Länderberichte

Jakarta | The Big Durian

Robert Haidinger
Geschrieben von Robert Haidinger

Jakarta, Indonesiens Kapitale, wird gern mit der Durian-Frucht verglichen. Warum? Beide wirken auf den ersten Blick nicht gerade schön, begeistern aber mit feinem Geschmack. Was ist sehenswert? Unser Reporter hat sich die Mega-Metropole genauer angesehen. Fazit: Jakarta ist ein urbanes Erlebnis

Ich habe gesündigt! Aber nicht arg. Bloß die Kameralinse kurz auf Betende gehalten. Einladend sind die Blicke ins Innere der größten Moschee des weltgrößten muslimischen Landes ja allemal. Masjid Istiqlal heißt sie. Die „Moschee der Unabhängigkeit“ in Jakarta bietet 120.000 Muslimen Platz. Errichtet wurde dieses Wahrzeichen von Jakarta von einem Katholiken, dem indonesischen Architekten Frederich Silaban. Vielleicht schaute Allah in meinem Fall auch deswegen besonders genau hin.

An sich verspricht der Besuch der größten Moschee Südostasiens keinen erhöhten Stresspegel. Irgendwann muss Allah persönlich mich ins Visier genommen haben, vermutlich bereits vor dem Fotofrevel. Doch er ließ Gnade walten. Resultat: Nur ein Abrutschen beim hektischen Hantieren mit dem schweren Stativ Richtung Kopf. Weswegen ich die Moschee mit einem selbst geschlagenen blauen Auge verließ und mich Richtung Gereja-Kathedrale verzog.

Das christliche Gotteshaus liegt gegenüber, auf der anderen Seite der mehrspurigen Jalan Katedral – ein herrlich kühler Raum. Orgelmusik und das bunte Licht der Glasfenster fluteten den Raum. Ich hatte ein gutes Gefühl: Der Himmel hatte mir vergeben.

Warum ausgerechnet Jakarta?

Das Stirnrunzeln der Freunde zu Hause über das ungewöhnliche Reiseziel hatte ich zu diesem Zeitpunkt auch längst hinter mir. „Warum ausgerechnet Jakarta?“, fragten sie. „Warum nicht Yogya, Kuta oder Surabaya, wenn es schon ausgerechnet eine indonesische City sein muss?“

Nun kenne ich die Antwort: Der Moloch entpuppt sich in mancherlei Hinsicht als ein Glücksgriff. Denn Jakarta ist eine vielschichtige Metropole und ein freundliches Monster. „Big Durian“ nennen die knapp zehn Millionen Bewohner ihre Stadt, also: „Die große Stinkfrucht“. Asien-Kenner wissen: Die Durian stinkt – aber zugleich schmeckt sie köstlich. Man muss bloß das feine Fruchtfleisch aus dem stacheligen Gehäuse holen, dann erwartet einen der pure Genuss. „Big Durian“ charakterisiert Jakarta also ziemlich treffend.

Jakarta: Der chinarot leuchtende Tempel Jin De Yuan versorgt den Stadtteil Glodok mit Räucherstäbchenduft und Gong-Gewittern

Chinesischer Tempel Jin De Yuan im Stadtteil Glodok

Jakarta, Stadt für echte Entdecker

Asien ist der Kontinent der Mega-Citys. Bangkok, Tokio, Shanghai, Seoul, Mumbai, KL, Delhi, Beijing – entweder man hasst diese Orte oder man findet sie cool. Weil sie gleichermaßen mit reichen Traditionen und rasanten Zukunftsvisionen ausgestattet sind. Bloß Jakarta bleibt ein ewiger Sonderfall. Jeder kennt den Namen, aber kaum einer war dort. Kurzum: Jakarta ist die perfekte Stadt für echte Entdeckernaturen.

Gleich neben den beiden Gotteshäusern zweier Religionen liegt das leere Herz der Stadt. Der Merdeka Square gleicht einem Trapezoid und hat ganz in der Mitte einen 132 Meter hohen Pfahl stecken, auf dessen Spitze 50 Kilo Blattgold eine Flamme zieren. Die offizielle Bezeichnung lautet: Monumen Nasional. Die gängige Abkürzung: Monas. Der Spitzname? „Sukarnos letzte Erektion“.

Jakarta: Imbissbude am Nightmarket

Nicht verpassen: Jakartas Imbissbuden, etwa am Nightmarket

Jahrtausende Kultur im Museum Nasional

Der Begründer des modernen Indonesien, der neun Frauen hatte, bis zu vier davon gleichzeitig, und marxistische Elemente, eine Prise balinesisch-javanischen Mystizismus und den Islam zur eigenen Staatsphilosophie verschmolz, hinterließ der noch jungen Republik in den 1950ern ein weithin sichtbares Symbol. Seither gehören Monas und Merdeka Square zum Standardausflugsziel indonesischer Grundschüler.

Nicht weit entfernt von einer bizarr überdimensionierten Arjuna-Statue, die den hinduistischen Wagenlenker hinter kupfergrünen Rössern zeigt, lädt das elegante Museum Nasional zum Spaziergang durch Jahrtausende Kultur ein. Besser als jedes andere Museum Indonesiens versammelt der 1862 entstandene Bau die Schätze des Inselstaats – von der Sumba-Batik bis zum Sumatra-Baustil, von Lombok-Keramik bis zu archaischen Skulpturen.

Jakarta: Rosa Leih­räder sind der neueste Schrei, hier im Altstadtviertel Kota am Taman Fatahillah

Rosa Leih­räder sind in Jakarta der neueste Schrei, hier im Altstadtviertel Kota am Taman Fatahillah

Spuren der holländischen Kolonialherren

Ganz im Norden des Merdeka Square schimmert die Fassade des Präsidentenpalasts Istana Merdeka unter grünem Blätterdach hervor. Weiter östlich tauchen Relikte aus jener Zeit auf, als die Fläche noch Koningsplein hieß. Das ehemalige Armee-Hauptquartier der niederländischen Kolonialherren mit den neoklassizistischen Säulen hat sich in schmucke Ministerien verwandelt – mit viel Platz für schwarze Limousinen hinter dicken Banyanbäumen.

Next Stop: Old Batavia, der eigentliche Tourismusmagnet von Jakarta. Erstmals macht sich der Exoten-Touri-Bonus bemerkbar, das gute Gefühl, mit dem Jakartas Bewohner jeden fremden Besucher belohnen, dem die Hauptstadt ein paar Reisetage wert scheint. Ich bin bei „Padang Food“ gelandet, in einem jener Restaurants, die etliche Teller vor den Gästen aufstapeln und wo man nur bezahlt, was man auch isst. Es kommt noch besser: Jeder Taxifahrer schaltet bereitwillig den Taxameter ein – in weiten Teilen Asiens so selten wie Weihnachten und Ostern zugleich.

Jakarta: Moschee Mesjid Istiglal

Gewaltige Aluminiumsäulen geben der 120.000 Mus­lime fas­senden Moschee Masjid Istiqlal in Jakarta einen futuristischen Touch

Gewürzhandel und Lederpuppen

Der Altstadtteil Kota ist ein Ensemble von Gebäuden aus niederländischer Kolonialzeit. Vor mehr als 300 Jahren flanierten hier Honoratioren und Abenteurer der Vereenigde Oost-Indische Compagnie – kurz VOC – an Kanälen entlang und lebten in Saus und Braus. Der zentrale Exerzierplatz Taman Fatahillah markierte als Stadhuisplein das Gravitationszentrum des niederländischen Gewürzmonopols.

Batavias altes Rathaus hat sich in ein Museum verwandelt, genauso wie viele Prachtbauten der Gegend. In den verwaisten Hallen einer Art-déco-Bank zeigt das Museum Bank Indonesia, wie Gewürzhandel und internationale Weltfinanzströme zusammenhingen. Das Wayang Museum hält Hunderte Lederpuppen des legendären javanischen Schattenspiels bereit, auch solche von Missionaren und von rothaarigen Holländern mit Stehkrägen in längst vergangenen Moden.

Jakarta: Imbis neben dem Chicken Market Bridge

Imbissstand neben der Chicken Market Bridge in Jakarta

Am nördlichen Ende der Jalan Kakap gehen die Kanäle der Niederländer in breitere Hafenbecken über. Zwischen historischen Werften laden Lagerhäuser wie das VOC Galangan aus dem Jahr 1628 zur Kaffeepause ein. Die ähnlich alte, befestigte Anlage schräg gegenüber beherbergt das der Schifffahrt gewidmete Museum Bahari.

Sunda Kelapa stellt ein klares Highlight dar. Der „Kokosnuss-Hafen“ in Jakarta ist einzigartig und bietet die weltweit größte Ansammlung traditioneller Frachter im Stile der hölzernen Makassar-Schoner.

Auf dem Weg nach Hause mit der Shopping-Rikscha

Wo Jakarta zum Riesendorf wird

Während die galoppierende Gentrifizierung überall in Asien historische Stadtteile verändert, macht Alt-Jakarta eine Ausnahem: Im Schutze des Molochs bleiben Orte wie der Nachtmarkt an Kotas Jalan Kunir den Anrainern vorbehalten. Gleichzeitig ist das Grillen und Garen typisch für Jakarta. Sobald es dämmert, öffnen an allen Ecken und Enden mobile Suppenküchen und kleine Warungs, wie Indonesiens Imbissstände und Mini-Restaurants heißen. Im weichen, gelben Licht verwandelt sich der Moloch zu Asiens größtem Dorf.

Last stop: Glodok, die Chinatown

Glodok, die an die Altstadt Kota angrenzende Chinatown, ist noch so eine ultraauthentische Ecke der indonesischen Hauptstadt. Rings um die Geschäftsstraße Jalan Pancoran erstreckt sich ein Netz enger Gassen und lebhafter Märkte wie der Pasar Kemenangan – mit Highlights wie Apotheken für chinesische Kräuter, saftigen Hühnerkrallen und vielen offenen Kanälen, neben denen Fahrradrikschas Hausfrauen vom Shopping nach Hause rollen. Manche Ecken ragen aus der offenbar nur selten von Fremden durchpflügten Enklave heraus. Das chinarote Leuchten des Tempels Jin De Yuan etwa, der die Gegend seit 1755 mit Räucherstäbchenduft, Gong-Gewittern und Orakelsprüchen versorgt.

Jakarta: Oldtimer sind auch beliebt, zumindest bei indonesischen Touristen

Oldtimer sind beliebt, auch bei indonesischen Touristen

Spannende Küche, entspannende Parks

Der von Mahagoni-Riesen bestandene Stadtpark Taman Suropati gleicht einer privilegierten Oase, mit Parkbänken und Installationen moderner Kunst. Entlang dichter Alleen reihen sich Villen und Bungalows, die in den 1920ern im Geiste der Moderne errichtet wurden. Einige davon haben sich in Museen verwandelt, weil Revolutionäre in diesen Häusern Indonesiens Unabhängigkeit vorbereitet haben.

Wenige Schritte neben dem Diplomatenviertel Menteng hält der Stadtteil Cikini angesagte Bars, urige Antik-Shops und elegante Cafés bereit: Da wäre der Tugu Kunstkring Paleis, der einst Werke von Van Gogh, Picasso, Chagall und Gauguin zeigte und nun zu High Tea und Rijstafel einlädt, die samtig-plüschige „Suzie Wong Lounge“ oder die grandiose Art-déco-Perle „Tjikini Café“.

Urlauber können hier ihr Indonesien-Wissen vertiefen, indem sie raffinierte Gerichte studieren. Gado-Gado und Nasi Goreng? Damit hält sich das raffiniert-urbane Milieu rund um die Straße Jalan Cikini Raya kaum auf. Hier machen stattdessen Fish Cake Bangka Style, Batavias berühmte Rindfleischsuppe Soto Betawi und fermentierte Brot­frucht viel Lust auf „á la Jakarta“. Guten Appetit!

 

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Info Jakarta

Anreise Jakarta

Jakarta bietet sich als Stopover bei Indonesien- und Südoastasien-Trips an. Mit Qatar Airways in 16 Stunden und Zwischenstopp in Doha, weitere Flüge unter anderem mit Singapore Airlines, KLM oder Thai Airways. Ticket ab circa 650 Euro. qatarairways.com | klm.com | singaporeair.com | thaiairways.com

Übernachten

Aloft Jakarta Wahid Hasyim Das Boutique-Hotel der internationalen Kette richtet sich an urbane Traveller und verströmt einen jugendlichen Vibe. Entsprechend stylisch fallen Lobby, Bar und Zimmer in drei Kategorien aus. Letztere sind unter anderem mit Fön und Highspeed-Internet ausgestattet. DZ/F ab 75 Euro. marriott.de

Web

Indonesisches Tourismusbüro indonesia.travel


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Über diesen Autor

Robert Haidinger

Robert Haidinger

Seit drei Jahrzehnten Foto-Nomade mit Ankerplatz Wien mit extremer Reiseerfahrung. Er arbeitete in bislang über 80 Staaten und auf fünf Kontinenten. Der Schwerpunkt dieser Reisetätigkeit liegt neben Afrika und Zentralamerika vor allem im kulturell so komplexen Asien. Langzeitaufenthalte in Japan, China, Sri Lanka und Indien machen ihn zum Spezialisten dieser Region. Seine Arbeiten werden von der Kölner Agentur Laif vertreten. „Meine fotografische Arbeit wird von unterschiedlichen Welten geprägt, die im Idealfall miteinander kommunizieren. Zum einen wäre da die Sensibilisierung auf moderne Lifestyle-Codes, geschärft durch langjährige Arbeit in den Bereichen Design und Architektur. Das Eintauchen und Verstehen fremder Kulturen setzt wiederum eine ganz andere Form von Erfahrung voraus – erworben durch Jahrzehnte lange intensive Kontakte auf allen gesellschaftlichen Ebenen Asiens. Heute fühle ich mich dort wie ein Fisch im Wasser. Zugleich führen mich immer wieder Reportage-Reisen an die „Last Frontier“: Besondere und oft raue Orte am Rande der globalisierten Welt, die eine besondere Form der Annäherung bedürfen. In unverbrauchten Weltregionen wie Mosambiks Norden oder Australiens Arnhem Land relativieren sich unsere Vorstellungen von Normalität.