Länderberichte

Feuerland | Sehnsucht nach Kap Hoorn

Thomas Linkel
Geschrieben von Thomas Linkel

Kreuzfahrt-Abenteuer von Feinsten: Unser Reporter reiste auf dem komfortablen Expeditionsschiff „Stella Australis“ durch hohe Wellen die Küste von Feuerland entlang und um den stürmischen Südzipfel Südamerikas

„Alles in Ordnung“ – so lautete der Funkspruch, den Radio Norddeich noch am März 1938 von der deutschen Viermastbark „Admiral Karpfanger“ aufnahm. Das Schiff war unterwegs von Australien nach Irland und befand sich vor Kap Hoorn, an Bord 60 Besatzungsmitglieder und eine Ladung von 42.000 Sack Weizen. Berich­tet wird, dass zu dieser Zeit Stürme um das Kap tobten und Eisberge gesichtet wurden. Der Funkspruch war das letzte Lebenszeichen von dem großen Segler.

In den letzten Minuten müssen sich dramatische Szenen auf der Bark abgespielt haben: brechende Masten, splitternde Deck- ­aufbauten, Seeleute, die verzweifelt nach Rettungsringen griffen, von Wellen mitgerissen und schließlich vom Meer verschlungen wurden. Alles muss sehr schnell passiert sein, denn das Schiff verschwand zunächst spurlos. Erst Jahre später fand man am Strand der Isla Navarino Holzteile, die der „Admiral Karpfanger“ zugeordnet werden konnten.

Mistwetter gehört in Feuerland dazu

Fast 80 Jahre später … Am Himmel über dem luxuriösen Expeditionsschiff „M/V Stella Aus­tralis“ ziehen dunkle Wolkengebirge nach Osten. Canal Murray heißt die schmale Passage im Süden Feuerlands zwischen der Isla Navarino und der Pen­ínsula Dumas (Isla Hoste), die wir seit ei­ner Stunde durchfahren. Schaumkronen tanzen auf den Wellen, hoch über uns drehen Wanderalbatrosse ihre Kreise.

Die Sonne versteckt sich seit unserer Abreise aus Ushuaia vor zwei Tagen, aber gerade regnet es nicht, und das ist ein großes Glück. Wenn man eines sehr schnell lernt in der Inselwelt rund um Kap Hoorn, dann das: Wetterkapriolen sind Teile des Gesamtkunstwerks Kap-Hoorn-Cruise und sollten als solche genossen werden.

Das ist nicht ganz leicht, aber ein Gefühl von Verwegenheit kommt schon auf, wenn man allein auf Deck sechs steht und der Wind so stark ist, dass man sich mit aller Kraft an der Reling festhalten muss, um nicht fortgeblasen zu werden.

Grandiose Landschaften

Man lernt, gerade noch rechtzeitig aus der Darwin-Lounge nach draußen zu stür­zen, um zu fotografieren, wenn Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke blitzen und gelbe Farbe auf das ansonsten grau-blaue Meer kippen. Oder in Gummistiefeln und Regenbekleidung einem Schauer aus Schnee und Regen zu trotzen, wäh­rend man von chilenischen Matrosen mit breitem Grinsen im Zodiac über mannshohe Wellen geschippert wird. Vermut­lich passen hier ja nur das stürmische, von schnellen Um­schwün­gen geprägte Wetter und ein düsterer Himmel. Ein makelloses Sommerhimmelblau wäre ja schlichter­dings deplatziert.

Hat man das einmal akzeptiert, geht es vor allem darum, die Grandiosität dieser Landschaft aufzunehmen, sich mit allen Sinnen zu öffnen, um ein einmaliges Erlebnis nicht nur auf dem Kamerachip, sondern in Herz und Hirn abzuspeichern, auf dass man es nie mehr vergisst.

Blick über die Wulaia-Bucht auf der Isla Navarino

Ankern vor der Isla Navarino

Die Bucht Wulaia liegt am nordwestlichen Rand der Isla Navarino. Eine mit Büschen bewachsene, hügelige Landzunge schützt sie vor Winden, ein flach abfallender Kiesstrand erleichtert das Anlanden. Dahinter liegt eine Wiese mit Wildblumen, die in dicht bewaldete Hänge übergeht, von denen Bäche plät­schern.

Über mindestens sechs Jahrtausende war die Bucht ein Siedlungspunkt für den Stamm der Yaghan, die hier auf ihren Streifzügen rund um Feuerland immer wieder kuppelförmige Hütten aus Zweigen und Ästen errichteten. Stützpunkte für die Jagd auf Seelöwen, das wichtigste Nahrungsmittel der Yaghan und Liefe­ran­ten von Fett und Fellen, um sich vor dem extremen Wetter schützen zu können. Neben dem Fleisch der Seelöwen ernährten sich die Yaghan von Muscheln, die von den Frauen in riskanten Tauchgängen aus den eiskalten Gewässern um die Insel geholt wurden.

Mit ihren schmalen Rinden-Kanus paddelten sie auf den stürmischen Gewässern rund um Kap Hoorn, transportierten darin ihre gesamte Habe – sogar inklusive Feuer! – und passten sich mit ihrer Lebensweise perfekt an die herausfordernden Gegebenheiten am Ende Süd­amerikas an.

Ein Wettersturz verhinderte die nähere Bekanntschaft mit dem Magellan-Pinguin …

Flechten als Öko-Indikator

Alvaro auf einer Wanderung, die uns zu einem Aussichtspunkt am Berghang hoch über der Bucht führt. Uns ist trotz regelmäßiger Regenschauer warm, als wir den Wald aus Antarktischen Südbuchen, Canelo- und Coihue-Bäumen verlassen.

Auf unserem Weg haben wir vom Calafate-Strauch süße Berberitzen gegessen und nach Johannisbeeren Ausschau gehalten. Alvaro hat erklärt, wie die Yaghan mit Flechten Feuer machten und dass Ökologen die Flechten als Indikator für hohe Luftqualität nutzen. Er hat die Rinde einer Winteraceae abgekratzt und uns zum Probieren gegeben. Säuerlich schmeckte sie, eine Mischung aus Zitronenschale und Gras. Den Yaghan dien­te sie als Vitamin-C-Spender.

Guide Alvaro mit Gästen auf der Isla Navarino

Sehnsuchtsort Kap Hoorn

Schließlich stehen wir 300 Meter über dem Meer und werden still angesichts der atemberaubenden Aussicht. Schnell und in geringer Höhe ziehen die Wolken über uns hin­weg, so niedrig, dass man meint, sie greifen zu können. Unter uns ist die „Stella Aus­tralis“ nur ein weißer Tupfen in einem Meer aus Grau und Blau. Sonnenstrahlen huschen über die Wasserfläche, aber noch bevor die Kamera klickt, sind sie schon wieder verschwunden.

Dunklen Schatten gleich ragen Inseln aus dem Wasser, uns gegenüber die schneebedeckten Berge der Península Dumas und dahinter die Gipfel der Cordillera Darwin. Etwas weiter südlich liegt das Stück Erde, das zu erreichen den meisten Passagieren ein Herzenswunsch ist: Kap Hoorn.

Früh am Morgen fordert eine Lautsprecherdurchsage die Gäste auf, sich für das Ausschiffen bereit zu machen. Kurze Zeit später strömen die erwartungsfrohen Pas­sagiere in die Aufenthaltsräume der „Stella Australis“. Das Erkundungs-Zo­di­ac macht sich auf den Weg zur Insel, aber schon auf halbem Weg verschwindet es jeweils für Augenblicke zwischen Brechern. Spektakulär sieht das aus und alle starren gebannt auf das kleine Schlauchboot, das minutenlang in der Brandung vor der Anlandestelle kreist und schließlich zum Schiff zurückkehrt.

Gut 250 Meter steigen die Passagiere der „Stella Australis“ hinauf zum Plateau von Kap Hoorn

Riesensturmvögel und Wanderalbatrosse

Der Sturm tost mit 130 Stundenkilometern um die Isla Hornos und verhindert das Anlanden. Zeit, am Frühstücks­buffet fachzusimpeln, aber die Enttäuschung steht einigen ins Gesicht geschrieben. Umso größer ist die Freude, als sich der Wind zwei Stunden später etwas legt und doch noch alle übersetzen.

Der Aufstieg auf das Inselplateau erfolgt über eine Treppe, die sich an den Steilhang über der Anlandestelle krallt. Oben führt ein Weg aus Holzbohlen zum Leuchtturm und weiter zum Denkmal für die vor Kap Hoorn ertrunkenen Seeleute. An die mehr als 10.000 Unglücklichen erinnert ein mehrere Meter hoher, stilisierter Albatros.

Hinter dem Denkmal fällt die Insel steil zum Meer ab, Wellen schlagen mit so großer Wucht an den Fels, dass die Gischt viele Meter hoch in die Luft steigt, bis sie der Wind verweht. Gelbe Grasbüschel liegen flach, auf Moosen stehen Wassertropfen, über den Klippen segeln Riesensturmvögel und Wanderalbatrosse. Und bei allem Geschick und Erfindungsreichtum wird es für Menschen noch lange nicht möglich sein, Sturm und Windböen so elegant fliegend auszunutzen.

Das Albatros-Denkmal für die vor Kap Hoorn Verunglückten

Plötzlich öffnen sich die Wolken!

Obwohl viele der Passagiere gerade erst den Aufstieg geschafft haben, bricht Kapitän Navarro den Ausflug ab. Weiter zunehmender Wind und starker Regen könnten die Rückkehr zum Schiff gefährden, und deshalb sind dann doch alle froh, als sie zum Mittagessen im Speisesaal „Patagonia“ sitzen, statt im Windschatten eines Felsens auf Kap Hoorn zu kauern. Triefende Schwimmwesten und Regenklamotten hängen über den Gelän­dern vor den Kabinen und erzählen vom Abenteuer am berühmtesten Kap Amerikas.

Eine Nacht und einige Seekilometer später hat sich die „Stella Australis“ durch den Beagle-Kanal geschoben und die zerklüftete Brecknock-Halbinsel passiert. Im Agostini-Fjord landen wir an einem langen Kies­strand, auf dem wir zur Lagune des Águila-Gletschers wandern. In diese Lagune kalbte der Gletscher bis vor wenigen Jahren, im Moment versteckt sich die Landschaft aber hinter Wolken- und Nebelschwaden.

Zodiac-Tour: Wind, Wellen und die Unterwasser-Strömungen vor Kap Hoorn können tückisch sein

Blau leuchtende Gletscher

Die Stimmung an der Lagune ist mys­tisch, sie gleicht einem Gemälde Caspar Da­vid Friedrichs: sich über den See beu­gen­de Bäume, deren Äste beinahe das Wasser berühren; Dickicht, aus dem das markante Rot von kleinen, apfelartigen Früchten schimmert. „Chaura“ nennt sie Alvaro und erklärt, dass sie ein natürliches Kopfschmerzmittel seien. Dunkle Felsen, die zwischen Kies und Muscheln am Strand liegen und auf denen Flechten farbige Ornamente bilden. Etwas weiter entfernt eine Landzunge, auf der sich gelbes Coirón-Gras im Wind wiegt.

Für einen kurzen Moment lichten sich die Wolken und geben den Blick frei auf den dahinter­liegenden Gletscher. Blau leuchtet er im Dämmer des trüben Tages, für einen Moment setzt der Regen aus, und ein Hauch von Gletscherspiegelung zeichnet sich auf der Lagune ab. Dann ziehen wieder neue Wolkenschleier heran und verschlucken erneut Spiegelung und Gletscherzunge.

Unterwegs im Agostini-Fjord mit Blick auf den gewaltigen Águila-Gletscher

Die Einschränkung im Bezug auf den Stopp der „Stella Australis“ lautet: „Falls es das Wetter erlaubt“ – aber natürlich will keiner der Passagiere glauben, dass man den Pinguinen auf der Isla Mag­da­lena nicht nahekommen könnte, schließlich scheint endlich einmal die Sonne. Und die meisten werden von den Vögeln auch genügend zu Gesicht bekommen. Da sich aber die Windgeschwindigkeit im Laufe des Anlandens auf 47 Knoten steigert, wird der Ausflug in dem Moment abgebrochen, als ich mich dem ersten Magellan-Pinguin nähere.

Quaken, Schnattern und Trompeten

Was bleibt, sind kurze Eindrücke aus der mehrere Tausend Tiere umfassenden Kolonie: Pärchen, die sich gegenseitig das Gefieder putzen, Pinguine, die aus ihrer Erdhöhle luren oder davor dösend die Sonne aufsaugen. Zwei Pinguine, die gemeinsam Richtung Meer watscheln und immer wieder von einer Blutschnabelmöwe umkreist werden und darauf mit ärgerlichem Kreischen reagieren.

Überhaupt die Geräuschkulisse: eine Kakophonie aus Quaken, Schnattern und einem permanenten Trompetensound. Den strengen Vogelkotgeruch, den Alva­ro bei der Überfahrt im Zodiac beschrieben hatte, nehme ich nur in Ansätzen wahr – dank des „schweren Sturms“, der mir heute so gar nicht stinkt.


Info

Cruceros Australis

Kap-Hoorn-Cruises, vier oder fünf Nächte lang, ab 1.700 Euro, alle Mahlzeiten, Getränke sowie Ausflüge inklusive. Sehr professionell geführte Kreuzfahrt in den manchmal stürmischen Gewässern rund um Feuerland. Geräumige Kabinen mit großen Fenstern, zweimal täglich Buffet sowie abends à la carte. Unterschiedlich lange Landausflüge, die aber immer dem Wetter unterliegen und für die deshalb keine Garantie vorliegt. Spektakuläre Landschaften, beeindruckende Flora und Fauna, die einem die Guides sehr gut nahe bringen

Auskünfte zur Destination beim Tourismusbüro Chile und Tourismusbüro Argentinien

 


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Über diesen Autor

Thomas Linkel

Thomas Linkel

„Meine Neugier ist unstillbar.“
Nach einer fotografischen Ausbildung im Stilllife-Studio und dem Abschluss zum Diplomwirtschaftsgeograf arbeitet Thomas seit 15 Jahren für internationale Magazine in den Bereichen Reise, Reportage, Portrait und Architektur sowie für die Unternehmenskommunikation internationaler Kunden. Für seine Produktionen hat er über 100 Länder bereist.

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