Länderberichte

Costa Rica | Fifty Shades of Green

Vulkan Arenal Nationalpark
Thomas Linkel
Geschrieben von Thomas Linkel

Naturliebhaber, die auf vielseitige Landschaften und Erlebnisurlaub stehen, sind in Costa Rica goldrichtig: Paddelnd durch den Tortuguero National Park, im Wildwasser-Raft zur Urwald-Lodge, per Einbaum zu den Bribri-Ureinwohnern, und Whale Watching und Baden in heißen Quellen am Fuß des Vulkans Arenal. Das ist pura vida!

Es ist stockdunkel. Ei auf Ei legt die Meeresschildkröte in die Sandgrube. Kurz vor Mitternacht stehen und knien 15 Menschen im Halbkreis um das Reptil und beobachten die Ablage im Rotlicht einer Taschenlampe. Der Guide hat die Schwanzflossen etwas angehoben, damit jeder auch alles sehen kann. Minutenlang geht das so, danach füllt die Schildkröte mit kräftigen Flossenschlägen die Grube mit Sand auf und häuft am Ende noch einen kleinen Hügel darüber. Langsam schiebt sie sich dann über den Strand Richtung Meer, jede Bewegung von der Gruppe Menschen aufmerksam beäugt. Schließlich erreicht sie das Nass und wird von den Wellen verschluckt, Applaus brandet auf.

Cordillera de Talamanca

Cordillera de Talamanca: Der lange, teils über 3.800 Meter hohe Bergzug ist größtenteils von Regenwäldern bedeckt

Das Dorf Tortuguero an Costa Ricas nördlicher Karibik-Küste lebt vom Tourismus und vor allem von den Tausenden Meeresschildkröten, die jedes Jahr an den Sandstränden rund um den nur aus der Luft oder per Boot erreichbaren Ort ihre Eier ablegen. Dies geschieht nur nachts und deshalb bleibt genügend Zeit, tagsüber andere Ecken des Tortuguero National Park zu erkunden. Das Kajak ist das beste Verkehrsmittel dafür und so paddle ich zusammen mit meinem Guide Eddie in einen der unzähligen natürlichen Kanäle.

Lianen, Mangroven, Schlangen

Ausgangspunkt ist die „Pachira Lodge“, deren Holzbungalows unter Bäumen nahe eines Seitenarms des Tortuguero River liegen. Die Bungalows sind luftig gebaut, die Längsseiten offen und nur mit Fliegengittern verkleidet. Ein Ventilator fächelt Kühle, aus Umweltschutzgründen wird auf Klimaanlagen verzichtet.

In den 40er-Jahren begann man rund um das Dorf Holz zu schlagen und so lange nach Übersee zu verschiffen, bis 1975 der Nationalpark in Costa Rica gegründet und das Abholzen beendet wurde.

"Pachira Lodge"

„Pachira Lodge“: Ökoluxus im Tortuguero National Park

Es ist Nachmittag, die Sonne steht noch hoch und wir gleiten unter überhängenden Bäumen tiefer in den Wald hinein.

Rafting auf dem Río Pacuare

Alles andere als beschaulich fließt der Río Pacuare etwa 120 Kilometer südwestlich von Tortuguero. Die gemütliche Paddelerfahrung im Kajak hilft mir da überhaupt nicht, das hier ist im Moment ein Fluss der Wildwasser-Schwierigkeitsstufe drei bis vier, in Raftingforen wird er zu den besten in ganz Mittelamerika gezählt. Also ziehe ich die Schwimmweste noch enger, prüfe zum wiederholten Male den Sitz meines Helms und gehe in Gedanken die Handvoll Sicherheitskommandos durch, die mir Guide Ricardo eingeschärft hat.

Dann springen wir in das Raft, Ricardo auf seiner Sitzbank über allem thronend und die beiden Steuerruder haltend, wir Leichtmatrosen am Bug, dort, wo die Strudel toben. Zunächst geht es ganz angenehm dahin, schnellere Paddelabschnitte wechseln mit minutenlangem, sanftem Gleiten.

Der Fluss hat angenehme 20 Grad Celsius, das ist als Abkühlung genau richtig. Als die ersten Stromschnellen der Stärke drei auftauchen, werden wir ordentlich geduscht. Eine weitere Stunde kräftig paddeln, dann treiben wir unterhalb der „Ríos Tropicales Lodge“ in eine Bucht und beziehen unsere Bungalows, die auf Stelzen hoch über der Wasseroberfläche liegen.

Wasserfall

Badespaß an einem Wasserfall des Rio Pacuare

Am zweiten Tourtag wenden wir alles an, was wir am ersten gelernt haben. Die Stromschnellen sind rasant, immer wieder werden wir von Wassermassen überspült, einige Male kauern wir uns tief in das Vorboot, halten uns so fest wir können. Ein anderes Mal treibt ein Passagier eines anderen Rafts vorbei und ich ziehe ihn an seiner Schwimmweste an Bord.

Fünf Paddelstunden später ist es Zeit, die Kohlehydratspeicher aufzufüllen. Der Imbiss „Soda el Patty“ an einer Nebenstraße in Limón kommt da genau richtig. „Lobpreiset Jehova, er ist immer gütig und gut“, verkündet das Werbeschild auf dem Dach, aber auf Straßenhöhe wird ganz real Süßes und Fettiges verkauft. „Plantain Tar“ heißt die lokale Spezialität, eine frittierte Teigtasche mit Kochbanane, und zum Runterspülen gibt es Annonaceae, einen Drink aus Ingwer, Limone, Zucker und Honig.

Manzanillo

Manzanillo: Karibik-Strand in der Nähe von Puerto Viejo

Zu Gast bei den indigenen Bribri

Im Hinterland der karibischen Küste, grenzübergreifend in Panama und Costa Rica, lebt der Stamm der Bribri, Ureinwohner, deren abgelegene Dörfer nur per Einbaum zu erreichen sind. Deshalb habe ich mich hier, am schlammigen Ufer des Río Yorkin, mit Helio verabredet, der mir sein Dorf zeigen wird. Während der einstündigen Fahrt stakt er unser Boot immer wieder mit einer Holzstange über Untiefen und Stromschnellen, wir passieren Schilfwälder und Felder, auf denen gearbeitet wird. Yorkin, erzählt Helio, bedeute in seiner Sprache „Der Fluss, der sich übergeben hat“, wegen dessen brauner Farbe bei Hochwasser.

„Wir können autark leben“, erklärt er später, als wir durch sein Dorf Yorkin gehen, eine Ansammlung weit voneinander entfernt stehender Häuser auf Stelzen, traditionell aus Holz gebaut, mit offenen Seitenwänden und einem Dach aus Palmblättern. „Um Geld zu verdienen, verkaufen wir Kakao und Kochbananen an ein deutsches Unternehmen, Bio- und Fair-Trade-zertifiziert. Aber angewiesen sind wir darauf nicht. Wir wollen unabhängig bleiben.“ Etwa 6.000 Bribri gibt es noch, davon ungefähr 1.000 in Panama. Der Zusammenhalt scheint eng, viele Kinder kommen über den Fluss, um in Yorkin die Grundschule zu besuchen, an der in Bribri unterrichtet wird.

Jürgens Kampf um das grüne Paradies in Costa Rica

Ähnlich wie die Bribri ist auch Jürgen Stein fest mit der Natur verbunden. Er führt seit Jahren die „Selva Bananito Ecolodge“ am Fuß der Cordillera de Talamanca. 60 Kilometer von der Karibik-Küste entfernt, grenzt sie an das private Gebiet auf der einen und das länderübergreifende Biosphärenreservat „La Amistad“ auf der anderen Seite.

Hängebrücke

Die Hängebrücke im Mistico Arenal „Hanging Bridges Park“ gewährt tiefe Einblicke in den Regenwald und weite Ausblicke in Richtung des Vulkans Arenal

Die Geschichte des 1.750 Hektar großen Grundstücks beginnt mit dem Vater, der sich 1974 das Land in Costa Rica kaufte und in kleinen Teilen durch landwirtschaftliche Nutzungsformen urbar machte. Als Jürgen mit seiner Schwester Sofia das Anwesen übernahm, stellten sie konsequent auf nachhaltigen Tourismus um.

Heute wird nur noch ein kleiner Teil für extensive Viehhaltung genutzt, außer dem Standort der Lodge wird das übrige Gebiet der Natur überlassen. 10,5 Quadratkilometer sind primärer Regenwald, es ist das wichtigste Wasserschutzgebiet für die gesamte Küste bis Limón. „Ich fühle mich verantwortlich, all das zu schützen“, sagt Jürgen, „es geht nicht um meine Familie, es geht um das Trinkwasser dieser gesamten Region.“ Um das auch weiterhin zu sichern, setzt die Lodge konsequent auf nachhaltiges Wirtschaften: Es wird recycelt, kompostiert, das Abwasser natürlich gefiltert. Strom wird über Sonnenkollektoren gewonnen, das Holz der Bungalows ist wiederverwertet und sogar jeder Strohhalm biologisch abbaubar.

Endloser Kampf gegen Wilderer

Und während Jürgen um den Erhalt des Waldes und seiner tierischen Bewohner kämpft, dringen regelmäßig Wilderer in das Gebiet ein, zerstören Fotofallen und stellen Tieren nach. „Aber wir geben nicht nach, wir patrouillieren, erneuern die Kameras, bauen Holzplattformen und bewegen uns so oft wie möglich im Wald, um für die Wilderer unkalkulierbar zu sein“, erklärt Jürgen seine Strategie.

Matsch quillt bei jedem Schritt unter den Gummistiefeln hervor, immer wieder waten wir durch Urwaldbäche, die die dicht bewachsenen Hänge hinunterplätschern. Stunden wird die schweißtreibende Wanderung dauern, bis wir die offene Plattform mitten im Wald erreichen, auf der wir übernachten wollen. Und Alan hat zu jedem Strauch, jedem Frosch und jeder Wurzel eine Geschichte parat hat.

Vulkan Arenal

Arenal: Der jüngste und aktivste Vulkan des Landes

Das große Krabbeln unter den Füßen

Alan trägt kurze Hosen, Stirnband und einen Bauch. Sein Lachen ist so ansteckend wie das Lächeln eines Babys. Mit ihm fühle ich mich im Regenwald geborgen wie ein Kängurukind im Beutel seiner Mutter. Wenn wir stehen bleiben, scheint sich der Boden um unsere Füße zu bewegen. Ameisen, Raupen, Käfer, alles krabbelt und kriecht, sobald man nach unten sieht.

„Jetzt bitte lächeln“, sagt er und deutet auf eine der Fotofallen, die im Gebiet der Lodge Fotos von Tieren und Wilderern machen und in einigen Metern Höhe hängen. Und erzählt von einer Bildsequenz mit einer Wandergruppe, auf deren letztem Bild ein ausgewachsener Jaguar flanierte, ohne dass es die Gruppe bemerkt hatte. „Das Vorkommen von Jaguaren beweist, dass ein Gebiet ökologisch intakt ist“, bemerkt Alan, bevor er ein Blatt Farn abreißt und verspeist.

Sattelfest sollte man sein, auch wenn die Pferde unglaublich trittsicher schwierigstes Terrain meistern, lange Abhänge mehr rutschen als gehen und mitunter knietief im Morast einsinken. Als ich schon lange die Orientierung verloren habe und jede Pflanze gleich aussieht, steigen wir ab und Jürgen geht zu einem riesigen Kapokbaum, dessen unterer Stamm eine Baumhöhle gebildet hat. „Das ist mein Jungbrunnen“, sagt er und lehnt sich an den Stamm, „wenn ich Kraft und Ruhe brauche, komme ich hierher.“ Und der 60 Meter hohe Kapok wird zur Naturkathedrale.

Flussdelta des Rio Grande de Térraba

Interessante Farbmischungen am Flussdelta des Rio Grande de Térraba

Wale, Wellenreiter, Wunderlinge

Ortswechsel. Captain Ahab würde zu großer Form auflaufen, aber Captain Ahab hat Pause. In etwa 300 Meter Entfernung bläst der Buckelwal eine weitere Wasserfontäne in die Luft, dann taucht er ab. Mehrere Minuten sind wir ihm vorsichtig gefolgt und haben auf einen Sprung oder das Abtauchen der Flosse gewartet, aber diese Walkuh hat an Bildern kein Interesse und wir sind glücklich, sie überhaupt zu sehen. Der Marino Ballena National Park in Costa Rica ist bekannt für die sich hier zweimal im Jahr aufhaltenden Meeressäuger. In der Hochsaison fahren täglich bis zu 50 Boote aufs Meer, aber mehr als drei sind pro Wal nicht zugelassen. Und damit alle Ausflugsboote etwas davon haben, darf jedes Boot nur maximal 30 Minuten bleiben.

Das Dorf Dominical an der südlichen Pazifik-Küste Costa Ricas profitiert vom Waltourismus, aber auch von den Wellenreitern, die hier gute Surfspots finden. Unter Palmen, zwischen dem Meer und dem Dorf mit seinen kleinen Restaurants und Cafés haben sich Lebenskünstler windschiefe Hütten aus Schwemmholz gebaut.

"Las Esferas"

„Las Esferas“ in Dominical: Berühmt für seine Fisch-Tacos

Die „La Tigra Rainforest Lodge“ liegt eine knappe Autostunde vom 1.670 Meter hohen aktiven Vulkan Arenal entfernt, an dessen Fuß man in den Tabacón Hot Springs den Vulkanstaub mit heißem Thermalwasser abwaschen kann. Zwischen üppig wucherndem Grün lässt es sich in Bachläufen, verschwiegenen Pools oder unter rauschenden Wasserfällen herrlich entspannen.

In 600 Meter Höhe liegen die zehn mit Canvas gedeckten Holzbungalows der Lodge inmitten von wuchernder Natur. Dort, wo vor Baubeginn im Jahr 2014 nur Büsche an einem Hang wuchsen, stehen jetzt Bäume, unter denen die Hütten sich klein ausnehmen. Ein Badezimmer, massives Holzbett, Moskitonetz und ein Balkon mit Stühlen aus Bruchholz – mehr braucht es nicht, um ein gemütliches Heim auf Zeit zu schaffen. Hier schläft, speist, sitzt man mitten in der Natur. Schmale Wanderpfade führen über das Grundstück, auf dem auch sechs Teiche angelegt wurden, die seltene Frosch- und Amphibienarten beherbergen.

„ La Tigra“: Pro Gast ein neuer Tropenbaum

Das Lodgekonzept setzt auf Nachhaltigkeit. Dazu gehören Recycling und natürliche Abwasserreinigung, Gemüse, Früchte und Kräuter stammen vom eigenen Permakulturgarten oder umliegenden Bauern, der Strom wird mit Solarkollektoren erzeugt. Darüber hinaus unterstützt man mit seiner Übernachtung auch die kleine Dorfschule nebenan.

"La Tigra Rainforest Lodge"

Architekt Oskar mit Frau auf seinem Anwesen nahe der „La Tigra Rainforest Lodge“

Etwas weiter oberhalb der Hütten liegt das Wiederaufforstungsgebiet, wo für jeden Gast ein endemischer Tropenbaum angepflanzt wird. Wer will, kann sich weitere Pflänzchen für je 25 US-Dollar kaufen und diese entweder selbst einsetzen oder einsetzen lassen. In naher Zukunft werden so alle 30 Hektar der Lodge aufgeforstet sein, aber dass dies eine Sisyphusarbeit ist, zeigt der Fall des Nachbargrundstücks: Das 55 Hektar große Waldgebiet konnte von „La Tigra“ aus Geldgründen leider nicht erworben werden, der neue Besitzer fällte und verkaufte die Bäume, jetzt dient die kahle Fläche zehn Pferden als Weide.

Pacific Big Window nahe Uvita

Pacific Big Window: In der Nähe von Uvita zu bestaunen


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Info

Anreise

Mit Lufthansa ab Frankfurt nonstop in zwölf Stunden ab 925 Euro. In 15 Stunden mit Stopp in Santo Domingo mit Condor ab 780 Euro.

 

Reportergetestete Lodges

Die Pachira Lodge liegt im Wald am Fluss. Die Stelzenbungalows sind mit Betonstegen verbunden. Offene Bauweise aus Holz mit Fliesenboden. Ventilatoren sorgen für Frischluft. Zwei Pools mit Bar, die Mahlzeiten werden als Buffet gereicht. Schaukelstühle auf der Veranda. Bungalow/VP ab 350 Euro

La Tigra Rainforest Lodge  Drei Kilometer südlich von La Tigra nahe dem Vulkan Arenal gelegene, nachhaltig betriebene Lodge. Die mit Canvas gedeckten Bungalows sind klein und rustikal, aber sehr gemütlich, man hat das Gefühl, mitten im Wald zu schlafen. Die Bio-Lebensmittel kommen aus dem eigenen Garten oder von umliegenden Bauernhöfen. Die Mahlzeiten werden in einer offenen Küche zubereitet, die Lodge bietet auch Kochkurse an. Auf Pfaden lässt sich das umliegende Gelände erkunden, und jeder Gast erhält einen Baum zum Selbstpflanzen. Bungalow/F ab 65 Euro

 

Ausflüge

Der Rio Pacuare gehört  zu den besten Rafting-Flüssen in Mittelamerika. Es werden von der Agentur einfache Familientouren angeboten, aber auch für Abenteurer. Die Tagestour inklusive Verpflegung kostet ab 90 Euro, ein Fünf-Tages-Abenteuer mit Vulkantour, Kaffeeplantage, Rafting und Aufenthalt in der Rios Tropicales Lodge 800 Euro.

Web

Weitere Informationen gibt es beim Costa Rica Tourism Board.

Über diesen Autor

Thomas Linkel

Thomas Linkel

„Meine Neugier ist unstillbar.“
Nach einer fotografischen Ausbildung im Stilllife-Studio und dem Abschluss zum Diplomwirtschaftsgeograf arbeitet Thomas seit 15 Jahren für internationale Magazine in den Bereichen Reise, Reportage, Portrait und Architektur sowie für die Unternehmenskommunikation internationaler Kunden. Für seine Produktionen hat er über 100 Länder bereist.

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