Länderberichte

Iran | Per Rad durchs Land der Mullahs

Anja Merk
Geschrieben von Anja Merk

6.500 Kilometer und fünf Monate war die Bloggerin Anja Merk mit dem Fahrrad im Iran unterwegs. Hier schildert sie ihre Eindrücke, wie es ist, als Frau allein durch das Land am Persischen Golf zu reisen …

Es ist bereits dunkel, als ich die Augen öffne. Das Zelt, in dem ich liege, ist nur spärlich mit Kerzenlicht beleuchtet. Über den Gaskocher, auf dem ein Topf steht, beugt sich ein Mann. Seine Frau sitzt neben ihm und beobachtet mich. Mich, diese seltsame Frau, die sie aufgenommen haben und die ganz alleine mit einem Fahrrad durch die Einsamkeit zu ihnen kam.

Vogel zum Dinner, Honig von den eigenen Bienen

Ich muss wohl eingeschlafen sein, nachdem mich Zeynab wie eine Mutter mit einem großen Kopfkissen versorgt und mich zugedeckt hat. Wir lächeln uns an, eine Verständigung ist sehr schwer möglich. Das Imker-Ehepaar hat hier in den Bergen ein paar Bienenstöcke. Jeden Tag fahren sie zwei Stunden mit dem Auto in die Stadt, wo sie wohnen. Den Vogel, den wir später essen und der seit Stunden auf dem Gasfeuer köchelt, hat Reza selbst geschossen. Stolz präsentiert er mir das Gewehr dazu.

Die Gastfreundschaft im Iran sucht auf der ganzen Welt ihresgleichen. Es gibt keinen Tag auf meiner Radreise durch das Land, in dem mir nicht etwas geschenkt wird. Jeden Tag halten etliche Autos neben mir an, die Menschen fragen mich nach dem Woher und Wohin und schenken mir Wasser, Früchte, Nüsse, Brot. Einmal werde ich sogar mit Fleischspießen an der Straße versorgt und auch die Polizei bringt mir an Ashura, einem hohen Feiertag, Essen vorbei.

Gastfreundschaft wird im Iran groß geschrieben

Bei der Hitze ist gefrorenes Wasser in 1,5 Liter-Flaschen ein ganz besonderes Geschenk, das mir die Lkw-Fahrer immer wieder aus dem Führerhaus reichen oder mich dorthin zum Tee einladen. Auch Einladungen nach Hause oder zum Übernachten bekomme ich fast täglich. Manchmal nehme ich sie an, manchmal schlafe ich lieber in den Bergen im Zelt und genieße die Einsamkeit. Aber die wichtigste Frage, die mir immer und immer wieder gestellt wird ist: „Wie findest du den Iran? Was hast du vor deiner Reise vom Iran gedacht? Wie hat sich deine Meinung jetzt geändert?“

Anja Merk und ihr Rad – ein starkes Team für fünf Monate

Iran ist ein wunderschönes Land und weil man in Deutschland und den Medien immer nur Negatives hört, wollte ich das Gegenteil beweisen und habe beschlossen, als Frau alleine mit dem Rad durch Iran zu fahren. Allerdings ist das Land nicht gerade gut zum Radfahren geeignet. Es gibt kaum Nebenstrecken, auf die man ausweichen könnte. Es bleiben also nur vier- bis achtspurige Autobahnen, oft ohne Seitenstreifen und endlos viel Verkehr. Man findet auch einsame Strecken, doch die muss man suchen. Und dann wird es oft sehr, sehr steil, sodass man eher schiebt als fährt.

„Wir sind keine schlechten Menschen“

Die Iraner bitten mich, in meinem Land von ihnen zu berichten, den Menschen hier zu sagen, dass sie keine Terroristen sind, keine schlechten Menschen. Dies will ich hiermit tun!

Teheran ist der Ausgangspunkt meiner Reise. Turkish Airlines erlaubt 40 Kilo Freigepäck, sodass mein Fahrrad für wenig Geld auch noch mitkommt. Teheran ist einfach nur laut, heiß und von Abgasen verpestet. Aber es ist der beste Startpunkt, um zum Damavand zu kommen, dem mit 5.610 Meter höchsten Berg des Landes und einer der höchsten freistehenden Berge der Welt. Vom letzten Basecamp in 4.180 Meter Höhe kann man den Aufstieg gut in einem Tag schaffen. Vorausgesetzt man ist gut akklimatisiert. Notgedrungen bin ich das, denn ein Schneesturm am Gipfel lässt mich zwei Tage im Basecamp III ausharren, bis mir der Gipfelsturm endlich gelingt.

Gut, dass die Kilometerentfernungen auch für Europäer lesbar sind

Ich habe sehr viel Kontakt zu den Einheimischen, vor allem Frauen. Mein Eindruck: Sie wissen genau, was sie wollen, sind sehr selbstbewusst und gut gebildet. Viele sprechen Englisch, träumen von einer besseren Zukunft im Ausland. Jeder kann hier studieren – im Iran studieren mehr Frauen als Männer an den Universitäten – aber in diesem Fach einen Job zu finden, ist aussichtslos. Die guten Jobs bekommen die Freunde und Gönner der Mullahs. So kommt es nicht selten vor, dass zum Beispiel ein Maschinenbau-Ingenieur in einer kleinen Stadt Taxi fährt.

Die fantastischen Vier: Kashan, Isfahan, Yazd und Schiras

Auch kulturell ist das Land beeindruckend. Vor allem die alten Städte: Kashan mit seinem ursprünglichen Basar, Isfahan mit dem großen Platz. Yazd wartet mit unzähligen Windtürmen auf und Schiras ist die Stadt der Dichter Hafiz und Saadi. Alle sind sie absolut sehenswert. Und dann natürlich Persepolis, eine 3.000 Jahre alte persische Residenzstadt, in der die Reliefs noch so gut erhalten sind, als wären sie gestern erst aus dem Stein gehauen.

Die vielen Gesichter Irans

So ist das, was man auf den Straßen sieht, den obligatorischen Hidschab (Kopfbedeckung) nicht das, was man in den Häusern der Menschen erlebt. Von Frauen, die mir in Highheels, Minirock und top gestylt die Tür öffnen über opiumrauchende Gastgeber, Bier- und Weinbrauer oder betrunkene Taxifahrer, lerne ich auch das ganz andere Iran kennen. Und dass sogar Baden im Bikini in Iran möglich ist, wenn auch verboten, erlebe ich am Ende meiner Reise am Persischen Golf. Von dort geht es mit der Fähre nach Dubai. Nach drei Monaten und 3.000 Kilometern verlasse ich Iran und sehe langsam die Küste Persiens im Dunst verschwinden.

Khodafez (Auf Wiedersehen), Iran, und danke für deine Gastfreundschaft!

Hochstimmung am Damavand, dem höchsten Berg Irans


Wer den gesamten Reisebericht lesen will, findet ihn im Blog unter www.anja-merk.de.

Plus: Am Freitag, 26. Januar 2018, findet in Unterschleißheim bei München ein Diavortrag von Anja Merk über ihre Iran-Reise statt. Start 20 Uhr im Kino Capitol, Alleestr. 24, intreffen ab 19:30 Uhr; Anmeldung dringend erforderlich: anja.merk@gmx.net


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