray, eben alles, was man für drei Tage abseits der Zivilisation so braucht.

Ziel ist Cluff’s Cay, wo nach dem Anlanden das Camp für die nächsten Nächte entsteht. Die kleine Buschküche wird zwischen langen Palmwedeln aufgebaut. Ein paar Meter weiter ist ein idealer Platz für das abendliche Lagerfeuer. Und für das Zelt? Dafür hat man am Strand freie Wahl. Letztlich wird es so aufgestellt, dass der geöffnete Zelteingang das Karibik-Panorama samt Palme und Strand am schönsten rahmt.

Ein Schwein inspiziert das Autorenkajak

Verlassene Trauminsel

Cluff’s Cay ist die einzige Privatinsel der Brigan­tine Cays. Am Strand zu campen sei aber kein Problem, so Dallas. Ohnehin haben die Besitzer vor einigen Jahren ihr Traumhaus verlassen und dabei vieles hinterlassen: Betten, Couch, Küche, Schränke. Warum die Familie weg ist? Dallas zuckt mit den Schultern. Seit einiger Zeit stehe die Insel zum Verkauf – für angeblich rund 30 Millionen Dollar.

Ganz schön seicht

Von Cluff’s Cay aus werden die Nachbarinseln der Brigantine Cays auf Tagestouren erkundet. Auch wenn man dabei auf dem Meer paddelt, kann man oft bis auf den Grund schauen. Kaum mehr als ein bis zwei Meter ist das Wasser an den meisten Stellen tief. Ungewöhnlich für die Bahamas ist das nicht – schon der Name bedeutet so viel wie „flaches Wasser“. Vor allem aber ist es glasklar. So klar, dass man fast den Eindruck hat, mit dem Kajak darauf zu schweben.

Bei den täglichen Kajakausflügen geht es weniger darum, viel Strecke zu machen. Der Grund: Die Temperatur ist mit 27 Grad im Grunde angenehm, doch die Luftfeuchtigkeit liegt bei 80 Prozent. „Unter diesen schwülen Bedingungen kann man nicht so weit paddeln“, meint Dallas. Leute, die sonst 20 Kilome­ter paddeln, seien entsetzt, dass es hier kaum mehr als fünf Kilometer am Tag würden. „Das reicht aber, glaubt es mir.“

Autsch, Gegenwind!

Vor allem wenn noch der Wind ins Spiel kommt, der uns vorher eher Vorteile brachte: Er puste­te nicht nur angenehm gegen die Schwüle an. Auch die lästigen Insekten ließen sich seinetwe­gen kaum blicken. Weder Mücken noch die „No See Ums“, kleine Strandplagegeister, die – wenn man Pech hat – einem sonst Dutzende Souvenirs für die nächsten Tage in die Haut beißen.

Bahamas: 700 Inseln, die sich über 14.000 Karibik-Quadratkilometer verteilen

Ausgerechnet auf der längsten Etappe aber wird dann der Wind zum Gegenspieler. Während sich ein Wolkenband vor die Sonne schiebt und sofort alle Paradiesfarben aus der Landschaft gesaugt werden, schlägt er die Wellen hoch und schaukelt die Boote herum, die immer wieder aufs Wasser platschen. „Bloß nicht aufhören! Immer weiterpaddeln! Zumindest ein bisschen in Bewegung bleiben!“ Dallas‘ Rat zu befolgen ist ganz schön anstrengend. Das Salz­wasser spritzt und die Wellen sind diffus. Kajaken im Paradies ist eben nicht nur entspannte Paddelei. Man muss es sich mit Kraft erarbeiten.

Ruhe überm Wasser …

Die Stimmung hier ist anders als auf den großen Inseln der Bahamas, wo andauernd und überall Tourboote und Segler unterwegs sind. Es bleibt während unserer gesamten Paddeltage denkbar ruhig. Menschen sind nicht zu sehen. Das einzige Boot in Sichtweite ist ein gekentertes Flüchtlingsboot aus Haiti, das seit einiger Zeit im flachen Wasser zwischen den Mangroven auf der Seite liegt.

Eine Privatinsel mit verlassener Villa dient als Basislager für die Paddlergruppe

… und Sterne in der Nacht

So hat man an diesen Tagen alles für sich allein. Ganz exklusiv und völlig ohne Touristenspektakel. Dafür mit Schweinen. Mit Leguanen. Leeren Stränden. Und einem niemals besetzten Logenplatz auf der Dachterrasse der verlassenen Inselvilla, wenn abends die Sonne hinter den Nachbarinseln unter­geht und vor dem Schlafengehen die Sterne gegen das tintige Schwarz der Nacht anfunkeln. Wahrer Luxus, mit dem kein Fünf-Sterne-Resort der Baha­mas mithalten kann.

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Info

Anreise Keine Direktflüge. Mit Zwischenstopp fliegen Delta, British Airways und Lufthansa nach Nassau, ab 800 Euro. Von dort aus für rund 70 Euro pro Strecke mit Bahamasair in 40 Minuten weiter nach George Town auf Great Exuma

Kajaktour Out-Island Explorers ist einziger Anbieter für Kajaktouren auf den Exumas. Eine geführte Tour (drei Nächte, mindestens vier Personen) kostet rund 730 Euro pro Person – alles inklusive. Beste Reise­zeit: zwischen November und April

Mehr Infos Viele Tipps für alle Inseln der Bahamas finden Sie hier

 


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Über diesen Autor

Sascha Rettig

Sascha Rettig

Für Sascha Rettig fing alles im US-Bundesstaat Washington an. „Twin Peaks“ hieß David Lynchs bahnbrechende Serie, die dort spielte – und bei ihm eine Filmobsession auslöste. Ein paar Jahre später verdiente er sein Geld als Filmkritiker. Irgendwann wollte er lieber von eigenen Erlebnissen erzählen und ist seitdem für Zeitungen und Magazine unterwegs. Ob beim Paddeln auf dem Rio Grande in der texanischen Abgeschiedenheit. Bei einer schneeumtosten Wanderung durch Lappland. Oder bei einer durchschwankten Nacht auf einem Bahamas-Postboot. Gern lernt Sascha fremde Länder übers Essen kennen. So hat er in der Mongolei festgestellt, dass vergorene Stutenmilch gar nicht so schlecht schmeckt. Dass er aber in Seoul einmal einen Oktopus probiert hat, der vor seinen Augen zerteilt wurde und noch in Stücken vom Teller kriechen wollte, bereut er bis heute ...

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