Länderberichte

Zweite Reihe, erste Wahl: Fès … statt Marrakesch

Astrid Därr
Geschrieben von Astrid Därr

Unsere Serie „Zweite Reihe, erste Wahl“ stellt attraktive Alternativen zu populären und überlaufenen Städtereisezielen vor. Marrakesch ist das echte, bunte Orientfeeling zwischen Designerluxus, Souvenirkitsch und Pauschaltourismus mittlerweile ein wenig abhandengekommen. In Fès lebt es: Ursprüngliche Märkte, prachtvolle maurische Architektur und die beste Küche des Landes sorgen für ein Fest der Sinne

Warum Fès?

Marrakesch – der Name klingt nach Tausendundeiner Nacht. Aber Fès? Mit rund 1,1 Millionen Einwohnern ist es zwar etwas größer als Marrakesch und steht doch in seinem Schatten. Dabei hat Fès so viel mehr zu bieten: Die Fassis sind stolz auf ihre jahrhundertealte Handwerkstradition, die älteste Universität und Bibliothek der Welt aus dem 9. Jahrhundert und die vollendete maurische Architektur der vielen Koranschulen und Moscheen aus dem 13. Jahrhundert.

Während sich in Marrakesch die Touristen durch die Gassen schieben und sich in den Suks mehr Souvenirshops als Läden für Locals aneinanderreihen, erlebt man in Fès noch das ursprüngliche Leben einer orientalischen Stadt – das Gedränge, die Gerüche, Farben und Geräusche verbinden sich zu einem beinahe ekstatischen Sinnesrausch. In der Medina von Fès muss man darüber hinaus nicht ständig befürchten, von einem knatternden Moped überrollt zu werden. Hier nehmen ausschließlich Esel und Menschen am Verkehr teil.

Fürs Auge ist der Blick über die Färbebecken der Gerber ein Genuss, für die Nase eher weniger

Dem Verfall entkommen

Im Gegensatz zu Marrakesch, wo Ausländer einen großen Teil der Altstadt aufkauften, ist die Medina von Fès noch weitgehend in der Hand der Einheimischen. Deshalb drohte ihr beinahe der Untergang: Nach der Unabhängigkeit Marokkos von Frankreich zog in den Jahren nach 1956 arme Landbevölkerung in die traditionellen Stadthäuser (Riads) der Medina und alle, die es sich leisten konnten, siedelten in die Neustadt um. Die einstigen Paläste verfielen und die morschen Mauern wurden im besten Fall von provisorischen Stützbalken gehalten.

Obwohl die frühere Hauptstadt des Königreichs seit 1981 zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, drohte dem geistigen Zentrum des Landes der Niedergang. Erst seit Gelder von der Weltbank und einer US-amerikanischen Hilfsorganisation fließen, erstrahlen die Karaouine-Moschee, einige Koranschulen und viele Marktgassen in neuem Glanz. Kleiner Nebeneffekt: Der Eintritt in Monumente wie die Koranschulen kostet lediglich ein bis zwei Euro, während im boomenden Marrakesch neuerdings wesentlich höhere Ticketpreise gefordert werden.

Muss man sehen

Das in der Farbe der Stadt Fès gekachelte, 1912 erbaute „Blaue Tor“ Bab Bou Jeloud bildet den schönsten Zugang in das Gassenlabyrinth von Fès el Bali, des ältesten Viertels der Stadt. Von hier bahnen sich die Hauptadern Talaa Kebira und Talaa Seghira ihren Weg ins Herz der Medina. Nur wenige Schritte entlang der Talaa Kebira versteckt sich eine der prächtigsten Koranschulen der islamischen Welt hinter den unauffälligen Außenmauern: die Mitte des 14. Jahrhunderts erbaute Medersa Bou Inania. Filigrane Mosaike und Stuckornamente bedecken die Wände, in der Mitte des mit Marmor gepflasterten Innenhofs plätschert der obligatorische Brunnen.

Durch das „Blaue Tor“ Bab Bou Jeloud betritt man das Viertel Fès el Bali

Der Strom treibt den Besucher weiter zum Nejjarine-Platz mit dem Holzmuseum in einem alten Foundouk (Karawanserail) aus dem 18. Jahrhundert und dem Nejjarine-Brunnen mit überbordendem Mosaik- und Zedernholzdekor. Nun liegt die Karaouine-Moschee, das bedeutendste Bauwerk von Fès, ganz nahe. Sie beherbergt die älteste Universität der Welt, an der einst der große islamische Historiker Ibn Khaldun (1332–1406) wirkte. In der Gebetshalle mit 270 Säulen finden 20.000 Gläubige Platz. Die Pracht im Inneren lässt sich bei einem Blick durchs Eingangsportal nur erahnen – doch der Eintritt ist Muslimen vorbehalten. Auch das Grabmal von Moulay Idris II., dem Stadtgründer, darf nicht betreten werden. Dafür lohnt sich ein Spaziergang durchs heilige Viertel um das Mausoleum, wo Händler in winzigen Buden allerlei Devotionalien und köstlichen Nougat anbieten.

Noch echtes Handwerk

In keiner Stadt in Marokko ist das Handwerk noch so lebendig wie in Fès. In den Suks kann man den Kupfer- und Messingschmieden, den Drechslern und Tischlern, den Wollfärbern und Webern während der Arbeit über die Schulter sehen. Der Besuch der Gerberei Chouwara gehört zum Pflichtprogramm. Von der Dachterrasse eines Lederladens (einige Euro Trinkgeld) fällt der Blick auf einen Hof voller bunter Färbebecken, in denen die Gerber wahre Knochenarbeit leisten.

Ausblick auf Fès

Aussicht

Die orientalische Stadt scheint für Besucher aus der westlichen Welt zunächst ohne jegliche Ordnung. Von der Festung Borj Sud auf einem Hügel über Fès el Bali betrachtet, erkennt man sie dann doch: Im Zentrum der Medina thront das grüne Ziegeldach der Karaouine-Moschee, darum herum gruppieren sich weitere Heiligtümer. Die Altstadtteile Fès el Bali und Fès el Djedid umgibt ein Mauerring, innerhalb dessen sich die Quartiere mit durchgehenden Marktgassen und Sackgassen in die Wohnviertel befinden.

Bummeln und Schlemmen

Im 250 Jahre alten Hofhaus des coolen Café Clock direkt gegenüber der Medersa Bou Inania finden regelmäßig kulturelle Events vom Kochkurs bis zur Jam-Session statt. Die Speisekarte hebt sich vom üblichen Angebot ab. Warum nicht mal einen Kamelburger (8,50 Euro) probieren?

„Café Clock“: Kulturzentrum und Restaurant

Von der herrlichen Dachterrasse des Palais de Fès Dar Tazi (15 Makhfia Ercif, auch per Taxi erreichbar) überblickt man fast die ganze Medina, während sich der Mosaiktisch unter den köstlichsten Vorspeisen-Variationen biegt. Hier kochen und servieren übrigens ausschließlich Frauen (festes Menü 25 Euro).

Klassiker auf vielen Speisekarten: Tajine mit Rindfleisch

Feine Fassi-Küche kommt im Dar Ziryab (2 Rue Lalla Nezha) auf den Tisch. Im Garten des in der Neustadt gelegenen Gästehauses genießt man etwa Rindfleisch-Tajine mit eingelegter Zitrone und Artischocken (Menü ab 28 Euro). Wer mag, kann die Zubereitung in einem halbtägigen Kochkurs lernen.

Lieblingsplatz

Das Gedrängel in den Gassen führt auf die Dauer vor allem bei Orientneulingen zur Reizüberflutung. Kaum hat man den Fuß in The Ruined Garden gesetzt (15 Derb Idrissy Sidi Ahmed Chaoui, nahe Batha- Platz), kehrt Ruhe ein. Der Charme des Hofgartens besteht darin, dass er nicht perfekt ist: Wie in einer Oase sitzt man unter Feigen- und Pfirsichbäumen auf abgetretenen Mosaikböden und zwischen maroden Mauern. Die Speisekarte besteht aus täglich wechselnden Gerichten (ab 7 Euro), außerdem gibt es Tapas und erfrischende Drinks wie etwa Dattel-Orangenblüten-Milch (2 Euro).

Zwei feine Plätze abseits vom Gedränge: „The Ruined Garden“ mit leicht morbidem Charme

Shopping

Im überdachten Marktgelände der Kissaria zwischen Zaouia Moulay Idris II. und Karaouine-Moschee im Zentrum von Fès el Bali findet sich das passende Outfit zum Orienturlaub: Kaftans und Djellabahs in allen Farben und Formen. Die Suks von Fès sind ein Shoppingparadies. Ob Stoffe aus Agavenseide, Keramik oder Lederwaren – mit etwas Handelsgeschick kann man in Fès hochwertiges Kunsthandwerk zu fairen Preisen ergattern.

Teppiche, silberne Teekännchen, Messing-Lampen un anderen Kleinkram findet man in Fès in den Suks

Der Ziseliermeister von Art du Bronze (35 Talaa Seghira) zählt zu den besten seiner Zunft. In seinem Atelier gibt es neben Messing- und Silbertellern auch Spiegel, Lampen und hübschen Kleinkram. Die typische Fèser Keramik aus weißem Ton mit blauer Lackierung kauft man am besten direkt im Töpferviertel Ain Nokhbi ein. Wer etwas Moderne sucht, der nimmt sich ein Taxi in die Neustadt (Ville Nouvelle) und schlendert an der schmucken, von Palmen gesäumten Avenue Hassan II. von Café zu Café oder in der schicken Borj Fez Mall von Boutique zu Boutique.

Im „Art du Bronze“ findet man hochwertiges Ziselier-Kunsthandwerk

Nightlife

Der Blick von der eleganten Terrasse des Luxushotels Riad Fès (5 Derb Ben Slimane Zerbtana) über die Dächer der Medina ist unübertroffen. Mit einem Cocktail oder einem Glas marokkanischen Wein in der Hand lässt sich hier wunderbar der Sonnenuntergang beobachten. Wenn’s kühler wird, zieht man in die Bar im Patio um.

Eine Tasse Tee bekommt man im gemütlichen kleinen Hof des persönlich geführten Fünf-Zimmer-Hotels „Riad Anata“

Schön schlafen

In Marrakesch begann der Trend, die alten Riads zu renovieren und dann in „Maisons d’Hôtes“ umzugestalten. Mittlerweile hat man in beiden Städten die Qual der Wahl. Die meisten Häuser in Fès sind wesentlich üppiger mit Stuck und Mosaiken dekoriert als in Marrakesch. Manchmal verbergen sich hinter den grauen Fassaden Paläste wie aus Tausendundeiner Nacht. Klein, aber fein präsentiert sich der Riad Anata mit seinen fünf charmant gestalteten Zimmern (DZ ab 108 Euro). Auf der gemütlichen Dachterrasse relaxt man auf Liegestühlen oder kühlt seine Beine im Mini-Jacuzzi ab. Betreiberin Valérie verrät den Gästen gerne ihre persönlichen Shopping- und Restaurant-Tipps in einem stylishen Travel-Booklet.

 

Mohammed serviert willkommene Erfrischungen im „Riad Anata“

Nicht verpassen

Ein Hamam-Besuch gehört in Marokko quasi zum Pflichtprogramm. Ob in einem zum Wellnesstempel umgebauten Riad oder in einem einfachen Bad der Locals – nach einem Dampfbadbesuch und einem Ganzkörperpeeling mit dem Schrubbhandschuh fühlt man sich so sauber wie niemals zuvor, etwa im Riad Laaroussa (35 Euro für 45 Minuten Behandlung) oder in einem der zahlreichen Quartier-Hamams der einzelnen Wohnviertel für rund einen Euro Eintritt. Musikliebhaber lockt das jährlich im Juni stattfindende Festival de Fès des Musiques Sacrées du Monde. Neun Tage lang tönen Klänge von Musikern aus aller Welt über die Medina. Die mystische Stimmung bei diesem farbenprächtigen Spektakel ist einmalig.

Lassen Sie sich verwöhnen und besuchen Sie das Riad Laroussa

Raus aus der Stadt

Im Sommer staut sich die Hitze in Fès. Dann flüchten die Einheimischen am Wochenende in die Zedern- und Eichenwälder des Mittleren Atlas bei Ifrane, etwa 60 Kilometer südlich der Stadt. Für Kulturinteressierte lohnt sich ein Ausflug zur römischen Ruinenstätte Volubilis (Walili). Das Unesco-Weltkulturerbe liegt 82 Kilometer östlich von Fès zwischen Olivenhainen.

Römisches Vo lubilis: Farbenprächtige Bodenmosaike …

Das UNESCO-Weltkulturerbe Volubilis, heute Walili, im Gebiet der Präfektur von Meknès ist ein willkommenes Ausflugsziel


Info

Anreise

Mit Ryanair ab 40 Euro hin und zurück bei rechtzeitiger Buchung von Frankfurt-Hahn, Düsseldorf-Weeze und Mem- mingen. Oder mit Lufthansa ab 220 Euro hin und zurück nach Casablanca, von dort weiter entweder per Inlandflug mit Royal Air Maroc oder mit dem Zug (4,5 Stunden, 10 Euro) nach Fès

Unterwegs

Die Medina lässt sich nur zu Fuß erkunden. Für eine „Tour de Fès“ rund um die Stadtmauer oder für Ausflüge in die Umgebung mietet man sich ein Grand Taxi (rund 55 Euro/Tag). Zwischen Neu- und Altstadt verkehren Stadtbusse (Ticket 0,50 Euro)

Mehr im Web

visitefes.com

Über diesen Autor

Astrid Därr

Astrid Därr

Als freie Reisejournalistin, Reiseleiterin und begeisterte Bergsportlerin (und ausgebildete Tiroler Bergwanderführerin ) bin ich rund sieben Monate im Jahr rund um den Globus unterwegs. Meine Reisegeschichten und Fotos wurden in diversen englisch- und deutschsprachigen Zeitschriften, Blogs und Onlineportalen veröffentlicht. Außerdem entstanden in den letzten 15 Jahren mehr als zehn Bücher in verschiedenen Verlagen. Ich bereiste 30 Länder Afrikas auf eigene Faust und verbrachte mittlerweile mehrere Lebensjahre auf dem schwarzen Kontinent. Ob mit dem 4x4 quer durch Afrika, mit Ski auf die aktiven Vulkane am Pazifischen Feuerring, zu Fuß durch die Wildnis Ostgrönlands oder mit dem Tauchboot zu den Molukken – ich liebe das Abenteuer!