Outdoor

Island | Eiskalt erwischt!

Winter-Kayaking Outdoor Action Island Die Abenteurer stürzen sich die halb vereisten Wasserfälle im Norden von Island hinunter
Geschrieben von Michael Neumann

Die Wasserfälle im Norden von Island sind im Sommer schon eine Heraus­forderung für wagemutige Wildwasserpaddler. Wie verrückt muss man da erst sein, sie im Winter zu befahren?

Es ist Ende Februar, als wir auf Island landen. Auf unserer To-do-Liste stehen die fünf bekanntesten Wasserfälle im Norden: Goðafoss, Aldeyarfoss, Selfoss, Hrafnabjargafoss und jener mit dem verheißungsvollen Namen Drowning Drop.

Als wir nach sechsstündiger Fahrt in Akureyri, der Hauptstadt des Nordens, einrollen, ist die Stimmung allerdings auf dem Tiefpunkt: Alle Hundert Kilometer ist die Temperatur um ein Grad geklettert, dabei hatte uns Keflavík schon mit fünf Grad plus empfangen. Dazu weht ein stürmischer Wind. Frau Holle und Väterchen Frost, wo seid ihr?

Spektakulärer Hufeisen-Wasserfall

Nun, vielleicht haben das warme Wetter und der Regen zumindest die Wasserfälle wieder freigespült. Da der Aldeyarfoss ganz oben auf der Wunschliste steht, fahren wir zuerst dorthin. Die letzten drei Kilometer der Straße liegen dort, wo sie in die berühmt-berüchtigte Hochlandpiste Sprengisandur übergeht, unter einer dicken Kruste Resteis. Für unser Auto ist hier Schluss. Doch mangels Schnee können auch Schneeschuhe und Tourenski eingepackt bleiben, wir stiefeln einfach quer durch die Prärie und ziehen die Boote hinterher.

Schon von Weitem sehen wir, dass die Eisbrücke tatsächlich dem Tauwetter zum Opfer gefallen ist. Allerdings nicht ganz, denn links ragt noch ein Stück Resteis wie ein orientalischer Krummdolch in die Ideal­line. Aber wenn man etwas weiter rechts … Doch nach einer Stunde Kletterei, um den Wasserfall aus möglichst vielen Perspektiven zu begutachten, werfen wir die Flinte ins Korn. Zu groß ist einfach das Risiko, dass man nach fünf Meter Freifall gegen das Eis knallt.

Wild entschlossen und reichlich unverfroren: Adrian „Atte“ Mattern, Jobst Hahn und Matze Brustmann

Gefragt sind Mumm und Bootsgefühl

Wir fahren weiter zum Goðafoss, etwa 40 Kilometer abwärts am Fluss Skjálfandafljót. Auch hier von Winter kaum eine Spur, doch immerhin können wir die Kajaks abladen. Dieser hufeisenförmige Wasserfall ist sicher eines der meistfotografierten Naturspektakel der Vulkaninsel.

Genau neben der ganz Island umspannenden Ringstraße gelegen, stürzt das Wasser auf einer Breite von 50 Metern zwischen acht und zwölf Meter in die Tiefe. So spektakulär der Goðafoss auch aussieht, für uns Paddler ist er der „Leichteste“ auf der Liste. Zumindest die Linien ganz links und ganz rechts verlangen wenig mehr als ein bisschen Bootsgefühl und ein bisschen mehr Mumm.

Schrecksekunden: „Atte“ ist weg!

Die „Action Line“ in der Flussmitte dagegen ist ein anderes Kaliber. Hier muss man zunächst eine gewundene Anfahrt runterzirkeln, um dann am Ende eine schmale Schanze aus Wasser zu treffen, die den Paddler ein Stück weiter als die in die Tiefe stürzenden Wassermassen katapultiert. Nur so ist sichergestellt, dass man unten in der Gischt nicht zum Spielball der Strömungen wird.

Genau das aber passiert Adrian bei seiner missglückten ersten Fahrt. Nachdem unser neuseeländischer Freund Sutton problemlos die Hauptlinie gemeistert hat und am Fuß des Falls im Kajak wartet, trifft Atte die Schanze nicht perfekt und schmiert seitlich ab. Beim Eintauchen bekommt er sofort Wasser auf das Heck, wodurch sein Kajak wie eine Rakete nach oben schießt und sich in das herabstürzende Wasser überschlägt. Und schwupps – weg ist er.

Drei verschiedene Routen „führen“ den Goðafoss hinab. Die flussabwärts ganz rechts ist die leichteste …

Wir vermuten hinter dem Wasservorhang eine Art Höhle, in die es ihn gezogen hat, doch sehen können wir durch die Gischt nichts. Bange Sekunden. Schließlich fasst sich Sutton ein Herz und paddelt zwischen zwei Zungen aus Wasser ebenfalls hinter den Fall. Wieder vergehen endlose Sekunden, während derer wir anderen zum Zuschauen verdammt sind. Doch endlich hören wir eine Trillerpfeife, ihr nicht allzu hektisches Trällern soll uns signalisieren: Alles okay! Und wenig später paddeln Sam und Atte unversehrt hinter dem Wasservorhang hervor.

Endlich: Eis und Schnee in Island

Nach drei Tagen bei frühlingshaften Be­din­gun­gen, in denen wir alle anderen projektierten Wasser­fälle abklappern und weiterhin als unbefahrbar einschätzen, hat das Wetter endlich ein Einsehen und besinnt sich auf die Jahreszeit. Rund um unser Basislager, das Pfadfinderheim bei Akureyri, sind über Nacht bei zehn Grad minus 20 Zentimeter Neuschnee gefallen. So langsam scheint unser Traum vom Win­ter Wonderland Realität zu werden.

Bekannte und unbekannte Hotpots finden sich überall auf Island

Am achten Tag unserer Reise, dem letzten übri­gens, haben Wunsch und Wirklichkeit endlich ein „Match“. Wie von Walt Disney persönlich gezeichnet, hat sich der Götterfall sein schönstes Winterkleid übergestreift und wir können endlich die Bilder entstehen lassen, deretwegen wir hier sind: kleine, bunte Kajaks als Farbtupfer in einem Schloss aus Eis und Wasser.

Das Wasser ist jetzt fast null Grad kalt und hat die leicht zähe Konsistenz eines Smoothies …
Diesmal geht alles gut und alle Paddler meistern jede der drei möglichen Routen den Wasserfall hinab. Mehr noch: Aufgrund des niedrigen Wasserstandes können wir auch den fünf Meter hohen Wasserfall im Canyon unterhalb des Goðafoss erstbefahren. Mis­sion accomplished – wenn auch mit einigen eisgrau­en Haaren mehr!

 

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Info

Anreise

Direkt nach Reykjavík mit Icelandair, die Airline bietet auch Stopover-Pakete bei Flügen in die USA oder nach Kanada; mit Zwischenstopp fliegt Lufthansa; Ticket ab 250 Euro, icelandair.de | lh.com

Aktiv

Es muss nicht immer Extremsport sein, um den Winter in Island aktiv zu erleben! Skitouren bieten beispielsweise an: Alpinewelten oder Amical Alpin alpine­welten.com | amical-alpin.com; Schneeschuh- respektive Wandertouren beispelsweise mit Wikinger Reisen oder Contrasttravel wikinger-reisen.de | contrasttravel.com; allgemeine Winterreisen mit Set geo-aktiv Reisen set-geo-aktiv.de; Heli-Skiing mit Hagen Alpin Tours hagenalpintours.de


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