Länderberichte

Israel | Purim-Fest: Rausch ist Pflicht!

Klaus von Seckendorff
Geschrieben von Klaus von Seckendorff

Beim jüdischen Purim-Fest lautet ein Gebot: Festessen, Freuden und Weinrausch. Verboten sind Trauer, Trübsal und Fasten. Also wird wild gefeiert, getrunken und getanzt. Wir waren in Tel Aviv und einen Tag später in Jerusalem dabei

Das Krokodil hat seine eigene Textrolle dabei. Der Clown schiebt seine Maske hoch, um mitlesen zu können. Denn Rabbi Ariel Konstan­tyn liest die Megilla so schnell, als wolle er einen Rekord aufstellen. Die Gemeinde muss bei diesem Tempo aufpassen, wann sie an der Reihe ist, höllischen Lärm zu veranstalten.

Rabbi Konstantyn schenkt seinen Besuchern kräftig ein

Purim: Mehr als Volksbelustigung

Viele Besucher der Internationalen Synagoge in Tel Avivs Frishman Street haben dafür eigens Purim-Rasseln mitgebracht, Ratschen aus Holz oder Plastik. Die Menschen sind fantasievoll verkleidet als Pandabärin und Wikinger, tragen ausladende Mexiko-Hüte mit Rundumschleier und Leuchtdioden.

Das Purim-Fest in Israel ist mehr als Volksbelustigung. Mit der  Lesung des Buch Esther wird die Errettung des jüdischen Volks in Persien vor 2.500 Jahren gefeiert. „Pur“, der Singular zu Purim, ist das persische Wort für „Los“. Das Los sollte den Tag bestimmen, an dem die Juden sterben würden – ein Komplott des finste­ren Ministers Haman. Aber Königin Esther schmeichelte ihrem Gatten und brachte ihn dazu, die Juden zu retten. König Xerxes gab grünes Licht für den Gegenangriff.

Die Lesung des Buches Esther kann sich ganz schön in die Länge ziehen

Ein Tag im Ausnahemzustand

Esther siegte beim Gelage ihres Gatten mit weiblicher List – und auf die Rolle des Weins bei den Exzessen am persischen Hof mag die Tradition zurückgehen, dass es zum Purim-Fest gehört, sich zu betrinken. Die Religion gebietet allen außer Schwangeren, Kindern und Kranken, dafür zu sorgen, dass das Urteilsvermögen dem Rausch Platz macht, bis man nicht mehr zwischen dem Guten (Esthers Ziehvater Mor­de­chai) und dem Bösen (Haman) unterscheiden kann. Ein Tag im verordneten Ausnahmezustand.

Rabbi Ariel hat im Vorraum der Synagoge ein „Gelage“ vorbereitet, mit Wein, Wodka, Wasser,  Snacks und den mit Mohn oder Schokolade gefüllten Haman-Taschen,  Mürbteiggebäck, dessen dreieckige Form an das Ohr des bösen Ministers erinnern soll.

Purim Street Party am Kikar Hamedina in Tel Aviv: Supermänner, Manga-Girls, Hotdog-Verkäufer

Schimpfen auf Kommando

Texte der Esther-Story liegen zum Mitnehmen aus, markiert sind jene Stellen, an denen die Besucher zu den Rasseln greifen, laut Buh rufen oder mit Trillerpfeifen ihr Missfallen bekunden sollen, wann immer der Name Haman erwähnt wird. Das ganz große Tohuwabohu bricht aus, wenn die zehn Söhne Hamans an der Reihe sind: Parschandatha und Dalphon und Aspatha und Poratha und, und, und. In einem einzi­gen Atemzug sollen die Namen aufgezählt werden, wenn von ihrer Hinrichtung die Rede ist.

Immer, wenn Lärm angesagt ist, spielt die Band eine Art Tusch, wie bei einer Büttenrede. Der Saxophonist zitiert kurz die Titelmelodien von TV-Serien oder gut abgehangene Hits aus Rock und Pop. Das zieht die eigentlich flotte Lesung kräftig in die Länge: über eine Stunde, auf Youtube finden sich Rekordversuche um die 13 Minuten.

„Einsatz Trillerpfeife“ in Rabbi Ariel Konstantyns Synagoge in Tel Aviv

Der Marsch der Untoten

Die Stimmung könnte kaum besser sein. Vor allem drei Mädels im durch stoffbespannte Stellwände eher symbolisch abgetrennten „Frauenabteil“ der Synagoge scheinen seit Wochen auf diesen Moment gewartet zu haben. In rosa Ganzkörpersamt mit Schweinchenringelschwanz flitzen sie durch die Gänge, springen auf Bänke, tanzen sich in wilde Ekstase.

Oben auf der Empore, wo einige Youngsters eher nach Halloween aussehen, setzt der große Aufbruch ein: In Kürze beginnt der alljährliche Zombie Walk. Auf dem Mittelstreifen der noblen Rothschild Ave­nue wird bei Taschenlampenlicht die Megilla verle­sen und Hunderte von Untoten bevölkern die Flanier­meile. „Das ist hier viel geiler als die harmlose Halloween-Feier bei uns daheim,“ kreischt eine 17-Jährige im blutverschmierten Metzgerdress, die extra aus Amsterdam angereist ist.

Volle Ekstase im Miss-Piggy-Kostüm

Tel Aviv: Hauptstadt der Raver

Nach allen Regeln der Schminkkunst haben sich vor allem junge Leute schwere „Verletzungen“ zugefügt. Der melancholisch blickende Kerl mit der blutigen Dornenkrone und dem Christuskreuz über der Schulter scheint nichts von Wundmalen an den Händen gehört zu haben. Oder war ihm das Aufmalen der Stigmata zu mühsam? All das hat weniger mit Purim zu tun als mit Tel Avivs Rolle als Haupt­stadt der Rave- und Partyszene.

Sobald man in die Nähe des  Kikar Hamedina kommt, des Hauptplatzes der Stadt, gibt es nur noch ein Ziel: Aus allen Himmelsrichtungen strömen die Massen zur größten Street Party der Purim-Woche, von der Stadtverwaltung inszeniert. Eine ganze Purim-Woche anstatt eines  Wochenendes, schulfrei, zahllose Pre-Parties – wenn Tel Aviv feiert, dann richtig, mit Livesets und DJs auf der riesigen zentralen Rundumbühne für über 100.000 Raver.

Tel Aviv beweist sich auch zu Purim als Feierbiester-Stadt

Jerusalem feiert mit Verspätung

Jerusalem feiert einen Tag später Shushan Purim, weil sich hier die Kämpfe gegen die Feinde der Juden länger hinzogen. In der religiösen Hauptstadt des Landes ist das Feiern noch weniger säkularisiert. Es gibt aber auch ganz banalen „Karneval“ auf dem Safra Square. Stelzengänger im Conchita-Wurst-Look, Pharaonen sowie Seeräuber – alles bezahlte Entertainer. Die Raver und Touristen hingegen treffen sich auf dem Mahane Yehuda Market . In den überdachten Hauptgassen wimmelt es von kleinen Bars und Restaurants. Am späteren Abend dröhnt Techno-Untermalung oh-ren-be-täu-bend.

Auf dem Jerusalem Safra Square sorgen Conchita-Wurst-Plagiate für Stimmung

Party bei den Ultraorthodoxen

Eher nach Klezmer hört sich Shushan Purim im Viertel der Ultraorthodoxen an. Bunt verkleidet sind in erster Linie die Kids. Viele von ihnen tragen zellophanumhüllte Körbchen oder Tabletts mit Haman-Taschen, Schokoladenriegeln und anderem Süßkram durch die engen Gassen. Freunde an Purim mit Mishloach Manot zu beschenken ist eine von 613 Mizwot,  jüdischen Lebensregeln.

In einem Innenhof hat sich eine Gruppe Männer versammelt, von denen viele ihren Streimel, die stattliche Pelzmütze für Feiertage, mit einer Art Duschhaube vor dem Regen schützen. Bunt verkleidete Jungs mit Schläfenlocken rauchen mit Kenner­mie­ne echte Zigaretten. Offensichtlich eine Art, als Kind über die Stränge zu schlagen an jenem Tag, an dem die Welt Kopf steht. Aber was aussieht wie ein Purim-Treffen, erweist sich als Beerdigung.

Auf zum frommen Betrinken heißt es bei den ultraorthodoxen Männern im Jerusalemer Viertel Mea She’arim

Spirituelles Doi-doi-doi

Die große Feier in der Bet Midrash, dem Lehrhaus der chassidischen Aharon-Gruppierung, ist mehr als nur ein normaler „Tish“ wie sonst am Schabbat. Da trifft man den Rabbi, isst mit ihm und singt Niggunim, Lieder ohne Texte mit Silben à la „doi-doi-doi“, was das spirituelle Erleben der Melodien noch verstärkt.

Der riesige Tisch in der Mitte des Raums ist von steil ansteigenden Metalltribünen umgeben: Absturzgefahr selbst für Nüchterne, ganz zu schweigen von den Männern in goldenen Festtagsmänteln, die vor allem die eine Miz­wot mit heiligem Ernst befolgen: das Gebot, sich besinnungslos zu betrinken mit koscherem Wein.

Wilder Tanz im Bet Midrash der chassidischen Toldos Aharon in Jerusalem

Info

Hotel Prima City
In Strandnähe und  idealer Aus­gangspunkt für Purim-Aktivitäten. Die Internationale Synagoge von Rabbi Ariel liegt  um die Ecke in der Frishman Street 23. Die Zimmer sind in Ordnung. Richtig gut ist das Frühstück.

Shakshukia
Kleines, preisgünstiges Lokal nahe an der Internationalen Synagoge. Kulinarisch ist der Name Programm: Shakshuka (pochierte Eier in einer Soße aus Tomaten, Chili und Zwiebeln) in allen Variationen und – Obacht! – fünf Schärfegraden. Niedriges Preisniveau. Ben Yehuda Street 94, Tel Aviv, Tel. +972/3/ 522 34 33

Auskunft

Weitere Infos über das Staatliche Israelische Verkehrsbüro

 

 


Ihr wollt viele weitere Reportagen aus aller Welt lesen und von vielen reportergetesteten Tipps und Adressen in den Info-Guides profitieren? Dann empfiehlt sich unser flexibles Zeitlos-Abo oder eines unserer attraktiven Prämienabos

Um unser Magazin als E-Paper zu lesen, einfach die kostenlose App holen und Wunschausgabe (4,99 Euro) laden. Hier geht’s – natürlich nur mit mobilen Endgeräten – direkt zu den Stores von Apple, Google und Amazon

 

 

Über diesen Autor

Klaus von Seckendorff

Klaus von Seckendorff

Hat frecherweise gleich drei Leidenschaften in den Mittelpunkt seines Journalistendaseins gerückt: Musik, Kulinarik, Reisen. Am liebsten (fast) alles gleichzeitig, kulinarisch am Arlberg, musikalisch in Savannah. Will das Gespräch am Nebentisch oder den Zettel am Schwarzen Brett verstehen, deshalb Vorliebe für englischsprachige Länder. Seit 2010 auch Programmmacher für Festivals: ELBJAZZ, Jazz & the City in Salzburg. Motto: Nicht nur schreiben über das, was andere machen. Tastenmann einer obskuren Münchner Band, in der nur Jazzjournalisten spielen. Musiker schreiben die Kritiken.

abenteuer und reisen testen!

WEIHNACHTS-SCHNÄPPCHEN

10 Ausgaben von „abenteuer und reisen“ + 2 Prämien zur Wahl
Katalog-Service

Nice 'n' easy

Holen Sie sich für Ihre Reiseplanung die Kataloge renommierter Spezialveranstalter gratis ins Haus