Länderberichte

Kanada | Lass es stauben, Alberta!

Thomas Linkel
Geschrieben von Thomas Linkel

Die Rocky Mountains sind bekannt für Champagne Powder. Der hat jedoch seinen Preis: Entweder man gönnt sich exklusives Heli-Skiing – oder bezahlt mit seinem Schweiß, wie bei der Wapta Icefield Traverse: Die Skitour im Bundesstaat Alberta zählt zu den größten Ski-Abenteuern Kanadas!

Vielleicht war es doch keine so gute Idee, sich an eine der steilsten Abfahrten in den kanadischen Rockies zu wagen. Jedenfalls lässt mich schon die kurze Strecke vom Skilift zum Einstieg der ER 3 genannten Freeride-Piste Übles erahnen. Auf dem vereisten und immer schmaler werdenden Grat Eagle Ridge rutsche ich dahin und kann gerade noch vor dessen Ende stoppen. Das soll der Start von ER 3 sein? Direkt zu meinen Füßen führen einige Skispuren ins Leere. Quasi im 90-Grad-Winkel nach unten. Na ja, da kommt irgendwann schon der Berghang mit Schnee, aber der Anfang ist einfach nur ein ins nichts fal­lender weißer Schlund.

Etwa zwei Kilometer unter mir versteckt sich die Talstation von Lake Louise in dichten Wolken. Der aus einer Handvoll Hotels, Coffee Shops, Restaurants und Skiverleihstationen bestehende Ort in Alberta ist Kanadas größtes Ski-Resort und bietet neben weitem, sanft geschwungenem Terrain für Genussskifahrer auch einige der imposantesten Hänge für Freerider. Die Tiefschneeabfahrt ER 3 ist so spektakulär, dass sie die Profis jedes Jahr bei der Big Mountain Challenge hinunterheizen. Eric Hjorleifson, ein im benach­barten Canmore geborener Freeride-Superstar, bezeichnet sie als eine seiner liebsten Abfahrten.

Typisch Rockies: Steile Fels­wände bis zu den 3.000 Me­ter hohen Gipfeln

Hartgesottene Bergfexe

Lake Louise wurde 1884 als Baulager der Canadian Pacific Railway gegründet. 12.000 Arbeiter schufteten auf der Strecke über den Kicking Horse Pass. Nicht viel später kamen die ersten Touristen, wurden Hotels gebaut und die Gegend entwickelte sich zu einem der wichtigsten Orte für Erholungssuchende in den kanadischen Rockies. Heute kann man im Winter nicht nur die Hänge von Lake Louise, Banff und Canmore hinabsausen, sondern auch mit Pferdeschlitten fahren, eisangeln, sich im spektakulären Johnston Canyon an gefrorenen Wasserfällen im Eisklettern ausprobieren oder eine Schneeschuhtour im Nationalpark machen.

So wie wir. Am Cline River packen wir unsere Ruck­säcke und verschwinden auf Schneeschuhen in der Stille des Waldes. Bei der bevorstehenden werden wir in vier Tagen 2.000 Höhenmeter und 38 Kilometer auf dem Wapta Icefield mit Tourenskiern zurücklegen und in Berghütten übernachten. Wir, das sind Guide Nick, ein kleiner, drahtiger ehemaliger Ausbilder britischer Militärspezialkräfte, ein weiterer Brite, zwei New Yorker und drei Kana­dier. Alles durchtrainierte Bergfexe, die, so scheint es, den Großteil ihres Lebens zwischen Gletscherspalten und Schneehöhlen verbringen.

„Balfour Hut“: Tiefblaue Stunde auf 2.470 Meter Höhe

Schnee für den Kaffee

Vier Stunden und 610 Höhenmeter später erreichen wir die geräumige „Bow Hut“, rollen die Schlafsäcke in den Stockbetten aus und machen uns ans Schüren des Ofens, schließlich wird dies die einzige und letzte gewärmte Unterkunft auf dieser Tour sein. Unser Abendessen verzehren wir im Schein von Gaslampen unter tropfenden Skifellen, die neben dampfenden Innenskischuhen über uns auf Holzgestellen baumeln.

Über 80 Quadratkilometer erstreckt sich das Wapta Icefield, dessen schmelzende Eismassen den Saskatchewan River und den Columbia River speisen. Jetzt, im März, liegt eine dicke Schneeschicht über den meisten Gletscherspalten. Für die kommenden Tage entwickeln wir schnell eine Routine. Nach sechs bis acht Stunden Tourenskimarsch erreichen wir die nächste Hütte. Dann holen zwei von uns in mehreren Eimern Schnee, den wir zum Kochen und Abwaschen brauchen. Währenddessen packen andere die Vorräte aus und schmelzen Schnee für heißen Kaffee.

Wapta Icefield Traverse: Vor grandioser Kulisse geht es zur „Scott Duncan Hut“

Atemloser Aufstieg, atemlose Aussicht

Später wird gekocht und wir spachteln große Mengen Curryhuhn, Bratkartoffeln oder Spaghetti Bolognese. Als Nachspeise zaubert Nick Pudding, getrocknete Früchte oder Schokolade aus den Vorratssäcken, danach wird abgewaschen und neuer Schnee für den Morgenkaffee gebunkert. Noch bevor es dunkel wird, liegen alle in ihren Schlafsäcken.

Die Wapta Icefield Traverse gehört zu den berühmtesten Skitouren Nordamerikas. Bei gutem Wetter ist das Panorama von der „Scott Duncan Hut“ über die bis zum Horizont gestaffelten Gipfelketten der Rocky Mountains einmalig. Genauso beeindrucken die hellblau schimmernden Eis­brüche unter­halb des Mount Balfour am dritten Tourentag.

Da es in der Nacht geschneit hat, spuren wir von der „Balfour Hut“ angeseilt in Serpentinen unseren Weg bis zum Balfour-Sattel auf 3.048 Metern. Nick treibt uns weiter, um die gefährliche Passage so schnell wie möglich zu durchqueren. Als wir schließlich außerhalb der Gefahrenzone am Sattel halten, brennen Lungen und Muskeln. In der Ferne unterhalb des Sattels thront die „Scott Duncan Hut“ auf einem Felsvorsprung. Im Norden stehen die Gipfel der Front Ranges, im Süden die Granitspitzen der Purcell Mountains. Wohin man sich dreht, in jeder Richtung lässt uns das Bergpanorama atemloser zurück als der Aufstieg.

Dinner bei Minus­graden: Gut, dass die Mahlzeit warm ist. Die „Scott Duncan Hut“ ist nicht beheizbar …

Pulver staubt um die Nase

Atemlos vor Skifahrerglück macht uns auch die Tiefschneeabfahrt Richtung Hütte. Der Pulver staubt uns um die Nase, bis auf die Skispitzen ist knieabwärts nur Weiß zu sehen. So schöne Zöpfe wurden lange nicht mehr gefloch­ten und das alles wäre perfekt gewesen, hätten wir danach nicht noch eine Stunde bergauf zur Hütte gehabt. Allerdings entschädigen uns die Abendsonne mit rosa Bergspitzen und Nick mit Bratkartoffeln.

Der vierte Tag unserer Skitour beginnt um 5 Uhr. Nach einem schnellen Frühstück verlassen wir im Schein unserer Stirnlampen die Hütte und gleiten Hänge hinunter, die wir nicht einmal erahnen können, aber Nick mit traumwandlerischer Sicher­heit findet. Eine Stunde später halten wir und erwarten die Dämmerung. Beinahe sekündlich ändert sich die Farbstimmung und wir realisieren, dass wir uns am Rand eines Plateaus befinden. Das, was gerade noch ein grau­er Schatten war, wird zum Berg „The President“, einer 3.123 Meter hohen Pyramide aus Fels und Eis. Viel weiter unten schält sich der Wald im Sherbrooke Valley aus dem Nebel. Als aus magischer Lichtstimmung Tag wird, schwingen wir beseelt die steilen Hänge hinunter ins Tal.

Wer zaubert den schönsten Zopf in den Pulverschnee?

 

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Info

Anreise

Mit Air Canada von Frankfurt nonstop nach Calgary

Übernachten

Deer Lodge

Historischer Bau in Lake Louise mit rustikalem Flair, besonders im Kaminzimmer. Gemütliche Zimmer ohne Schnickschnack und mit kleinen Bädern. Gute Küche, die Kleinigkeiten im Barbereich oder Gediegeneres im Restaurant präsentiert. Bonus: Hot Tub auf dem Dach mit Top-Bergblick.

Paintbox Lodge

Entspanntes B & B mit fünf stilvoll eingerichteten Zimmern im Herzen von Canmore. Beim hervorragenden Frühstücksbuffet wird auf regionale Bioprodukte gesetzt, man sitzt an einem großen Tisch und tauscht Erlebnisse und Tipps aus.

Genießen

Barpa Bill’s

Imbiss mitten in Banff, der griechi­schn Spezialitä­ten serviert. Kleine Karte, großer Geschmack, noch größeres Herz.

Auskunft

Travel Alberta


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Über diesen Autor

Thomas Linkel

Thomas Linkel

„Meine Neugier ist unstillbar.“
Nach einer fotografischen Ausbildung im Stilllife-Studio und dem Abschluss zum Diplomwirtschaftsgeograf arbeitet Thomas seit 15 Jahren für internationale Magazine in den Bereichen Reise, Reportage, Portrait und Architektur sowie für die Unternehmenskommunikation internationaler Kunden. Für seine Produktionen hat er über 100 Länder bereist.

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